Er sagt, er braucht einen Monsterjäger. Er sagt, in seinem Haus wohne ein Monster, das ihn verfolge. Selbst durch das Telefon klingt er traurig. Am anderen Ende der Leitung ist der Monsterjäger. Er fragt den Mann nach dem Aussehen und dem Verhalten des Monsters. Der Mann antwortet, dass es zu manchen Zeiten stetig wachse, dann, von einem auf den anderen Tag plötzlich verschwinde und dann kleiner zurückkehre. Er befürchte jedoch, dass es eines Tages nicht mehr kleiner werden würde, sondern nur noch wachsen und wachsen würde, bis es ihn schließlich verschlinge könne. Der Monsterjäger erklärt sich bereit, sich die Sache mal anzusehen und legt auf.
Er findet, dass dies nach einem interessanten Fall klingt, er selbst hat noch nie von so etwas gehört und weiß deswegen auch nicht so genau, wie er sich vorbereiten soll. Während er noch überlegt, sitzt der Mann in seinem Wohnzimmer und starrt das Monster an, das sich riesenhaft vor ihm erhebt. Als er in die Küche geht, um sich etwas zu Essen zu machen, läuft es neben ihm her, als er den Kühlschrank öffnet, sitzt es im Gefrierfach, als er den Wasserhahn aufdreht, quillt es dickflüssig neben dem Wasser aus dem Hahn heraus, und als er sich an den Esstisch setzt, setzt es sich ihm gegenüber.
Am nächsten Tag läutet es an der Tür. Der Monsterjäger steht davor. Er runzelt die Stirn. Der Name auf dem Klingelschild scheint vor Kurzem weggewischt worden zu sein. Nun steht dort nur noch "Niemand". Der Mann öffnet und tritt unsicher zur Seite. Der Monsterjäger hat zur Sicherheit noch drei Kollegen und zwei Kolleginnen mitgebracht, die allerlei seltsames Gerät bei sich tragen. Der Mann ist sichtlich überfordert mit dem vielen Besuch, doch er führt sie freundlich in seine Stube.
"Danke für Ihr Kommen. Ich habe Kuchen gebacken."
Der Esstisch biegt sich förmlich unter den Törtchen, Gebäckstückchen, Küchlein und Keksen. Ein warmer, süßlicher Duft liegt in der Luft und der Mann deckt rasch noch ein paar Gedecke mehr auf, damit jeder am Tisch seinen Platz hat. Sie setzen sich und essen. Bei Kaffee und Tee loben sie die Backkünste des Mannes, der zwar immer noch unsicher, aber glücklich zu strahlen beginnt. Er bemerkt, wie sich die Monsterjäger, umso mehr Zeit verstreicht, immer häufiger umblicken, auf der Suche nach dem Monster. Auf die Nachfrage erwidert er zögerlich: "Ich sagte ja, dass es manchmal verschwindet".
Eine der Jägerinnen möchte wissen, ob er beschreiben könne, wann das Monster verschwinde, sie fragt nach einem Muster hinter dem Ganzen.
"Es ist zu ganz unterschiedlichen Tageszeiten schon passiert."
Ob er denn ganz alleine hier wohne.
"Ich bin, kurz nachdem ich in Rente ging, allein hierher gezogen. Hier ist es ruhiger als in der Stadt."
Ob er wisse, seit wann ihn das Monster verfolge.
"Es begann, kurz nachdem ich in Rente ging."
Ob er schon mal überlegt habe, nochmal umzuziehen, weil es am Haus liegen könne.
"Das dachte ich auch zuerst. Nach meiner Rente bin ich zunächst in ein anderes Haus gezogen, dort begegnete es mir zum ersten Mal. Um ihm zu entkommen, zog ich hierher, aber es folgte mir."
Ob er die Ereignisse beschreiben könne, die während des Verschwindens des Monsters bisher geschehen seien.
"Zum Beispiel habe ich mal ein Paket bekommen, das ich unterschreiben musste. Und beim Einkaufen sehe ich es meistens nur von Ferne. Bei der Beerdigung eines Freundes war es gar nicht anwesend, danach war es jedoch noch größer."
Es wird zugehört und notiert, dann bittet der Monsterjäger, den der Mann angerufen hat, sich das Haus ansehen zu dürfen. Schließlich nimmt einer der Jäger eine Kollegin zur Seite und fragt sie, ob sie neben den ganzen leblosen Materialien, die sie zum Monsterfangen dabeihabe, vielleicht auch ein Monster anbiete könne. Sie antwortet, im Handschuhfach ihres Autos sei noch ein Schubladenkobold, ein Monster, das seinen Namen seinem Lebensraum, der Schublade verdankt. Diese, zum Ärger der Schubladenbesitzer, hinterlassen sie oft in einem Zustand völligem Chaos', da sie sie nach Belieben befüllen, einrichten und darin randalieren. Der Monsterjäger bittet seine Kollegin, den Kobold zu holen.
Als sie zurückkehrt, zeigt er dem Mann den Schubladenkobold und erklärt: "Das Monster, das bei Ihnen lebt, nährt sich von Ordnung und Struktur. Dieses harmlose Monster hier kann dagegen helfen, aber es könnte Ihre Nerven auch ziemlich strapazieren." "
Das macht nichts. Das macht nichts", winkt der Mann ab und blickt den Kobold neugierig in das kleine, spitze Gesichtchen.
"Und Ihr Haus ist sehr geräumig. Sie sollten einen Teil vermieten, am Besten nicht zu teuer, vielleicht an Studenten."
"Und holen Sie sich einen Hund", fügt ein anderer hinzu, der den Gedanken seines Kollegen verstanden hat.
"Ich danke Ihnen allen! Ich werde es versuchen!"
Der Mann nickt eifrig. Bevor sie gehen, gibt er ihnen noch mehrere Päckchen mit Kuchen mit und als sie ins Freie treten, winkt er ihnen von der Tür aus hinterher.
"Wird das denn helfen?", fragt Eine zweifelnd. "Am Anfang bestimmt, ich hoffe, er nutzt diese Zeit, um sich ein paar Mitbewohner zu suchen", erwidert der Monsterjäger.
"Was für ein Monster war es denn jetzt?"
Er gibt keine Antwort.
Einer fährt zu seiner Frau, ein anderer zu seinen Eltern, zwei sind ein Paar und gehen in ein Restaurant, die Fünfte erledigt noch einen Einkauf für ihre Wohngemeinschaft und der Sechste, der Sechste fährt allein nachhause.
Als er nach der Post sehen will, beißt ihn ein hungriger Briefkastengnom und er weiß, dass wieder nichts da ist. Als er in den Flur tritt, fliegt ihm ein "Mary Popp", ein regenschirmförmiges Wesen, ins Gesicht. Aus dem Spiegel im Bad starrt ihm ein Wasserspeier entgegen, ein winziger Zwergtroll stapft über die Fensterbänke und wirft Blumentöpfe um, ein Lichtmotter lässt die Lampen flackern. In einer Schublade klirrt ein Kobold. Auf dem Staubsaugerroboter reitet ein Schmutzfink. Müde setzt er seine Brille ab und putzt die Gläser. Dann setzt er sie wieder auf. Er sieht, es hat bereits auf ihn gewartet.
Es beugt sich über ihn und er will die Augen schließen, doch selbst das bringt nichts mehr.
Er kann das Monster trotzdem noch sehen, denn: Sie ist längst zu groß geworden, die Einsamkeit.
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Hinter geschlossenen Liedern
Short StoryEin Satz pro Geschichte: Auf dem Staubsaugerroboter reitet ein Schmutzfink. Die Friseuse, die Wortspiele schon immer für eine haarige Angelegenheit gehalten hatte, schnaubte verächtlich. Sie sind komisch, meistens alt und muffig. Einige, ebenfalls...
