Schweigend saß ich im Café und trank meinen Cappuccino. Es war bereits später Nachmittag und die meisten Menschen spazierten fröhlich über den schneebedeckten Marktplatz. Ein kleiner Junge aß glücklich seine Zuckerwatte, während seine Mutter versuchte ihre riesigen Einkaufstüten zu balancieren und gleichzeitig zu bezahlen. Sie schien noch sehr jung zu sein, ich tippte auf 25, aber das war nicht das, was mich faszinierte. Sie wirkte unausgesprochen glücklich und ihre kastanienbraunen Haare passten perfekt zu ihrem hellorangen Mantel. Als ich ihr Gesicht länger betrachtete, merkte ich, dass ich sie schon einmal zuvor in der Uni gesehen hatte. Ich glaubte, mich zu erinnern, dass ich sie im Kurs für kreatives Schreiben schon einmal getroffen habe. Plötzlich fokussieren mich ihre strahlend blauen Augen. Ich muss sie wohl, völlig gedankenverloren, minutenlang angestarrt haben. Beschämt richtete ich meinen Blick wieder auf meine Unterlagen und nippte an meinem Cappuccino. Ich wusste, sie hatte mich auch wiedererkannt, so wie jeder es sofort tat. Selbst drei Schichten Make-up konnten die lange Narbe von meinem linken Auge bis zum Kinn nicht verdecken. Ich wollte jetzt nicht über den Tag nachdenken, an dem sie entstanden ist, also packte ich meinen Rucksack zusammen, bezahlte den Cappuccino und versuchte zu meiner Wohnung zu kommen, bevor es dunkel wurde. Ich lebte seit kurzem in einer kleinen WG am Rande von Newship. Meine Mittbewohnerin Sarah war zwar sehr nett, aber für meinen Geschmack etwas zu durchgedreht. Sie studierte Kunst im zweiten Semester und hatte erst vorgestern in einem ihrer kreativen Anfälle alles umdekoriert. Für fünf Minuten war ich davon überzeugt, in der falschen Wohnung gelandet zu sein. Auch wenn Sarah manchmal ziemlich chaotisch und anstrengend war, fand ich sie von Anfang an super. Vor allem stellte sie keine Fragen über meine Narben, wie alle anderen, was vermutlich daran lag, dass ihr die Meinung aller anderen zu ihrem Aussehen völlig egal war. Das wusste ich, seit sie völlig selbstbewusst mit Weihnachtssocken und einem karierten Onesie zur Uni gegangen ist. Ich schloss die Tür auf, in der Hoffnung, dass Sarah nicht wieder einen ihrer Dates mit nach Hause gebracht hat. Zum Glück trafen meine Befürchtungen nicht ein. Sie kam freudestrahlend auf mich zu gerannt und umarmte mich. „Ich habe eine Zwei auf mein letztes Kunstprojekt bekommen", schrie sie mir beinahe ins Ohr. „Oh, super, was für eine Überraschung", antwortete ich sarkastisch. Sarah gehörte zu den Studenten, denen die guten Noten nur so zuflogen und trotzdem bekam sie vor jeder Abgabe beinahe einen Nervenzusammenbruch. „Ich habe zur Feier des Tages ein paar meiner Freunde eingeladen, sozusagen ist das auch noch deine Willkommensparty. Ist das nicht super?", fragte sie in freudigem Übereifer. Ich bekam Panik. Mit fremden Menschen kam ich allgemein nicht gut klar und dann auch noch ein Dutzend davon in meiner Wohnung? Aber Sarah klang so fröhlich, ihr den Spaß so zu verderben, fand ich einfach ungerecht. Sarah musste mein Zögern bemerkt haben, da sie immer unsicherer wurde und schließlich zu sprechen begann: „Ich weiß, ich hätte dich vorher fragen sollen, aber dann wäre es ja keine Überraschung mehr gewesen. Ich dachte, du könntest ein paar Leute kennenlernen und ein bisschen Spaß haben. Wenn du das aber nicht willst, kann ich aber auch allen absagen." Als ich ihre zerknirschte Miene sah, wurde mir klar, dass ich auch keinen Fall absagen konnte, also antwortete ich schnell: "Nein, nein, ist schon okay, ich freue mich. Danke. "Ich setzte ein gekünsteltes Lächeln auf, wie ich es schon so viele Male zuvor getan hatte und half ihr dann, einen Salat vorzubereiten. Eigentlich wollte ich mich nicht zurechtmachen, aber Sarah bestand darauf. Deshalb fand ich mich vor meinem Zimmerspiegel wieder und betrachtete den Berg an Kleidung vor mir. Ich entschied mich für meine hellblaue Lieblingsjeans, die mich mit den offenen Knien locker wirken lässt. Dazu trug ich meine weiß-grün gestreifte Bluse, die ich vorne in die Hose hereinsteckte. Ich fand, dass sie meine grünen Augen sehr gut zum Vorschein brachte und mich trotz meiner hellen haut nicht noch blasser machte. Mein langes blondes Haar frisierte ich zu einem lockeren Dutt, aus dem sich vorne ein paar Strähnen lösten. Als ich das Zimmer verließ betrachtete mich Sarah empört. Sie selbst trug eine verwaschene Hotpants und ein senfgelbes, bauchfreies T-Shirt. „Wolltest du dir nicht dein Partyoutfit anziehen? Du siehst eher aus, als würdest du ins Büro gehen. Du hast doch eine super Figur, warum zeigst du sie nicht auch?" fragte sie verwirrt und wollte gerade anfangen, meine Bluse so zu binden, dass sie auch bauchfrei war. Reflexartig zuckte ich zurück und wehrte ihre Hände ab. Niemand sollte das Meer aus Narben und Flecken sehen, dass sich auf meinem ganzen Körper befand. Ohne, dass ich es bemerkte, löste sich eine Träne aus meinem Augenwinkel und lief über mein Gesicht. Sarah wollte gerade ansetzen um zu fragen, was los sei, als es an der Tür klingelte. Mit einem weiteren fragenden Blick in meine Richtung ging sie zur Tür und begrüßte die Partygäste. Es dauerte einige Augenblicke, bis ich mich wieder unter Kontrolle hatte. „Hey, bist du die neue Mitbewohnerin von Sarah? Ich bin übrigens Mark", riss mich eine Männerstimme aus meiner Erstarrung. „Hi, ja bin ich. Mein Name ist Elaiza. Bist du mit Sarah befreundet?" antwortete ich abwesend. „Ach Süße, ich war mit jedem Mädchen hier 'befreundet', wenn du es so nennen willst", haucht er mir ins Ohr. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass er mir so nah gekommen war. Erinnerungen kamen in mir hoch. Ich sah das kleine Mädchen weinend in der Ecke, es hält sich die Augen zu, um sich vor dem bösen Mann zu verstecken. Schon wieder war er so unglaublich wütend und hörte einfach nicht auf mit seinen Fotos. Dann ist alles schwarz. Langsam kam ich wieder zu mir. Flatternd öffne ich meine Augen und blicke in ein Gesicht mit ozeanblauen Augen. „Oh Gott sei Dank, ich dachte schon du bist tot!", rief der Besitzer des Gesichts erleichtert aus. „Wo bin ich? Wer sind sie?" fragte ich desorientiert. „Ich bin Lexian. Ich wollte gerade in meine Wohnung, als du aus dem Treppenhaus kamst und in mich rein gerannt bist. Du sahst total panisch aus, bis du hyperventiliert und dann ohnmächtig geworden bist. Ist dir irgendwas zugestoßen? Vielleicht sollte ich die Polizei rufen. Wer bist du überhaupt?" Lexian konnte seinen Redefluss kaum bremsen. „Ich bin Elaiza. Bitte ruf keine Polizei, es ist alles okay", erwiderte ich, als er endlich eine Pause ließ. „Nach alles okay sah dein Auftritt aber nicht aus. Und deine Narben überall auch nicht. Hier komm erstmal mit rein", bot er an. Erst jetzt bemerkte ich, dass meine Bluse beim Fall hochgerutscht war und das Werk auf meiner Haut preisgab. „Es ist wirklich alles okay. Die Narben sind alt und stammen von einem Unfall. Auch wenn mein Auftritt etwas seltsam war, ist alles in bester Ordnung. Vielen Dank für deine Hilfe." Ich ratterte meine Standarterklärung runter, um so schnell wie möglich verschwinden zu können. Gerade als ich mich umdrehen wollte, hielt mich eine Hand fest. „Selbst wenn die Narben von einem Unfall stammen, erklärt das noch nicht, was dich so ängstlich gemacht hat, dass du in Ohnmacht fällst!", gibt Lexian zurück. Bis jetzt war er nett, aber langsam ging seine Neugierde echt zu weit. „Mir geht es wirklich gut. Sorry für den Auftritt, aber mach dir keine Gedanken. Ich gehe jetzt am besten einfach und wir tun so, als wäre das hier nie passiert", stottere ich, in der Hoffnung seiner Befragung zu entkommen. „Kein Problem, aber lass dich wenigstens von mir zu deiner Wohnung bringen, damit ich sicher sein kann, dass du Sicher bist", entgegnete Lexian ruhig. Ich will erst widersprechen, entschied mich aber nach einem Schritt dafür, dass mein Gleichgewicht nichts gegen die Begleitung einzuwenden hat. „Im wievielten Stock wohnst du?" fragt er, während wir wie zwei Betrunkene die Treppe hoch wanken. Als ich ihm sage, dass wir noch 5 Stockwerke vor uns haben, nahm er mich kurzer Hand auf den Arm. Das ist eindeutig zu viel Körperkontakt und dazu kann ich mich auch nicht mehr wehren. Mein Atem geht immer schneller und ich merke, wie ich langsam die Kontrolle verliere. 'Du entkommst mir nicht. Ich werde beweisen, dass du eine Hexe bist. Guck mal was ich hier habe! Spiritus... wunderbar, oder? Deine Kleidung brennt bestimmt super. ' Mit einem teuflischen Grinsen lässt er das Feuerzeug fallen. Ich spüre, wie die Flammen sich durch meine Kleidung bohren und bete, dass ich bewusstlos werde, bevor ich ganz verbrenne. Das Adrenalin betäubt meine Schmerzen. 'Du Hexe! ' hallt es in meinem Kopf wider. Plötzlich ist alles schwarz. „Ich habe sie nur hochgebracht, nachdem sie vor mir ohnmächtig geworden war. Gerade als ich sie auf dem Arm genommen hatte, ist sie wieder hyperventiliert und ohnmächtig geworden. Ich habe ihr nichts getan, das müssen Sie glauben! Ich bin Polizist, ich will Menschen helfen und nicht das Gegenteil!" schrie eine engelsgleiche Stimme panisch. Die Antwort kam sofort von Sarah. „Keine Angst, seit sie hier lebt hatte sie mehrere dieser Anfälle. Meistens nachts. Sie dachte ich merke das nicht, aber man kann sie nicht mal leicht berühren ohne das sie zuckt." Vorsichtig öffnete ich die Augen und bewegte meinen Kopf in Richtung der Stimmen. „Oh meine Güte, da bist du ja wieder. Lexian hätte fast den Notarzt gerufen. Warum jagst du ihm denn so einen Schreck ein?", fragte mich Sarah mit gespieltem Tadel. „Fühlst du dich in der Lage mit mir zu reden? Sarah, würdest du kurz den Raum verlassen?", bat Lexian und klang dabei sehr wie ein Polizist im Krimi. Sarah guckte mich an und ich sah die stumme Frage in ihren Augen. Also nickte ich ihr kurz zu, woraufhin sie zögernd mein Zimmer verließ und leise die Tür schloss. Lexian begann unsicher zu reden: „Ähmm... also ich möchte dich nicht bedrängen, aber als Polizist muss ich dich fragen, woher deine Narben kommen." „Ich habe noch nie davon gehört, dass sich Polizisten mit Haushaltsunfällen beschäftigen müssen", spottete ich. „Nein, aber das war offensichtlich kein Unfall! Ich will wissen, wer dir sowas angetan hat. Was für ein Mensch vernichtet eine Frau so sehr? Selbst wenn du der Teufel persönlich wärst, gibt es ihm nicht das Recht, dich durch die Hölle auf Erden zu schicken!" In dem Moment realisiert Lexian seinen Ausbruch und blickt beschämt zu Boden. „Die Narben sind alt. Warum interessiert dich das alles so? Der Grund für die Narben existiert nicht mehr... zumindest in dieser Welt. Also kannst du jetzt beruhigt Schlafen gehen, du hast deinen Job als Polizist erledigt." Lexian sieht mich entsetzt an. „Schlafen? Mit dem Wissen, dass du hier liegst und Panikattacken hast?" „Tut mir leid, dass ich dich gestört habe... Es wird nicht wieder vorkommen", flüstere ich beschämt. „Du glaubst ich könnte nicht schlafen, weil du mich störst? Ich mache mir Sorgen um dich. Ist das so schwer zu verstehen?" entgegnete Lexian. Dann drehte er sich um und verließ mit einem geflüsterten 'Gute Nacht' mein Zimmer. Hatte er gesagt, dass er sich um mich sorgte? Es hat sich noch nie jemand um mich gesorgt. Warum sollte er? Ich muss mir das eingebildet haben. Vielleicht hatte ich das geträumt. Ich dachte noch eine Weile darüber nach, bis ich merkte, dass mich der Schlaf übermannte.
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Brennende Narben
RomanceElaiza ist eigentlich nach Newship gezogen, um endlich loslassen zu können. Loslassen, von dem Tag, der ihr ganzes Leben ruiniert hat. Aber schnell muss sie feststellen, dass sich die Vergangenheit nicht so einfach abschütteln lässt. Als sie dann au...
