Unter den Sternen

Par Skyflame12

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Einen geliebten Menschen zu verlieren, ist mitunter das Schlimmste, das einem widerfahren kann. Doch bestimmt... Plus

Unter den Sternen

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Par Skyflame12

Disclaimer:
Die wundervollen Charaktere entstammen allein J.K.Rowlings Feder - ich verdiene mit dieser Geschichte somit keinen einzigen Knut.


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Es war still. Nichts regte sich. Nur das seichte Rauschen einer sanften Brise versetzte die Gräser in der Nähe des Fuchsbaus in eine fast lautlose Bewegung. Lupin saß inmitten der überwucherten Wiese. Der Wind durchkämmte fast zärtlich sein angegrautes Haar, machte die schwüle Luft ein wenig erträglicher, doch er spürte ihn nicht.

Alles, was er wahrnahm, war der wolkenverhangene Nachthimmel, in dem nur vereinzelte Sterne schwaches Licht spendeten. Es schien, als wären sie zum Greifen nah und doch lagen sie in solch endloser Ferne. Unerreichbar.

Lupins Blick lag unverwandt auf einem der wenigen Sterne, die noch zu sehen waren.

Sirius.

Er war nun in dieser weiten Ferne, aus der er nicht mehr zurückkehren würde. Nie wieder. Er war gegangen, ein weiteres Mal, doch dieses Mal unwiderruflich. Niemand, der in diesen Schleier gefallen war, konnte zurückkehren. Niemand.

Und doch, warum klammerte sich ein kleiner Teil seines Herzens so verbittert an die Vorstellung, er würde gleich über diese Wiese zu ihm schlendern, mit jenem unnachahmbaren süffisanten Grinsen, das verkündete, dass er wieder einmal das Unmögliche möglich gemacht hatte? Wieso konnte er, jeglicher Logik zu trotz, seine Hoffnung nicht vollends aufgeben? Hoffnung, an die er sich klammerte, obwohl er wusste, dass es keine gab, Hoffnung, die zerbersten und alles nur noch viel schlimmer, viel unerträglicher machen würde?

Lupin nahm einen tiefen Atemzug und starrte weiter in die Ferne.

Er sollte diese Hoffnung nicht haben. War denn die Tatsache, dass der Grimmauldplatz geräumt werden und er in den Fuchsbau umziehen musste, nicht Beweis genug, dass niemand mehr glaubte? Wieso konnte gerade er, der so viel rationaler war als seine Mitmenschen, nicht akzeptieren, was vorgefallen war?

Weil er sich dann eingestehen müsste, dass es seine Schuld war, beantwortete er sich die Frage selbst. Er hatte gesehen, wie sich Tonks Bellatrix gestellt hatte und doch war er ihr nicht zur Seite gesprungen. Sie war talentiert, doch kamen ihre Erfahrung und ihr Wissen an das der grauenerregenden Todesserin nicht ansatzweise heran. Es war aussichtslos gewesen; und er hatte es gewusst. Wäre er ihr zu Hilfe geeilt, hätten sie sie gemeinsam besiegen können – und Tonks wäre nicht verletzt worden, und Sirius wäre nicht – nicht...

Für einen Moment schloss er schmerzlich die Augen und sah, wie das letzte Lachen auf dem Gesicht seines besten Freundes erstarrte.

Er hätte eingreifen können. Nachdem Dumbledore gekommen war, hatten sich nur noch die beiden duelliert. Er hätte eingreifen können. Er hätte ihn retten können. Doch er hatte es nicht getan.

Das Gras hinter ihm raschelte.

„Remus, nun iss doch endlich mal etwas, seit Tagen hast du nichts mehr zu dir genommen – und du bist ganz blass und –" Er musste sich nicht umdrehen, um zu erkennen, dass Molly sprach.

„Geh." Seine Stimme klang schwach und kraftlos. Resigniert.

„Och Remus", sagte Molly sanft, „er hätte nicht gewollt, dass du-"

„Geh!" Mit einem Mal fuhr sein Kopf ruckartig zu ihr herum, in seinen Augen lag ein stechender, fast hasserfüllter Blick. Der Sichelmond tauchte hinter den Wolken hervor und ließ Lupins aschfahles Gesicht gespenstisch schimmern. Molly zuckte zusammen ob dieses Anblicks und der Kälte in seiner Stimme. Als sie ihm den Rücken zukehrte, hörte er sie leise schluchzen.

Er wandte seinen Blick wieder dem vertrauten Licht des Hundesternbildes zu. Wie konnte etwas, das so nah schien, so fern sein?

Er sah Sirius' Animagusform so deutlich vor sich, als stünde er ihm wahrhaftig gegenüber. Wie viele Jahre war es her, dass er sie zum ersten Mal gesehen hatte? Wie sehr hatte er sich – trotz aller Bedenken – gefreut, dass die drei Rumtreiber so etwas auf sich genommen hatten, nur für ihn? Wie hatten sie es geschafft, seine unüberwindbare Furcht vor dem Vollmond zu brechen, ihn erträglich, zeitweise sogar fast angenehm zu machen?

Unbefangen waren sie über die Ländereien von Hogwarts gestreift, hatten so vieles entdeckt, so viel Spaß gehabt! Und da waren die Streiche, der Jubel anderer Schüler, die Quidditch-Matches, ihre seltsamen Unterhaltungen über die abstrusesten Themen, Sirius' charmantes Grinsen, James' herzhaftes Lachen, Lilys zaghaftes Lächeln, Peters glucksendes Kichern; es schien, als könne sie nichts aufhalten, als wäre alles möglich, als stünde ihnen die Welt offen –

Dann, mit einem Schlag, war es vorbei. Lily tot. James tot. Peter vermeintlich tot. Und Sirius sollte sein Mörder sein. Er hatte alles verloren, alles, was ihm Halt gegeben hatte, alles, woran er je geglaubt hatte.

Er war durch die Hölle gegangen, eine Hölle der undurchdringlichen Einsamkeit. Eine Hölle der Leere. Und schließlich eine Hölle der Verzweiflung.

Es hatte Jahre gedauert, ehe er sich hatte helfen lassen. Ehe er erneut hatte vertrauen können. Ehe er sich abermals an die selbstzerstörerischen Verwandlungen gewöhnen hatte können, nach denen er blutüberströmt und vor Schmerz ächzend aufwachte. Auch, wenn er die Mühen der drei Freunde in den Vollmondnächsten immer zu schätzen gewusst hatte – wie wichtig sie ihm wirklich waren, hatte er erst erfahren, nachdem er sie verloren hatte. Gegen seinen Willen waren sie fast selbstverständlich geworden.

Irgendwann, endlich, hatte er ein neues Leben beginnen können und schließlich, vor knapp zwei Jahren, hatten sich die Fäden des verworrenen Missverständnisses gelöst und – Sirius war zurückgekehrt. Lupin hätte seine Freude, die lodernde Wärme seines Herzens, nicht in Worte fassen können.

Das Wissen, entgegen aller Hoffnung, ihn wieder verloren zu haben, schmerzte unerträglich.

Unwillkürlich streckte er seine Hand nach dem Stern in den unendlichen Weiten aus, bereit ihn zu greifen, ihn zurückzuholen, doch er griff ins Leere.

Die finsteren Wolken zogen weiter und bedeckten den einst so hellen Stern.

„Warum? Warum hast du mich verlassen?", wisperte Lupin mit rauer Stimme und schluckte schwer, um den gewaltigen Kloß in seinem Hals zu vertreiben, um den Felsen, der ihn am Boden hielt, ein wenig leichter zu machen, doch vergebens.

Auch wenn die Wolken den Stern wieder erstrahlen lassen würden, so war ihre Trennung doch endgültig. Für immer. Unumkehrbar.

Er war allein. Wie damals.

Warum lebte er überhaupt noch? Was hielt ihn davon ab, den einfacheren Weg zu beschreiten, der all den Schmerz beenden würde? Warum versuchte er, stark zu sein? Weshalb weigerten sich die Tränen so beharrlich zu fließen? Und warum - warum gab er nicht einfach auf?

„Molly sagte mir, dass du hier bist." Die vertraute Stimme der jungen Hexe riss ihn jäh aus seinen Gedanken und erst jetzt bemerkte er das magische bläuliche Licht, das die Finsternis durchdrang.

Lupin antwortete nicht. Stumm nahm er einen tiefen Atemzug und starrte weiter in den wolkenverhangenen Himmel.

„I-ich hab ihr gesagt, dass es vielleicht keine so gute Idee ist, weil du bestimmt allein sein willst, und am wenigsten mit – also ich – ich geh dann jetzt besser." Ohne ein weiteres Wort wandte sich Tonks ab.

Das hohe Gras knisterte unter ihren Füßen und der Mond kam abermals hinter den Wolken hervor.

„Bleib." Es war nur ein einziges Wort, ein einziges Wort einer heiseren, verletzten Stimme, doch Tonks stoppte augenblicklich ihren Schritt.

Stumm ließ sie sich neben Remus auf dem nachtschwarzen Grün nieder und löschte das Licht ihres Zauberstabs. Sie blickte ihn nicht an, sondern schaute nur hinauf zum dunklen Nachthimmel. Eine Weile schwiegen sie, regungslos. Da waren nur sie, und der Wind, und das Gras, und die Finsternis, die sie umgab.

„Es tut mir leid", wisperte sie schließlich, „es tut mir so leid! Hätte ich den Kampf gewonnen, hättest du... hättest du ihn... nicht verloren – nicht – nicht schon wieder –" Er hörte ihre Stimme brechen und sah sie zum ersten Mal an. Ruckartig packte er sie bei den Schultern.

„Bist du – bist du wahnsinnig, Tonks?! Wie kannst du dir das nur vorwerfen?! Wie kannst du dir nur vorwerfen, es sei deine Schuld, obwohl du im Kampf alles gegeben hast?! Du hattest keine Wahl, ich hatte sie! Hätte ich dir zuerst geholfen, statt gegen Dolohow zu kämpfen...!"

„Remus, wir waren in der Unterzahl! Wir konnten es uns nicht leisten, zu zweit gegen eine Person zu kämpfen!", rief Tonks aufgebracht und entriss sich seinem Griff, „du hättest nicht-"

„Ich hätte sehr wohl, Tonks, denn kurzzeitig –"

„Auch kurzzeitig nicht, das ist das Erste, was man in der Aurorenausbildung lernt, denn so gibt es noch mehr freie Gegner, die hinterrücks angreifen könnten!" Entrüstet sprang Tonks auf.

„Und doch wäre es besser gewesen! Hätte ich dir zur Seite gestanden, Tonks, wäre Sirius nicht – wärst du nicht–!" Remus rappelte sich ebenfalls auf und raufte sich aufgebracht die Haare.

„Ich bin völlig fit, wie du siehst, und im Nachhinein ist es immer einfach, zu sagen, was besser gewesen wäre! Aber das wissen wir vorher nun mal nicht! Du machst dir Vorwürfe, wo keine gerechtfertigt sind, wie soll ich mich da fühlen, ich –"

In ihren braunen Augen glitzerten Tränen, die mit der Finsternis verschmolzen. Remus sah sie nicht, doch ihre brechende Stimme war unverkennbar. Bebend sackte Tonks in sich zusammen.

Bei diesem Anblick schien Remus' Zorn mit einem Mal zu verrauchen. Unbeholfen ging er in die Hocke und legte ihr zögerlich eine Hand auf die Schulter, nicht wissend, was er tun sollte.

„Ich hätte – stärker sein – ausweichen – ", hörte Remus sie zwischen den herzzerreißenden Schluchzern herauspressen, während er spürte, wie die Trauer ihn zu überwältigen drohte.

„Tonks, hör zu, ich kann verstehen, dass du dir Vorwürfe machst, aber das ist wirklich nicht berechtigt! Ich dagegen-"

„Ich bin echt erbärmlich, was?", schniefte Tonks, „da komme ich, um dich zu trösten – und jetzt – bist du es, der mich trösten muss...

Remus spürte einen Stich in seinem Herzen. Wie konnte ein so wundervoller Mensch, der immer so selbstbewusst und lebensfroh gewirkt hatte, nur so wenig Achtung vor sich selbst haben?! Doch obwohl er sonst so wortgewandt war, fiel ihm einfach nichts ein, was er sagen konnte.

„Wie... schaffst du das nur?", fragte Tonks, als sie sich ein wenig gefangen hatte, „wie – wie kannst du nur so stark sein?!"

Remus lächelte gequält. Welch' Ironie, dass sie ihn als stark bezeichnete, wo er doch gerade vorhin erwägt hatte, vor allem zu fliehen, auf unumkehrbare Art.

„Stark?", wiederholte er leise, „sind nicht gerade diejenigen stark, die die Tränen trotz aller Anstrengungen nicht zurückhalten können, aber dennoch nicht aufgeben?"

Für einen Moment atmete Tonks zitternd aus, ehe die Worte die letzten Splitter ihrer Selbstbeherrschung zerbarsten.

„Ich... vermisse ihn so sehr!", wimmerte sie kläglich.

Laut aufschluchzend warf sich Tonks in seine Arme, als auch Remus die Bedeutung seiner eigenen Worte, die ihm fast unüberlegt über die Lippen gekommen waren, endlich begreifen konnte: Zu weinen hieß nicht, schwach zu sein.

Er drückte Tonks fest an sich und als der Felsen in seinem Inneren ein wenig zu zerbröckeln schien, wusste er plötzlich, wieso er noch lebte, wieso er nicht den leichten Pfad beschritten hatte, wieso er trotz allem nicht hatte fliehen können.

Sein Grund lag unmittelbar vor ihm. Denn er lebte für sie.

„Danke", wisperte er kaum hörbar, und während endlich, endlich stumme Tränen der Befreiung seine Wangen hinab rannen, kam ein besonderer Stern hinter den Wolken hervor und leuchtete heller, als er es jemals getan hatte.

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