Allein

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Billie klebte noch immer an meinem Rücken, als ich mit verspannten Schultern hochschreckte. Nach der Soiree gestern Abend hatte ich nicht mehr die Energie aufgebracht, mich aus dem Kleid zu schälen. Jetzt, um etwa vier Uhr morgens, bereute ich diesen Entschluss. In einem Kleid zu schlafen war ganz einfach nicht angenehm.

Mühselig rappelte ich mich hoch und wankte ins Bad. Nachdem ich Billie gegen kurze Hosen und ein dünnes Shirt getauscht hatte, betrachtete ich mein Spiegelbild. Ein fiebriger Glanz lag über meinen Augen und man sah mir an, dass ich mich fühlte, als würde ich nächstens in Tränen ausbrechen. Wie war ich nur so weit gekommen? Ich rollte die Schultern, streckte den Nacken in alle Richtungen, doch die Verspannung fiel nicht von mir ab.

Das private Gespräch zwischen Jenna und ihrem Freund, welches ich ungesehen belauscht hatte, war vielleicht nicht im Rote-Herzchen-und-Valentinstagschokolade-Sinn romantisch, aber die Magie zwischen den beiden hatte ich deutlich wahrgenommen. Und diese Magie wollte ich auch. Ich wollte sie mehr als alles andere.

Und ich wusste auch, mit wem ich sie wollte. Doch wie sollte ich sie spüren, wenn Samyel verschwunden war? Verschwunden ohne eine Nachricht, eine Erklärung oder sonst was, das mich wissen ließe, weshalb er nicht mehr an seinem Kokosstand Kokosnüsse verkaufte, Spaziergänge am Strand unternahm und mit mir über das Leben philosophierte. Ich fühlte mich verraten. Verraten, im Stich gelassen... und ich vermisste ihn schrecklich.

Niedergeschlagen tapste ich zurück in mein Bett und kuschelte mich in die weichen Laken. Der Schlaf wollte nicht recht kommen, aber irgendwann musste ich doch eingeschlummert sein, denn ich verbrachte einen sonnigen Nach-mittag mit Samyel. Das konnte nur ein Traum sein.

Ich wachte auf, weil mich die Sonnenstrahlen an der Nase kitzelten. Ein Blick auf die altmodische Uhr mit dem silbernen Zierrand verriet mir, dass mein Schlaf satte zwei Stunden angehalten hatte. Na toll, und was bitte sollte ich jetzt machen? Es war Sonntag und somit kein Unterricht, der mich von der Tatsache, dass Samyel wohl einfach genug von mir hatte, ablenken konnte.

Kurzerhand beschloss ich meinen eigenen Unterricht aufzunehmen. Ich traute mich nicht bei Jenna aufzukreuzen ohne auch nur ein einzelnes Wort Spanisch zu können. Mein Laptop, das Spanischbuch für Anfänger, das meine Mutter mitgebracht hatte, und ein weißes Notizblatt legte ich vor mir aus und begann eifrig Wörter auswendig zu lernen, die mir nützlich erschienen. Buenos dias – Guten Tag; la isla – die Insel; el trabajo – die Arbeit; el burro – der Esel...

Um sieben Uhr kam ich zum Schluss, dass meine Bemühungen wahrscheinlich nichts brachten. Ich musste wissen, um was es in diesen Interviews gehen würde, sonst hatte ich keine Chance mich passend vorzubereiten.

Eigentlich wollte sich Jenna ja bei mir melden, aber dann wäre es möglicherweise schon zu spät. Im Internet recherchierte ich ihre Emailadresse. Auf ihrer persönlichen Regisseuren-Website wurde ich fündig. Ich kopierte die Adresse und verfasste mein Anliegen. Nur wusste ich beim besten Willen nicht, wie ich beginnen sollte.

Liebe Jenna

Zuallererst möchte ich dir noch einmal meinen tiefsten Dank aussprechen. Für mich – so wie für alle anderen Gäste – war der Abend wirklich einzigartig. Ich habe ihn sehr genossen. Auch meine Eltern und meine Schwester möchten sich meinem Dank anschließen.

Iiihg. Was ich da zusammentippte, klang einfach nur grauenhaft. Und falsch. Konnte ich nicht ehrlich sein und sie fragen, ob ich aussteigen konnte? Immerhin konnte Jenna dieses Getue doch auch nicht leiden. Minutenlang saß ich vor dem Laptop und rang mit mir selbst. Als die Farbkleckse des Bildschirmschoners über das Display flitzten, fasste ich einen Entschluss. Ich löschte meinen bisherigen Text und begann nochmals von vorn.

Unter den KokospalmenWhere stories live. Discover now