Für Colette

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„Das mir sowas auch immer passieren muss. Wenn das so weiter geht werde ich den Gipfel niemals erreichen."

Völlig zerschlagen kämpfe ich mich den Berg hinauf. Der Weg vor mir weist eine der üblichen Biegungen auf und ich habe keine Ahnung, wann ich am Gipfel ankomme, um alles zu überblicken. Mir ist klar, dass ich mich in jedem Fall erst mal ausruhen muss. Ich setze mich an den Wegrand und seufze laut auf.

„Du klingst ja reichlich erschöpft." So eröffnet der Stein neben mir die Unterhaltung. Er ist nicht übermäßig groß, vielleicht 20 cm Durchmesser, doch er wirkt nicht unsympathisch.

„Das bin ich auch." Antworte ich deswegen.

„Der Weg ist ja auch ziemlich lang und beschwerlich. Besonders schlimm ist das letzte Stück. Meint darauf der Stein.

„Woher weiß er das nur?" denke ich mir, antworte aber: „Ja, in der Tat. Es war außerordentlich anstrengend und es scheint noch nicht beendet zu sein."

„Was war denn los?" fragt der Stein in seiner herrlich unkomplizierten Art weiter.

„Ich weiß nicht, ob dich das Interessieren wird."

„Och, mach dir darum keine Sorgen. Ich habe heute nichts anderes vor." Gibt der Stein zu bedenken.

„Hm. Naja, gut. Also, ich war bei einem hübschen Mädchen..."

„Aha." Murmelt der Stein.

„Was soll das? Ich habe noch gar nichts gesagt und schon kommen dumme Kommentare."

„Ich habe doch gar nichts gesagt." Wundert sich der Stein.

„Doch, das hast du und du wolltest mich damit ärgern!"

„Daran habe ich im Traum nicht gedacht. Bitte, erzähl doch weiter!" vermittelt der Stein.

„Gut! Sie sagte, zu mir: „Stell dir vor, ich habe einen Heiratsantrag bekommen." Das löste bei mir ein Herzdrücken aus, an dem ich in letzter Zeit öfter leide."

„Vielleicht solltest du mal zum Arzt gehen?" schlägt der Stein vor.

„Du und deine Ratschläge. Ich glaube fast du musst dich mal untersuchen lassen. Auf jeden Fall gingen mir in diesem Augenblick einige Gedanken durch den Kopf. Denn schon seit einiger Zeit wollte ich ihr eine Liebeserklärung machen."

„Soso." Lässt der Stein verlauten.

„Unterbrich mich nicht ständig." Etwas ärgerlich fahre ich fort: „An sich hat sie ja genug Sorgen. Da ist noch ihre alte Beziehung, dann ein Verehrer, von dem sie nichts wissen will. Dann ein Heiratsantrag, wieder von einem anderen und dann sitze ich noch hier und habe meine Gefühle noch nicht zum Ausdruck gebracht. Wie soll sie arbeiten, wenn um sie eine Schar Männer auf Freiersfüßen herumstolziert. Dennoch wäre es das richtige Thema gewesen, um über meine Gefühle ein paar Worte zu verlieren. Doch ich brachte es, wie schon des Öfteren, nicht über mich."

„Hmmm." Ertönt es vom Stein.

„Das heißt nicht, dass ich ein Feigling bin. Ich wollte sie einfach nur nicht damit belasten. Jedoch wechselten wir dann den Raum. Ich nahm mir ein Buch zur Hand und sie wollte noch etwas arbeiten. Ein paar Minuten ging es dann auch gut. Als sie aber Musik anmachte, begannen wir uns wieder über den heiratswütigen Freund zu unterhalten. Dabei wurde ich allerdings ruhiger. Denn ich beschäftigte mich mehr und mehr mit meiner Erklärung. Sie hörte auf zu reden und ging zu Ihrem Stuhl zurück. Du kannst mir glauben, da lag richtig was in der Luft. Ich wusste was es war, ob sie es ahnte, kann ich nicht sagen. Je länger ich jedoch mit meinem Geständnis wartete, desto kleiner wurde die Möglichkeit damit rauszurücken. Die Sekunden verstrichen, nichts kam mir über die Lippen. Ich schaffte es nicht.

Sie nahm ein Buch in die Hand, schlug es auf und war noch mal einen Blick auf mich. In Gedanken gab ich mein Vorhaben auf, als ich plötzlich hörte „Was denkst du gerade?"

Damit brach bei mir eine Katastrophe aus. Mein Kreislauf fuhr alles hoch, was er hatte. Die Folge war, mein Herz machte Anstalten zu zerspringen. Ebenfalls stellte ich fest, dass mein Gehirn gerade einen Ausflug auf dem Lande machte und so begann ich fürchterlich herumzustammeln. Der Blutdruck kam sich besonders witzig vor, wurde noch stärker und begann mein Herz langsam in Richtung Mund zu schieben. Da vom Gehirn weit und breit nichts zu sehen war..."

„Hehe." Ein leises Kichern ist vom Stein zu hören.

„... und meine Stimme sich gerade zum Strandbesuch verabschiedete, blieb mir nichts anderes übrig, als den Satz „Ich habe mich in dich verliebt" über die Lippen zu bringen.

Beim ersten Teil des Satzes war nur die halbe Mannschaft meiner Stimme anwesend. Zum Glück entschied sich der Rest nicht allein zu gehen und so klang der zweite Satzteil etwas sicherer.

Bei ihr regte sich erst mal nichts.

Dafür rutschte mein Blutdruck auffällig nach unten. Auf meine Frage, wo er denn hinwolle, gab er klar zu erkennen, dass er in den Keller ausruhen wolle. Was er auch tat. Mir wurde eisig kalt."

„Und dann?" hakte der Stein nach.

„Es folgte ein recht planloser Dialog mit endlos vielen Pausen. Jeder versuchte dazu Stellung zu nehmen. So wie meine, war auch ihre Stellungnahme völlig konfus.

Irgendwie gab sie keine Antwort auf die Frage, die ich nicht gestellt habe und auch nicht stellen wollte, weswegen ich auch nicht meckern möchte.

Das Wichtigste der Botschaft ist dennoch rübergekommen. Ich verstand das „sowas kommt gar nicht in die Tüte" recht gut. Eigentlich hatte ich mit nichts anderem gerechnet.

Wie dem auch sei, anschließend saß ich auf einem Fass durcheinander geratener Gefühle. Bis jetzt ist es mir nicht gelungen sie zu sortieren."

„War das alles?" möchte der Stein wissen.

„Naja, seitdem sitze ich auf einem Vulkan und weiß gar nicht worum es geht. Außerdem habe ich mir erst jetzt die Frage gestellt, was gewesen wäre, wenn sie gesagt hätte: „Das ist ja großartig, das gleiche wollte ich dir auch sagen.""

„Was wäre dann gewesen?" bohrt der Stein weiter.

„Keine Ahnung! Ich kann es mir nicht mal vorstellen. Fast glaube ich, so rum war es einfacher."

„Geht es dir noch gut? Einmal flüsterst du in höchsten Liebestönen und dann freust du dich über eine Ablehnung?" sagt der Stein offensichtlich verwundert.

„Ich habe nicht gesagt, dass ich mich darüber freue. Es freut mich überhaupt nicht. Nur meine ich, dass es so einfacher ist."

„Vielleicht solltest du doch mal zum Arzt gehen!" schlägt der Stein erneut vor.

„Du und Deine guten Ratschläge. Sowieso habe ich gar keine Zeit mir diese anzuhören. Ich muss weiter, um zu erfahren, was hinter der Kurve ist."

„Und was ist, wenn dort ein Mädchen steht?" fragt der Stein.

„Du malst wohl gerne den Teufel an die Wand, hä?" Aber ich muss wirklich weiter. Auf Wiedersehen!"

„Leb wohl!" verabschiedet sich der Stein.

Ich stehe auf und denke mit: „Was für ein aufdringlicher Stein und was für einen Unsinn der erzählt. Wo soll ich denn hier einen Arzt finden?"

Radulf

27.03.1992

Eine wahre GeschichteStories to obsess over. Discover now