Die Drachenjäger

By Taloin

1.7K 191 10

Die Legende besagt, dass in den Bergen von Rott ein Drache haust, welcher einen sagenumwobenen Schatz von une... More

Teil 1
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 6
Teil 7
Teil 8
Teil 9
Teil 10
Teil 11
Teil 12

Teil 2

168 20 0
By Taloin

Der Schatten ihm gegenüber hieß Evernon und war noch jung an Jahren. Kleidung und Gesten unterschieden ihn deutlich vom einfachen Volk. Auch seine Sprache wies auf eine Erziehung hin, die nur den höheren Ständen vorbehalten war. Sein Gesicht war sauber wie sein Wams, ansonsten eher nichtssagend.
"Ich glaube auch nicht jedem Bettler, der mir für einen Schilling eine unterhaltsame Geschichte unterbreiten will. Doch was den Drachen von Rott angeht, so halte ich die Legenden für wahr."
Cullmoran blickte ihn finster an, während er begann, sich ebenfalls eine Pfeife zu stopfen.
"Tut ihr das?"
Evernon quittierte den abfälligen Tonfall des Kriegers mit einem spitzbübischen Lächeln.
"Ich habe mich lange Zeit mit solchen Dingen nicht mehr beschäftigt. Doch meine Meinung bezüglich dieser Frage hat sich kürzlich grundlegend verändert."
"Und ihr wollt mir davon berichten, nicht wahr?", brummte Cullmoran gelangweilt und drehte sich um. Die Feierlichkeiten waren vorbei, und all die stinkenden Kerle schleppten sich gegenseitig volltrunken aus dem Gasthaus. Von draußen rauschte bei jedem Öffnen der Tür ein kalter Windstoß hinein.
Sie geben den Geistern Einlass, dachte Cullmoran.
"So tut euch keinen Zwang an und erzählt mir vom Drachen in den Bergen Rott. Ich kann sowieso nicht mehr schlafen."
Und so begann Evernon zu erzählen, und während er das tat, schien sich um Cullmoran herum das Wirtshaus zu verkleinern und zu verdunkeln.

"Vor einem Jahr vollendete ich meine Studien in der Hauptstadt und stand vor der Frage, was ich nun mit meinem Leben anzufangen gedachte. Mir hatte es nie an etwas gemangelt und somit kannte ich den Verdruss und das Leid der Straße nicht. Trotzdem fehlte mir ein Ziel. Zum Soldaten war ich nicht geboren, für einen Kaufmann zu verträumt und das Ausüben eines Handwerks wäre in den Augen meiner Eltern nicht standesgemäß gewesen.
Also fand ich meine letzte Zuflucht im Kloster der Draconiter auf den Inseln vor der südlichen Küste. Ich hatte beschlossen, mit meinen Fähigkeiten als Schreiber und Forscher wenigstens einen kleinen Teil zur besseren Erkenntnis in dieser Welt beizutragen. Meinen Glauben sollte der Aufenthalt nicht aufpolieren
Mein Verhältnis zu dem hilflosen Flehen der Menschen an diejenigen, welche sich in unseren schlimmsten Tagen nicht zeigen, war zu gespalten. Mit der Zeit begann ich mich sogar zu fragen, ob die geschuppten Halbgötter, welche die Draconiter anbeteten, überhaupt jemals existiert hatten. Ich wurde von meinen Brüdern oftmals gescholten, war aber als Schreiberling unersetzlich, und auch ein frommes Kloster muss weltliche Aufgaben erfüllen.
Ich arbeitete fleißig, doch ließ mich der Gedanke an die Drachen nicht los. Niemand von den Oberen wollte mir mehr auf meine Fragen antworten, was mich sehr enttäuschte. Versteht mich nicht falsch, ich verspottete ihren Glauben nicht und sie duldeten mich, den Zweifler. Man betrachtete mich als einen Verirrten, der noch zum Drachen finden würde. Die Lektionen würden friedfertige Anleitungen sein, dessen war ich mir gewiss. Doch es kam anders, und ich sollte eine Lektion in der Art und Weise erhalten, wie sie einen Frevler zum Umdenken zu bewegen vermag.
Denn eines Tages kam ein Mann aus Rott in das Kloster und brachte einen silbernen Zylinder mit, der auf alle alle Zeit aufbewahrt werden sollte. Das machte mich rasend vor Neugier. So schlich ich mich eines Abends an meinen Meistern und allen Wachen vorbei und stahl den Zylinder aus den endlosen Hallen unserer Archive mit der Absicht, ihn später wieder zurück zu legen. Zurück in meiner Kammer fand ich in der silbernen Hülle ein Stück Pergament, auf dem mit roter Tinte ein Plan eines labyrinthartigen Höhlensystems eingezeichnet war. Daneben stand ein kurzer Vers. Ich lauschte den Geräuschen der Nacht und las. Es war mir, dass etwas da draußen war, ganz und nah und zugleich ganz weit. Die Fensterläden klapperten und der Wind pfiff ein Todeslied.
Ich hatte während meiner Studien etliche Sprachen zu verstehen gelernt, und so gelang es mir, den eigenartigen Rotter Dialekt zu übersetzen.

Der alles hat,
Grüßt den, der alles will
Und lädt ihn ein, zu kommen
Um sich zu holen, was er begehrt
Oder zu sterben, so ist Schwur der Schwingen von Rott

Sollte dies etwa die Karte zum Versteck eines mächtigen Drachen sein? Völliger Unsinn, dachte ich, steckte das Pergament wieder in den Zylinder und stellte ihn beiseite. Solch ein Dokument konnte jeder halbwegs gebildete Betrüger herstellen. Ich überlegte ernsthaft, am nächsten Tag den Schwindel auffliegen zu lassen. Ich sollte eines Besseren belehrt werden.
Denn im Traum kam er zu mir, ich sah ihn ganz deutlich - blutrote Schuppen, thronend vor einem Meer aus Flammen, Nüstern so gewaltig wie Fenster und Augen, stechend gelb und voll sengendem Hass auf die Untugend der Menschen.
Er sagte mir, ich könne weiter zweifeln, und mein Leben würde gut werden, jedoch ohne einen Hauch von Wahrheit.
Er sagte, ich könne zu ihm kommen und ihn herausfordern, und es würde nichts mehr Gutes bleiben in meinem Leben, dafür aber würde ich die Wahrheit erkennen.
Er sagte, ich könne ihn nur besiegen, wenn ich begriff, was sein größter Schatz sei. Ich wollte Fragen stellen, doch die Angst vor dem Monstrum schnürte mir die Kehle zu. Ich verstand seine Worte noch nicht, die Worte, die zugleich Einladung wie auch Herausforderung zu sein schienen.
Als die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster drangen und meinen sich windenden und zitternden Leib berührten, erwachte ich schweißgebadet. Der Gesang der Vögel hatte letztendlich das Knistern der Flammen verdrängt, und als ich die Welt des Traumes verließ, redete ich mir ein, dass er keine Bedeutung hatte.
Nachdem ich mich gefangen hatte, fühlte ich mich besser und begab mich nach unten in den Saal, um zu frühstücken. Auf halber Strecke traf ich einen der Meister, welcher die Karte entgegengenommen hatte, und konnte es mir nicht verkneifen, ihn zu Fragen wer denn dieser geheimnisvolle Mann aus Rott gewesen war.
Mein Lehrmeister blickte mich an, als hätte ich einen Käfer mitten im Gesicht sitzen. Ich wiederholte die Frage. Dann legte er einen Arm auf meine Schulter und sagte: "Mein Sohn, wegen des Sturmes in der Meerenge gab es seit zwei Monaten keinen Besucher. Es ist den Fährleuten zu gefährlich, überzusetzen."
Ich erstarrte, bewahrte allerdings die Fassung. Ich wurde nicht für verrückt erklärt, denn ich erzählte selbst den wenigen Freunden, die ich unter den Brüdern hatte, nicht von diesem Rätsel.
Stattdessen packte ich noch am selben Nachmittag und wandte mich nach der Küste. Denn nun wusste ich, wer ins Kloster gekommen war, und warum nur ich ihn gesehen hatte. Der Drache von Rott hatte mich herausgefordert, ihn zu besiegen und mir seinen Schatz zu holen. Nun bin ich hier."

Cullmoran schenkte auch dieser Geschichte keinen Glauben, auch wenn der Bursche sie faszinierend zu erzählen vermochte.
"Und nun? Klettert ihr hoch bis zum höchsten Gipfel von Rott und ruft nach ihm?"
Evernon beugte sich mit so ernstem Gesicht vor, dass der Krieger zumindest ein Fingerbreit zurückwich.
"Begleitet mich."
"Vergesst schnell, dass ihr überhaupt gefragt habt."
Evernon fuhr unbeeindruckt fort.
"Ich brauche eure Hilfe, wenn ich ihn zur Strecke bringen will. Die Dienste der Zauberin werden wir ebenfalls benötigen."
Nun war es genug. Cullmoran stand auf.
"Ich glaube kein Wort von eurer Geschichte. Wieso zeigt ihr mir nicht wenigstens die Karte, welche angeblich zum Hort des Drachen führen soll?"
Mit diesen Worten beugte er sich provozierend über den Tisch, stützte die Arme auf die Tischplatte und blickte Evernon scharf an. Dieser antwortete, ohne dem Blick des Kriegers auszuweichen.
"Weil ich sie nicht mehr besitze. Der Dieb hat sie und ist bereits auf dem Weg in Richtung der Berge."
Jetzt war Cullmoran für einige Sekunden sprachlos.
"Was? Ich dachte die Karte wäre der Schlüssel zu eurem persönlichen Schicksal!"
"Das ist richtig, doch kann ich nicht alleine gehen, und Cameron Twinkle schien mir ein fähiger, geschickter Begleiter zu sein, jetzt, da er die Prüfung bestanden hat."
"Welche Prüfung? Ich verstehe euch nicht!"
"Vermisst ihr nicht etwas?"
Die Zeit schien still zu stehen in der alten, verkommenen Kneipe, die so manch Tragödie erlebt hatte. Dann begriff Cullmoran, was geschehen war. Er hatte ihn von Anfang an zum Narren gehalten. Cameron Twinkle war wahrlich ein Meister seiner Kunst. Cullmoran hatte zwar seinen Goldbeutel wieder, dafür fehlte jetzt der wertvolle Dolch, mit dem er noch vor dem Dieb geprahlt hatte. Er dachte daran, wie er den verängstigt wirkenden Dieb in die Luft gehoben und nur dessen Gesicht fixiert hatte. Dann hatte sich Cameron Twinkle an seinem Körper vorbei gezwängt und Cullmoran hatte ihn nur noch loswerden wollen. In einem dieser Momente musste es geschehen sein. Versteinert stand der Unbesiegte nun vor Evernon.
"Keine Sorge, großer Cullmoran, eure kostbare Waffe befindet sich in meinem Zimmer und ihr werdet sie alsbald zurückerhalten. Ich sagte Twinkle, wenn er es schaffen würde, euch den Dolch zu entwenden, dürfe er mich zum Drachen von Rott begleiten."

Am nächsten Morgen stand Cullmoran früh auf und machte sein Pferd bereit für die Abreise. Er hatte sich an Ort und Stelle niedergelegt und einen traumlosen Schlaf genossen, nachdem ihm Evernon seinen Dolch zurückgegeben hatte. Zwischendurch war er kurzzeitig aufgewacht und hatte zwischen den Dachbalken gesehen, dass der Himmel nach dem Regen aufgeklart war. Eine bleierne Schwere umfing ihn, welche vielleicht auch die Schuld daran trug, dass er Evernon für seine Spielchen nicht die Ohren langgezogen hatte. Der neue Tag hatte nicht wie üblich den belastenden Umhang entfernt.
Er führte sein Pferd nach draußen auf den Hof und sog tief die von Feuchtigkeit geschwängerte Luft ein. Einige Männer gingen bereits unter den Lauten der Arbeit wieder ihrem Tagwerk nach oder beseitigten die Schäden der vergangenen Nacht. Metall traf auf Metall. Pferde sträubten sich wiehernd. Der Boden begann zu trocknen, doch immer noch war er tief und unangenehm für den Wandernden.
Am Tor zum Hof warteten Eliseva Erevane und Evernon. Sie waren bereits aufgesessen und ihre Pferde waren unruhig und schnaubten angriffslustig. Cullmoran stieg ebenfalls auf sein Pferd und ritt gelassen zu den beiden herüber. Eliseva beobachtete ihn argwöhnisch, Evernon trug das Grinsen vom Vorabend weiterhin im Gesicht. Cullmoran nickte kurz zur Bergrüßung und ritt dann demonstrativ an den beiden vorbei. Er verlangsamte seinen Ritt, sobald er die Straße erreicht hatte. Auch ohne sich umzuschauen wusste er, dass sie zu ihm aufschließen würden. Und wie auf Kommando hörte er Elisevas Stimme ganz nah hinter sich.
"Ich reite zum Kloster. Es liegt in der selben Richtung. Ich treffe dort meine zukünftige Adeptin."
Cullmoran schwieg zunächst, dann murmelte er, ohne sie anzusehen: "Ist das so?"
"Ein wenig Gesellschaft auf Reisen kann doch nun wirklich nicht schaden!", tönte Evernons eindringliche Stimme von hinten an das Ohr des Kriegers.
"Gewiss führt der Weg des Diebes auch dorthin. Er wird noch einmal rasten wollen, bevor er sich in die Berge wagt."
Cullmoran starrte weiter auf die Straße vor sich und würdigte die anderen keines Blickes. Die Zauberin schloss auf ihrem Rappen jetzt vollständig zu ihm auf und stellte ihm genau die Frage, die er nicht hören wollte.
"Warum seit ihr hier, alter Mann", fragte sie, und ihre Stimme enthielt für diesen kurzen Augenblick eine dezente Wärme, was selten vorkam.
"Ich weiß es nicht. Ich gehe dorthin, wohin ich gehen muss und führe die Kämpfe, die ich führen muss. Mir mangelt es an nichts und niemand hat einen Mangel an mir. Ich habe keinen Bedarf an einer Erklärung, warum ich an einem bestimmten Ort bin."
Die Zauberin stieß verächtlich Luft aus, bevor sie ihm antwortete.
"Ich denke, auch ihr braucht eine Aufgabe, ehrenwerter Cullmoran. Wir brauchen die Herausforderung und diejenigen, die später davon berichten. Denn die Welt ist vergesslicher als der Strom der Nacht. Wir brauchen Anerkennung wie der Bauer Brot und Vieh und Wasser. So lange unsere Legende erzählt wird, sind wir am leben."
"Und deshalb habt ihr eine Nachfolgerin bestimmt, nur damit sie von euren Taten berichten kann, wenn ihr einmal den falschen Weg wählt?"
"Auf dem Weg hierhin habe ich mir unendliche Vorwürfe gemacht, sie diesen Gefahren aussetzen zu müssen, die mit meiner Gesellschaft verbunden sind. Sie ist so aufrichtig und rein wie eine frische Blüte."
Nun schaute der Krieger seinerseits verächtlich drein.
"Nun tut nicht so, als wenn euch euer Leben eines in ständiger Gefahr wäre. Der mögliche Tod hatte schon immer seinen Reiz für euch. Ihr habt nur gelernt, diese Tatsache beharrlich zu ignorieren. Genau wie ich. Und dennoch geht mir ein Gedanke nicht aus dem Kopf: Bei den Göttern, was soll dieser Drache schon zu bieten haben?"
Eliseva antwortete nüchtern: "Vermutlich habt ihr recht. Sich einem Drachen zu stellen, ist ein Risiko. Ich frage mich auch, was dieser Weg mir bieten könnte."
"Einen Schatz, der größer und wertvoller ist, als alle anderen, die jemals gefunden wurden. Ein Schatz, von dessen Beschaffenheit niemand Kenntnis hat."
Evernon war fast unbemerkt neben sie geritten.
"Gebt eurem Herzen einen Ruck und folgt mit mir zusammen dem Ruf des Drachen."
Cullmoran hatte nun genug und machte das deutlich. Er zog recht ruppig an den Zügeln und sein Pferd kam widerwillig zum stehen. Dann blickte er dem jungen Mann direkt in die Augen.
"Wo ihr doch unserer Talente bedürft, um den Drachen zu besiegen, so habe ich eures nun erkannt. Ihr seid wie ein Geschwür: Auch wenn alle sich von euch abwenden wollen, bleibt ihr kleben wie eine Klette. Und doch habt ihr meine Neugier geweckt, und ich überlege, ob mein Blut es wert wäre, für diese Sache vergossen zu werden. Ich komme mit zum Kloster. Ich will diese verdammte Karte sehen."
Damit waren die Dinge geklärt und nun schwiegen sie alle drei auf dem weiteren Ritt. Die Straße war gesäumt von verkrüppelten, weißgrau schattierten Bäumen, von denen sich keiner vorstellen konnte, dass sie im Sommer in voller Blüte zu stehen vermochten. Die Luft war immer noch beißend kalt und der Himmel bewölkt. Zur Rechten der Reisenden lag drohend die Bergkette von Rott, umkreist von finsteren Schwaden. Es erschien ihnen, als beobachteten die ungnädigen Felszacken sie bereits.

Continue Reading

You'll Also Like

13.8K 363 19
Hicks und Ohnezahn haben das Drachenauge wieder. Doch Viggo will es um jeden Preis wieder haben und er scheut vor nichts zurück. Hicks kann gerade no...
70.5K 3.3K 32
Elegant sauste sie durch die Lüfte. Misstrauisch musterte sie die beiden Eindringlinge aus einiger Entfernung. Der Drache war ebenfalls ein Nachtscha...
1K 259 46
So wie er dort im Türrahmen stand und den wegfahrenden Autos hinterher starrte, hatte er etwas verlorenes und einsames an sich. Für einen Moment stel...
645 79 28
"Das war ein Fehler", der Magier zu ihrer Rechten blickte immer noch auf die Stelle, auf der bis vor zwei Minuten noch zwei verängstigte Kinder gezit...
Wattpad App - Unlock exclusive features