Kapitel 1

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„Bist du sicher, dass du Alles hast tesoro?", fragt meine Mutter mich, lächelt währenddessen jedoch das kleine blonde Bündel auf ihrem Arm an, welches sich glucksend an ihren dunklen Locken erfreut, indem sie mit einem kräftigen Ruck an ihnen zieht. „Mimi, nicht so doll, du tust Nonna doch weh!", ermahne ich sie mild und strecke die Arme aus, um meine Tochter entgegen zu nehmen. Mit einem Seufzen drückt sie Miriam einen Kuss auf die Wange, dann reicht sie mir die Kleine. „Maria, alles was Lori vergessen hat, können wir ihr schicken, oder sie kann es vor Ort besorgen. Meinst du nicht? Hauptsache sie hat die Ausweise und Tickets...!", mischt mein Vater sich ein, dabei streicht er meiner Mutter beruhigend über den Rücken. Seine, demonstrativ in die Höhe gezogenen, orange-blonden, sehr buschigen Augenbrauen, seine freie Hand, die mir die Uhr an seinem Handgelenk demonstriert, fordern mich zu einer schnellen positiven Antwort auf.

 Das Check-in haben wir schon hinter uns, aber Miriam und ich müssen noch durch die Kontrolle, wo sich schon eine immer länger werdende Warteschlange formt. Um uns rum herrscht hektisches Treiben. Touristen, Arbeitspendler, Stewardessen eilen an uns vorbei und aus den Lautsprechern werden wiederholt Flüge ausgerufen. „Ja klar! Ist ja auch nicht so, als wäre ich am anderen Ende der Welt Mamma!" Nein, nicht am anderen Ende der Welt, aber auf Sardinien, die Insel meiner italienischen Vorfahren. Nicht am andern Ende der Welt, aber weit genug weg, um nicht jeden Tag die unterdrückte Enttäuschung in den Augen meiner Eltern lesen zu müssen. Weit genug weg, um der Verachtung meiner alten Freunde zu entkommen. Weit genug weg, in dem Versuch, nicht jeden Tag daran zu denken, wie naiv ich doch gewesen bin. Weit genug weg, um mit zwanzig Jahren ein neues Leben zu beginnen! All diese Gründe für meine sogenannte Flucht, habe ich meinen Eltern nun nicht direkt so unter die Nase gebunden. Eher habe ich sie davon überzeugen können, dass unsere Gesellschaft meiner Großmutter wirklich guttun würde, jetzt wo mein Großvater von ihr gegangen war. Nach einigen Diskussionen bezüglich meines bevorstehenden Studiums, den Überredungskünsten meiner Großmutter, die natürlich betonte wieviel Zeit sie jetzt hat, im Gegensatz zu meinen Eltern, die ein kleines italienisches Restaurant in unserem Dorf führen, hatten sie am Ende nachgegeben.

Während ich Miriam mit einem kleinen Hüpfer besser auf meiner Hüfte positioniere, lächel ich meiner Mutter aufmunternd zu. Erfolglos versucht sie ihre Tränen weg zu blinzeln, woraufhin mein Gentleman like Vater sie näher an sich ran zieht und ihr prompt ein Taschentuch reicht, welches sie dankend entgegennimmt. Letztendlich hebe ich meinen Rucksack auf und atme selbst erst einmal tief ein und aus, bevor ich mich meinen Eltern nähere um sie ein letztes Mal zu umarmen. Der vertraute Geruch von zu Hause lässt mich kurz die Augen schließen. Es braucht meinen ganzen Willen, um nicht selbst in Tränen auszubrechen„Mamma...Babbo...tut mir leid, dass ich euch so viele Sorgen bereitet habe." Meine genuschelten Worte gehen in der Umarmung fast unter. Ein weiterer Schluchzer meiner Mutter und ein unterdrücktes Grunzen meines Vaters lassen mich jedoch wissen, dass sie mich gehört haben. Widerwillen löse ich mich aus der Umarmung, weil Miriam langsam ungeduldig wird, und trete einen Schritt zurück. Meine Mutter streicht mir fürsorglich über die Wange, mein hochgewachsener Vater hingegen setzt Miriam und mir einen leichten Kuss auf die Stirn. „Passt auf euch auf", flüstert er. „Ich habe euch lieb!", sage ich hingegen und begebe mich mit Miriam auf dem Arm und meinem Rucksack auf den Schultern zur Kontrolle, ohne mich noch einmal umzuschauen. Ich höre noch wie meine Mutter mir „und melde dich, wenn ihr angekommen seid", hinterherruft, woraufhin ich im Weitergehen bloß mit einem Daumen in die Luft antworte, denn ansonsten würden sie doch meine Tränen sehen.

Gefühlte zehn Stunden später, auch wenn es nur drei waren, stehen Miriam und ich an der Gepäckausgabe. Miriam, anstatt im Flugzeug ihr Fläschchen zu trinken und ihr gewohntes Nickerchen zu halten, hatte andere Pläne. Sie wollte einfach keine Minute still sitzen bleiben und erst recht wollte sie nicht still sein. Sehr zum Leiden meines Sitznachbarn, der sich nach einer Stunde Brüllen und einigen Milchspritzern auf seinem Hemd, aufgebracht beim Bordpersonal nach einem anderen Sitzplatz erkundigte. Die Frau die vor uns saß hingegen, war etwas verständnisvoller, als Miriam laut kreischend an ihren Haaren zog. Sie drehte sich nur kurz um und schenkte uns einen warnenden Blick, welchen ich nur halbwegs wahrnahm, denn als ich erschrocken Miriam zurück auf meinen Schoss zog, viel mir die Flasche mit Orangensaft aus der Hand und verteilte sich gänzlich auf meinen Klamotten. Nun schiebe ich abwechselnd den Buggy und Gepäckwagen vor mir her, was wahrscheinlich recht merkwürdig aussehen mag, denn zum ersten Mal an diesem langen Tag bietet mir Jemand seine Hilfe an, anstatt mich schief von der Seite anzugucken. „Ich schiebe den Wagen, du den Kinderwagen. Ok?" Eine ältere Dame mit einem Gehstock, hängt diesen an den Griff vom Gepäckwagen und setzt sich energisch in Bewegung. Verdutzt bleibe ich stehen und starre sie überrascht an, nicht sicher, ob ich mich schuldig fühlen oder erleichtert sein soll. „Mit zwei Händen stütz ich mich besser ab", antwortet sie auf das Fragezeichen, dass leuchtend auf meiner Stirn hervortreten muss und zwinkert mir kameradschaftlich zu, woraufhin ich mich lächelnd bedanke und selbst in Bewegung setze. „Das hast du vielleicht nicht mitbekommen, aber ich saß in der gleichen Reihe wie ihr, nur auf der anderen Seite. Und lass dir Eins sagen Kindchen, du hast dich wacker geschlagen. Denen sollte mal Jemand erklären, dass kleine Kinder nicht trocken, sprechend und gut erzogen auf die Welt kommen", schnalzt sie missbilligend. Ihre Worte gehen wie Öl an mir herunter. Am liebsten würde ich diese Frau umarmen... „Loretta!", höre ich meinen Namen rufen und als ich der Stimme folge, erblicke ich meine Großmutter, die mir von der anderen Seite der Schiebetür wild freudig zuwinkt. Ihre grau gesträhnten Haare sind zu einem strengen, tiefsitzenden Dutt gebunden, das von der Sonne gebräunte, rundliche Gesicht von feinen Falten geziert. „Ich danke Ihnen. Das war sehr nett", verabschiede ich mich mit einem breiten Grinsen. Meine Großmutter kommt uns entgegen und nimmt meiner Retterin in Not, den Wagen ab. "Ach Kindchen, hab einen schönen Urlaub. Und Arrivederci", verabschiedet auch sie sich, in einem perfekt akzentfreien Italienisch. Kurz schaut meine Großmutter der Frau verdutzt hinterher und erwidert ihren Gruß, bevor sie mich mit ihrer italienischen Singstimme in die Arme zieht. Danach ist Miriam an der Reihe, die nur so von Küsschen und süßen Worten übersäht wird. Das letzte Mal hat sie ihre Uroma auf der Beerdigung meines Großvaters gesehen, da war sie grade zwei Monate alt. Deshalb ist es auch um so verwunderlicher, dass Miriam keine Anstalten macht, bei dem ganzen Geknuddel in Tränen auszubrechen. „Wie ich sehe habt ihr den Flug... überstanden.", stellt meine Großmutter mit einer hochgezogenen Augenbraue und einem vielsagenden Blick auf mein bekleckertes Outfit fest. „Überstanden...! Ich würde eher sagen überlebt!", antworte ich dramatisch im weinerlichen Ton und fahre mir mit einer Hand durch die verschwitzten Haare. Im Gegensatz zu den fünfzehn Grad und Regen in Hamburg, müssen hier in Olbia gefühlt, mindestens fünfunddreißig Grad im Schatten herrschen. „Bambine mie, jetzt fahren wir erstmal nach Hause, dann könnt ihr was essen und euch ausruhen."

Auf dem Parkplatz wartet der alte, aber vertraute, rostrote Range Rover meines verstorbenen Großvaters auf uns. „Ich habe gedacht, der alte Herr hier hat mehr Platz als mein kleiner Panda", ruft meine Großmutter wie nebenbei vom Rücksitz, als Sie Miriam in ihrem Kindersitz anschnallt und ich unser Gepäck verstaue. Kurz hebe ich den Kopf um sie besser zu betrachten. Wenn ihre Stimme eben noch einen Hauch an Traurigkeit verriet, deutet ihr Blick jetzt auf nichts der Gleichen mehr hin. Ganz im Gegenteil. Fröhlich singt sie Miriam jetzt ein sardisches Kinderlied vor, welche aufmerksam ihrer Melodie folgt.

Langsam aber sicher entsanne ich mich. Mein kleiner blonder Lockenkopf hinter mir, schläft tief und fest, während ich eilig eine kurze Nachricht an meine Eltern und Paul, meinen besten Freund schreibe. Ich verspreche ihnen, sie später anzurufen. Die Stadt hinter uns lassend, genieße ich die mir bekannte, aber immer wieder atemberaubende Landschaft. Seit ich denken kann habe ich jedes Jahr im Sommer zwei Wochen hier verbracht und als ich sieben wurde, die ganzen Sommerferien. Meine Eltern ließen mich vier weitere Wochen bleiben, weil sie das Restaurant wieder auf machen mussten und ich war nur froh, nicht den restlichen Sommer in meinem Zimmer oder hinter dem Tresen hocken zu müssen. Die Autofahrt vom Flughafen bis nach Arzachena, eine der exklusivsten Gegenden an der Ostküste, im Norden der Insel, wo sich das Haus meiner Großeltern befindet, dauert circa eine halbe Stunde. Hohe Felsen, hier und da von grünen Flecken bestückt, Weinfelder und etliche Hektar Land, bepflanzt mit Olivenbäumen, sowie das glitzernde Meer, ziehen an uns vorbeiGierig atme ich die salzige Meeresluft ein und erlaube dem Fahrtwind mein verschwitztes Haupt zu kühlen. 

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