ein Monat später
„Anne? Anne! Hey Anne! ANNE!"
Das Licht des aufgeklappten Laptops leuchtet auf das Gesicht der jungen Frau. Sie liegt mit ausgestreckten Gliedmaßen auf ihrem Bett und schläft, den Laptop neben sich. Nun rührt sie sich ächzend und zwingt sich, die Augen zu öffnen und nachzusehen, wer nach ihr ruft. „Niall?" Verschlafen reibt Anne sich über das Gesicht und wirft einen Blick auf die Uhr. Es ist dreiviertel Acht. Stöhnend wendet sie sich wieder dem Iren zu. „Weißt du eigentlich, wie früh es bei mir ist? Es ist noch dunkel draußen. Nach knapp etwas mehr als einem Monat könntest du über die Zeitverschiebung zwischen Australien und Groß Britannien Bescheid wissen."
Die Bemerkung lässt Niall jedoch kalt. „Wir sitzen gerade im Bus und fahren in Richtung Melbourne. Vorhin machten wir einen Stopp bei Nandos und aßen dort zu Mittag. Weißt du eigentlich, dass Nandos mein - "
„Ich weiß, dass Nandos dein Lieblingsrestaurant ist. Und bitte hör auf, von Essen zu reden. Mir wird schon schlecht", unterbricht Anne ihn und springt im selben Moment vom Bett und sprintet ins Bad. Kurz darauf hört man die Klospülung und den Wasserhahn. Dann taucht Anne wieder am Bildschirm auf und wischt sich erschöpft über den Mund.
„Alles in Ordnung?" Niall sieht sie besorgt an.
Das Mädchen winkt nur ab. „Ich hab wohl heute Nacht etwas mit dem Feiern übertrieben. Aber jetzt ist mir leichter. Was gibt's sonst für Neuigkeiten?"
Niall holt tief Luft und erzählt von den letzten Konzerten (inzwischen ist es die fünfte Version, die Anne davon hört) und davon, was sie heute alles gemacht haben.
„...und das Känguru ist dann noch einmal auf ihn losgegangen!"
Nun schiebt sich Louis ins Bild und drängt Niall auf die Seite. Er hält seinen linken Oberarm vor die Kamera. „Siehst du das, Anne? Es hat mir einen blauen Fleck verpasst! Diese Viecher sind verdammt schnell..."
„Du hättest es ja auch nicht unbedingt so provozieren müssen, Lou", kommt Harrys Stimme aus dem Hintergrund.
Anne schmunzelt.
Dann schubst Niall Louis wieder weg und fragt das Mädchen: „Was hast du eigentlich aufgeführt, dass du dich übergeben musstest? Hast du nicht mal erzählt, dass du dich nie übergeben musst, wenn du etwas getrunken hast? Außerdem habe ich mit dir auch schon mal geskypt, da warst du komplett zu und hast trotzdem besser ausgesehen als jetzt."
Das Mädchen stützt den Kopf auf die Hände und versucht, die aufkommende Übelkeit zu unterdrücken. „Ich bin gestern Abend mit Mercedes, Matt und Jack in einen Club gegangen. Es war eine Zeit recht lustig dort, aber dann sind die zwei Männer abgehauen und auch Merci hat sich einen Typen geangelt."
„Du nicht?" Harry setzt sich neben Niall.
Anne schüttelt den Kopf. Und bereut es sogleich wieder, da sich alles um sie zu drehen beginnt. „Nein, ich war nicht in Stimmung dafür. Ich wollte eigentlich einen netten Abend mit meinen Leuten verbringen, aber als die dann alle weg waren, blieb mir nur noch die Bar. Der Barkeeper war sogar ziemlich nett. Er hat mir die Hälfte meiner Drinks spendiert."
„Und die andere Hälfte?" Harry sieht sie fragend an.
Anne legt den Kopf schief und überlegt. „Die haben mir so Typen spendiert, mit denen ich, ähm, was war das noch schnell... Wir hatten eine Wette am Laufen, ob einer von ihnen oder ich mehr vertragen würde."
„Und?" Harry sieht sie ungeduldig an.
Aber Anne zuckt mit den Schultern. „Ich weiß nicht, wer gewonnen hat. Ich kann mich ja nicht mal mehr daran erinnern, dass ich überhaupt heimgekommen bin. Und warum mein Laptop die ganze Zeit aufgedreht war. Ich hab auch keine Ahnung, ob ich mir selber den Pyjama angezogen hab, oder ob mir dabei jemand geholfen hat, ob mich jemand nach Hause gebracht hat!"
Lachend lehnt Harry sich wieder zurück. „Ich hatte auch mal so einen Filmriss. Nachher wurde mir erzählt, dass ich stundenlang mit einer Katze gequatscht habe. Das hätte ich gerne mitbekommen..."
Annes Lippen verziehen sich zu einem leichten Lächeln. „Wo sind denn die anderen? Zayn und Liam?"
„Ich bin hier und Zayn schläft!", meldet sich Daddy-Direction zu Wort, allerdings taucht er nicht am Bildschirm auf.
Das verwundert Anne. „Warum darf ich dich nicht sehen, Liam?"
Anstelle von Liam antwortet Harry - mit einem fetten Grinsen auf den Lippen. „Er war gerade duschen und ist im Moment nur mit einem Handtuch bekleidet. Aber hey, Anne! Freust du dich schon, wenn wir übernächste Woche wieder nach Hause kommen?"
Die Dunkelhaarige überlegt kurz, bis sie schließlich antwortet. „Ja, ich denke schon. Dann werde ich wenigstens nicht mehr mitten in der Nacht aufgeweckt, weil sich jemand nicht an die Zeitverschiebung erinnern kann." Sie funkelt Niall böse an.
Harry lacht nur. „Nun gut, dann lassen wir dich jetzt lieber wieder weiterschlafen. Du siehst echt scheiße aus und brauchst deinen Schönheitsschlaf ziemlich dringend!"
„Vielen Dank, Harry. Du bist sehr charmant."
„Ich weiß. Und jetzt schlaf. Wir sehen uns sowieso bald wieder!"
„Ciao, Jungs. Viel Spaß noch in Wo-auch-immer-ihr-gerade-seid!", verabschiedet sich Anne mit demselben Spruch, den sie schon das ganze letzte Monat benutzt hat, wenn sie sich nach dem Skypen von den Jungs verabschiedete.
~*~
Nachdem ich mich von den Jungs verabschiedet habe, schließe ich den Laptop und vergrabe meinen Kopf im Polster. Ich habe das Gefühl, meine Birne platzt und ich muss mich gleich wieder übergeben. Warum habe ich nur so viel puren Wodka getrunken? Und dann noch Tequila und Whisky und ich weiß nicht, was noch alles. Wenn ich normalerweise so viel trinke, dann auf eine ganze Nacht verteilt, mit anderen Mixgetränken vermischt. Aber nicht innerhalb einer halben Stunde (wenigstens kann ich mich noch an diese halbe Stunde erinnern).
War ich wirklich so am Boden zerstört, weil mein Cousin, sein Mann und meine beste Freundin mich allein gelassen haben?
Nein, das war sicher nicht der Grund. Ich bin auch schon öfters alleine weggegangen und hatte niemanden, den ich kannte.
Wenn ich so recht überlege, kommt mir nur ein Grund in den Sinn. Oder besser gesagt, fünf Gründe. Und diese Gründe befinden sich im Moment in einem Bus irgendwo am anderen Ende der Welt. Kann man jemanden vermissen, den man eigentlich gar nicht wirklich persönlich kennt? Anscheinend.
Seit die Jungs in Australien unterwegs sind, skypen wir so ziemlich jeden Tag. Entweder alle zusammen oder ich skype nur mit einem von ihnen. Ich habe inzwischen ziemlich viel von ihnen erfahren (nicht nur von Harry und Louis). Sie erzählen mir auch immer gern von ihrem Tag, den Konzerten und den Fans. Liam, Louis und Zayn musste ich schon öfters trösten, da sie ihre Freundinnen vermissen. Niall und Harry präsentieren mir auch immer stolz die Unterwäsche, die ihnen auf der Bühne zugeworfen werden (Das verstehe ich nicht ganz: Ziehen sich die Mädchen bei der Show aus oder nehmen sie schon extra von Zuhause zusätzliche Wäsche mit? Und was soll das bringen, dass man jemandem Fremdes seinen BH oder sein Höschen zuwirft? Das ist doch ekelig...).
Im Gegenzug erzähle ich ihnen von der Uni. Das Studium gefällt mir wirklich total gut, teilweise ist es vielleicht etwas stressig mit den Vorlesungen, aber es macht mir Spaß. Zum Glück ist meine Stimmbandentzündung auch gut abgeklungen, es fiel mir zwar schwer, nur das Nötigste zu sprechen, aber irgendwie schaffte ich es doch. Jetzt darf ich wieder ohne Einschränkung singen, das ist das Wichtigste.
Inzwischen habe ich auch schon meine Wohnung fertig eingerichtet. Nachdem ich etliche Möbel rausgeschmissen hatte, kam mir die Wohnung auch nicht mehr so klein vor. Sie ist eigentlich sogar ziemlich groß. Daher habe ich jetzt auch genug Platz für meine persönlichen Gegenstände. Die Wand hinter der Couch im Wohnzimmer schmückt nun meine Gitarrensammlung (Oh, wie ich meine Babys doch liebe!!), außerdem habe ich überall Fotos von mir, meinen Schwestern, Matt und Jack, Mercedes und den Jungs aufgehängt.
Ich bekam es zwar nicht mit, aber einer der Jungs hatte damals am Strand eine Kamera mit und sie schossen abwechselnd jede Menge Fotos. Meine beiden Lieblingsfotos vom Strand hängen über meinem Bett. Das eine zeigt Liam und mich am Steg sitzend, man sieht nur unsere dunklen Umrisse und vor uns das Meer und die untergehende Sonne. Das zweite haben sie gemacht, als ich vor Niall eingeschlafen bin. Man sieht mich lächelnd zwischen Niall, der mit der Gitarre spielt, und dem Lagerfeuer liegen, im Hintergrund wieder das Meer, in dem sich inzwischen der Mond spiegelt. Die Fotos sehen ziemlich kitschig aus, aber sie lösen ein wohliges Gefühl in mir aus. Ich hatte an dem Tag so viel Spaß und war so unglaublich glücklich - obwohl ich die Jungs überhaupt nicht kannte.
Seufzend drehe ich mich auf den Rücken und betrachte die zwei Bilder. Übernächste Woche würden sie wieder zurück nach London kommen. Ich freue mich schon, sie wieder in Echt zu sehen, andererseits jedoch frage ich mich, ob unsere Beziehung in Echt auch genauso sein wird wie über Skype...
Das Geräusch von Schritten lässt mich wieder herumfahren. In der Tür steht Mercedes, mit verschlafenem Blick und verrutschtem XL-Shirt greift sie sich in die hellbraunen Haare und versucht, sie zu ordnen. „Schon munter, Anne? Du hast doch gerade mal zwei Stunden geschlafen?!" Merci schlurft zu meinem Bett und lässt sich neben mir nieder.
Langsam setze ich mich auf, darauf bedacht, mit meinem Kopf keine ruckartigen Bewegungen zu machen. „Was war denn los? Hast du mich heimgebracht?"
Merci nickt. „Ja, der Typ, den ich heut Nacht mit nach Hause genommen habe, taugte nichts und ich schmiss ihn nach einer Stunde wieder raus. Da dachte ich mir, ich fahre zurück in den Club, kam tatsächlich aber erst nach zwei weiteren Stunden dort an - es gab einen Mega-Stau wegen einem Unfall. Als ich dann endlich wieder dort war, warst du schon stockbesoffen. Mädchen, du hast knapp drei Stunden durchgetrunken! Der Barkeeper meinte noch, du hättest nach der ersten halben Stunde schon abgeschalten und hättest nicht mehr mitbekommen, was die Typen dir einflößten. Du kannst von Glück sprechen, dass er wenigstens ein Auge darauf geworfen hat, dass sie dir kein Mittel unterjubelten. Ich konnte schon von weitem sehen, dass du nicht mal mehr das Glas selbstständig halten konntest, also brachte ich dich nach Hause. Übrigens hättest du mir fast ins Auto gekotzt. Irgendwie hast du es dann doch noch hinuntergeschluckt. Aber dich über die Stiegen in den dritten Stock zu zerren, das tu ich mir nicht noch ein zweites Mal an. Da lasse ich dich noch eher betrunken am Gehsteig liegen, das sage ich dir! Nachdem ich dir in den Pyjama geholfen habe - nein, das ist falsch. Nachdem ich dir den Pyjama angezogen habe, hast du beschlossen, noch etwas an deinem Laptop zu machen. Ich merkte noch, dass du ihn aufdrehtest, dann ging ich raus und machte mich selbst bettfertig - ich habe mir übrigens einfach ein Shirt aus deinem Kasten genommen. Dann hörte ich dich schon schnarchen, aber eigentlich habe ich angenommen, dass du bis am Abend schläfst?!"
Ich deute auf den Laptop. „Niall hat mich angerufen. Ich habe den Laptop wohl nicht abgedreht. Aber bei mir dreht sich schon wieder alles. Warum schreist du eigentlich so?"
„Annie-Schätzchen, ich schreie nicht. Du bist nur noch lang noch nicht nüchtern. Leg dich wieder hin und schlaf, ich bleibe bei dir, bis du wieder halbwegs normal denken kannst. Zum Glück ist ja heute Samstag und wenn du willst, kann ich auch noch bis Sonntag bei dir schlafen. Aber jetzt mach die Augen zu."
Ich gehorche meiner Freundin, lasse mich zurück in die Kissen sinken, verfluche nochmals den Alkohol, schließe die Augen und bin sofort wieder weg.