„Nächster Halt: Bichlheim!", schallte die Lautsprecherdurchsage durch den Linienbus, der gerade über eine Landstraße tuckerte.
Hannah Saalfeld nahm sich ihre Kopfhörer aus den Ohren, aus denen noch die Melodie von Bridge Over Troubled Water ertönte und steckte sie mitsamt ihres Smartphones in ihre schwarze Handtasche. Sie warf einen Blick auf die grünen, weiten Wiesen, die jenseits des Fensters an ihr vorbeizogen. Mit einem Lächeln auf den Lippen atmete sie tief ein. So musste sich Freiheit anfühlen. Von ihrer Heimatstadt Brüssel war sie eher schmale, eng aneinandergereihte Häuser und mit Menschen gefüllte Straßen gewohnt, in denen man schnell mal unterzugehen drohte. Es war alles so unpersönlich gewesen, so anonym, jeder war austauschbar. So auch sie, dachte Hannah. Zumindest für Valentin, ihren Exfreund. Während sie das Internet nach Anzeigen für ihre erste gemeinsame Wohnung durchforstet hatte und nach ihrer Schicht in der Confiserie noch auf diverse Besichtigungen ging, hatte er sich mit einer anderen vergnügt.
Hannah verzog das Gesicht. Der Gedanke daran versetzte ihr immer noch einen Stich ins Herzen. Sie schüttelte den Kopf, als könne sie damit den Gedanken aus ihrem Kopf verbannen. All das lag in der Vergangenheit. Anstatt sich den Kopf über Dinge zu zerbrechen, die sie eh nicht mehr ändern konnte, sollte sie lieber nach vorne schauen, dachte Hannah. Dank ihrem Opa Werner konnte sie nun endlich einen Neuanfang starten, hier im bayerischen Bichlheim.
Hannah hielt kurz inne. Bichlheim! Sie schreckte zusammen und schaute aus dem Fenster. Zu ihrem Entsetzen musste sie feststellen, dass der Bus die Haltestelle mit der Holzbank bereits passiert hatte.
„Ähm, Entschuldigung?", machte sie auf sich aufmerksam und warf sich ihre Handtasche über die Schulter. Im Aufstehen griff sie nach ihrem Koffer. „Könnten Sie nochmal kurz anhalten? Ich muss hier raus", bat sie den Busfahrer.
Dieser schüttelte nur lachend den Kopf. „Wo san Sie bloß mid Ihrn Gdankn?"
Hannah zuckte entschuldigend mit den Schultern.
Er hielt den Bus an und öffnete eine der Türen.
„Vielen Dank! Schönen Tag noch!", rief Hannah ihm zu, während sie aus dem Bus stieg.
„Hannah, Liebes!", begrüßte Hildegard Sonnbichler ihre Enkelin und schloss sie in eine herzliche Umarmung.
Ihr Ehemann Alfons tat es ihr gleich.
„Wie war die Fahrt? Hat alles geklappt?", fragte Hildegard neugierig.
„Ach Hildegard, jetzt lass sie doch erstmal ankommen. Soll ich dir was abnehmen?" Alfons wies auf ihren Koffer.
„Ach, das schaff ich schon, Opa", winkte Hannah dankend ab.
„Komm rein", meinte Hildegard und trat zur Seite, sodass der Eingang zum Flur frei war.
Hannah hob ihren Koffer über die Türschwelle und stellte ihn auf dem alten, knarzenden Holzboden ab.
„Hast du Hunger?", fragte Hildegard und wies Hannah an, ihr zu folgen.
„Sehr", antwortete diese. Ein himmlischer Geruch stieg ihr in die Nase. „Hmm, was riecht denn hier so lecker?", hakte sie neugierig nach und betrat die Küche.
„Dreimal darfst du raten", lachte Alfons.
„Das ist doch nicht etwa... Schweinsbraten?" Der Gedanke daran zauberte ihr ein Lächeln auf die Lippen.
"Zur Feier des Tages", bestätigte Hildegard ihre Vermutung.
"Schließlich zieht die eigene Enkelin nicht jeden Tag bei einem ein", sagte Alfons.
"Stimmt. Das ist übrigens superlieb von euch, dass ich hier wohnen kann, bis ich etwas eigenes gefunden habe", bedankte Hannah sich und ließ sich auf der Eckbank zwischen den Kissen nieder.
"Ach, das ist doch selbstverständlich. Das Haus ist ja eh zu groß für uns drei...", meinte Alfons.
"Apropos uns drei, ich sag mal der Vanessa Bescheid, dass du da bist und das Essen fertig ist", sagte Hildegard und verließ die Küche.
„Gleich bin ich da", sagte Hannah, die die Allee des Fürstenhof-Parks entlang auf das Hotel zulief und per Videoanruf mit ihrer Mutter Laura verbunden war.
„Zeig mal her", forderte diese sie auf, „ich will sehen, ob der Fürstenhof noch so aussieht wie damals. Ist ja mittlerweile schon eine ganze Weile her, seitdem ich zum letzten Mal da war."
Hannah drehte sich um, sodass ihre Innenkamera nicht nur ihr Gesicht, sondern im Hintergrund auch das Hotel zeigte.
Ihre Mutter schaute angestrengt auf ihren Bildschirm. „Ich sehe ja gar nichts. Geh mal näher ran!"
Hannah ging ein paar Schritte rückwärts, sodass die Bäume, die die Sicht versperrten, immer lichter wurden und der Fürstenhof hinter den grünen Blättern immer näher rückte. Gerade als sie fast den letzten Baum passiert hatte, blieb ihr Fuß an einer Baumwurzel hängen und sie taumelte nach hinten. Beim verzweifelten Versuch, sich noch irgendwie festzuhalten, ließ sie sowohl ihre Handtasche fallen als auch ihr Handy los, welches nun durch die Luft wirbelte. Kurz bevor ihr Kopf auf dem Gras aufkam, spürte sie zwei starke Arme, die sie abfingen.
Sie öffnete die Augen, die sie in Erwartung des Schmerzes ihres Aufpralls geschlossen hatte, und blickte in ein blaues Augenpaar, das sie besorgt musterte. Wie hypnotisiert starrte sie ihn an.
„Alles in Ordnung?", fragte der junge Mann und half Hannah, sich wieder aufzurichten. Er strich sich eine blonde Haarsträhne hinters Ohr, die ihm ins Gesicht gefallen war. Er trug sein Haar etwas länger, weshalb es sein markantes, aber durchaus schönes Gesicht wie ein Bild umrahmte. „Geht es Ihnen gut?", wiederholte er, da Hannah ihn immer noch etwas entgeistert anstarrte.
„Ja, ja, alles in Ordnung", entgegnete Hannah schließlich und zwang sich, ihren Blick von seinem Gesicht zu lösen. Sie musterte den schönen Unbekannten. Eine braune Flüssigkeit tropfte von seinem weißen Hemd, welches er unter einem gestrickten, dunkelblauen Pullunder trug. Hannah schaute auf den Boden und entdeckte einen umgestürzten Kaffeebecher, der neben seinem schwarzen Schuh auf dem Kies lag. „Oh, das tut mir leid", stammelte Hannah und wollte sich schon bücken, hielt jedoch inne, als er seinen Arm danach ausstreckte.
„Kein Problem", meinte der Mann und hob seinen Becher auf. „Ein bisschen Backpulver drauf und das Hemd ist wie neu." Sein Lächeln offenbarte seine weißen Zähne.
„Hannah?", ertönte plötzlich etwas entfernt Lauras leise Stimme.
Hannah schaute sich um und suchte die umliegende Wiese nach ihrem Handy ab.
"Hier, ich glaube das gehört Ihnen", meinte der Mann und hielt Hannah ihr Smartphone hin.
"Dankeschön", murmelte diese und griff danach. Dabei berührten sich seine und ihre Finger und Hannah erstarrte. Sie betrachtete ihre Hände und sah dann hoch, doch als ihre Augen die ihres Gegenübers trafen zog sie ihre Hand mitsamt des Handys schnell weg und schaute verlegen auf den Boden.
"Ich muss dann auch wieder", meinte er und hob die Hand nochmal zum Abschied, bevor er Hannah etwas verdutzt stehen lies.
"Hannah, bist du noch da?", fragte ihre Mutter und sie schaute auf ihren Handybildschirm.
"Ich rufe dich später zurück", meinte sie nur und beendete den Videoanruf. Verträumt schaute sie dem Mann hinterher, der auf den Eingang des Fürstenhofs zusteuerte. Wer er wohl war? Wahrscheinlich ein Gast. Vielleicht aber auch ein Mitarbeiter? Hoffentlich letzteres. Sonst würde sie ihn vermutlich nie wieder sehen.
YOU ARE READING
Sturm der Liebe: Die neue Generation - Teil 1: Hannah & Moritz
RomanceConfiseurin Hannah Saalfeld möchte nach einer schmerzhaften Trennung am Fürstenhof neu anfangen, doch ihre Gefühle für Moritz, den charmanten PR-Berater, machen ihr das Leben schwer: Er scheint zunächst nur Augen für die Tänzerin Fatima zu haben. Wi...
