Diener ist ein seltsamer Mann.
Er ist nicht auffällig, nur seltsam.
Unser Vater erzählt uns jeden Abend, vor dem Kaminfeuer, über die Sessellehne gebeugt, Geschichten. Manchmal über seine Jugend - langweilige Geschichten, manchmal über seine Kriege - diese sind uns viel lieber, und manchmal, aber nur wenn wir ganz artig sind, Geschichten über Diener.
Wenn er über Diener erzählt, wird er leiser und ruhiger. Ganz so, als würde er uns ein Geheimnis erzählen, dass er nur zur Hälfte kennt.
Er erzählt dann immer, dass sein eigener Vater schon die gleichen Geschichten weitergegeben habe, und sein Vater, und dessen Vater, dessen Vater und dessen Vater. Seit Jahrhunderten, sollen die gleichen Geschichten erzählt worden sein.
Wenn Vater so erzählt, über Diener und seine Absonderlichkeiten, rutschen wir über den Boden, ganz nah an ihn ran. Aus Angst wir könnten durch seine gedämpfte Stimme nicht alles mit bekommen und aus Angst, das störende Kaminfeuer könnte ausgehen und wir müssten wieder in unsere Zimmer verschwinden, bevor Vater die Geschichte zu Ende erzählt hat.
Dann lacht Mutter und mahnt Vater, er solle uns keine Märchen erzählen, nicht von Magie sprechen, denn er wisse, dass es sie nicht gibt. Vater bleibt dann immer ernst und erwidert, dass er von keinen Märchen spreche, sondern von Wundern und dass es sie gäbe, diese Wunder. Mutter ist jedes mal anderer Meinung und sagt dann immer, dass an Wunder zu glauben, nur ein Fehler wäre, der unserer Familie schon einmal fast alles gekostet hätte.
Wir sitzen neben Vaters Sessel, so nah am Feuer, dass wir noch im Bett seine Wärme an unsern Rücken spüren können, und hoffen jedes Mal, Vater würde weitersprechen. Über diesen Fehler, oder über Diener, oder über seine Kriege, oder seine Jugend, von der er so gerne spricht, die aber so langweilig ist, dass uns die Augen zufallen, bevor das Feuer ausgeht und wir in unsere Zimmer müssen. Aber Vater spricht nie weiter. Er beugt sich nur tiefer über seine Sessellehne zu uns runter und wünscht uns eine gute Nacht. Mama wünscht uns die auch. Leiser, weniger ruhig, aber mit mehr Wärme.
Auch heute Abend, aber heute Abend wollen wir noch nicht schlafen gehen. Heute Abend wollen wir alles wissen - was das für ein Fehler war, und warum Diener so seltsam war, und wieso Diener Diener hieß.
Artig gehen wir zu unseren Zimmer und kurz bevor wir die Klinken herunterdrücken, sehen wir uns um. Unsere großen Kinderaugen suchen den Gang ab. Nichts. Dann sehen wir einander an. Wir werfen uns geflüsterte Worte zu.
„Drei" - „Zwei" - „Eins"
Wir rennen los. Weg von unseren Zimmer, weg von dem Gang. Immer weiter. Wir suchen jeden Türschlitz nach Licht ab. Von einem Moment auf den anderen geht eine Tür auf. Wir erschrecken uns so sehr, dass wir glauben, für einen kurzen Augenblick würden unsere kleine Herzen stehen bleiben. Unser Vater steht vor uns. Groß, müde und irgendwie, irgendwie ein anderes Wort für erschöpft, schlimmer, aber trotzdem weniger erschöpft.
„Erzähl uns von Diener und von Fehler", überfallen wir ihn, wie er zuvor uns. Vater sieht uns an, mit weit aufgerissen Augen, kleiner als unsere, aber so grün wie der Wald unten im Tal, wenn die Tage länger werden und die Nächte kürzer: „Es ist zu spät für die Geschichten von Diener, und ihr seit zu jung."
„Man ist niemals zu jung für einen Geschichte." Keine Brust der Welt konnte jemals mit so viel Überzeugung gefüllt, kein Kinn mit solch einem Stolz gereckt sei, da waren wir uns sicher.
„Oh," lacht Vater. Seine Augen werden dabei noch kleiner. „Für diese Geschichte seit ihr zu jung, glaubt mir. Ich dachte damals auch, man ist auf jede Geschichte vorbereitet.-"
„Lass sie doch. Das Feuer ist noch nicht runtergebrannt und außerdem sind Ferien." Mutter scheint ja doch nicht so gelangweilt von Vaters Geschichten zu sein.
YOU ARE READING
Bei Krone und Thron
FantasyDiener war ein seltsamer Mann. So seltsam, dass die Familie, der er diente, noch Jahrhunderte nach seinem Tod seine Geschichte, der Weg wie er Diener wurde, an die nächste Generation weitergab. Eine Geschichte voller leidender Königen, blutenden R...
