Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich zitternd da saß. In einer Ecke, die Knie fest an den Oberkörper gepresst. Eingesperrt in einem kleinen Zimmer, wie eines von denen einer Zeitschrift für Kindermöbel. Die Zeit in der Psychiatrie war schwer, ich weinte die ganze Zeit, kam nicht mehr mit mir klar. Die Besprechungen und Therapien waren die Hölle. Ich wollte raus, wurde fast verrückt. Die Personen dort haben es dennoch geschafft. Innerhalb von 4 Jahren. Dann durfte ich gehen.
Am Anfang stand ich in meinem Zimmer. Viel verändert hat sich eigentlich nicht. Nein, das ist falsch. Nichts hatte sich verändert. Es hingen noch immer die „My Little Pony“-Posters an meiner Zimmerwand, die hellrosa gestrichen war. Im Regal standen bunte Pappboxen voller Barbies, Playmobil und Puppenklamotten für meine Baby Born. Aber innerhalb von einer Woche bekam mein Zimmer eine riesige Renovierung. Es war traumhaft, meine Mutter war so lieb.
Es war dann ganz schlicht, alles in weiß, mit ein paar hellblauen Akzenten wie Kissen oder Kerzen. Ich fand es wunderschön, mein Zimmer spiegelte sich in meinem Inneren. Weiß, unendlich, Nichts. In den Regalen standen keine Kinderspiele mehr, mein neues Bett war doppelt so groß wie mein altes und unendlich bequem. Ich liebte es.
Aber gestern. Gestern hatte ich einen Rückfall, der mein kleines Paradies fast zerstört hatte. Meine Schwester kam nachhause, völlig deprimiert und weinend. Sie erzählte mir, ihr Freund hätte sie betrogen. Ich war völlig ausgerastet. Wieso betrog dieser Idiot meine Schwester? Meine perfekte Schwester? Meine Seelen-verwandte? Ich war in mein Zimmer gerannt, Amy rief laut meinen Namen, aber sie konnte mich nicht aufhalten. Ich stieß meine Staffelei samt beendetem Gemälde um, griff nach den Farben und spritze sie gegen die Wände, die Möbel, alles, was ich treffen konnte. Ich war so sauer, auf diesen Menschen, diesen Jungen, den ich nicht mal kannte. Aber zum Glück zog mich Amy aus diesem Tief heraus. Kurz nach mir stoß sie die Zimmertür auf, riss mir die Farben aus der Hand. Ich hatte auch sie bespritzt. Ein roter Fleck, auf ihrem weißen Top. Wie Blut. Sofort hörte ich auf, ich wollte nicht, dass sie Schmerzen hatte, der Blutfleck war so groß. Mein Kopf wanderte nach rechts, bis ich sie schief ansah. „Skye“, flüsterte meine Schwester behutsam, wobei sie mich sorgenvoll ansah. „Alles ist gut.“, sie strich über meinen Arm, bis ich weinend zusammenbrach. Später erzählte sie mir, dass sie nicht sauer war, sie liebte den Typ nicht mehr. Sie wollte nur, dass es mir gut ging. Zusammen strichen wir mit weißem Lack über die Möbel, um die Spritzer der Acrylfarbe zu überdecken. Meine Wand blieb aber gesprenkelt. Zum einen, weil meine Mutter mit schmunzelnder Miene sagte, ich sollte mich immer erinnern, an diesen Wutausbruch. An die Kraft, die ich dabei hatte, die Energie, die in mir steckte. Zum anderen hatten wir keine Wandfarbe mehr, und es wäre zu teuer gewesen, neue zu kaufen.
Heute war alles besser. Ich lag auf meinem Bett, starrte die gesprenkelte Wand an und hörte Musik. Ich ließ die Songs einfach durchlaufen, denn ich hatte keine Lust, dauernd nach meinen Lieblingsliedern zu suchen. Ich seufzte. Mir war langweilig, eindeutig. Sonst hatte ich immer irgendwas zu tun. Aber heute hatte ich nicht mal Lust zu zeichnen. Das war sonst meine Leidenschaft, unser Haus war schon jetzt voll gehängt mit allen Bildern, die ich während der Zeit in der Klinik gemalt hatte. „Künstlerisch und kreativ zu sein beruhigt“, meinte meine Therapeutin, sie hatte eine unglaublich tiefe Stimme. Dieser Satz ging mir einfach nicht aus dem Kopf, denn es war die Wahrheit. Wieder stieß ich einen Seufzer aus. Ich streckte meine dünnen, geraden Beine in die Luft und lehnte sie dann an die Wand. War ich zu dick? Still betrachtete ich meine Beine, ihre Form, und schmunzelte. Ich wusste nicht, wie dünn ich eigentlich war. Ich selbst sah mich als moppelig.
Nach dem 11. Song klopfte es sachte an der Tür. Ja, ich hatte mitgezählt. „Skye-Schätzchen?“, hörte ich Mums zarte Stimme. Ich bat sie herein, und sie lächelte mich kurz an, bis sie sich auf die Bettkante setzte, wobei die Matratze etwas einsackte. „Was gibt’s?“, wollte ich wissen. Meine Mutter zögerte nicht lange. „Du weißt, du musst wieder zur Schule gehen.“, sagte sie leise. Einen Moment lang sagte keiner etwas von uns. Ich betrachtete den Blick, den sie mir zuwarf. Bestimmt hatte sie diesen einen Gedanken: Rastet sie jetzt wieder aus?, aber nein, ich blieb ruhig. „Nein.“, sagte ich ganz simpel. „Ich will da nicht hin, kannst ja 'nen Hauslehrer bestellen, oder so“, murmelte ich. Das war's für mich, ich wollte nicht. Aber Mum schüttelte den Kopf. „Es geht nicht, Skye. Hauslehrer hattest du in der Klinik genug. Silvia meint auch, dass wir dich wieder integrieren sollen. Es wird dir noch besser gehen, wenn du wieder am sozialen Leben teilnimmst.“, erklärte sie. Silvia, Silvia, immer nur Silvia. Sie war meine Therapeutin, die mit der tiefen Stimme. Ich rollte mit den Augen, denn Mum hatte eine Anspielung auf meinen sozialen Kontakt zur Außenwelt gemacht, der praktisch nicht bestand. Meine beste Freundin war meine Schwester, Amy. Das reichte mir auch. Ich brauchte keine Freunde, mit denen es auch vorprogrammierten Stress gab. Eine Freundin, die ich in - und auswendig kannte, hatte ich schon. Meine Schwester, ganz einfach. Aber kurz zögerte ich. Schule? Ich würde gleichaltrige kennenlernen. Amy war immerhin schon 19 Jahre, ich erst schlappe 16. Dennoch fühlte ich mich wie 12, weil ich so lange blockiert war. In diesem Moment, als ich zögerte, räusperte sich meine Mutter: „Bitte, Skye.“ Sie sagte es so hoffnungsvoll, dass mir fast die Tränen kamen. Sie wollte mir schließlich auch nur helfen, oder? Ich schaute auf meine Füße und setzte mich im Schneidersitz meiner gegenüber sie. „Das geht gar nicht. Es ist Winter, das heißt, mitten im Schuljahr. Da muss ich leider noch warten, bis es August ist.“, grinste ich frech und somit war das Thema für mich beendet. Dachte ich. „Das ist doch egal. Wir hätten eine Realschule, die dich sofort aufnehmen würde. Sofort.“, betonte Mum nochmal, diesmal lag das Lächeln auf ihrer Seite. Das Blut wich aus meinem Gesicht, ich spürte es regelrecht. Ja, wieso nicht? Sofort, hört sich doch gut an!, sprach ich mir selbst zu. „Ja.“, ich zuckte mit den Schultern. Jetzt lächelte Mum richtig breit. Sie nickte und verließ das Zimmer, doch bevor sie die Tür schloss, sagte sie noch ein Wort. „Montag“, und damit ließ sie die Zimmertür ins Schloss fallen.
Montag. Montag! Montag? Das war in … Freitag, Samstag, Sonntag! In drei Tagen! Heute war Freitag. Ich schaute auf die Uhr. 14:03, mittags. Das war es also? Mein Leben würde sich ab Montag, also in drei Tagen, ändern! Aber so richtig. „Ich gehe wieder in die Schule“, flüsterte ich, obwohl ich es raus schreien wollte. So stark war ich also noch nicht.