East Side Drum & Bass

9 1 0
                                        

Es ist eisig heut' Nacht. Der Winter hat sich wieder zuverlässig in Position gebracht und seine Kälte in meine Muskeln gepflanzt. Er hat gewartet, bis ich auf der einen oder anderen Straßenseite zu wenig Dynamik zeigte. Eigentlich wollte ich Berlin mit seinen Eigenarten ganz entspannt beobachten, die sich in meinem Hinterkopf stapelnden Geschichten der Stadt ganz langsam in mein Bewusstsein einsickern lassen.

Nun ist also der frische Bursche in mein Fleisch gedrungen. Wer kann es ihm verübeln? Ich wusste ja, dass er da sein würde, wie doch jedes Jahr. So werde ich nun ein Stückchen rennen, um mich selbst zu enteisen. Aber ohne Hektik. Dort vorne ist auch schon mein Ziel. Ein Fahrrad. Gerade meins. Schön wenn man wirklich gute Freunde in der wohlbekannten Fremde hat. Jetzt nur noch den Schal vollkommen winddicht anlegen, komplett in die Jacke stopfen. Dann noch fix das Schloss um den Hals geworfen und auf das schnelle Grüne gesprungen. Die Schlafstätte ruft.

In dieser Dienstag Nacht sind selbst die
Kreuzberger Straßen recht leergefegt. Nur im
Halbminuten-, nicht Sekundentakt, ein paar Gestalten dieser Welt. Sie und die illuminierte Silhouette der beruhigten Metropole schweben, eingehüllt im geshuffelten Sound meiner Kopfhörer an mir vorüber. Der treibende Takt des Drum & Bass pulsiert in meinen Nervenbahnen.
„Von wem ist das noch gleich?"
Neugierig schaue ich auf mein Display und sehe das mich Nu:Tone und London Electricity etwas fragen. Sie wollen wissen, ob wir können: „,Can We?" „Ja, können wir? Kann ich denn?" Ich komme ins Grübeln. Erinnerungen beginnen in mir zu rotieren, in unbestimmte Richtungen. Es hat aber nichts chaotisches. Es ist mehr ein Grooven. Der Puls der Musik, befeuert den Denkprozesse, treibt ihn zuverlässig voran.

Ich biege auf den fast verwaisten Bürgersteig an der 'East Side Gallery' ein, nehme den indirekten Weg zurück in den Prenzlberg. Einfach die 'Warschauer Straße' rechts liegen lassen. Vor mir nun ganz greifbar EinsKommaDreiKilometer bewusst gestaltete Historie und in mir diese nicht einfach zu beantwortende, simple Frage, die mir der Zufall als Begleiterin mitgegeben hat. „Was können wir?" überlege ich noch immer. Ich teile mir den gesamten langen Weg vor der kunstvollen Freiluftgalerie mit den letzten fünf Touristen dieser Nacht, sauge die an mir
vorbeifliegenden bunt, kreativen mehr oder minder politischen Gemälde bruchstückhaft in mich auf. Sie tanzen vor meinen Augen zum Takt des Drum n' Bass, dem Soundtrack meines Lebens. Zuverlässig gut gekleidet kommt er daher, beginnt sich gerade in weitere bedeutungsschwangere Fragen zu hüllen. Auf seinen energiegeladenen Klangwellen reitend, dringen sie in mein Bewusstsein ein.

"'Is something special inside your heart?
A secret, a dream, a wish, or maybe a part
of some greater scheme we don't understand?"

Diese Zeilen sind mein perfekter Trigger. Ich bin völlig geflasht. Da greifen Worte nach meiner Sehnsucht, dem was mein Herz bewegt, mein in Symbiose mit Hirn und Bauch pulsierendes Herz. Die Pforte zu den meinen tiefstsitzenden zerebralen Bewegungen ist aufgeschlossen worden. Mein Bewusstsein wird kontrolliert mit Gedanken geflutet. Die Choreographie des Augenblicks kitzelt alte gezähmte Zweifel hervor, verheißungsvolle Ahnungen, vertraute Einsichten. Seit jeher trugen sie mich, wie ein ausdauernder Beat, zu neuen tiefgreifenden Gewissheiten.

Das Erdenschema mit jedem verfügbaren Zaunpfahl winken sehnen. Glückliche Fügungen erkennen. Im Moment ist alles ganz deutlich und fassbar. Genau das ist es, was ich brauche. Das ist, was mich nährt, was mich vorantreibt.

Die Elemente spielen eine Sinfonie. Der Gesang. Die Sprache. Die Töne. Der Sound in den Hörwindungen. Die Bedeutung in den Hirnwindungen. Die dieser ganz reale Film der nächtlichen Stadtszenerie vor meinen Augen. Sie alle weben den fliegenden Teppich für rauschhaft klare, allumfassende Gedanken. Auf diesem Teppich schwebe ich nun geradewegs, auf eine klaffende Lücke in der reich verzierten Berliner Mauer zu. Das Wachstum der Stadt, hat ein Loch in die Kunst der Straße, in die Geschichte geschlagen. Das Kapital, das nicht zu selten rücksichtslose, wuchert hier. Bringt erneut eine Wende. Auf der anderen Straßenseite, hat es seine eigene Galerie aus Stahl, Glas und Beton installiert.
Die noch immer stinkenden Blechkäfige, die mehr Freiheiten einschmelzen als sie gebären könnten, sie glitzern darin steril um die Wette. Hier auf meiner Seite, strahlen die ermatteten Farben echter Vergangenheit. Dort drüben hat sich der glänzende Horizont einer unechten Zukunft formiert.

Eastside Drum & BassStories to obsess over. Discover now