Prolog

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Es roch modrig und verfault. Ihre Schritte hallten von den Wänden wider. Sie spürte wie Wasser, das von der Decke tropfte, ihre Haut berührte. Ihr Atem war ganz ruhig und doch spürte sie eine Welle von Unmut in sich aufkommen. Die Fesseln schnitten in ihre Handgelenke. Sie konnte ihre Hände kaum noch spüren. Vor ihnen konnte sie nur den schwachen Schein der Fackel erkennen. Ein immer lauter werdendes Hämmern und Zischen drang an ihre Ohren. Und schließlich verschwand die Dunkelheit. Vor ihren Füßen klaffte eine riesige Schlucht und an den Wänden leuchteten unzählige Fackeln, die an kleine Glühwürmchen erinnerten. Das Hämmern und Zischen dröhnte nun in den Ohren und war kaum auszuhalten. Die Wände glitzerten und auch der Boden war von feinem Eisenstaub bedeckt.

Endlich wurden ihr die Fesseln abgenommen und das Gefühl kehrte in ihre Hände zurück. »Geh an die Arbeit.« Sie wurde zur Seite geschupst. Der Wärter sah sie mit seinen kalten Augen an. Zwei weitere kräftige Männer zerrten sie zu einem Haufen Spitzhacken. Sie blickt mit ruhigen Augen zu ihnen hoch, doch die beiden ließen keine Gnade walten und drängten sie dazu sich ein Werkzeug zu nehmen. Sie hatte keine andere Wahl, als dem Befehl widerspruchslos zu gehorchen, ein Werkzeug zu greifen und sich tiefer in das Eisenbergwerk zu begeben.

Die düsteren Gestalten, an denen sie vorüber ging, waren ausgemergelt und konnten kaum noch ihr Werkzeug halten. Sie bestanden fast nur noch aus Knochen. Einige wandten ihr das Gesicht zu. Es waren eingefallene und fleischlose Gesichter. Unter ihnen nicht nur Männer, sondern auch Frauen und Kinder. Eben all Diejenigen, die aus Sicht der Oberschicht, nichts wert waren und es nicht verdienten ein normales Leben an der Oberfläche zu führen. Wann haben diese Schatten das letzte Mal das Sonnenlicht er blickt? Wie lange hungern und quälen sie sich schon in dieser Hölle? Die meisten vermutlich seit Jahren oder sogar schon ihr ganzes Leben. Wenn man einmal hier ist gibt es kein Entkommen, dass wusste auch sie.

Sie hatte viele Menschen aus der Gosse der Vorstadt verschwinde sehen. Die Gosse war der Ort an dem man denkt man sei bereits in der Hölle. Der Geruch von vergammeltem Fleische und anderen widerwärtigen Dingen zog durch diese Straßen. Überall diese verschmutzten und herunter gekommenen Menschen. Eigentlich ist es schwer sie noch als Menschen zu bezeichnen, denn sie sind nichts weiter als leere Hüllen, die armselig und ihrem Lebensgrund beraubt, auf dieser grausamen Welt umherkriechen und darauf warten von ihrem elenden Dasein befreit zu werden. Doch jetzt wo sie selbst hier war, in den Tiefen des Eisenbergwerks, wusste auch sie: Das ist noch viel schlimmer als die Hölle namens Gosse.

Ein Mann stolperte ihr entgegen. Er war alt und zerbrechlich, trotz dessen musste er schwere Kübel, gefüllt mit Eisenerz, schleppen. Er wankte in ihre Richtung und streifte sie mit den Kübeln. Sie taumelte und fiel zu Boden, doch keiner kam ihr zu Hilfe. Hinter ihr knallte eine Peitsche und sie hievte sich wieder auf die Beine. »Los, weiter gehen!« Das Gebrüll des Wärters dröhnte in ihren Ohren. Sie versuchte so viel Weg wie möglich zwischen den Wärter und sich zu bekommen. Schließlich tauchte vor ihr eine freie Stelle auf an der sie arbeiten konnte.

Ihre Beine zitterten. Sie holte tief Luft, doch dies war ein großer Fehler, denn nun hatte sie den verfaulten und modrigen Geruch auch als Geschmack auf der Zunge. Kein angenehmes Gefühl! Doch sie vergaß dies schnell, als sie hinter sich das erneute Knallen einer Peitsche hörten konnte. Sie rammte mit aller Kraft die Spitze der Hacke gegen die silbrig schimmernde Wand. Ihre schweißigen Finger rutschten am Holzgriff entlang. Nun hallten auch ihre Schläge in der gesamten Höhle wieder. Immer und immer wieder hob sie die schwere Hacke und rammte sie erneut gegen die Wand. Nach dem fünften Mal taten ihre Arme schon weh und nach dem vierzehnten Schlag konnte sie die Spitzhacke kaum noch halten. Ein endloser Kampf gegen die Kraftlosigkeit, den sie nicht gewinnen konnte.

Sie stellte sich vor so wie früher, als sie noch klein war, durch den unbefleckten, weißen Schnee zu stapfen. Eine Erinnerung die sie nicht verlieren wollte. Es war eine Ewigkeit her, denn sie hatte schon sehr lange in der Gosse gelebt, bevor sie von den Leuten des Eisenbergwerks verschleppt wurde. Allein, ohne Eltern, ohne Geschwister oder Freunde. Den ganzen Tag war sie durch die verdreckten Straßen und Gassen der Gosse gelaufen und hatte sich nur darauf konzentriert etwas Essbares zu finden. Immer wiedersah sie jemanden, der aus purer Verzweiflung sogar seine Freunde verriet oderumbrachte. Manche machten selbst vor ihrer eigenen Familie keinen Halt. Wie traurig und grausam der Anblick dieser Gestalten war. Doch hier befand man sich in der wirklichen Hölle, in der die Menschen ohne Gnade schuften mussten und keine Zukunft hatten.

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⏰ Terakhir diperbarui: Feb 01, 2022 ⏰

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