„Erzählst du mir, was zwischen dir und Harley ist?"
„Warum sollte ich das tun Bruder?" wollte Loki wissen und sah ihn abschätzend an. Die Neugierde über seine privaten Angelegenheiten missfielen den jungen Gott.
„Naja, du bist mein Bruder und..." „Das tut nichts zur Sache" unterbrach er seinen Bruder.
„Was ist mit uns passiert Loki?"
Überrascht zog er eine Augenbraue hoch und sah den Donnergott an. Das fragte er auch noch? Nach all dem, was in der Vergangenheit passiert war, hatte er die Dreistigkeit danach zu fragen, was zwischen ihnen passiert war? Belustigt schnaufte er auf, antwortete ihn aber nicht.
„Ich mein" redete er weiter, „Ich weiß, du bist du, ich bin ich. Aber du bist mein Bruder. Jedoch habe ich das Gefühl, dass wir uns, je älter wir werden, immer weiter von einander entfernen."
Loki hob überrascht den Kopf. Solche Gedanken hegte er? Er zerbrach sich tatsächlich den Kopf über ihre Beziehung zueinander?
„Was? Überrascht?" Thor war seinen Reaktion nicht entgangen und ein Grinsen schlich sich auf seine, vom Bart umrandeten Lippen. Zufrieden verschränkte er die Arme vor der Brust.
„Ich weiß nicht, was du denkst, was ich von dir halte. Aber ich liebe dich Loki."
Solche Worte von seinen Bruder zu hören, war seltsam und befremdlich. Hatte ihn die Angst um seine Eltern so gelähmt, dass er nicht mehr bei klaren Verstand war? Er liebte ihn? Ungläubig schüttelte er den Kopf und schwieg weiter. Dazu hatte er keine Worte, denn er fühlte nur mehr Verachtung vor seinen Bruder. Davon war er jedenfalls fest der Überzeugung.
„Jedenfalls" etwas betreten sah er auf den Boden, scheinbar hatte er auf eine Reaktion von ihn gehofft, „Was auch immer du für Harley empfindest, es ist schön zu sehen, dass du wenigstens eine Person an dich herangelassen hast. Auch wenn es ironischer weise ein Menschenskind ist."
„Können wir das Thema wechseln?" fragte Loki kühl.
„Klar" Thor grinste und sah ihn vielsagend an. Sein Blick glitt einmal musternd über seinen Körper ehe sein Lächeln noch breiter wurde.
„Du siehst aus wie eine Hexe" spottete er. Entrüstet sah er an sich herab. Der komplett in schwarz gehaltenen Anzug saß gut und er fühlte sich wohl darin.
„Hey" knurrte er und sah Thor an. Dieser trug eine ganz gewöhnliche Jean, ein weißes Shirt und eine rote Weste.
Sein Bruder begann zu lachen und klopfte ihn auf die Schulter.
„Es passt zu dir" stichelte er weiter und Loki presste die Lippen aufeinander um die spitzen Worte, die in seiner Kehle steckten, einzusperren.
„Ah, na endlich!" rief Thor aus und richtete sich auf. Loki folgte seinen Blick und sah Harley, wie sie gemütlich joggend auf sie zugelaufen kam. Auch sie trug nicht mehr das Gewand der Asen. Ihr schwarzes, zugeknöpftes Hemd steckte locker in einer Jean. Kaum hatte sie die beiden erreicht, ging ihr Blick musternd über die beiden Götter.
„Das müssen wir noch begradigen" sprach sie und deutete auf Loki. Thor, der noch immer neben ihm stand, hatte sichtlich mühe sein Lachen zu unterdrücken.
„Wir besuchen die Erde, nicht eine Beerdigung" erklärte sie.
„Ihr trägt so etwas, auf einer Beerdigung?" fragte Loki verwundert. Die Menschen waren seltsam.
„Kommt schon, wir sollten los" sagte Thor, „Die Erde wartet auf uns."
Wieder klopfte er Loki brüderlich auf die Schulter, ehe er sich abwendete und ging.
„Ob es wirklich so eine gute Idee war, mich hier her zu bringen?" murmelte Loki und stand unentschlossen auf der Straße.
Harley verstand, was er damit meinte. Die Avangers waren schließlich nicht gut auf ihn zu sprechen, doch wenn sie unter dem Radar blieben, konnte ihnen nichts passieren. Das hoffte sie zumindest.
„Beherrsche dich einfach Bruder" bat Thor und sah ihn lächelnd an. Loki öffnete den Mund um zu antworten, hielt kurz inne und schloss diesen wieder, er hatte es sich anders überlegt.
„Wo sollen wir anfangen zu suchen?" fragte Harley um das Gespräch umzuleiten. Die drei standen inmitten der New Yorker Innenstadt und hatten nicht die geringste Ahnung, wo sie ihre Suche starten sollten. Heimdall hatte die beiden Götter das letzte Mal hier gesehen, ehe sie spurlos verschwunden waren.
„Wer sagt, dass sie noch immer hier sind?" hinterfragte Loki und verschränkte missbilligend die Arme vor der Brust.
„Hätten sie die Erde verlassen, hätte Heimdall das bemerkt" erklärte Thor, der gerade zwei hübschen New-Yorkerinnen hinterher sah. Loki verdrehte sichtlich die Augen und stöhnte genervt auf als er dies ebenfalls bemerkte.
„Konzentrier dich Bruder" zischte er ihn zu.
„Die Erde hat so ihre Vorzüge" gestand Thor mit einem strahlenden Lächeln, welches spitzbübisch wirkte.
„Wie kann es sein, dass Heimdall sie nicht sehen kann?" Nahm Harley den Fall wieder auf.
„Vielleicht sind sie tot" sprach Loki schulterzuckend. Ihn schien dieser Gedanke nichts auszumachen.
„Oder einfach nur ein starker Zauber" fügte Thor mit einen Giftigen Blick gegen Loki hinzu.
Harley faltete die Hände, wie zu einem Gebet und schnaufte:
„Könntet ihr bitte nur ein einziges Mal, miteinander klar kommen?!"
„Sag ihm das" murrte Loki beleidigt und wendete den Kopf ab.
„Sehr erwachsen Bruder" spottete Thor und drehte den Kopf in die entgegengesetzte Richtung.
Laut pustete Harley die Luft aus ihren Lungen, drehte sich am Absatz herum und lief los. Die zwei Streithähne ließ sie einfach stehen, doch ihre Aktion löste den Gewünschten Effekt aus. Die beiden Götter rauften sich schnell zusammen und folgten ihr.
„Was hast du vor?" wollte Loki wissen und schloss als erstes zu ihr auf.
„Du musst mich verhüllen, ich habe eine Idee."
„Um das richtig zu verstehen...Sie haben kein Foto, keine Anhaltspunkte, also eigentlich gar nichts. Nur, dass die zwei Personen das letzte Mal in New York gesichtet worden sind?"
Harley Magen zog sich zusammen. Stumm nickte sie.
„Agent, verstehen Sie mich nicht falsch, das ist zu wenig. Ich kann die Beschreibung durch den Computer jagen und sehen was er ausspuckt, aber solange die beiden nicht in der Datenbank verfasst sind, ist die Sache aussichtslos."
Das wusste Harley, immerhin hatte sie selbst viele Male das System genutzt um nach Personen zu fahnden. Aber sie hatte die Hoffnung, dass die beiden Götter eventuell Aufsehen erregt hatten - irgendetwas, was sie wichtig genug machte um in der Datenbank erfasst zu werden.
Ohne es zu merken haftete ihr Blick auf ihren ehemaligen Schreibtisch. Es war penibel zusammengeräumt, schien aber unbenützt. So viele Stunden war sie daran gesessen, hatte zusammen mit ihrem Partner an Fällen gearbeitet und nicht nur ein graues Haar dabei kassiert. Wehmütig seufzte sie auf und dann gleich noch einmal, als sie über Philipps Schreibtisch blickte. Ein gerahmtes Foto von seiner bildhübschen Frau, die einen Säugling im Arm hielt stand neben seinen Laptop, gleich daneben konnte sie sich selbst sehen, zusammen mit Phillip. Damals hatten sie einen großen Fall gelöst. Ein Serienmörder, der seine Opfer bei lebendigen Leibe häutete, bis sie einfach starben. Am Blutverlust, oder am Versagen der Organe. Es war ein Grauenhafter Tod. Der Killer war sehr kreativ. Aus den Häuten bastelte er kleine Geschenke, die er Harley und ihren Partner zukommen ließ- Briefe, Schachteln, kleine Anhänger - alles aus Leder. Menschliches Leder. Die Verhaltensstörung grenzte an Verehrung. So widersprüchlich es auch war, der Mann vergötterte das FBI und drückte seine Liebe zu ihren Job mit makaberen Geschenken aus. Er wollte im Mittelpunkt stehen, er labte sich an der Aufmerksamkeit und den „Ruhm". Philipp war es, der schließlich auf das Geheimnis drauf kam und ihn fassen konnte. Das FBI ehrte ihren Partner an dem Tag, als das Foto entstanden war. Stolz wie ein Honigkuchenpferd stand er da, mit einem Glas Sekt in der Hand. Ein Arm um Harley gelegt.
„Was ist mit Agent O'Melly passiert?" fragte sie und verschluckte sich fast an den Wörtern. Loki sah sie mit einem scharfen Blick an, sagte jedoch nicht.
„Sie kannten O'Melly?" verblüfft sah Philipp zu ihr auf. Natürlich erkannte er weder Loki, der in Gestalt eines rothaarigen Mannes neben ihr stand und Harley, welche wieder ihre kurzen, braunen Haare und das fremde Gesicht trug, nicht.
„Wir arbeiteten einmal zusammen, ja" log sie. Philipp atmete einmal gedehnt aus. Sofort erschien die Traurigkeit in seinen Augen.
„O'Melly wurde offiziell als tot erklärt, inoffiziell als vermisst." gestand er und strich sich durch die kurzen, blonden Haare. „Das heißt...bis wir ihre Leiche Gefunden haben."
Sein Körper sackte in sich zusammen und sein Blick blieb an dem Foto haften.
„Es ist schlimm, seine Partnerin zu verlieren" er lachte trocken auf, „Schlimmer als so manch Trennung." Das schlechte Gewissen und der Schmerz ließen ihren Magen verätzen und ehe sie wirklich darüber nachdenken konnte, sagte sie:
„Es tut mir so leid Phips."
Seine Augen weiteten sich für einen Augenblick als Harley den kleinen Satz frei ließ und er drehte sich komplett zu ihr herum. Loki hatte sofort begriffen was hier geschah. Hastig beugte er sich vor, schnappte sich ein Post-It und schrieb die Numemr ihres neuen Wegwerf-Handy auf.
„Sollten Sie irgendetwas hören, was auf die Beschreibung der beiden passt, rufen Sie uns bitte an." sagte Loki, griff nach ihren Arm und zerrte sie beinahe fluchtartig davon.
„Was sollte das denn?!" zischte er ihr am Gang zu. Harley blieb stehen und sah wehmütig zurück.
„Ich habe meinen Partner im Stich gelassen" murmelte sie.
Loki atmete hörbar ein und aus. Seine Wut ebbte so schnell ab, wie sie gekommen war und fürsorglich umschloss er ihr Gesicht mit beiden Händen.
„Harley" sie sah ihn an, „Es ist zu gefährlich, das weißt du."
„Ja." Sie trat einen Schritt auf ihn zu und vergrub ihr Gesicht in seiner Brust, „Ja, ich weiß."
Was sie allerdings nicht wusste, war:
Damals als sie der Erde den Rücken zugekehrt hatte und in Asgard ihre neue Heimat fand, hatte sich das FBI weiterentwickelt. Die Sicherheit, wurde groß geschrieben, zumal auch eine FBI-Agentin spurlos verschwunden war. Das veranlasste den Captain nun dazu etwas zu ändern. Es gab kleine Chips, mit denen sie sich im Gebäude registrieren konnten, außerdem wurde ein neuer Workflow eingerichtet. Die Protokolle mussten anders geschrieben werden und man sollte sich regelmäßig beim Captain melden, den Harley damals nur sehr selten zu Gesicht bekommen hatten. Eine weitere Neuerung, waren die Überwachungskameras. Es war nicht das billige Zeug, nein. Denn sie nahm nicht nur Bewegungen auf, sondern sogar gesprochenes. Aber das merkte Harley nicht, sie war zu sehr damit beschäftig, in Selbstmitleid zu versinken. Die kleine rote Leuchte, hatte sie einfach nicht bemerkt.