Kapitel 2 [2]

82 8 1
                                        

Während die restliche Sonne untergeht packt sie aus und hört leise Musik. Nach einem wirklichen Abendessen ist ihr nicht zu Mute. Stattdessen lässt sie sich auf das Bett fallen. Lächelnd nimmt sie wahr, wie sie ein ganzes Stück weit in die dicke Bettdecke einsinkt. Ihr Zimmer ist wirklich schön. Es sieht dem von Lerin recht ähnlich. Ist jedoch etwas größer und hat anstelle seines Fensters einen kleinen Balkon. An den hölzernen Wänden hängen bei ihm Bilder und bei ihr Zitate. „Spring und lass dir auf dem Weg nach unten Flügel wachsen. - Ray Bradbury", liest sie von einem Bild in dunklem, feingearbeitetem Holz ab. Die Schrift ist schwarz und jeder Buchstabe ist mit mindestens zwei Schnörkeln geziert, der Hintergrund scheint eine Art weißer Webstoff zu sein. Es wirkt auf eine schöne Weise altmodisch und passt zweifelsohne perfekt in das Zimmer. Sie steht auf und geht zielstrebig auf die Balkontür zu. Erst als sie den dunklen Hebel beherzt zur Seite zieht fährt die Tür knarzend zur Seite. Kühle Abendluft weht ihr entgegen. Es ist windig, jedoch nicht sehr kalt. Der Himmel wirkt etwas diesig, sodass die Sterne nicht klar zu erkennen sind und der Nachthimmel eher milchig als nachtblau wirkt. Es ist zwar keine klare Nacht, aber die etwas abgeschirmte Dunkelheit wirkt weich und schützend. Sie lehnt sich an das Geländer und streckt den blonden Lockenkopf dem leichten Nachtwind entgegen. Ein schönes Gefühl. Irgendwie frei und unbeschwert. Sie schließt die Augen und ihre Gedanken gehen zurück zu Ray Bradbury. „Spring und lass dir Flügel wachsen.", murmelt sie in die Dunkelheit hinein. Es ist ein schönes Zitat. Sie erinnert sich noch an den Schluss eines anderen. „Wenn du etwas liebst dann tu es, wenn nicht dann nicht." Es kommt ihr ähnlich vor, wie das was Lerin gesagt hat, wozu er diese Reise will. Zum Loslassen, zum Leben, zum Herausfinden was man machen will. Auch wenn sie nicht mehr viel Zeit haben wird das zu tun, was sie will oder überhaupt etwas zu tun. Ihre Hände zittern bei dem Gedanken. Der Inhalt des Briefes ist bei allem was sie seitdem getan hat irgendwie da gewesen, nur manchmal trifft sie die Erkenntnis mit der vollen Spannweite. In ihren Augen brennen Tränen und die Hände tasten zitternd nach einem Halt. Sie spürt etwas und greift danach. Aber es ist kein Geländer, auch kein Stuhl. Es ist eine Hand. Sie hebt den Kopf und sieht in Lerins graublaue Augen. Sie sind dunkel und ruhig. Er drückt sie auf die kleine Bank unter dem äußeren Fenstersims. Clari merkt, wie sie sich beruhigt. Sie nimmt die Nachtluft wieder als angenehm und schön wahr und zieht ihre Hand langsam aus der von Lerin. „Wie bist du reingekommen?", fragt sie, sie will nicht, dass ihre Tränen länger der Mittelpunkt dieses Zusammentreffens sind. Oder ihr vermutlich schreckliches Aussehen. Bei dem Gedanken fährt sie sich verlegen über das Gesicht. „An meinem Schlüsselbund war noch der Ersatzschlüssel für dein Zimmer. Ich wollte ihn dir eigentlich bringen.". Erleichtert atmet sie aus. Er war also aus einem völlig sachlichen, rein organisatorischen Grund gekommen, nicht etwa weil ihr Selbstmitleid durch die Wände zu spüren war oder er sich Sorgen gemacht hätte. „Okay danke. Ich müsste dann ja auch einen von dir haben. Du kriegst ihn heut noch wieder." Sie wischt sich ein letztes Mal über die Wangen. „Ich wollte dich eigentlich bitten ihn zu behalten. Ich verlier meine Schlüssel dummerweise ständig." Clari lacht. „Da solltest du mich nicht um Hilfe bitten. Ich bin die weltgrößte Chaos-Queen. Meine Schlüssel konnte ich bisher allerdings immer behalten.", sie grinst ihn unsicher an. „Das will ich doch für dich hoffen. Du kannst was erleben, wenn du meine Schlüssel verlierst.", er sieht sie gespielt streng an. „Ach", sie dreht sich um und sieht ihn herausfordernd an, „ ich soll also für den Verlust deiner Schlüssel her halten? Ich denke dann gebe ich sie dir doch lieber." „Unmöglich! Damit entziehst du dich einer dir gegebenen Verantwortung." „Oh und das hast du nicht getan, als du mir meinen gebracht hast.", argumentiert sie und zieht, zumindest so gut wie eben möglich, die Augenbraue hoch. „Ich schütze deine Privatsphäre - Das hast du so gewollt!", er hebt abwehrend die Hände. „Ich wollte, dass du meine Post nicht liest. Den Zimmerschlüssel kannst du haben.", sie zuckt die Schultern. „Du argumentierst ja ziemlich selbstsicher, dafür dass du dir selbst wiedersprichst.", Lerin sieht sie herausfordernd an, er hat sichtlich Spaß an dem Schlagabtausch. Und das Augenbrauen-Hochziehen beherrscht er viel besser, als ihr lieb ist. „Das tu ich nicht!", sie schüttelt den Kopf. „Ich behalte deine Schlüssel also.", stellt sie fest. „Ganz richtig!", er steht auf und zieht sie von der Bank hoch. „Na da hätten wir uns deine Diskussion doch sparen können.", sagt sie noch, während sie durch das Wohnzimmer zur Zimmertür laufen. Sie sieht ihn triumphierend an. Ja das ist ihre Provokation! Die hat sie jawohl gut! „Meine Diskussion?", er legt eine ungläubige Betonung auf das meine. „Ja genau.", sie lächelt und öffnet ihm die Tür. „Gute Nacht. Träum gut.", sagt er, leicht kopfschüttelnd. Scheinbar lässt er ihre Retourkutsche auf sich sitzen. Soll ihr recht sein. „Gut Nacht.", sie schließt die Zimmertür. Erst während sie die Balkontür schließt, sich die Zähne putzt und ein paar rumliegende Reiseutensilien wegräumt nimmt sie nach und nach wahr, wie die Müdigkeit langsam aber sicher ihren Körper einnimmt, sodass sie sich dankbar für die vielen weichen Kissen in das Bett sinken lässt.


Projekt Leb malWhere stories live. Discover now