Viola Haise ging ihren Kopf links und rechts nach einer Ausrede durch, warum sie die Immobilien nicht bis zu dem vorgegebenen Termin verkauft hatte, die sie nachher ihrem Chef vorführen könnte. Ihrer Meinung nach hatte sie keinen Grund zu einer Ausrede, eher zu einer Rechtfertigung, dass sie unter unerfüllbaren Erwartungen stände, die ihr gegenüber ungerecht seien, da sie gerade neu in der Firma war; würde sie es allerdings so formulieren, würde sie der Chef feuern. Demnach musste es eine Ausrede sein.
"Haben sie etwas Kleingeld zum Essen und Trinken für mich", konnte sie den fragenden Lippen des Bettlers entnehmen, der sich gerade durch ihren Bahnwaggon bettelte und an ihrem Viererplatz stehengeblieben ist. "Ich habe kein Geld", log sie, ohne ihre Kopfhörer aus dem Ohr zu nehmen. Sie wusste ganz genau was der ungewaschene Kerl sie fragen würde und sie hatte sehr wohl Geld das sie dem Mann spenden könnte, aber einem solchen Penner Geld zu geben ging ihr gegen den Strich. 'Wie dreist du bist, nach Geld zu betteln und jeden in dieser Bahn anzulügen, gibs doch zu, du hast vor dir Drogen zu kaufen', dachte sich die Maklerin. 'Such dir einen Job!', fügte sie ihrem Gedanken einen Schluss hinzu.
Viola sah zu wie der Mann ausstieg und den Getränkeautomaten auf vergessenes Kleingeld prüfte, vergebens, dann bat er den Mann auf der Bank daneben nach Geld, ebenfalls vergebens. Mit einer schulterzuckenden Geste entfernte sich der Bettler von dem Mann auf der Bank, als hätte er bereits erwartet kein Geld zu bekommen und richtete zuletzt noch ein paar daher gesagte Worte an diesen, welche Viola, durch das Zugfenster, nicht verstehen konnte. Durch den schuldigberührten Gesichtsausdruck des Mannes hatte sie allerdings das Gefühl, der schmutzige Bettler habe soeben eine große Lüge mit kleinen Worten aufgedeckt.
Während sich der Zug wieder in Bewegung setzte, beobachtete sie den Bettler dabei, wie er seinen Arm bis zum Ellbogen in eine Mülltonne steckte und sie nach Pfandflaschen durchsuchte; dann verschwand er aus dem Sichtfeld, die Beleuchtung des Bahnsteiges verschwand und die Bahn sauste weiter durch das dunkle Tunnelsystem.
Für den Rest der Fahrt hörte Viola weiter ihrer meditativen Playlist zu. Das machte sie immer vor der Arbeit so. Es half ihr zwar nicht dabei eine Ausrede für ihren arschigen Chef zu finden, aber unterstützte sie darin eine innere Wut in Schach zu halten.
Wie es üblich ist, wenn man mit dem Chef sprechen muss, klopfte sie drei sanfte male an der massiven Eichenholztür und wartete.
"Herein", grollte die Stimme des Chefs durch die Sprechanlage und ein kleines Summen der Tür verriet, dass er gerade den Knopf gedrückt hielt, der es Viola erlaubte die Tür zu öffnen. Das Büro des Chefs war wie ein vor unerwünschten Angestellten schützender Bunker. "Chef, Sie wollten mich sprechen", stellte sich Viola unwissend während sie Platz nahm, dabei war ihr völlig klar was jetzt kommen würde. "Ja Ich möchte mit Ihnen etwas besprechen", begann er und nahm seine Aufmerksamkeit von seinen Papieren und richtete sie auf Viola. "Wie Sie, Frau Haise, sicher wissen ist Ihre Frist, die Immobilien zu verkaufen, um. Da stellt sich mir die Frage, wie ich damit umgehen soll, ich meine ich kann Sie nicht bezahlen, wenn Sie ihre Arbeit nicht erledigen. Was soll ich also machen?"
"Sir ich..."
"Ich schlage folgendes vor", unterbrach er ihren Versuch sich zu Rechtfertigen. "Ich verlängere ihre Frist um eine Woche und Sie sehen zu, dass Sie die Häuser verkaufen ... hört sich das gut an?" Sein ekelhaftes Grinsen gab preis, dass es keine Frage, sondern ein Befehl war.
"Und was passiert wenn ich es nicht schaffe die Häuser zu verkaufen? Bisher hat sich doch auch niemand für die Häuser interessiert, ich bin noch keines losgeworden und da wird sich in einer Woche nicht viel ändern."
"Wenn Sie es nicht schaffen die Häuser zu verkaufen, dann sind Sie gefeuert."
"Aber Sir das ist unmöglich..."
"Bis nächste Woche!"
"Aber Sir..."
"Bis nächste Woche!"
Die abweisenden Worte des Chefs schoben Viola förmlich aus dem Büro heraus, die Tür schloss sich automatisch hinter ihr und sie war im Nu ausgesperrt.
Diese Woche riss sich Viola regelrecht den Arsch auf, um die Häuser loszuwerden. Werbung, Kundengespräche und Führungen, alles im Austausch gegen Schlaf und die entsprechende morgige Dusche; sie war wie eine markelende Untote.
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Such dir einen Job!
Short StoryViola Haise ist Immobilienmaklerin und gerade auf dem Weg zu ihrer Arbeit, die sie womöglich bald verlieren wird. Auch bei dieser Kurzgeschichte halte ich die Beschreibung lieber knapp. Die Tags verraten sowieso schon genug. ***spoiler, erst nach de...
