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Den 10 November 2019 , der nebenbei bemerkt der Tag nach meinem Geburtstag war, verbrachte ich in einem Krankenhaus. Ich war noch nie in einem Krankenhaus gewesen, was vielleicht mit der Tatsache zusammenhängen könnte, dass ich in einer dunklen Gemeindebauwohnung mit Unterstützung einer Hebamme auf die Welt gekommen war und dass ich, so merkwürdig es auch klingen mag, nie so ernsthaft krank gewesen war, dass man es mit einem Hausarzt Besuch nicht hätte beheben können. Natürlich kannte ich Krankenhäuser aus diversen Filmen und Serien, wie zum Beispiel Greys Anatomie, einer meiner Meinung nach ziemlich schwachsinnigen Serie, die meine beste Freundin Kate jedoch regelrecht verschlang als wäre sie der Sauerstoff den sie zum Atmen benötigte. Und natürlich wurden mir Geschichten erzählt, von Ärzten, die mit ihrer Arbeit Wunder vollbrachten und Krankenschwestern, die Kleinkindern Süßigkeiten schenkten und alten, bedürftigen Männern die verschwitzen, sehnigen Füße massierten. Worauf mich jedoch weder Medien noch Zeitschriften oder Erzählungen meiner Freunde vorbereitet hatten, war die Tatsache, dass man das einem zugewiesene Zimmer mit einer völlig fremden Person teilen musste. Daher war ich völlig perplex als ich, nachdem ich eine zugegebenermaßen ganz angenehme Dusche trotz des nach Desinfektionsmittel stinkenden Duschgels, genommen hatte, feststellen musste, dass das Bett gegenüber von meinem besetzt war. Soweit ich es auf dem kleinen Schild an ihrem Bett erkennen konnte, war ihr Name Shin-Wang oder so in der Art. Sie war Chinesin. Nicht, dass ich etwas gegen Chinesen gehabt hätte, ganz im Gegenteil; dadurch, dass meine Mutter mir immer schon eingetrichtert hatte, dass es völlig unangebracht sei, sich heutzutage ein rassistisches Bild anderen Kulturen gegenüber zu machen, dachte ich nicht mehr wirklich darüber nach. Wir sprachen kein einziges Wort miteinander, was ich nicht weiter schlimm oder bedauerlich fand, da mein einziges Interesse darin bestand, möglichst schnell einzuschlafen umso dem nach plastik-schmeckenden Mittagessen zu entkommen. Leider stellte sich dies jedoch als schwieriger heraus, als ich dachte, da Shin-Wang bedauerlicherweise nicht zu der ruhigen, müden Art von Patient gehörte wie ich gehofft hatte, und sogleich anfing lauthals mit ihrer Mutter zu telefonieren. Es könnte auch ihre Tante, ihr Onkel oder eine Freundin gewesen sein, aber da ich kein chinesisch verstand und nicht wirklich Lust hatte die einzelnen Silben ,die sich für mich relativ ident anhörten, in einem familiären Kontext zu interpretieren, schloss ich einfach die Augen und ließ mich vom chinesischen Gespräch am anderen Ende des Raumes berieseln.

Das erste, das ich nach dem Aufwachen meines ziemlich kurzen Nickerchens wahrnahm, war ein leuchtend gelber Mantel, der an einem Hacken in der Ecke neben der Tür hang. Je länger ich das knallige Gelb anstarrte, umso schwindeliger wurde mir, also drehte ich langsam den Kopf in Richtung des Fensters und war nicht sonderlich erstaunt, meine Mutter dort vorzufinden. Ich war nicht sicher, ob sich mehr Besorgnis oder Ärger in ihren Augen widerspiegelte und gerat für den Bruchteil einer Sekunde in Versuchung, einfach die Augen zu schließen und einen plötzlichen Überfall von Schlaf vorzutäuschen, um einem Gespräch zu entgehen, das, und das wusste ich aus Erfahrung, sehr unangenehm werden würde. Mit meiner Mutter war es so eine Sache. Ich wusste, dass sie im Grund ihres Herzens ein liebenswerter Mensch war, der jedoch dazu tendierte immer wieder unendlich lange Moralpredigten zu halten. Immer und immer wieder. Außerdem nahm sie es mir übel, dass ich Alkohol trank, zu viel ausging und mich mit Leuten abgab die ihrer Meinung nach zwielichtig und merkwürdig seien. Letzteres stimmte absolut nicht. Ich wusste, dass meine Freunde nicht dem typischen Stereotyp von Freunden entsprachen, die Mütter für ihre Töchter vorhersahen, aber ich fühlte mich in meinem Freundeskreis Pudelwohl , auch wenn sie etwas merkwürdig waren. Vielleicht verbrachte ich auch deshalb so viel Zeit mit meinen merkwürdigen Freunden, um mich weniger merkwürdig zu fühlen. Wie auch immer.

>> Mackenzie Grace Summerall<<

Wann immer, wenn sie mich bei meinem vollen Namen nannte, bedeutete es meistens für mich Alarmstufe rot, also tat ich aus Reflex das einzige, was mir in den Sinn kam: Ich unterbrach sie.

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⏰ Last updated: Jan 05, 2021 ⏰

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