Ungläubig wendete ich meinen Blick von ihm ab, nur um daraufhin wieder anzustarren. Konnte es möglich sein, dass er .. Nein, das wäre selbst für mich ein zu großer Zufall. Es konnte doch nicht wirklich sein, dass er der Junge vom Maskenball war. Bei dem Gedanken daran stiegen mir erneut Tränen in die Augen, ich blinzelte ein paar Mal um mich zu beruhigen. Dann sieh ich hilfesuchend zu John. Er schüttelte fragend den Kopf. Natürlich, woher sollte er auch wissen, was gerade in mir vor geht.
Ich hatte eine Maske auf, wie sollte der Junge mich denn erkennen? Ich musterte ihn schräg von der Seite. Er hatte markante Wangenknochen, was ihn reif wirken ließ, doch er war nicht viel älter als ich. Vielleicht 17 höchstens 18. Recht groß war er auch. Auf jedenfall ein gutes Stück größer als ich. Und durchtrainiert schien er auch zu sein. Perfekt gestylte braune Haare umzogen sein Gesicht.
Er schien bemerkt zu haben, dass ich ihn beobachtete, denn er sah mich plötzlich an, ich wollte gerade meinen Kopf wegdrehen, als er zu einem Wort ansetze
"Ich glaub du bist dran." lächelte er mehr als provokant.
Ich sah verwundert zu meiner Lehrerin, deren Kopf schon ganz rot war und rutschte ein Stück weiter runter auf meinem Stuhl. Alle Schüler sahen mich plötzlich an und ich fühlte mich so unwohl in meiner Haut.
"Das nächste mal kiffst du wohl lieber erst nach der Schule." rief sie mir zu. Sie flüsterte ein ganz leises
"Miststück" vor sich hin, doch es kam an. Diese Frau hasste mich. Doch hatte sie mich gerade wirklich beleidigt? Auch die anderen meiner Klasse schienen es gehört zu haben, denn sie brachen in Gelächter aus. Schnell wischte ich eine Träne weg, die mir durchs Gesicht lief und sah danach auf meinen Tisch und hob meinen Blick nichtmehr, bis es klingelte. Wir hatten nur 2 Stunden Nachmittagsunterricht, also konnte ich jetzt nach Hause. John kam zu mir und wollte mich in den Arm nehmen, doch ich drückte ihn zur Seite.
"Was hab ich dir getan?" fragte er genervt.
"Nichts. Ich frag mich nur wieso- .. warte kurz." ich unterbrach mich selbst, da ich sah dass der Junge, der nun neben mir sitzt lachend mit 2 anderen Typen meiner Klasse aus der Schule lief. Schnellen Schrittes ging ich auf ihn zu und John folgte mir. Meine Beine wurden schneller, bis ich fast auf ihn zu rannte.
"Was weißt du von meiner Schwester hm?!" schrie ich.
"Du hast bestimmt mit dieser ganzen Scheiße zutun!" Er breitete die Hände aus und musterte mich verwirrt. Dann sah er rechts neben sich zu Tim, einem aus meiner Klasse.
"Ist die Kleine immer so ein Psycho?" fragte er lachend. Ich schlug ihm auf die Brust, woraufhin er mich aggressiv anstarrte. Er kam zwei Schritte auf mich zu und kam meinem Gesicht ganz nah, dann zischte er
"Ich hab keine Ahnung wovon du redest."
- "Du Lügst!" schrie ich laut und wollte wieder auf ihn losgehen, als ich von John zurückgezogen wurde.
"Lass mich los. Er weiß wo meine Schwester ist." kreischte ich.
"Komm, wir gehen Alex" sagte Tim und die 3 gingen Lachend von uns Weg. John ließ mich eine Weile später wieder los und ich sah ihn wütend an.
"Wieso tust du das? Ich dachte du wolltest mir helfen?" flehte ich ihn an.
"Komm ich fahr dich nach hause." wiedersprach er mir, ohne auf meine Frage zu antworten. Ich schüttelte den Kopf.
"Ich lauf lieber." sagte ich erschüttert und ging los. Ich war auf dem Weg nach Hause ohne überhaupt zu wissen, ob ich da hin wollte. Als ich zuhause ankam, stand die Tür unseres Hauses offen. Ich ging langsam rein und sah mich um. ein paar Dinge waren zersprungen, unter anderem auch die teure Vase meiner Mutter. Ich ging ins Wohnzimmer, um etwas zu sehen, was ich garnicht sehen wollte. Dort stand Noah, mein großer Bruder. Jeder der jetzt denkt, ich könnte ihm um den Hals springen, liegt sowas von falsch.
"Warst du das?" schrie ich sofort. Er drehte sich in meine Richtung und sah mich stumm und böse an. Dann legte er seinen Kopf schräg und fragte
"Hast du ein Problem damit?" Ich sah ihn verständnislos an. Und was für ein Problem ich damit hatte. Schon allein das er hier ist, ist schlimm genug. Er müsste jetzt 21 sein. Meine Eltern haben ihn mit 18 rausgeschmissen. Er machte nichts als Ärger. Er war Drogenabhängig, jeden Tag aggressiv mir und meiner Schwester gegenüber geworden. Ja ok, ab und zu wurde er auch handgreiflich, doch das tut nun überhaupt nicht zur Sache, und meinen Eltern war das auch nie bewusst. Nachdem er die 7 Anzeige wegen Köperverletzung bekam, handelten meine Eltern endlich. Und nun nach fast 4 Jahren stand er wieder vor mir. Er hatte sich nicht großartig verändert. Er hatte nur mehr Tattoo's und sein Style hatte sich geändert. Er erinnerte mich wieder an den Jungen in der Schule und das machte mich wütend. Die Tatsache dass er vor mir stand machte mich wütend.
"Was tust du hier?" zischte ich. Ich hatte in diesem Moment mehr Angst als ich zugeben wollte.
"Das fucking Jugendamt, will dass ich dich bei mir aufnehme, solang Sue ihre Fick-Party macht, während sie uns alle verarscht." Meine Kinnlade klappte herunter und meine Beine wurden plötzlich ganz weich, als würden sie jeden Moment nachgeben. In mir staute sich eine Enorme Wut. Ich ging zu ihm und gab ihm eine Ohrfeige.
"Du hast keine Ahnung was Sue gerade durchmachen muss, und ich stürze mir lieber von einer Brücke, als zu dir zu geben."
Er wollte gerade ausholen, doch ich rannte aus dem Haus, es war nichtmehr sehr hell, und die dunklen Wolken am Himmel, machten die Atmosphäre noch düsterer. Ich rannte nach links, ich hatte keine Ahnung wohin, ich musste hier einfach weg. Kurze Zeit später begann es heftig zu regnen und ich bekam von dem Gerenne kaum mehr Luft. Ich lehnte mich erschöpft gegen eine Backsteinwand, um danach direkte neben einem Metall Container auf den Boden zu sinken. Ich zog meine Beine zu mir und begann zu weinen. Wieso musste das alles heute passieren? Wieso muss es mir passieren? Habe ich jemals einen unverzeihlichen Fehler begangen? Wenn ich genauer darüber nachdachte, gab es ein zwei Dinge, für die mein Leben mich bestrafen könnte. Aber was sollte das Ganze mit Sue zutun zu haben. Eine halbe Stunde später hatte sich der Regen noch immer nicht verzogen und es ist dunkel geworden. und kälter. Unendlich kalt, ich zitterte am ganzen Körper unter meinen vom Regen durchnässten Klamotten. Noch immer tat ich mir schwer gleichmäßig zu atmen. Plötzlich spürte ich den Regen nichtmehr auf mich fallen. Es wurde warm um meine Schultern. Ich öffnete meine Augen, die ich vor einer Weile geschlossen hatte und sah auf. Vor mir kniete Alex, genauso klitschnass wie ich. Er hielt mir seine Hand entgegen, und intuitiv ergriff ich sie. In diesem Moment durchströmten mich tausende von Bildern, Meine Schwester, wie sie in einem Kleid, zitternd in einem Wald lag, der Regen prasselte auf sie und sie schrie hysterisch nach mir. Ich atmete tief aus als er mich wieder losließ. Irgendetwas stimmte hier nicht. War es ein Fehler ihm zu vertrauen?
"Hast du das gerade gespürt? fragte er, als ich wieder auf dem Boden landete. Hatte er mich wirklich wieder fallen gelassen? Netter Typ, muss ich schon sagen.
"Ach." zischte ich genervt, nahm meine Füße selbst in die Hand und stand auf. Er wollte meine Schulter berühren, doch ich wich ihm schnell aus und musterte ihn mit meinen Augen, die ich zu Schlitzen zusammengezogen hatte.
"Ich brauch deine Hilfe nicht." zickte ich ihn an und drehte mich auf der Stelle um. Meine Zähne begannen zu klappern und ich spürte wie die Regentropfen meine Nase herunter tropften.
"Das sah mir heute Mittag aber anders aus." sprach er ruhig. Ich lachte ironisch auf. Zum Ersten Mal konnte ich ihn ernst nehmen, seit ich wusste wer er war. Seine Stimme war aufbrausend, provokant, jedoch auch auf eine mir unbeschreibliche Art und Weiße sanft, und beschützend. Schnell schüttelte ich den Kopf, woraufhin er mich schräg musterte.
"Warum steh ich hier eigentlich noch?" sprach ich mehr zu mir, als dass es eine Frage an ihn hätte sein sollen. Ich ging ein paar Schritte, jedoch wollte mein Kreislauf nicht so wie ich und mir kippten meine Beine weg, sodass ich nun gegen eine Hausmauer lehnte und fest die Augen zusammenkniff. Zeig keine Schwäche Melody, bloß keine Schwäche zeigen. Ich stieß mich von der Wand ab, drohte jedoch sofort wieder zur anderen Seite zu fallen. Und plötzlich spürte ich seine warmen Hände an meiner Hüfte. Es versetzte mir eine derartige Gänsehaut, dass es wehtat. Ganz nah an meinem Ohr flüsterte er
"Vielleicht, weil du garnichtmehr geradeaus laufen kannst."
Was bildet er sich eigentlich ein?
"Lass mich los!" rief ich und zappelte umher, doch je mehr ich versuchte mich zu währen, desto fester hielt er mich in seinem Arm. Ich brauchte und wollte seine Hilfe nicht. Als mich nach einer kurzen Weile meine Kraft verließ, sank ich wie in Zeitlupe immer mehr in seinen Armen zusammen.
"Sie ist weg." flüsterte ich immer und immer wieder. Ein beruhigendes
"pscht." kam von ihm, doch das machte die Situation auch nicht besser.
"Beruhig dich, es wird alles gut. Deiner Schwester geht es gut." hauchte er. Gerade als ich begriff, was er eben gesagt hatte, verließ mich meine Kraft letztendlich und meine Augen fielen zu.