Forest Spirit

By LeseMate

52K 2.6K 283

Cover Credits gehen an @Beyond_Borderland ! Danke für dieses fantastische Cover! ☪ Elian, der verfluchte Wald... More

Cover
Englische Version
Playlist
Chapter - 1
Chapter - 2
Chapter - 3
Chapter - 4
Chapter - 5
Chapter - 6
Chapter - 7
Chapter - 8
Chapter - 9
Chapter - 10
Chapter - 11
Chapter - 12
Chapter - 13
Chapter - 14
Chapter - 15
Chapter - 17
Chapter - 18
Chapter - 19
Chapter - 20
Chapter - 21
Chapter - 22
Chapter - 23
Chapter - 24
Chapter - 25
Chapter - 26
Chapter - 27
Chapter - 28
Chapter - 29
Chapter - 30
Chapter - 31
Chapter - 32
Chapter - 33
Chapter - 34
Chapter - 35
Chapter - 36
Chapter - 37
Chapter - 38
Chapter - 39
Chapter - 40
Chapter - 41
Chapter - 42
Chapter - 43
Chapter - 44
Chapter - 45
Chapter - 46
Chapter - 47
Chapter - 48
Chapter - 49
Chapter - 50
Chapter - 51
Epilog

Chapter - 16

1.1K 64 7
By LeseMate

Elian

Sanft umschloss Silvan meine Hand und verwebte unsere Finger miteinander. Er spürte meine Nervosität. Wahrscheinlich hörte er mein viel zu schnell schlagendes Herz.

»Du hast Angst«, stellte er fest.

»Ich habe keine Angst vor ihnen«, wisperte ich heiser. »Ich habe Angst vor ihrer Reaktion. Wie sie reagieren werden, wenn ich ihnen erzähle, was geschehen ist.«

Würden sie mich verurteilen? So wie es Kain erst getan hatte? Es war ihr Recht, dennoch wünschte ich mir das Gegenteil. Wünschte mir Umarmungen und Aufmunterungen, dass sie versuchen würden, Lösungen zu finden. Dass sie mich trotz allem liebten.

»Bist du bereit, es mir auch zu erzählen oder soll ich dich mit deiner Familie alleine lassen und draußen warten?« Geduldig sah er mich an. Er würde mir jeden Wunsch erfüllen.

»Nein, bleib bei mir.« Ich atmete zittrig durch. »Ohne dich werde ich kein Wort herausbekommen. Aber versprich mir nicht unnötig in dieser Vergangenheit zu stochern und versuchte mir diese Last nicht abzunehmen, denn das kannst du nicht. Ich will sie einfach nur vergessen und am besten kann ich das, wenn ich nicht daran erinnert werde.«

»Ich werde wahrscheinlich Fragen haben, aber ich werde mich zurücknehmen, das verspreche ich dir. Wenn du nein sagst, werde ich es akzeptieren. Aber wenn du okay sagst und mir eine Frage erlaubst, werde ich nur soweit fragen, wie du es möchtest. Eine Sache kann ich dir aber sagen, Elian.« Er drückte meine Hand. »Einfach vergessen wird dich nicht heilen.«

Meine Mutter sah noch einmal über ihre Schulter zu mir, bevor sie langsam die Tür öffnete, die direkt vom Thronsaal in das Nebenzimmer führte. Es war einem riesigen Wohnzimmer ähnlich.

Knapp nickte ich Silvan zu, ehe ich seine Hand los ließ. Eigentlich wollte ich weiterhin an ihm festhalten, um Mut in ihm zu finden, doch musste ich das für diesen Moment allein überstehen. Musste den Mut alleine fassen, ihnen gegenüber zu stehen und für die letzten Jahrtausende aufzukommen.

»Mutter, wieso wurden wir gerufen? Wir waren gerade mitten in einer wichtigen Trainingseinheit. Du weißt doch, wie wichtig das für die neuen Rekruten ist.« Melchiors Stimme löste ein wildes Flattern in meinem Bauch aus.

Ich musste mich stark zurückhalten, um nicht gleich in Tränen auszubrechen. Dennoch wurden meine Augen glasig. Erneut atmete ich zittrig ein.

Die Sehnsucht nach ihnen wuchs immer mehr. Ich wollte meine Geschwister in meine Arme schließen und nie wieder loslassen. Ich war verbittert darüber, dass ich mich nicht erinnern konnte und nicht zu ihnen zurückgefunden hatte. Ich verachtete mich dafür, dass ich sie in der Verzweiflung allein gelassen hatte, dass ich tot sei. Doch allem voran, hasste ich mich selbst, weil ich mich von der Dunkelheit hatte vergiften lassen.

»Uns wurde ein Geschenk gebracht, Kinder«, hauchte Mutter mit Tränen in den Augen und mit Emotionen bebender Stimme.

Sie drehte sich um und streckte liebevoll lächelnd ihre Hand zu mir aus. Ich trat ein — hinter mir Silvan, der versteckt hinter mir blieb.

Alle Augen richteten sich sofort auf mich. Ihre Gesichtszüge entglitten ihnen. Ihr Anblick löste unbeschreibliches in mir aus, und wahrscheinlich war es auch andersherum so. Meine Finger zitterten vor Aufregung.

»Elian?«, hauchte Phantenois fassungslos. »Bist du es?«

Seine weißen Haare trug er ihm selben Stil wie Silvan — gemacht, aber dennoch verwuschelt — und seine Augen waren schwärzer als die Nacht. Man sah kaum den Unterschied zwischen Pupille und Iride. Seine Haut war dunkel und ähnelte der unseres Vaters. Beide unterschieden sich vom Rest der blassen Familie.

Doch eine Sache hatte sich an ihm verändert, außer dass er etwas älter aussah. Waagerecht zog sich eine Narbe seinen Adamsapfel herunter, die unter seinem Oberteil verschwand. Ebenso wie er zwei Narben am Kinn und an eine Narbe an seiner Augenbraue besaß.

»Elian!«, kreischte plötzlich eine weibliche kindliche Stimme, ehe sich zwei kurze Arme um meine Hüfte schlangen.

Überrascht taumelte ich einen Schritt wegen des Stoßes gegen den unteren Teil meines Körpers zurück, und blickte nach unten. Selbst jetzt konnte ich sie erkennen. Sie hatte sich fast überhaupt nicht verändert. Ihre Züge wirkten zwar etwas älter, nicht mehr wie die einer Fünfjährigen, sondern nun wie die einer Zehnjährigen.

Doch sie trug ihre weißen Haare immer noch bis zu den Schultern. Auf ihrer Nase zählte ich unendlich viele Sommersprossen und unter ihren geschlossenen Lidern waren zwei hellblaue Augen, die meinen ähnelten.

»Esco«, krächzte ich und löste vorsichtig ihre Arme von meiner Hüfte, um in die Hocke zu gehen und ihr dann in die Augen zu sehen. »Du bist so wunderschön geworden, mein kleiner Greif.«

Kräftig schlang ich meine Arme um sie und vergrub meine Nase in ihrem Schopf. Tief atmete ich ihren Geruch ein, der sich nach all den Jahren noch immer nicht verändert hatte. Sie roch nach den Ställen der Yakule. Nach frischem Heu und Stroh, und Flieder.

»Wo warst du?«, brüllte sie auf einmal schrill, und vorwurfsvoll. Ihre kleinen Fäuste trommelten auf meine Brust ein. Die Schläge taten nicht weh, aber ihre Frage war das was schmerzte. Die sich in meine Brust brannte und mir unglaubliche Schmerzen zufügte.

»Mutter, Cajo, Mel und Gloria sagten, dass die bösen Dämonen dich von uns genommen haben! Ich habe ihnen nicht geglaubt. Du bist doch mein großer Bruder, wie hätten sie dich von uns nehmen können? Du bist abgehauen und hast uns einfach zurückgelassen! Du wolltest uns nicht mehr! Wir waren alle so traurig! Auch der blöde Klaus hat geweint!«

»Jetzt, wo du hier stehst, kann man dem Unsinn von Esco auch endlich Glauben schenken«, spuckte eine andere weibliche Stimme voller Zorn aus.

Leicht hob ich meinen Kopf und sah am anderen Ende des Raumes meine dritt jüngste Schwester. Ihre weißen Haare fielen ihr in feinen Locken über den ganzen Rücken bis zum Boden. Durch ihre violetten Augen sah sie mich scharf an.

Früher hatte sie immer — wirklich immer — ein verschmitztes Grinsen auf den vollen Lippen getragen, doch nun war dort eine Ernsthaftigkeit, die ich noch nie an ihr gesehen hatte. Ihre wahre Gestalt war ein Fuchs und doch war von ihrer Trickster Art nichts mehr zu erkennen.

Es schmerzte in meinem Herzen.

Ihre Arme waren ineinander verschlungen und ihre langen dünnen Beine waren wegen des kurzen Kleides freigelegt, genauso wie ihr Bauch frei von Stoff war. Sie war das, was man in der menschlichen Welt als perfektes Model ansehen würde. Sie glich der Beschreibung einer Elfe, mit einem verführerischen Aussehen.

»Chouett«, flüsterte ich.

»Ja, wo warst du?«, knurrte Melchior, der von seinem Sessel aufgesprungen war. Seine Hände waren zu Fäusten geballt hatte.

»Du hast dich für unser Wohl geopfert und brav den Köder gespielt? Ha, ich glaube es ja nicht. Glückwunsch, wir haben dich dank deines erfolgreichen Plans für tot gehalten. Und jetzt erlaubst du dir, hier aufzutauchen? Hier quicklebendig zu stehen und auf traurig zu machen? Was glaubst du eigentlich, wer du bist?!«, fauchte Gloria, von der ich ein solches Gefauche nicht kannte.

Sie löste sonst alles mit einer kalten Gefühllosigkeit, die mich einst immer beeindruckt hatte, doch nun war davon nichts zu sehen. Man sah das Entsetzen in ihren Augen, den Sturm an Gefühlen.

Schweigend ließ ich meine Augen über meine Geschwister gleiten.

Melchiors weiße Haare gingen ihm ein Stück über seine Schultern und ein Teil davon war an seinem Hinterkopf zu einem kleinen Knoten zusammengebunden. Seine silbernen Augen strahlten nur so vor Kälte und Wut. Wie Mutter gesagt hatte, trug er nun Narben. Eine große Narbe zog sich von seiner Stirn, über die Schläfe, entlang der Wange und seinen Hals runter, bevor sie unter seinem Oberteil verschwand. An seinem rechten Oberarm besaß er nun ein Tattoo, welches von hier wie ein Pegasus aussah — seine wahre Gestalt.

Gloria hatte genauso lange weiße Haare, die sie zu einem hohen Zopf gebunden hatte. Nur im Gegensatz zu seinen, waren ihre Augen in ein tiefes Dunkelblau getaucht. Auf ihr reines Gesicht war eine gewisse Härte gezeichnet, die ich schon von damals kannte, und gleichzeitig war sie mir so fremd. Denn da war noch irgendwas zusehen, das ich nicht entziffern konnte. Sie war ein weißer Phönix, was deutlich die hellen Flammen bewiesen, die um ihre geballten Fäuste tanzten.

Auf einem der Sofas saßen die Zwillinge — die ältere Amarylia und die jüngere Athanasia. Während Amarylia weiße Haare offen über ihren Hintern reichten, hatte Athanasia ihre geflochten. Beide besaßen sie dieselben dunkelblauen Augen wie Gloria und teilten sich die Gestalt eines weißen Einhorns.

Neben den beiden saß Balthasar, dessen weiße Haare länger und wild durcheinander gewuschelt waren, wie die Löwenmähne seiner wahren Gestalt. Und auch er besaß dieselben dunkelblauen Augen.

Gegenüber von ihm saß Casjopaia. Ihre langen, welligen weißen Haare trug sie zu einem geflochtenen Zopf zusammengebunden und ihre dunkelblauen Augen hielt sie gesenkt zum Boden. Auf ihrer Stirn zeichnete sich das Symbol einer blauen Spirale, welches ebenso in ihrer Drachengestalt auf ihrer Stirn prangte.

Und als letztes fiel mein Blick auf Klaudius, der einen schwarzen Mantel trug, der seine relativ kurzen weißen Haare versteckte. Jedoch sah man ein Stück seiner Haare, denn sein eines rotes Auge war von seinen Haaren überdeckt. Er hatte genauso dunkle Haut wie Phantenois und ähnelte von der wahren Gestalt Gloria. Klaus war ein weißer Donnervogel.

»Wo zur Hölle hast du dich versteckt? Hattest du irgendeinen verdammt beschissenen Grund nicht zurückzukehren? Da du scheinbar wirklich einen hattest, der dich daran hinderte, uns jedenfalls Bescheid zu geben, dass du lebst, warum bist du dann jetzt hier? Kommst jetzt hier angekrochen machst auf traurig. Und dann auch noch in Begleitung eines stinkenden Menschen. Warum verpisst du dich nicht einfach wieder dorthin, wo du hergekommen bist oder wo du dich nach deinem falschen Tod versteckt hast!«, rief Klaus zornig.

Ich zuckte zusammen, als die Erinnerungen wieder auf mich nieder preschten. Die Kette fing an meinen Brustkorb an zu brennen, hörte aber sofort auf, als ich Silvan einen Schritt näher kommen spürte. Sein Körper bebte hinter mir. Aber er versuchte sein Knurren zurückzuhalten.

»Ich würde meine Worte weise wählen, Klaudius«, knurrte Kain stattdessen. Er machte einen gewaltigen Schritt nach vorne und ließ seine Augen drohend aufleuchten.

»Dann soll Elian erklären, wo er verdammt nochmal abgeblieben ist!«, schrie er anklagend. »Er hatte uns doch einfach nur satt! Er hat die Chance genutzt sich bei dem Angriff aus dem Staub zu machen, damit er sich nicht mehr mit uns herumschlagen muss! Bestimmt wollte er einfach nichts mehr mit uns zu tun haben, weil wir so schrecklich anhänglich sind, weil Vater immer zu im Krieg war und dann gestorben ist und Mutter nur mit dem regieren zu tun hatte!«

»Klaudius!«, erhob Balthasar die Stimme und unser jüngster Bruder zuckte zusammen.

Er ließ sich aber nicht einschüchtern. Ganz im Gegenteil. »Was denn?«, bellte er. »Ich spreche doch nur das aus, was ihr alle gerade denkt! Wieso ist er sonst nicht zurückkommen, wenn er doch sichtbar lebt!«

»Dann lass es ihn doch erklären und beschuldige ihn nicht einfach...«, flüsterte Casjopaia leise — verletzlich.

»Trotzdem hat Klaus einen ziemlich guten Punkt aufgeschnappt«, feuerte Chouett mit rein. Spornte den Zorn von allen noch mehr an. »Vielleicht kam er auch einfach nicht zurück, weil er bei diesem Menschen oder Wolf bleiben wollte. Die Markierung an seinem Hals stinkt bis hier.«

Alle Augen richteten sich auf meinen Gefährten. Magie knisterte im Raum. Jeder meiner Geschwister — selbst diejenigen, die eigentlich nie ihre Stimme erhoben und normalerweise schüchtern und zögerlich waren — knurrten Silvan an.

Wie aus Reflex stellte ich mich schützend vor ihn und knurrte zurück. Die Finsternis in mir erwachte. Sie hassen dich. Sie wollen dich nicht. Du hättest nie zurückkehren sollen.

»Seht ihr? Er beschützt ihn auch noch!«, zischte Phantenois.

»Was ist das an deiner Brust, Elian?«, fragte plötzlich Amarylia leise, lenkte von den Vorwürfen und dem Geschrei ab. In ihren Augenwinkeln schimmerten Tränen.

Ich sah nach unten. Die Kette leuchtete. Angestrengt drängte ich die Finsternis zurück, ehe ich mich wieder auf meine Familie konzentrieren konnte.

Alexi hatte eine wirklich gute Arbeit geleitest. Ich war mir sicher, wenn ich diese Kette nicht tragen würde — auch wenn sie nicht annähernd so stark leuchtete, wie heute im Wald — dann würde ich mich hier und jetzt verwandeln. Ich würde sie alle gnadenlos angreifen. Ich wollte mir gar nicht erst vorstellen, was ich ihnen angetan hätte. Vor allem, was ich Nelantulis angetan hätte.

»Ich spüre eine starke Magie«, fügte Athanasia verwirrt hinzu.

»Sie beschützt mich«, sagte ich nach einigen Versuchen einen Satz anzufangen.

»Beschützen? Vor was muss denn der weiße Hirsch beschützt werden?«, fragte Gloria harsch und verschränkte ihre Arme. Als sie die Worte »weißer Hirsch« benutzte, verstärkte sich das Leuchten.

»Das ist eine wirklich starke Magie. Sie funktioniert wie ein... Käfig?« Casjopaia runzelte ihre Stirn. Wahrscheinlich probierte sie bereits in ihrem Kopf die Magie zu entschlüsseln. Aber sie fand mit ihrer Logik keinen Grund, warum gerade ich eine solche Magie bei mir trug.

Melchior wollte gerade wieder seinen Mund öffnen und nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, wollte er mich wieder mit seinen Wut getränkten Worten angreifen, doch unterbrach ihn Kain, bevor er überhaupt beginnen konnte.

»Jetzt halt doch mal endlich deine verdammte Klappe und lass es ihn erklären! Er ist euer gottverdammter großer Bruder! Ich weiß, wie sehr sein unerwartetes Auftauchen euch verwirrt und welche Gedanken es in eure Köpfe ruft. Ich war genauso! Aber hört ihm zu, bevor ihr urteilt. Ihr werdet es sonst noch bereuen.

»Jeder von euch hat ihn vermisst, dann zeigt ihm lieber eure wahren Gefühle und weint vor Freude, anstatt ihn mit Wut zu attackieren, die er nicht verdient hat! Und Klaudius, pass auf was du sagst. Euer Bruder liebt euch über alles und wäre niemals einfach so abgehauen.«

Ich hörte den Selbstvorwurf in seinen Worten. Seine Reue, dass er lieber mit Tränen, anstatt mit Wut reagiert hätte, als er auf mich traf. Er wollte diese Reue von meinen Geschwistern fernhalten, wollte sie nicht den Fehler begehen lassen.

Mein jüngster Bruder zog leicht seinen Kopf ein, genauso wie die anderen, die betroffen ihre Lippen aufeinander pressten.

Die erste, die sich regte war Casjopaia. Sie stand langsam auf und schritt zögerlich auf mich zu. Leicht legte sie ihren Kopf in den Nacken und sah mir in die Augen, in die mir Tränen stiegen.

»Ich habe dich schrecklich vermisst, mein geliebter Bruder.«

»Cas...« Sie schlang ihre Arme um mich und ich erwiderte die Umarmung stürmisch, und presste sie eng an mich. »Meine Casjopaia.«

Gerade als Casjopaia zur Seite trat und sich über ihre Augen wischte, sah ich bereits die Zwillinge hinter ihr.

»Du hast auch wirklich nicht deinen Tod vorgetäuscht?«, fragte die Ältere.

»Sowas würde ich euch niemals antun«, hauchte ich entsetzt. Wie konnten sie nur so von mir denken?

Und dann umarmten mich beide kräftig und schluchzten laut.

Danach folgten Balthasar, Phantenois, Gloria und Chouett. Sogar Chouett und Gloria hatten Tränen in den Augen. Einzig Melchior und Klaudius standen noch da und hatten wieder grimmige Miene aufgesetzt.

»Wenn ihr beide ihn nicht gleich umarmt, wird es was setzen«, knurrte Mutter neben mir. Sie war wütend, dass die beiden so voller Sturheit waren.

Melchior löste zögernd seine Arme und kam langsam auf mich zu. »Ich will für dich hoffen, dass dein gefälschter Tod einen triftigen Grund hatte«, sagte er, bevor er mich in seine kräftigen Arme zog.

»Es ist auch schön dich wieder zu sehen, Mel«, erwiderte ich scherzend.

Er klopfte mir noch einmal auf die Schulter, bevor er sich mit einem angespannten Gesichtsausdruck abwandte. Und dabei sah ich, wie er sich schnell über die Augen wischte.

»Klaus«, begann Mutter warnend.

»Nein, ist schon gut. Wenn er nicht möchte, dann braucht er es auch nicht. Ich werde ihn nicht zwingen. Obwohl ich ihn gerne wieder in meine Arme schließen würde«, sagte ich und sah wehleidig zu meinem jüngsten Bruder, der sich nun auf die Unterlippe biss, seinen Blick jedoch abwandte und keinen Anschein machte auf mich zuzukommen.

Seufzend schritt ich auf das freie Sofa zu und ließ mich sinken. Silvan setzte sich sofort neben mich und verschränkte unsere Hände miteinander.

Meine ganze Familie saß nun im Halbkreis vor mir und Kain stand an der Tür. Sein Gesicht Wut verzogen. Wut auf meine Geschwister, dass sie mir solche Vorwürfe machten, Wut auf Klaus Sturheit und Wut auf sich selbst, wegen seiner eigenen Reaktion.

»Ich...« Tief atmete ich durch. Sammelte nochmal Kraft, damit ich irgendwie anfangen konnte. »Als sich alle Dämonen bei den Angriff auf mich stürzten, als ich verletzt, von ihren Waffen durchbohrt, am Boden lag... da war es eure einzige Chance zu überleben, weil ich den Köder spielte.«

Gloria und Melchior schnaubten auf abfällig. »Wir hätten sie sicher auch so noch besiegen können. Wir sind nicht schwach«, knurrte Mel.

»Nein, das seid ihr nicht«, erwiderte ich lächelnd und senkte meinen Kopf. »Aber es waren zu viele. Wir waren verletzt und in der Unterzahl. Ihr beide solltet wissen, dass man nicht immer gewinnen kann und das konnten wir nicht. Unsere Chance zu überleben lag darin, dass ich sie ablenke, während ihr flieht.«

Ich hielt kurz meine Luft an. »Vor allem, weil sie es sowieso auf mich abgesehen hatten. Auf den weißen Hirsch. Auf keinen von euch.«

Stärkend drückte Silvan meine Hand und ich seufzte. Er war selbst angespannt, das merkte ich. Ich hatte ihm nicht alles erzählt und dieses Ausmaß wurde ihm nun gewahr. Auch er würde nun die volle Wahrheit der Grausamkeit erfahren.

»Ich sah noch eure Silhouetten, wie ihr zwischen den Bäumen verschwunden seid, ehe sie mir meinen Kopf abschlugen und ich in die Finsternis stürzte.«

Meine Hand glitt zu meinem Hals, wo die Narbe zu sehen war, und der Blick meiner Familie wanderte zu der Stelle. Sie hielten ihren Atem an.

»Ihr habt mich für tot gehalten und ich hatte gehofft, an der Stelle gestorben zu sein, denn als ich erwachte... war ich in einem Kerker angekettet.«

Ein paar meiner Geschwister schnappten nach Luft, während bei den anderen die Gesichter blasser wurden. »Einer der Dämonen besuchte mich über viele hundert Jahre und... folterte mich.«

Meine Stimme brach und der Druck von Silvans Hand schenkte mir Kraft. Seine Hände zitterten und seine Augen waren von Schock getränkt, dennoch blieb er an meiner Seite und schenkte mir das, was ich brauchte. Er suchte vielleicht auch nach dem Kontakt zwischen uns, ohne den er sonst verrückt werden würde.

Mutter hatte ihre Hände vor den Mund geschlagen und auch meine anderen Geschwister sahen nicht anders entsetzt und fassungslos aus.

»Meine Schreie... hallen noch immer in meinen Ohren... Und sein Lachen... seine Freude über meinen Schmerz...« Ich schluckte. Ich sollte und wollte das nicht weiter ausführen. »Nach einigen Jahrhunderten, erzählte er mir, dass ihr...« Die Erinnerung daran, ließ mein Herz sich zusammen ziehen und die Kette sich in mein Fleisch brennen.

»Was erzählte er dir über uns?«, fragte Casjopaia vorsichtig. Ihr Blick zuckte zu der Kette.

»Er erzählte mich, dass...« Erneut musste ich schlucken. »Dass die Walddämonen unser Volk und euch abschlachteten...«

Schockiert atmete meine Familie ein und Kain ballte seine Hände zu Fäusten.

»Er erzählte es mit so viel Detail, was sie—« Meine tränenden Augen landeten auf Esco, dann auf Mutter. Meine älteren Geschwister folgten meinem Blick fassungslos. »Ich schenkte ihm Glauben.«

Melchior öffnete seinen Mund, schloss ihn aber, als Gloria mit den Kopf schüttelte. Wahrscheinlich wollte er dasselbe sagen, was Kain gesagt hatte. Wie konnte ich nur glauben, dass sie sich so leicht töten ließen.

»Ich zerbrach und er drang in meinen Kopf ein. Die Barriere, die ich solange aufrecht erhalten hatte, zerbrach einfach, nachdem ich von eurem Tod hörte. Warum sollte ich auch ohne euch weiter leben?« Träge schüttelte ich meinen Kopf. »Doch am Ende war es nicht seine Stimme, die zu mir sprach.«

Du bist bereit, Elian. Du kannst es aussprechen. Du musst ihnen sagen, was du getan und welche Dunkelheit du an dich heran gelassen hast.

»Die Stimme versprach mir Macht, damit ich Rache für euch nehmen kann. Damit ich den Dämonen die Strafe erteilen kann, die sie verdient haben. Damit ich ihnen das antun kann, was sie euch angetan haben. Und ich ergriff seine Hand.«

Erschrocken japste meine Mutter, genauso wie Casjopaia und die Zwillinge. Meine anderen Geschwister entglitten noch mehr ihrer Züge.

»Ich verfiel der Finsternis und verwandelte mich in eine gnadenlose Bestie... Ich wandelte mich in einen von ihnen. In einen Dämon.« Ich kniff meine Augen zusammen, als würde es mir helfen, vor der Wahrheit zu fliehen.

»Auf meinem Weg schlachtete ich jeden Walddämonen ab, der mir in den Weg kam. Und dabei richtete ich so ein Blutbad an, dass ich wusste, dass ich schlimmer als jeder Dämon war. Ich bin der mächtigste Waldgeist und bin der Finsternis verfallen. Das Wesen, das daraus entstand... Es war kein Walddämon. Es war etwas viel Schlimmeres.«

Wütend auf mich selbst verspannte ich meinen Kiefer, der gefährlich knackte. »Nachdem ich keine Walddämonen zum töten mehr fand, streifte ich weiter durch die Wälder. Brachte sie mit meiner Kraft um. Saugte ihnen das Leben aus und tötete das, was ich liebe. Ich verlor mich immer weiter und so gingen auch meine Erinnerungen an euch und diese Welt verloren.«

»Aber wenn du dich in diese Bestie verwandelt hast und dann auch noch deine Erinnerungen verloren hast, wie kannst du dann hier sein? Wie kannst du, wieder du sein?«, fragte Phantenois zitternd.

Seufzend schloss ich meine Augen, bevor ich sie lächelnd öffnete.

»Kurz bevor ich ganz der Finsternis verfallen war, sah ich die blauen Augen einer Wölfin. Sie gehörten zu Silvans Mutter und sie hat mich, mithilfe von zwei Hexen, zurück ins Licht geführt.

»Kein Mensch hatte mich bis zu dem Zeitpunkt gesehen, nur sie. Und der Grund, wieso ich ausgerechnet sie auswählte war, dass sie eine solche Stärke ausstrahlte, dass ich wusste, sie würde es schaffen mich zurückzuholen. Sie und das Wesen, welches kurz darauf in ihr anfing zu wachsen. Dieses Wesen ist nun mein Gefährte.«

Ich sah zur Seite und lächelte Silvan an. »Jedoch erinnerte ich mich nicht, wer ich war oder woher ich kam. In den letzten Jahren lebte ich in der Welt der Menschen. Mehr unwissend, als wissend. Ich wusste, dass ich ein Waldgeist bin. Ich wusste für einen Teil, wie ich meine Magie nutzen musste. Aber das alles war ein so kleiner Bruchteil, dass es kaum meiner wahren Stärke würdig ist.«

Der erste schwierige Part war erzählt, nun begann der Zweite. Der, der sie wahrscheinlich noch mehr schockieren würde.

»Kurz vor Silvans achtzehnten Geburtstag verfiel ich dem Dämon erneut. Das ist erst ein paar Wochen her. Das einzige, was mich davon abhielt meinen Verstand ganz zu verlieren, war die Verbindung zu Silvan und Harper. Silvan befreite mich, doch seitdem... muss ich diese Kette tragen, die mich davon abhält, mich erneut zu verwandeln. Sie hält die Finsternis in einem Käfig.«

Ich wartete eine Minute, ehe ich fortfuhr. »Und da ist noch etwas, das seit meiner zweiten Verwandlung anders ist.«

»Was ist noch anders?«, fragte Balthasar atemlos, als wollte er nach dem Erzählten nicht noch mehr erfahren. Er rang mit sich selbst, diese Frage zu stellen, wusste aber, dass sie sein musste. Dass sie die ganze Wahrheit brauchten, um Klarheit zu bekommen.

»Ich altere wie ein Sterblicher.«

Continue Reading

You'll Also Like

82.3K 5K 29
Miles führt ein normales Leben. Er hat einen besten Freund und eine Familie, die ihn liebt. Eigentlich könnte er kaum glücklicher sein. Seine einzige...
7.2K 1.1K 34
Ein Verräter. Ein Verstoßener. Ein einsamer Wolf. - Der Dire Wolf. Jeon Jungkook trägt diese Namen wie Narben auf seiner Seele. Einst ein verängstigt...
563K 24.9K 45
(Abgeschlossen) Der nächste Alpha des Yellowstone Rudels ist seit sieben Jahren verzweifelt auf der Suche nach seiner Mate. Er reist kreuz und quer d...
37.9K 1.4K 24
Boyxgirl Die junge Tierfee Alex und ihr treues Seelentier Chip, eine Art fuchsartige Feuerpfote, leben gemeinsam in einem Dorf tief im Wald. Die v...
Wattpad App - Unlock exclusive features