Gerade als ich Ian ein frisches Tuch auf seine Wunde presste, das sich in einer eingenähten Tasche meines Kleides befunden hatte, wollte Sorcha an uns vorbeieilen. Diese blieb jedoch abrupt stehen, als sie uns erkannte.
"Lady Allana, Ian, seid Ihr wohlauf?", fragte sie besorgt.
"Ich bin unverletzt, aber Ian wurde beim Verlassen der Halle am Hinterkopf getroffen", erwiderte ich.
Auch wenn man Lady Sorcha die Strapazen der letzten Zeit anmerkte, änderte dies nichts an ihrer starken Ausstrahlung und ihrer stolzen Haltung. Glücklicherweise schien auch sie unverletzt zu sein.
Sie nickte leicht und winkte uns, ihr zu folgen.
Immer noch Druck auf die Wunde ausübend, zog ich einen leicht schwankenden Ian hinter mir her, bis wir in einen Raum mit einem Tisch, mehreren Betten und Sitzgelegenheiten traten.
Sofort führte ich meinen Begleiter zu einem der Stühle, um die Verletzung genauer in Augenschein nehmen zu können.
Wie alle Kopfwunden blutete diese stark und ich erblickte einen etwa streichholzlangen Einschnitt mit unregelmäßigen Rändern. Ian würde genäht werden müssen.
Mit der Zunge schnalzend presste ich eine unbefleckte Stelle meines Tuches auf die Verletzung und wandte mich an Sorcha.
"Er muss genäht werden. Habt Ihr zu diesem Zweck Utensilien hier?"
Die andere Frau war gerade damit beschäftigt, saubere Verbände auf dem Tisch bereit zu legen.
Sie nickte und machte sich an dem Schränkchen mit gläsernen Türen über dem Holztisch zu schaffen.
Währenddessen widmete ich mich weiterhin meinem Patienten.
"Ian, bitte schaut mich an!", forderte ich ihn auf.
Mit etwas glasigen Augen wandte der Angesprochene sich mir zu.
"Verspürt Ihr Kopfschmerzen, Schwindel oder Übelkeit?"
Mein Patient wollte nonverbal mit einem Nicken antworten, doch hielt stöhnen mitten in der Bewegung inne.
"Ja Mylady, mein Kopf brummt, die Wunde pocht und mir ist tatsächlich etwas schwindelig und schlecht."
"Bitte öffnet Eure Augen und versucht meinem Finger zu folgen", forderte ich Ian auf, um zu eruieren, wie schwer seine Gehirnerschütterung war.
Etwas langsam konnte er meinem Finger mit den Augen folgen, doch schloss diese anschließend sofort wieder stöhnend.
Einen kleinen Tisch zu mir heranziehend, brachte mir Sorcha eine Flasche Alkohol, eine Schüssel sowie Nadel und Faden. Anschließend fügte sie noch zwei saubere Tücher und Verbandsmaterial hinzu.
"Lady Sorcha, habt Ihr Honig hier?", wollte ich wissen.
Etwas verdutzt betrachtete mich meine baldige Schwägerin und verneinte dann.
"Aber ich kann gerne nach Honig aus der Küche schicken lassen", bot sie mir an.
Dankbar nickte ich und fügte hinzu: "Und lasst bitte auch noch eine Flasche Whisky bringen."
"Ian", forderte ich seine Aufmerksamkeit.
"Eure Wunde muss genäht werden. Sobald die übrigen Utensilien hier sind, werde ich damit beginnen", informierte ich ihn.
"Verstanden, Mylady", presste er hervor.
Als der Whisky und der Honig eintrafen, drückte ich Ian ersteren in die Hand: "Nehmt ein paar kräftige Schlucke davon."
Den Honig stellte ich auf den kleinen Beistelltisch und begann damit ein wenig Alkohol in die Schüssel zu geben, um Nadel und Faden zu desinfizieren und die Ecke eines Sauberen Tuchs darin zu tränken.
"Dann lasst uns beginnen, Ian. Das wird jetzt etwas brennen", warnte ich ihn, bevor ich mein Tuch wegnahm und begann die Wunde mit dem frischen Stoff und dem Alkohol zu säubern.
Mein Patient begann erst fürchterlich zu fluchen, nahm dann aber noch einen ordentlichen Zug aus der Whiskyflasche und biss die Zähne zusammen.
Ich beeilte mich so sauber und schnell wie möglich zu arbeiten, um ihm nicht unnötige Schmerzen zuzufügen.
Schon nach kurzer Zeit setzte ich den letzten Stich, verknotete den Faden und wischte das restliche Blut von Ians Haut.
Anschließend riss ich ein Stück von dem zweiten sauberen Tuch ab und drückte es auf die Wunde, nachdem ich die Naht mit Honig bestrichen hatte. So würde diese fürs Erste vor Verunreinigungen geschützt bleiben.
Zufrieden tätschelte ich Ian die Schulter: "Ihr habt es geschafft, tapferer Krieger."
Ich führte ihn zu einem der freien Betten, da ich aufgrund seiner Kopfverletzung noch eine Zeit lang ein Auge auf ihn haben wollte.
"Legt Euch hin und ruht Euch aus, Ian. Wenn der Schwindel oder die Übelkeit schlimmer werden, sagt bitte sofort Bescheid."
"Danke, Mylady", murmelte der Schotte und ließ sich sachte im Bett nieder.
"Ich danke Euch, Ian, dass ihr Kieran und mich aus der Halle begleitet habt. Wahrscheinlich hätte, was auch immer Euch verletzt hat, mich getroffen, wenn Ihr nicht gewesen wärt", sagte ich ihm und strich ihm über die Stirn.
Da kamen schon die nächsten Verletzten in den Raum und wurden von Sorcha auf die Stühle gelotst.
Voller Tatendrang schob ich die Ärmel meines Kleides hoch und machte mich ans Werk.
Nach der Behandlung von zwei Ausgerenkten Schultern, zahlreichen Platz- und Schnittwunden sowie der Versorgung von gebrochenen Fingern und Rippen auf Donald und Mackinnon Seite, lehnten Sorcha und ich am Holztisch und ließen unseren Blick über den Raum schweifen.
Vier Betten waren noch belegt und das Chaos auf den Beistelltischchen und dem großen Holztisch hinter uns wartete darauf, beseitigt zu werden.
Von Douglas, der seit kurzem am Krankenbett seines Bruders saß, hatten wir erfahren, dass die Schlägerei nun vorbei war und wohl epische Ausmaße angenommen hatte.
Dies würde auch den stetigen Strom an Verletzten erklären, den wir bis vor wenigen Momenten noch versorgt hatten.
Etwas erschöpft aber mit einem wohlig zufriedenen Gefühl in der Brust, sah ich grinsend zu Sorcha. Diese erwiderte meinen Blick mit einem verschmitzten und kameradschaftlichen Lächeln.
Zur Schmerzbehandlung hatten wir noch zwei weitere Whiskyflaschen kommen lassen, von denen die letzte Verbliebene noch halb gefüllt war.
Aus dem Regal rechts neben dem Tisch nahm ich zwei kleine Mischgläschen heraus und goss uns beiden einen fingerbreit ein.
Lachend nahm Sorcha ein Gefäß entgegen.
"Auf Prügeleien und Whisky am Morgen", toastete sie und stürzte die goldbraune Flüssigkeit in einem Zug hinunter.
Glucksend hob ich mein Glas und nahm einen kleinen Schluck, der mir wohlig die Kehle hinunterglitt und ein scharfes Brennen nach sich zog.
"Oh oh, Schwägerin, das müsst Ihr aber noch üben. Das bisschen Whisky trinkt man auf einmal", tadelte mich Lady Sorcha.
Leicht nach Luft schnappend antwortete ich: "Ich habe ja jetzt ein Leben lang Zeit mich zu verbessern."
Grinsend goss sie sich nach und füllte auch mein Gläschen auf.
"Und auf was trinken wir jetzt?", wollte sie von mir wissen.
Kurz überlegte ich und grinste sie dann an: "Auf verwegene Schwägerinnen, von der ich noch einiges lernen kann!"
Kichernd leerte sie ihr Glas und stellte es mit Nachdruck auf dem Holztisch ab, bevor sie mich auffordernd ansah.
Mit einem kleinen Seufzer mich meinem Schicksal fügend, stürzte ich den hochprozentigen Whisky hinunter. Hustend und wenig elegant stellte ich anschließend mein Gläschen neben ihres.
Nicht nur Lady Sorcha lachte bei meiner Reaktion auf das Getränk, sondern auch Douglas und Ian.
Letzterer jedoch etwas weniger stark als sein Bruder.
Grummelnd hustete ich noch ein wenig unterdrückt, während ich Lady Sorcha half das Chaos zu beseitigen.
Denn nur weil die Verletzten versorgt waren, hieß diese noch lange nicht, dass die Arbeit getan war. Nein, Schüsseln warteten darauf gesäubert zu werden, Tücher und Verbände mussten ausgekocht werden und der Tisch und die Beistelltischchen gereinigt werden. Und zwischendurch sollten wir immer wieder nach unseren Patienten sehen.
Als wir endlich fertig waren, zog ich mir einen Stuhl an Ians Bette neben den seines Bruders und betrachtete ihn eine Weile.
In Ians Wangen war mittlerweile wieder etwas Farbe zurückgekehrt und er klagte nicht mehr über Schwindel oder Übelkeit. Doch sein Kopf schien nach wie vor zu schmerzen, was ich an seinem Zusammenzucken bemerkte, als er sich mir zuwandte.
Leise lächelnd fragte ich: "Wie geht es Euch, Ian?"
"Schon besser, obwohl mir der Schädel immer noch ganz schön brummt."
"Ach, den Dickkopf haut nichts so leicht aus den Latschen", fortzelte Douglas, doch ich konnte neben einer gehörigen Portion Stolz auch leichte Sorge um seinen Bruder vernehmen.
"Könnt Ihr Euch bitte aufsetzen?", bat ich Ian.
Ergeben seufzend richtete sich dieser auf und rutschte dann auf seinem Lager nach hinten, um sich an der Wand anlehnen zu können.
"Ist Euch immer noch nicht schwindelig oder übel?", wollte ich erfahren.
"Nein, gar nicht mehr. Aber das hier erinnert mich an damals, als mich Douglas vom Baum geschubst hat und ich anschließend drei Tage bei schönstem Wetter im Bett verbringen musste."
Empört erwiderte der Beschuldigte: "Ich habe dich nicht vom Baum geschubst. Ich habe dich lediglich bei unserem kleinen Wettrennen zur Spitze ein wenig beiseite geschubst. Kann ich ja nichts dafür, wenn du so tollpatschig bist und ins Leere trittst, weil du den Ast nicht triffst!"
"Und was war damals, als du mich in den See geworfen hast. Ist das auch nur 'zufällig' passiert?", patzte Ian.
"Nein, das war die Vergeltung dafür, dass du mich bei unserem Großvater verpfiffen hast, dass ich seine Lieblingspfeife zerbrochen habe", gab Douglas ganz gelassen zurück.
Ich krümmte mich währenddessen schon vor Lachen auf meinem Stuhl.
Mir eine Träne aus dem Augenwinkel wischend, sagte ich: "Es scheint mir, Ihr beide hattet eine aufregende Kindheit."
"Was heißt hier Kindheit? Dass er mich in den See geworfen hat, ist erst ein paar Jahre her", erwiderte Ian, was Douglas ein Glucksen entlockte und mich in einen neuen Lachanfall stürzte.
"Ihr wart sicherlich eine Handvoll als Kinder", gab ich immer noch erheitert von mir.
"Oh ja, vor allem da wir noch einen Bruder und zwei Schwestern haben", informierte Douglas mich.
"Es war auf jeden Fall immer was los. Weißt du noch als Glenn, also unserem älteren Bruder, die Schweine ausgekommen sind? Es war ein regnerischer Tag und er kam von oben bis unten mit Schlamm beschmiert in die Stube. Großvater und Vater haben vor lauten Lachen kaum noch Luft bekommen, während Mutter einen Tobsuchtsanfall hatte, wegen seiner Kleidung und dem Dreck, den er in ihr sauberes Haus gebracht hat", erzählte Ian.
"Oh ja, oder als sich Isabell und Murin gegenseitig die Haare geschnitten haben? Die beiden zucken heute noch zusammen, wenn unsere Mutter mit dem Kochlöffel hantiert", wieherte Douglas.
"Lebt Eure Familie in der Nähe?", wollte ich immer noch kichernd wissen.
"Sie leben eine Tagesreise von hier entfernt. Glenn hat mittlerweile den Hof übernommen und eine unserer Schwestern ist bereits verheiratet", antwortete Ian.
"Und unser kleiner Wirbelwind Murine, ist noch zuhause. Wir müssen sie alle Mal wieder besuchen, wenn sich das Ganze hier ein wenig beruhigt hat", seufzte Douglas.
"Ja, Großvater ist nicht mehr der Jüngste...", murmelte Ian.
"Hört sich nach einer wirklich wunderbaren Familie an", lächelte ich.
"Oh ja, das wissen wir. Im Vergleich dazu was andere Familie schimpfen, haben wir echt den Hauptgewinn gezogen!", grinste Douglas.
"Ich sage nur drei Worte: Albtraum aus Rüschen", fügte Ian an.
Die beiden Brüder brüllten fast vor Lachen, hielten aber abrupt inne, als ihr Blick auf mich viel.
Betreten entschuldigte sich Ian: "Verzeiht, Lady Allana, ich wollte Euch nicht beleidigen."
"Aye", stimmte Douglas zu.
Glucksend winkte ich ab und versicherte ihnen: "Bitte nehmt meinetwegen kein Blatt vor den Mund. Mich verbindet keine sehr liebevolle Beziehung mit meiner Steifmutter und meinen Stiefschwestern. Und es ist ja nicht so, dass ihr die Unwahrheit sprecht."
"Ja, wenn der Schuh passt...", grinste Ian erleichtert.
Etwas verlegen aber keineswegs mehr angespannt, lächelte mir auch Douglas entgegen.
Da vernahm ich ein Räuspern hinter mir.
Gespannt blickte ich mich um und sah Sorcha, die uns mit neugieriger Miene betrachtete.
"Bitte verzeiht die Unterbrechung, Lady Allana. Ich wollte fragen, ob Ihr mich in den Damensalon begleiten wollte. Dort sind Tee und etwas Gebäck angerichtet."
"Vielen Dank, Lady Sorcha, ich begleite Euch gerne", freute ich mich über ihre Einladung.
"Da Ihr Euch augenscheinlich auf dem Weg der Besserung befindet, Ian, könnt Ihr gerne das Bett hier verlassen. Aber bitte ruht Euch heute noch aus und schont Euch auch die nächsten Tage. Sollte der Schwindel und die Übelkeit wieder auftreten, lasst nach mir schicken. Ich werde heute Abend nochmal nach Euch sehen und Euch Weidenrindentee mitbringen gegen die Schmerzen", sagte ich zu meinem Patienten.
"Und Ihr achtet bitte auf ihn, Douglas", wies ich seinen Bruder an.
"Jawohl, Mylady", kam es im Chor.
Zufrieden erhob ich mich und ließ meinen Blick noch über die anderen, verbliebenen Verletzten schweifen, bevor ich Lady Sorcha aus dem Raum folgte.
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Hallo meine Lieben, ich hoffe ihr hattet trotz der momentanen Umstände einen guten Start in die Woche!
Heute bin ich leider nicht eher dazu gekommen ein neues Kapitel zu posten, ich hoffe ihr vergebt mir ;)
Passt weiterhin auf euch auf und bis nächsten Montag.
Eure
love_to_read2014