Wir hatten Schulschluss und ich lief in Richtung Eingang des größten und teuersten Warenhaus Londons. Mit goldener Schrift prangte über den Eingang 'Harrods' und ich schritt in den Aufzug hinein.
Ein reiches Ehepaar stand neben mir, welches skeptisch mein Outfit beäugte. Ich drückte einen der goldenen Knöpfe, um in die Damenabteilung hoch zu fahren.
Ich ging selten alleine raus, wahrscheinlich sollte ich dies öfters tun. Ich hatte sowieso keine andere Wahl. Wen sollte ich schon mitnehmen?
Zum Anlass des Bloodchess wollte ich mir unbedingt ein schönes Kleid kaufen. Ich hatte schon eine tolle Version im Kopf, jedoch hatte ich da noch nicht dieses Kleid gesehen.
Ein schwarzfarbenes rückenfreies Kleid mit Schlitz blühte nur vor Eleganz und Luxus an einem der Schaufensterpuppen. Der Stoff war aus Samt und wurde mit einem Neckholder geschlossen. Bunte Wendepailletten schmückten das Kleid und brachten es zum strahlen. Es war bodenlang und enganliegend.
Mit zügigen Schritten lief ich auf das Kleid zu ohne es auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen.
Nach dem Kleid an den Ständern suchend, blickte ich mich um, fand jedoch nichts.
"Entschuldigung.", sprach ich eine Angestellte an.
"Ja?", lächelte sie mir entgegen.
"Wo finde ich dieses Kleid hier?", fragte ich auf das Kleid hin deutend.
"Das ist leider schon ausverkauft.", sprach sie bedauernd aus.
"Welche Größe hat dieses Kleid?", fragte ich entschlossen und deutete wieder auf das Kleid an der Schaufensterpuppe.
"Ich vermute Größe 38, wieso?", fragte die Angestellte leicht verwirrt.
"Einmal zum mitnehmen, bitte.", antwortete ich.
"Aber Miss das Kleid kostet 4.300€", erklärte sie mir, als wäre ich dumm und ich öffnete mein volles Portmonee, um ihr zu zeigen, dass ich das ernst meinte.
"Möchten Sie es vielleicht davor noch anprobieren?", fragte sie mit einem falschen Lächeln.
"Nein, ich warte an der Kasse.", behauptete ich und ging an ihr vorbei.
Grinsend wartete ich auf meinen großartigen Fund, der in einem Stoff eingehüllt in einer großen Tüte verpackt ankam. Mit meiner schwarzen Bankkarte zahlte ich und schritt beschwingt die Treppen hinunter.
Manchmal muss man sich selber auch mal was gönnen.
Auf einmal hörte ich das Klicken von Kameras und sah überrascht, wie sich ein paar Paparazzis den Weg zu mir frei machten.
"Scheiße.", flüsterte ich und setzte meine Sonnenbrille auf die Nase, um im nächsten Moment auf den Fahrstuhl zu zu rennen und auf den Schließknopf zu Hämmern.
"Komm schon... Komm schon..", flüsterte ich frustriert, als die Pressefotografen mich schon fast erreicht hatten.
Im letzten Moment ging jedoch die Tür zu und ich lehnte mich erleichtert gegen die Fahrstuhlwand.
Wie konnte es sein, dass sie mich erkannt haben? Da bemerkte ich erst, dass ich noch nicht in der Stadt so wirklich rumgebummelt war. Wie oft war ich überhaupt außerhalb vom Internat?
Mein Dad war bestimmt schon viel herumgekommen. Ich sollte mal mehr Zeitschriften lesen oder Nachrichten gucken.
Das war heute knapp gewesen. Ich musste nächstes Mal mehr auf der Hut sein. Argh. Wie ich es hasse, wenn die mich verfolgen. Kann man nicht seine Ruhe haben? Warum der ganze Stress, nur für Fotos und unangenehme Fragen?
Die Fahrstuhltür öffnete sich wieder und ich blickte um die Ecke.
Na super.
Ich befand mich im Parkhaus. Wie soll ich hier nur unbemerkt verschwinden? Im Fahrstuhlspiegel richtete ich meine Haare und meinen Schal so, damit sie mein Gesicht etwas verdeckten.
Unauffällig machte ich mich auf den Weg zu den Fahrausgang. Ich ging an viele teure Autos vorbei und hoffte, dass niemand mich sehen würde, doch das wäre doch zu einfach gewesen.
"Ist sie das?", rief jemand und ich zuckte augenblicklich zusammen.
Schnell hinter den Autos duckend, erblickte ich die Füße von zwei Männern und einer Frau. Soll das jetzt deren Ernst sein?
So spannend bin ich nun auch nicht. Schließlich ist mein Vater 'nur' einer der berühmtesten Schauspieler der Welt, wobei ich das immer versuche zu verdecken. Für mich ist er einfach nur der beste Vater der Welt, ohne das berühmte davor.
"Sie ist dort lang!", rief ein Typ und ich hörte Schritte von rechts näher kommen.
Geduckt lief ich in die entgegengesetzte Richtung, wobei ich versuchte nicht laut zu fluchen, da der Ausgang sich an der anderen Seite befand.
Ich fühlte mich wie in einem Actionfilm, in der Szene wo man verfolgt wurde. Meine fette Tüte nervte mich nach einiger Zeit und ich versuchte sie einfach zu ignorieren.
Ein Knacken ertönte neben mir. Ich hielt inne und blickte unter das Auto. Genau gegenüber befand sich eine Person. Etwas weiter vor mir ertönte das Brummen eines Motors und ein Audi R8 fuhr aus dem Parkplatz heraus.
Ich handelte schnell und rannte auf mein Lieblingsauto zu, um im nächsten Moment die Beifahrertür zu öffnen und in das Auto reinzuspringen. Mit einem Knall schlug ich die Tür zu und schmiss meine Tüte auf die Rückbank.
Mit an Hoffnung geklammerter Verzweiflung musste ich überrascht feststellen, dass es sich um Will handelte, der in diesem Auto saß.
Er starrte mich sprachlos an und jemand rief: "Miss McCain!", durch das Parkhaus, was uns in die Gegenwart zurückbrachte.
"Fahr! Los!", forderte ich Will auf und drückte mich in den Sitz hinein.
Er kam meiner Bitte nach und fuhr schnell an den Paparazzis vorbei, die gehetzt zur Seite sprangen und es trotzdem schafften ein paar Fotos abzudrücken.
Das geile Auto raste aus dem Parkhaus und wir fuhren zurück in Richtung Internat.
In Geschmack von Fahrzeugen finde ich persönlich hatte Will einen besseren Geschmack als Tyler. Warteee mal.
Vergleiche ich gerade ernsthaft Will und Tyler miteinander?!
Hör auf Mila! Fokussier dich lieber auf wichtigere Sachen.
"Miss McCain also?", ertönte Will's Stimme plötzlich, die mich aus meinen Gedanken riss und ich sah ihn verwirrt an.
"Wie bitte?", fragte ich stirnrunzelnd, wobei ich wahrscheinlich echt blöd aussah.
"Ist dein Vater zufälligerweise der McCain?"
"Ja, der McCain.", betonte ich nochmals und verdrehte die Augen.
Will schmunzelte und ich starrte ihn vermutlich zu lange an, da er sich mir zuwandte, als die Ampel sich auf rot änderte.
"Was ist?", fragte er.
Seine Augen schienen im Licht besonders und mir fehlte der Atem.
"Du hast da eine Wimper.", fiel mir das Erstbeste ein, was ich sagen konnte, um ihm nicht mein Starren erklären zu müssen.
"Wo?"
"Warte.", erwiderte ich und strich unter seinem Auge entlang, wo sich wirklich eine verirrte Wimper befand. Wieso ist seine Haut so weich?
Will ließ mich keine Sekunde aus den Augen, was mich deutlich nervös machte. Die Wimper fiel mir aus der Hand und, seine Wange entlang, auf seine Nase.
"Eine Sekunde noch.", flüsterte ich und die Wimper fiel mir noch einmal runter.
"Ähm."
"Ja?", fragte er und ich könnte mich in seinen Augen verlieren.
"Die Wimper ist auf deine..", erwiderte ich undeutlich und zeigte auf meine Unterlippe.
"Hier?", fragte Will und fuhr an der falschen Stelle mit seiner Hand entlang.
"Nein, da.", berührte ich seine weiche Lippe und nahm die Wimper zielsicher.
Stolz präsentierte ich ihm seine lange Wimper und grinste.
"Wünsch dir was.", sagte ich und hielt ihm die Wimper hin.
Will grinste mich belustigt an, schloss die Augen und pustete die Wimper von meinen Fingern.
Als er seine Augen wieder öffnete, blickte ich immernoch auf seine Lippen. Wie gern ich...
Das laute Hupen der Autos ertönte hinter uns.
Verflucht! Was mache ich da eigentlich?!
Unsere Blicke richteten sich schnell wieder auf die Straße und Will fuhr hastig an der grünen Ampel weiter.
Die Stimmung war angespannt, wie ein gespannter Faden, der dem Zerreißen nahe stand und niemand von uns beiden dessen Grenze austesten wollte.
Will sprach kein Wort mehr mit mir und ich hing meinen durcheinandergebrachten Gedanken den Rest der Autofahrt hinterher.