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Lucas

Frustriert halte ich die zittrige Hand meiner Mutter. Sie liegt im Krankenhaus und erholt sich von ihrer letzten Chemo. Na ja. So gut man sich eben von einer Chemo-Therapie erholen kann. Ihre Augenlider flattern und sie blickt mich mit glasigen Augen an.
»Lucas.«, krächzt sie und versucht sich in einem Lächeln. Vorsichtig streiche ich ihr über die Wange. Es macht mich traurig, sie so zu sehen, denn sie erinnert nur noch sehr vage an die Frau, die mich großgezogen hat.
»Ja. Ich bin hier. Willst du etwas trinken?« Sie nickt und ich halte ihr ein Glas Wasser an die Lippen. Nachdem sie einen kleinen Schluck getrunken hat, schließt sie seufzend die Augen, nur um sie ein paar Sekunden später wieder zu öffnen.
»Wie lange war ich weg?« Ich schlucke schwer. Seit einiger Zeit stellt sie mir häufig diese Frage. Nach dreieinhalb Jahren Chemo sollte ich daran gewöhnt sein, aber ich bin es nicht.
»Ein paar Stunden.«
Sie nickt müde. »Und hat sich inzwischen eine Frau in dein Herz geschlichen?«, fügt sie schwach grinsend hinzu.
»Vielleicht. Ich weiß es noch nicht so genau«, lüge ich, denn eigentlich gibt es nicht mal ansatzweise jemanden, den ich meine Freundin nennen kann. Aber ich bringe es nicht übers Herz, ihr zu sagen, dass ich Single und eigentlich ziemlich glücklich darüber bin.
»Dann zeig dem Mädchen, dass du sie gern hast, und bring sie mal mit. Ich würde die Kleine gerne kennen lernen, bevor ich das Zeitliche segne.«
»Hör auf, so etwas zu sagen! Du wirst so schnell nicht sterben!«
»Wir wissen beide, dass ich nicht mehr lange da bin. Also sträube dich nicht dagegen. Du kannst sowieso nichts daran ändern. Aber du kannst dein Leben ändern. Ich will noch miterleben, wie du dich verliebst und eine Frau heiratest. Deine Schwester hat es schon auf die Reihe bekommen, aber du bist immer so schüchtern.«
Ihre Rede scheint sie ziemlich viel Kraft gekostet zu haben. Sie wird noch bleicher und legt ihren Kopf wieder aufs Kissen. Ich schnaube und beobachte sie gespannt. Schüchtern würde ich mich nicht nennen. Ich habe jede Menge Frauen, aber keine, die ich länger als eine Nacht in meinem Leben haben will. Aber das werde ich ihr auf gar keinen Fall auf die Nase binden.
»Vielleicht ergibt sich ja bald was«, lenke ich resigniert ein. Vielleicht lässt sich die kleine Brünette auf das Spiel ein, denke ich und hoffe inständig, dass Leo etwas erreichen konnte. Eigentlich schon ziemlich schräg: Damals habe ich Leo verspottet, weil er sich das Mädchen gekauft hat, um nicht als schwul geoutet zu werden. Erst letztes Jahr hat er mir die Wahrheit anvertraut, nachdem ich ihn mit seinem Lover in einem Club erwischt habe. Leo und ich waren eigentlich nie wirklich gute Freunde. Gute Bekannte vielleicht. Aber nie mehr. Doch mittlerweile vertraue ich ihm mehr als den meisten meiner Freunde. Und ich hoffe inständig, dass ich ihm auch diesmal vertrauen kann. Dass er sich wirklich für mich einsetzt und Nora überredet.
»Wie meinst du das?«, hakt sie umgehend nach. »Heißt das, du hast bereits eine Freundin? Wer ist sie? Lebt ihr zusammen? Warum kenne ich sie noch nicht?« Verdammt! Was mache ich jetzt? Ich kann ihr noch keine genaue Antwort geben. Was soll ich ihr denn jetzt sagen?
»Ja, wir …«
»Oh, Schatz! Das ist ja wunderbar! Ich brenne darauf, sie kennen zu lernen!«, unterbricht sie mich übereifrig. Und ich bin geliefert. Wie soll ich da bloß wieder raus kommen, ohne ihre Gefühle zu verletzen? So wie es aussieht, gar nicht!, denke ich frustriert.
»Wir werden sehen«, antworte ich vage.
»Das wäre schön«, murmelt meine Mutter und unterbricht meinen Gedankenfluss. Ich lächle sie tröstend an und streiche ihr nochmal über die Wange.
»Schlaf dich aus. Ich komme morgen wieder«, flüstere ich und küsse sie sanft auf die Stirn.
»Na gut.« Sie drückt meine Hand ganz leicht und schließt die Augen. Traurig schnappe ich mir meine Jacke und verlasse das sterile Krankenzimmer.
Erleichtert atme ich aus, als mir die Sonne ins Gesicht strahlt. Ich hasse Krankenhäuser und es macht mich wahnsinnig, dass ich fast jeden Tag dorthin muss, um meine Mutter zu besuchen. Plötzlich piept mein Smartphone. Eine Nachricht von Leo. Hoffentlich hat er gute Nachrichten.

Die Sache steht.
Du sollst in zwei Stunden
am Botanischen Garten sein.
Leo
Mein Herz klopft aufgeregt. Vielleicht kann ich meiner Mutter doch noch den letzten Wunsch erfüllen. Und wenn es nur gespielt ist. Dann wird sie wenigstens glücklich sterben.
Ich antworte Leo:

Danke, Mann!
Du hast mir soeben den Arsch gerettet!!

Erleichtert schlendere ich zu meinem Auto und fahre nach Hause. Ich brauche eine Dusche, um mir den ekligen Krankenhausgeruch von der Haut zu schrubben, und dann ganz dringend einen Kaffee. Schließlich will ich nicht abschreckend aussehen, wenn Nora mich nach fünf Jahren wiedersieht. Sie soll den Auftrag annehmen und mich nicht für einen verrückten Psycho halten. Was du schon irgendwie bist. Immerhin musst du jemanden bezahlen, damit er deine Mutter glücklich macht, denke ich frustriert. Ich schalte meine innere Stimme ab und konzentriere mich lieber darauf, was ich alles sagen werde.

Munich Lovers - Spiel mit dem Feuer (LESEPROBE)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt