Ich spürte die feuchte Luft, den kalten Wind, aber ich konnte nichts sehen außer weißem Nebel. Ich ruderte panisch mit den Armen, obwohl ich wusste, dass ich dann immer noch fallen würde. Kein Abgrund war in Sicht, es war absolut nichts in Sicht. Ich fiel, tiefer und tiefer und würde irgendwann auf dem Boden aufschlagen und erneut sterben. Noahs Worte von dem Zettel, den er mir zugesteckt hatte, kamen plötzlich in mein Gedächtnis. "Fantasie ist die einzige Waffe im Krieg gegen die Realität." Ich wusste bereits zu gut, dass meine Situation gerade real war, aber wie konnte mir meine Fantasie dabei helfen? Während ich weiter dem Tode entgegen raste, versuchte ich mir vorzustellen, ich hätte Flügel. Ich kniff meine Augen fest zusammen, auch wegen des starken Windes, der sie tränen ließ. Meine Gedanken ratterten und versuchten das Bild von großen starken Flügeln zu rekonstruieren, die mich trugen, weiß wie die eines Engels. Ich betete, doch ich befand mich immer noch im freien Fall. Durch den dichten Nebel konnte ich Wasser erkennen. Es war so dunkel, dass ich es bereits als schwarz bezeichnen würde. Die Wellen peitschten wild inmitten der riesigen Wassermassen, in denen keinerlei Land auszumachen war. Meine Augen brannten erneut durch den Zugwind, also kniff ich sie so fest zusammen wie es ging und bereitete mich mental auf den Aufprall vor, der mich definitiv durch die Wucht meines Falls töten würde. Dieses Mal könnte es wirklich zu Ende sein. Dies könnte mein Ende sein, für immer. Ich spürte eine mich feucht umhüllende Nebeldecke und kurz darauf weichen Boden. Mein Aufprall war sanft, fast als wäre ich geschwebt. Ich grub meine Finger in das nasse Gras und sog den Duft ein. dann hörte ich eine Stimme.
"Das war mal wieder knapp. Fast wärst du in tausend Teile zersplittert", Noah stand vor mir und blickte auf mich hinab. Ich konnte seinen Blick nicht deuten. Noah war wie eine verschlossene Schachtel, von der es scheinbar keinen Schlüssel gab. Diese Schachtel war aus Metall und das Schloss nicht zu knacken. Aber irgendwo musste ich doch den Schlüssel finden können.
"Du hast dir Zeit gelassen, dabei warst du doch viel früher als ich im Bett", ich stand auf und klopfte mir den Dreck von meiner Pyjamahose, die vollkommen durchnässt war, "Deine Mutter hat immerhin dafür gesorgt."
"Du solltest endlich zurück nach Hause, dich von uns fern halten", erwiderte er abweisend und drehte sich von mir weg. Doch er ging er. Er stand einfach nur da und starrte auf das strahlend grüne Gras unter seinen Füßen.
"Wie oft willst du mir das noch sagen? Und wie oft soll ich dir noch erklären, dass ich das nicht kann. Ich brauche dich, wirklich", ich trat einen Schritt auf ihn zu und fasste seine Schulter, um ihn sanft zu mir zu drehen, damit ich ihn ansehen konnte. Ich hatte gemerkt, dass alles Schreien und Brüllen nichts brachte. Ich musste dafür sorgen, dass er Mitleid mit mir hatte, auch wenn sich das eigentlich keiner wünschte. Anders würde ich allerdings nicht an Noah herankommen, an sein Inneres, das er so krampfhaft versuchte vor mir zu verstecken. Er stand nun vor mir und hob seinen Kopf.
"Du machst einen Fehler. Meine Mutter hätte dich heute fast gesehen. Das darf nicht nochmal passieren", seine Stimme klang vorwurfsvoll, aber nicht mir gegenüber, sondern eher gegenüber sich selbst. Als würde er sich die Schuld dafür geben. Dabei konnte ich mir nicht einmal erklären, warum er überhaupt so reagierte.
"Was ist mit deiner Mutter, Noah? Warum hast du solch eine Angst vor ihr?", fragte ich nun leise. Es kostete mich Überwindung das zu fragen, immerhin schien es ein ziemlich sensibles Thema für ihn zu sein. Aber ich wollte endlich mehr Klarheit, auch wenn ich mich in winzigen Schritten an die Wahrheit herantasten musste.
Noahs Augen weiteten sich und er rief verzweifelt aus: "Ich habe keine Angst vor meiner Mutter. Ich habe Angst um dich."
Mein Atem stockte. Warum sorgte er sich um mich? Wir kannten uns doch kaum. Noah wandte sich erneut von mir ab, als bereute er das eben Gesagte. Er fasste sich an den Kopf und raufte durch seine blonden Haare. Ich wusste nichts darauf zu erwidern so überrascht war ich von seinen Worten. Er musste also auch diese merkwürdige Verbindung spüren, die ich spürte. Obwohl wir uns kaum kannten und nichts voneinander wussten, gab es eine innere Verbindung, die ich mir nicht erklären konnte. Nun wusste ich, dass es Noah genauso ergehen musste. Andernfalls konnte ich mir nicht erklären, warum er sich um mich sorgte. Was seine Aussage allerdings nicht erklärte war, was das alles mit seiner Mutter zu tun hatte.
"Warum darf deine Mutter mich nicht sehen? Das alles hat doch nichts mit ihr zu tun", erwiderte ich schließlich, "Tut sie dir weh?"
"Nein, um Gottes Willen", Noah lachte kurz auf und drehte sich wieder zu mir," Sie ist speziell, bekommt vieles in den falschen Hals. Halt dich einfach von ihr fern!"
"Du kannst ehrlich zu mir sein. Ich glaube dir das nicht", entgegnete ich enttäuscht. Ich konnte hören, dass er nicht die Wahrheit sagte. Seine Stimme zitterte, während er versuchte, glaubhaft zu wirken. Mit Körpersprache kannte ich mich nicht gut aus, aber seine unsichere Haltung hätte ihn selbst bei einem Blinden enttarnt.
"Hör zu! Meine Mutter ist nicht sehr vertrauensvoll und hat einen großen Beschützerinstinkt. Sie hat mich nie in eine staatliche Schule gehen lassen, hat mich immer zu Hause unterrichtet.Ich habe nie gelernt, wie man soziale Kontakte knüpft oder in der Welt zurechtkommt. Sie hängt einfach sehr an mir", erklärte er aufgewühlt.
"Das hört sich für mich eher so an, als wolle sie dich von ihr abhängig machen, dich isolieren", ich runzelte meine Stirn und konnte gar nicht glauben, was für eine Person seine Mutter sein sollte.
"Sie hat einfach Angst um mich, sorgt sich sehr", widersprach Noah mir, "Es ist bereits anders geworden. Die letzten zwei Schuljahre gehe ich auf eine öffentliche Schule und mache einen Abschluss. Ich habe Henry kennengelernt."
"Du musst nicht zu ihr stehen, Noah. Sie nimmt dir doch all deine Freiheiten und das schon, seit du denken kannst", ich ging hektisch auf ihn zu und wollte ihn an den Schultern packen, doch er wich mir aus und ging einen Schritt zurück.
"Du verstehst das nicht. Es wäre wirklich das Beste, wenn du sofort nach Hause fährst", sagte er schroff und abweisend.
"Du wirst doch vollkommen verblendet. Das geht doch nicht so", ich griff trotzdem nach ihm und hielt ihn fest.
"Du kannst das gar nicht verstehen", seine Stimme wurde lauter, ja gar wütend.
"Dann erkläre es mir doch!", auch ich wurde wütend. Ich konnte ihn nicht verstehen, konnte sein Verhalten nicht verstehen. Und ich wusste immer noch nicht, was das Ganze mit mir zu tun hatte. Noah riss sich aus meinem Griff los und ging schnellen Schrittes in eine Richtung, wo ich weit und breit nur grüne Wiesen erspähen konnte. Er drehte sich nicht zu mir um.
"Warte Noah! Ich versuche doch, das alles zu verstehen. Aber du gibst mir ein Rätsel nach dem anderen", ich rief ihm hinterher, während ich versuchte ihn einzuholen. Meine Beine schmerzten beim Laufen.
"Ich kann es dir nicht erklären! Du hättest nie hier her kommen dürfen! Verschwinde!", ich hörte ihn ebenfalls rufen. Er klang wütend, immer noch.
"Ich kann nicht! Noah, ich sterbe!", ich spürte wie mir eine Träne über die Wange lief. Noah blieb stehen und wandte sich zu mir. Er atmete schwer. Ich wischte mir mit dem Handrücken über meine Wange und blickte ihn an. Seine Brust hob und senkte sich rasend schnell. Plötzlich verblasste Noah, er verschwand einfach. Ich starrte auf die Stelle, wo er vor einer Sekunde noch gestanden hatte. Dann fühlte einen Sog, der mich in die Luft saugte und mich in Richtung der dicken Nebelwand zog. Ich schrie und strampelte mit meinen Beinen, doch ich konnte nichts dagegen tun. Noah war wohl aufgewacht und beförderte mich somit zurück in die Schattenwelt hinter dem Nebel. Der Ort, an dem ich sterben würde. Es bildete sich ein gigantischer Haufen Wut in mir. Er wollte mir doch helfen. Das konnte ich spüren. Was aber konnte so schlimm sein, dass er es mir nicht sagen konnte und mich stattdessen sterben ließ? Er hatte mir zwar diese Notiz zugesteckt, doch wirklich geholfen hatte sie mir nicht. Sie ließ bloß noch mehr Fragen bei mir aufkommen. Noah war ein großes Rätsel. Aber aufgeben konnte ich noch lange nicht, immerhin hing mein Leben davon ab. Egal, was er verbergen wollte, ich musste es enthüllen und ich hatte noch einige Tage dafür Zeit.
Ich schreckte aus meinem Schlaf hoch und starrte in das dunkle Zimmer. Schweiß lief mir über die Stirn. Mein Atem ging rasend schnell, so wie kurz zuvor noch bei Noah. Helen, die neben mir im Bett lag, legte ihre Hand auf meine Schultern und strich über meinen Arm.
"Alles gut, Emma. Du bist in Sicherheit", sie flüsterte leise in mein Ohr, um Caty nicht zu wecken. Ich fragte mich, wie sie sich meine nächtlichen Albträume vorstellte. Es musste ihr alles so unwirklich vorkommen, wie in einem Fantasy-Film. Doch das war keine Zauberei wie bei Harry Potter. Trotzdem hoffte ich sehr, dass es auch für mich ein Happy End gibt und ich all das überstehen würde.
"Ich bin ertrunken", sagte ich knapp und schnappte nach Luft.
"Atme einfach. Alles ist gut", erwiderte Helen.
"Es muss etwas mit Noahs Mutter zu tun haben. Er redet nicht gerne über sie. Irgendetwas will er um jeden Preis verbergen", erklärte ich ihr im Flüsterton. Wir lagen beide auf der Seite zueinander gewandt und schauten uns an. Helens Augen leuchteten unendlich dunkel in dem schwachen Licht, dass von draußen in unser Zimmer gelangte. Die Sonne würde bald aufgehen und einen neuen Tag einläuten.
"Dann würde ich vorschlagen, dass wir in die Offensive gehen", Helen blickte mich eingehend an und ein kleines Lächeln bildete sich auf ihren Lippen.
"Was meinst du?", hakte ich nach.
"Wir gehen heute zu Noah. Alle zusammen. Und hoffen, dass wir seine Mutter antreffen", erklärte sie.
Ich grübelte: "Aber Noah hat mich immer wieder vor ihr gewarnt. Ich soll mich fern halten."
"Wenn Noah genau das will, müssen wir das Gegenteil tun. Wir müssen ihn unter Druck setzen, damit er endlich den Mund aufmacht."
"Hälst du das wirklich für eine gute Idee?", hakte ich verunsichert nach.
"Ich habe ungefähr vier Stunden geschlafen. Genau dann habe ich die besten Ideen", Helen kicherte leise.
"Wir hätten nicht mehr so lange bei der Party bleiben sollen", entgegnete ich.
"Aber dann wäre mir jetzt bestimmt nicht diese geniale Idee gekommen", Helen zwinkerte mir zu und schloss dann ihre Augen, "Gegen ein Stündchen mehr Schlaf habe ich aber auch nichts."
"Ich bleibe wach", erwiderte ich schnell. Wieder einschlafen wollte ich auf keinen Fall.
"Vielleicht träumst du zur Abwechslung ja mal von dem niedlichen gelockten Jungen, mit dem du gestern noch so lange geredet hast, als Noah weg war", ich konnte sehen wie Helens Mundwinkel bei diesem Satz in die Höhe gingen und sie schmunzelte.
"Wag es nicht!", ermahnte ich sie grinsend und drehte mich von ihr weg auf meine linke Seite. Ich faltete beide Hände unter meinem Gesicht zusammen und lächelte leicht in mich hinein. Ja, ich hatte den Rest der Party mit Henry verbracht. Und ja, er war wirklich ziemlich niedlich. Ich betrachtete wie die Sonnenstrahlen sich ihren Weg durch die Jalousien bahnten und das Zimmer immer heller wurde, bis ich die rosa Blumen auf der Tapete deutlich erkennen konnte. Ich dachte an Noah und seine Mutter. Und dabei musste ich zugeben, wie viel Angst ich vor dem heutigen Tag hatte. Noah hatte mich nicht ohne Grund gewarnt. Und so wie er bei der Party und auch bei sich zu Hause auf seine Mutter reagiert hatte, erschlich sich mir das ungute Gefühl, dass ich seine Warnung nicht missachten sollte. Aber mittlerweile hatte ich keine andere Idee mehr, wie ich mehr erfahren könnte. Und meine Neugier wuchs mit jeder weiteren Blume, die von der Sonne angestrahlt wurde. Jede weitere rosa Blume überzeugte mich nur umso mehr, dass ich Helens Plan verfolgen würde. Ich würde in die Offensive gehen.
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Hey ihr Lieben,
Ich melde mich zurück mit einem neuen Kapitel. Die Spannung steigt und es wird ernster werden. Hat jemand vielleicht schon eine Idee, warum Noah so panisch auf seine Mutter reagiert?
Liebe Grüße,
eure Elena