Evy:
“I should never think
What's in your heart
What's in our home
So I won't
You'll learn to hate me
But still call me baby
Oh love
So call me by my name” (Robert Pattinson- Never Think)
„Ev komm schon! Du bist dran.“, sagt Louis nun schon zum vierten Mal und sieht mich eindringlich an. Abermals schüttele ich den Kopf und verschränke missmutig die Arme vor der Brust: „Nein.“, schmolle ich. „Ich habe keine Lust, Lou. Lass mich in Ruhe.“
Louis, Zayn, Niall, Abby und ich sitzen versammelt um den Küchentisch- vier riesige Pizzakartons vor uns. Die Jungs reiben sich zufrieden über die vollen Bäuche und es herrscht eine ungewohnt, ruhige, fast schon träge Stimmung am Küchentisch.
Harry und Liam haben vor ungefähr zehn Minuten angerufen, dass sie gut in LA angekommen sind. Seitdem scheint jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt zu sein.
Kaum sind zwei der fünf Idioten ausgeflogen, fühlt es sich so an, als ob unsere kleine Familie irgendwie unkomplett ist. Sie sind zwar erst seit ein paar Stunden weg- nicht mal einen ganzen Tag lang und schon fehlen sie uns. Aber was soll man machen?
Dass ausgerechnet Harrys nervige, versaute Kommentare mir fehlen würden, hätte ich ehrlich gesagt nicht gedacht. Schon gar nicht, dass dieses Phänomen bereits nach weniger als vierundzwanzig Stunden eintreten könnte. Aber so ist es leider und damit bin ich ganz und gar nicht allein. Auch Abby scheint schon vergeblich nach jemandem zu suchen, mit dem sie sich streiten kann.
Na toll, wie wird das erst in zwei Wochen? Von einem Monat möchte ich gar nicht erst anfangen...
Halbherzig zischt sie Zayn zu: „Du solltest dich mal wieder rasieren Malik, so langsam siehst du aus, wie ein Terrorist.“ Dann scheint sie wieder in Gedanken zu versinken, sich selbst zu bemitleiden und führt, mit starrem Blick auf den Küchentisch, ihr Colaglas zum Mund.
Louis, der die unterkühlte Situation am Küchentisch ohne grosse Kommentare beobachtet hat, meldet sich auf einmal zu Wort. „Und Leute?“, fragt er scheinheilig und mit einem vergnügten Glitzern in den Augen: „Wer hat Lust auf ein Spiel?“
Die Reaktionen sind entsprechend... verhalten. „Oh Lou, nicht schon wieder.“, stöhnt Zayn genervt und verdreht die dunklen Augen. Abby zieht eine Grimasse und Niall schüttelt sich wie ein Hund: „Bitte nicht, Louis.“
Ja, bitte nicht, Louis.
Louis immer mit seinen bescheuerten Spielen! Wann lernt er endlich, dass man nicht alles mit einem Spielchen klären kann und das nicht jedes Problem so aus der Welt zu schaffen ist?
Du bist so ein Kind, würde ich ihm am liebsten an den Kopf werfen, beherrsche mich aber in der letzten Sekunde. Es ist nun mal Louis Art. Und vielleicht ist es auch nur der Versuch, uns anderen abzulenken und auf andere Gedanken zu bringen, wer weiss?
Es gibt keinen Grund, jetzt so unhöflich zu werden. Aber... schon den ganzen Tag spüre ich so einen Druck auf meiner Brust. Es fühlt sich so an, als würde ich jeden Augenblick platzen. Ich weiss selbst nicht, wieso ich heute so mies drauf bin, aber seit ich heute morgen in die Küche kam und Niall gesehen habe, da... Ich weiss selber nicht genau, was da in mir vorging. Ich war auf einmal einfach nur so verdammt wütend.
Diese bescheuerten blauen Augen und diese... diese dämlichen blonden, verwuschelten, niedlichen Haare und erst dieser mir so verhasste irische Akzent, das alles ist mir so zuwider... Moment mal, was habe ich da gerade gedacht?! Niedlich?! Der Ire und niedlich?
Ich... ich meine natürlich, nervtötend. Nervtötend und egoistisch, weil... weil er in Abby verknallt ist natürlich! Und weil er einfach nicht über die Konsequenzen nachdenkt...
Und mein Blick wandert ganz automatisch zu Niall hinüber, der der abwesenden Abby gerade behutsam über den Arm streicht und sie aufmunternd anlächelt. Innerhalb einer Sekunde verstärkt sich der Druck in meiner Brust um das tausendfache. Was bildet sich dieser Bastard überhaupt ein?!
Kaum ist Harry aus dem Weg, schmeisst er sich auch schon sowas von dreist an seine Freundin ran. Ich könnte schreien! Ich könnte die ganze, verdammte Küche zusammenschreien, mir die Haare ausreissen, die Haare dieses Arschlochs von einem Iren ausreissen, mit dem Fuss auf den Boden aufstampfen und die beschissenen Ikea-Teller aus den Regalen zerren und einen nach dem anderen zertrümmern...
Und nur deshalb, weil ich so unglaublich wütend auf Niall bin, wende ich mich entschlossen an Louis und lächele ihn fröhlich an: „Das ist eine super Idee, Louis.“
Verwirrt runzelt Lou die Augenbrauen und sieht mich forschend an, so als ob meine Worte irgendeinen Hacken hätten, den er nicht bedacht hat, oder als ob ich jeden Moment in Gelächter ausbrechen könnte, doch als ich nicht antworte und ihn stattdessen weiterhin anlächele, entspannt er sich langsam und erwiedert mein Grinsen. „Also schön, dann lasst uns anfangen!“, sagt er und reibt sich emsig die Hände, Nialls miesgelauntes Gemurmele geflissentlich ignoreierend.
Na also, es geht eben nicht immer alles nach deiner Schnauze, Horan, denke ich spöttisch und lehne mich zufrieden grinsend in meinem Stuhl zurück. Herausfordernd funkele ich Niall an, der mich mit einer seltsamen Ernsthaftigkeit mustert. Auf einmal wirkt er unendlich traurig und fast schon bereue ich mein mieses Verhalten ihm gegenüber. Aber eben nur fast. Das, was er mit seinem Verhalten Abby antut, ist um einiges schlimmer und für mich als beste Freundin kommt es der Unverzeilichkeit schon ganz schön nahe...
„Ich bin für Wahrheit oder Pflicht.“, werfe ich ein, immer noch Niall musternd, der den Blick auf seine verschränkten Finger senkt und schneide Louis damit das Wort ab.
„Ach Evelyn, was soll der Mist?“, mischt sich auf einmal meine beste Freundin ein, die ganz und gar nicht begeistert scheint. „Komm schon Ev, wir sind doch keine Kinder mehr.“ Aber ich schüttele trotzig den Kopf: „Nenn mir ein Spiel von Lou, das nicht kindisch ist, Abs!“ „Hey!“, grummelt Louis beleidigt, aber ich gehe nicht darauf ein, sondern wende mich herausfordernd an Abby, aber die zuckt nur desinteressiert die Schultern und schüttelt den Kopf. „Also dann.“, sage ich und sehe selbstzufrieden in die Runde. „Los!“
„Niall.“, sage ich und richte mich in gespieltem Interesse in meinem Stuhl auf. „Wahrheit oder Pflicht?“
Sein Kopf schnellt wieder hoch. Seine Augen sind leicht geweitet. Das intensive blau bohrt sich auf einmal mit so einer Intensitat in Meine, dass mir beinahe die Luft wegbleibt. Ich sitze da und starre ihn an, warte auf seine Antwort und warte doch nicht darauf. Ich versinke in dem blau des Ozeans, in der Tiefe seines Blicks. Sanfte Wellen tragen mich und streicheln über meinen Körper. Langsam erfüllt einer seltsame Wärme das innere meines Magens. Ein leichtes Kribbeln zieht sich hindurch und ich... ich vergesse was ich soeben gefragt habe.
„Wahrheit.“, sagte Niall auf einmal, nach kurzem Zögern und reisst mich damit aus meinen seltsam verwirrenden Gedanken. Was um Himmels Willen sollte das nun wieder?! Was ist los mit mir zum Teufel?! Reiss dich mal zusammen, Lopez!
Verwirrt schüttele ich kurz den Kopf, um zurück in das Hier und Jetzt zu finden. Ich kann jedoch nicht verhindern, dass meine Stimme zittert, als ich schliesslich antworte. Ich bin nicht mehr so selbstsicher- nicht mehr so voller Kälte und Wut, wie eben gerade noch. Eine seltsame Anspannung hat die Wut verscheucht und wohnt jetzt in meinem Inneren.
Trotzdem stelle ich schliesslich die Frage, die mir heiss und hungrig auf der Zunge brennt. Sie entschlüpft mir einfach, drängt sich von meinen Lippen und ich schleudere sie ihm entgegen, begierig auf eine Antwort: „Was ist dir wichtiger? Freundschaft oder Liebe?“
Kurz steht diese Frage zwischen uns. Sie erfüllt den Raum und lastet schwer über dem stillen Esstisch. Aus dem Augenwinkel bemerke ich Abbys skeptischen Blick, aber alles was ich sehe, ist Niall. Ich sehe die Art, wie er die Stirn runzelt, tief Luft holt und dann kurz den Kopf schieflegt, so als müsse er ernsthaft darüber nachdenken. Dann senkt er den Blick und erwiedert mit unverholener Kälte in der Stimme: „Freundschaft.“
Ich spüre, wie mir die Luft entweicht. Spüre, wie der Druck auf meiner Lunge abnimmt. Und erst jetzt merke ich, dass ich die Luft angehalten habe. Ich weiss nicht, wieso, aber seine Antwort stellt mich nicht zufrieden. Nicht im Geringsten. Ich habe ihm eine Chance gegeben, eine klitzekleine Chance, ehrlich zu sein, sich zu bekennen, die Wahrheit zu sagen.
Und er- er, dieses kleine, irische Arschloch, lügt mich an. Er besitzt die Dreistigkeit mir so frech ins Gesicht zu lügen, obwohl er genau weiss, dass ich die Wahrheit kenne. Und auf einmal kehrt die Wut zurück. Sie trifft mich mit einer solchen Wucht, dass ich nach Luft schnappe.
Lügner, will ich ihn anbrüllen! Mieser Lügner. Aber ich beisse mir auf die Lippe, halte mich erneut zurück.
Stattdessen antworte ich betont ruhig: „Ach ja?“ Niall hebt gereizt die Augenbrauen. Fast spöttisch funkeln mir seine Augen entgegen. „Ja?!“
„Und angenommen, du verliebst dich... in die Freundin deines besten Freundes. Würdest du ihm zuliebe deine Gefühle für sie verbergen oder... um sie kämpfen?“
Ich weiss, dass ich mit unfairen Mitteln kämpfe. Ich weiss, dass es mies ist, die Wahrheit aus ihm heraus zu prügeln, hier vor den Anderen, wo er sich nicht verstecken kann. Ich weiss es und dennoch bin ich geschockt von seiner Antwort.
„Ich weiss nicht, warum du mich das fragst, Evelyn. Ich habe keine Ahnung, was dich dazu veranlasst, sowas auch nur in Frage zu stellen, aber ich vermute, dass du bezüglich deiner Frage keine besonders hohe Meinung von mir hast.“, gibt er kalt zurück. „Ich würde meine Freunde niemals verraten. Niemals.“ Ich schlucke, als ich die Überzeugung in seiner Stimme vernehme.
Vielleicht wäre es das Beste, jetzt einfach meine Klappe zu halten. Vielleicht sollte ich meine Worte einfach zurück nehmen und mich entschuldigen...
Aber ich tue genau das Gegenteil: Wütend funkele ich ihn an, der Zorn drängt sich mit voller Wucht aus mir heraus und bevor ich die Worte zurückhalten kann, sind sie auch schon ausgesprochen: „Lügner!“ Dieses Wort steht zwischen uns, drängt sich schwer vor uns auf. Hässlich und anklagend steht es da.
„Evelyn!“, schockiert sieht mich Abby an. „Was redest du denn da?“ Ich höre die Strenge in ihrem Tonfall und ich sehe Nialls Blick, schokiert und voller Entsetzen. Verletzlichkeit spiegelt sich darin. Und auf einmal schäme ich mich.
Ich bin wütend auf mich selbst. Aber ich entschuldige mich nicht. Dazu bin ich eindeutig zu stolz. Sattdessen senke ich den Blick und überlasse Louis das Reden, der sich emsig in unsere Unterhaltung einmischt.
„Also schön Zayn, Wahrheit oder Pflicht?“, fragt er betont gut gelaunt, mit einem besorgten Seitenblick auf mich und ich starre auf meine Hände hinab und versinke in meinen Gedanken, während ich am Rande wahrnehme, wie Zayn sich einen Cocktail aus allen möglichen Küchenzutaten mischt und ihn zu der Belustigung und dem wilden Gegacker von Lou und Abby in sich hinein schüttet.
Niall würde also trotz allem die Loyalität zu seinen Freunden wählen? Das ich nicht lache! Die Art und Weise, wie er Abby ansieht, die wie zufällig wirkenden Gesten. Das alles ist doch nicht nichts.
Ich frage mich wirklich, warum ich unbedingt denken will, dass Niall ein schlechter Mensch ist. Warum möchte ich, dass er ein schlechter Mensch ist? Warum kann ich ihn nicht einfach verstehen? Warum kann ich mich nicht einfach raushalten? Warum muss ich ihn absichtlich noch provozieren? Warum um Himmels Willen muss ich ihn denn unbedingt leiden sehen? Und vor allem, warum muss ich dauernd mit ihm streiten?
Seit diesem Abend, an dem ich festgestellt habe, dass Niall in Abby verliebt ist, hat sich so viel verändert. Wir können einfach nicht mehr normal mit einander reden...
„Ev!“, auf einmal spüre ich Louis Hand auf meiner Schulter. Ich zucke zusammen und hebe den Blick, nur um vier Augenpaare auf mir zu spüren, die mich alle besorgt mustern. Aber ich schüttele nur den Kopf.
„Ev komm schon! Du bist dran. Es war doch deine Idee.“, sagt Louis nun schon zum vierten Mal und sieht mich eindringlich an. Abermals schüttele ich den Kopf und verschränke missmutig die Arme vor der Brust: „Nein.“, schmolle ich. „Ich habe keine Lust, Lou. Lass mich in Ruhe.“ Ich will wirklich kein Spielverderber sein. Aber ich... das alles war eine Scheissidee...
Quitschend schrammt mein Stuhl über den gefliessten Boden, als ich mich erhebe, bereit, den Raum zu verlassen.
„Komm schon, Lopez, wovor hast du Schiss?“, keift Niall plötzlich hinter mir. Sofort fahre ich zu ihm herum und blinzele ihn verwirrt an: „Was?“, frage ich, aber er lächelt nur spöttisch: „Du hast mich schon verstanden.“
Wütend funkele ich ihn an: „Ich habe vor gar nichts Angst, Horan.“, keife ich, aber Niall sieht mich nur herausfordernd an: „Na schön. Wahrheit oder Pflicht?“ Und dieses Mal zucke ich nicht zurück.
„Wahrheit.“, gebe ich entschlossen zurück. „Bist du ein eifersüchtiger Mensch, Lopez?“, fragt er wie aus der Pistole geschossen zurück.
Ja. „Nein.“
Abwertend hebt Niall eine Augenbraue: „Ach wirklich? Angenommen Jason flirtet mit einer anderen, würde dich das stören?“, mir entgeht nicht, wie verächtlich er Jasons Namen ausspuckt.
Was fällt ihm eigentlich ein?! Wütend balle ich die Hände zu Fäusten, bemühe mich jedoch um einen desinteressierten Gesichtsausdruck. Innerlich brodele ich, aber äusserlich... ich darf mir nichts anmerken lassen...
Lässig zucke ich die Schultern: „Er ist ein freier Mensch...“ Niall lacht verächtlich auf. Es ist ein kurzes, kaltes Lachen, ohne jeden Anflug von Wärme: „Natürlich ist er das.“
Ich nicke trotzig: „Ausserdem würde er nicht fremdflirten.“, sage ich überzeugt, woraufhin Niall in Gelächter ausbricht. Wütend funkele ich ihn an, doch bevor ich ihm ein ungesittetes Schimpfwort an den Kopf werfen kann, unterbricht mich Louis.
„Ähm Leute? Könntet ihr euer persönliches Problem jetzt entweder mal klären oder hinten anstellen, damit wir weiter spielen können?“, fragt er leise und ich lasse mich schmollend zurück in meinen Stuhl fallen.
Zayn beugt sich in seinem Stuhl nach vorne und wendet das Wort an Niall: „Nialler?“ Niall mustert mich immer noch, ohne zu blinzeln: „Pflicht.“ Seine Stimme klingt beinahe herausfordernd. Und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass er mich so eben demütigen wollte...
Na warte! So leicht kommst du mir nicht davon, du Egomane. Ich kann dich auch blossstellen... uns zwar richtig.
Und noch bevor Zayn etwas erwiedern kann oder der Gedanke richtig ausgereift ist, sage ich es auch schon. „Küss Abigail.“
Die Reaktionen sind heftiger, als erwartet. Louis und Zayn sehen mich geschockt an, Niall reisst die Augen auf und Abby stösst einen spitzen Schrei aus: “Evy?!”
Aber ich sehe nur Niall herausfordernd an: „Na los, mach schon, Horan. Oder traust du dich nicht?“, zische ich.
Aber zu meiner grossen Überraschung macht Niall keinen Rückzieher. Im Gegenteil, er erhebt sich stocksteif von seinem Stuhl, wobei er mich unverwandt ansieht, geht schnurrstracks auf die vollkommen perplexe Abby zu, nimmt ihren Kopf zwischen seine grossen Hände und ich muss zusehen, wie sich seine schönen, geschwungenen Lippen für eine Sekunde auf ihre legen.
Es ist nur eine Nanosekunde, ein winziger Augenblick, schneller vorbei, als dass man blinzelt, aber für mich geschieht alles in Zeitlupe.
In Zeitlupe sehe ich, wie ihre Lippen auf einander treffen, in Zeitlupe sehe ich, wie Abby die Augen zusammenkneift und Niall ihren Kopf hält.
In Zeitlupe spüre ich, wie sich ein langsamer, seltsamer Schmerz in meiner Brsut ausbreitet... Eifersucht...
Nein! Nein, ich bin nicht eifersüchtig... Auf wen denn?!
Schnell wende ich den Blick ab, erneut schrammt mein Stuhl über den Boden, heftiger diesmal. Er fällt hinter mir auf die Fliesen, als ich aufspringe. Aber ich beachte es nicht, ich bücke mich auch nicht, um ihn wieder aufzuheben. Alles, was mein Gehirn noch wahrnimmt, sind Fluchtgedanken... Ich muss hier raus, denke ich, als Übelkeit mir die Kehle eng schnürrt.
Und ich renne keuchend aus der Küche. Die verwirrten Blicke der Anderen im Rücken.
Ich hätte jedoch nicht gedacht, dass er mir folgen würde. Als ich jedoch die Treppe hinaufhechte, höre ich ihn hinter mir rufen: „Ev!“
Ich drehe mich nicht um, renne nur weiterhin verwirrt die Treppe hoch. Was ist bloss los mit mir? Was soll dieses seltsame Gefühl in meiner Brust?!
Auf einmal schliessen sich seine warmen Finger fest um mein Hangelenk und er reisst mich zu sich herum. „Was ist los?“, verständnislos starrt er mich an, aber ich antworte nicht. Ich stehe nur da- schwer atmend- und seine Finger auf meiner Haut sind mir nur allzu bewusst. Dort, wo er mich berührt, breitet sich langsam ein angenehmes Prickeln aus. Und trotzdem, oder gerade deswegen, werde ich erneut wütend. Was soll das alles? Was soll diese bescheurte Reaktion meines hormonkranken Hirns?!
„Sag mal, bist du eigentlich bescheuert, Abby zu küssen?“, fahre ich ihn an. Angesichts meines scharfen Tonfalls weicht er ein Stück zurück, bevor er mich verständnislos anblinzelt: „A-aber du, du hast doch gesagt...“ „Ja, du Idiot! Das war ein Test, kapiert?!“, unterbreche ich ihn wütend. „Du kannst doch nicht einfach die Freundin deines besten Freundes küssen!“
„Warum denn nicht?“, fragt Niall trotztig zurück. „Warum? WARUM?! Das ist jetzt nicht dein ernst, Niall!“, zische ich.
Umständlich befreie ich mich aus seinem Griff: „Du solltest wirklich aufhören damit.“, sage ich kalt.
„Womit denn!?“, fragt Niall hinter mir. „Ach komm, tu doch nicht immer so scheinheilig!“ Ich habe keinen Bock mehr auf diese ewigen Diskussionen. Frustriert wende ich mich ab und setze meinen Weg, die Treppe nach oben, fort. Niall hinter mir flucht und folgt mir mit grossen Schritten, bevor er mich überholt und sich mir abermals in den Weg stellt.
„Findest du nicht, dass du mich erstmal aufklären solltest, bevor wir uns weiter über eine Sache streiten, von der ich keinen Plan habe?!“
Seine Scheinheiligkeit macht mich so unglaublich wütend! „Schön!“, fauche ich und bohre ihm meinen Zeigefinger in die Brust: „Ich weiss, dass du nichts dafür kannst, dass du dich ausgerechnet in sie verliebt hast, aber... Niall du kannst Harry nicht einfach so Abby ausspannen. Du kannst... du kannst sie nicht einfach so küssen und denken, dass...“
während ich rede, werden Nialls Augen auf einmal immer grösser und schliesslich scheint er zu begreifen. Mit funkelnden Augen unterbricht er mich: „Abby?!“
„Ja! Weißt du Niall, das alles wird ganz und gar nicht gut enden.“ Aber zu meinem grossen erstaunen lacht Niall nur.
„Was gibt’s da bitte zu lachen, Horan?“, motze ich ihn an, aber er lacht nur weiter. „Du glaubst ernsthaft, dass ich auf Abby stehe? Du bist so bescheuert, Lopez!“, keift er.
Bescheuert? Nur, weil er es jetzt nicht zugeben kann, muss er mich beleidigen?
Aber bevor ich etwas erwiedern kann, fügt er hinzu: „Ich bin nicht in Abby verliebt.“
Mir klappt die Kinnlade hinunter. Nicht?!
Warum nicht? Es war doch so offensichtlich! Und wieso? Wieso um Gottes Willen bin ich so erleichtert?
Weil... weil Harrys und Abbys Beziehung nicht gefährdet ist! Es muss einfach der Grund sein! Es muss einfach so sein!
Aber... aber in wen ist Niall denn sonst verknallt?! Und warum ist es dann kompliziert? Es gibt doch nichts, was komplizierter ist, als sich in die Freundin seines besten Freundes zu verlieben! Verdammt, meine Gedanken schlagen wilde Purzelbäume. Ich kann keinen einzigen, klaren Gedanken mehr fassen.
Vorsichtig hebe ich schliesslich den Blick, meine brennenden Wangen ignorierend.
„Und... was ist dann so kompliziert?“, flüstere ich vorsichtig.
Nialls blaue Augen bohren sich in meine: „Sie... merkt es einfach nicht.“, wispert er.
Hart schlucke ich gegen den Klos in meiner Kehle an, bevor ich ihm endlich antworte: „Vielleicht musst du dir einfach nur mehr Mühe geben, es zu zeigen...“