William und ich hielten noch einmal kurz bei mir im Zimmer an , um mir eine Jacke zu besorgen. Während ich im Schrank nach einer suchte, sah sich Will mein Zimmer an.
"Ist das deine Schwester?", fragte er mich und hielt mir das Medaillon hin. Ich nickte nur.
" Ja wir haben das Foto auf unserer Farm aufgenommen. Im Hintergrund erkennst du die Wiesen und dahinter liegt unser Haus." Warum hingen in diesem verdammten Schrank nur dünne Sommerjacken , die modische Löcher hatten?
"Das sieht sehr schön aus", antwortete er mir und legte es zurück auf meinen Nachttisch.
"Hast du eine gefunden?", fragte er schließlich.
"Nein",schnaufte ich.
"In diesem Schrank gibt es keine vernünftige."
"Lass mich mal sehen", sagte er und schob mich zur Seite. Er brauchte nur einen Blick hineinzuwerfen und zog dann eine dünne, aber schöne , schwarze Jacke , heraus.
"Wie hast du das geschafft?", fragte ich ihn erstaunt. Ich hatte diese Jacke nicht gesehen.
"Jahrelange Übung." War seine Antwort.
"Das erstaunt mich nicht." Er zwinkerte mir nur zu und hielt mir seine Hand hin. Ich ergriff sie und Will hielt mir die Jacke hin, damit ich sie anziehen konnte. Anschließend verließen wir das Zimmer und begaben uns auf den Gang heraus. Es war schon spät, ca. 10 Uhr, weswegen uns nicht viele Diener begegneten William zog mich durch die Gänge und ein paar Minuten später hielten wir im älteren Teil des Palastes an.
"Ab hier müssen wir leise sein", warnte er mich und ich nickte. Vorsichtig zog er die Tür auf und deutete mir, dass ich nachkommen konnte. Hinter uns schloss Will die Tür.
"Wir sind in der Küche?", fragte ich , als er das Licht anschaltete. Er sah mich böse an.
"Tschuldigung", flüsterte ich und er schmunzelte.
"Aus dir wird wohl kein Einbrecher mehr, oder?" diese Äußerung bestätigte sich erneut, als ich an einem Kochtopf hängen blieb und er scheppernd zu Boden ging.
"Geht es noch lauter?", sah er mich böse an. Ich zog den Kopf ein und folgte ihm. Am hinteren Teil der Küche war eine Tür angebracht. Sie war mit einem Zahlencode gesichert. Will tippte einen 10 stelligen Code ein und die Tür öffnete sich. Mir schlug kalte Luft entgegen.
"Das ist der Hinterausgang. Hier werden die Waren hinein und hinaustransportiert", klärte er mich auf. Er führte mich hinaus und wir befanden uns im Innenhof des Palastes. Will und ich schlichen uns an der Fassade entlang, bis wir einen großen Schuppen erreichten. Er war mit einer Kette gesichert. Ich hatte keine Ahnung, was wir hier im Schuppen sollten, aber Will zog einen Schlüssel aus seiner Tasche und schloss die Tür auf. Der Geruch von Öl und Benzin schoss mir entgegen.
"Hier bewahren wir unsere Fahrzeuge auf. Die Autos und andere Fahrzeuge des Palastes stehen drüben in der Garage, hier sind nur Alex und meine ", sagte er und führte mich zu einem Motorrad. Ich selbst war noch nie Motorrad gefahren und irgendwie hatte ich nicht gerade großes Vertrauen in die Sicherheit dieses Fahrzeuges.
"Keine Sorge", beruhigte er mich, als er meinen Blick sah.
"Ich kann das fahren."
"Bist du sicher?", war meine Antwort. Er schmunzelte.
"Sehr sicher. Komm", sagte er, während er mir einen Helm reichte. Ich setzte ihn auf und Will schloss ihn mit geübten Fingern. Dann führte er mich zu dem Motorrad. Er startete den Motor und schwang sich auf den vorderen Platz. "Worauf wartest du?"
Wenn man mich vor einem halben Jahr gefragt hätte, ob ich jemals zu einem Jungen, geschweige denn Prinzen, auf ein Motorrad gestiegen wäre, hätte ich ihn ausgelacht und ihn für verrückt erklärt. Aber hier stand ich und schwang mich tatsächlich hinten auf das Motorrad.
"Du musst deine Arme um mich legen , so", sagte er und schob meine Arme in Position. Es war gut, dass ich hinter ihm saß, so bekam er meine geröteten Wangen nicht mit.
"Und denk daran, gut festhalten." Ich nickte und presste mein Gesicht an seinen Rücken, als er zum Hof hinausfuhr.
Der Fahrtwind wallte mir entgegen und meine Hände schlossen sich immer fester um Wills Oberkörper. Die Straßenlaternen beleuchteten die Straßen und William legte sich gekonnt in die Kurven. Ich hatte mich noch nie so frei gefühlt. Als der Palast hinter uns verschwand und wir in Richtung Innenstadt fuhren, war die Musik schon von weitem zu hören. Will parkte das Motorrad etwas abseits und nahm mir den Helm ab.
"Und, wie hat es dir gefallen?", fragte er mich, während er gerade meinen Helm aufmachte.
"Es war der Wahnsinn", antwortete ich ihm.
"Das freut mich", antwortete er mir und zog mir den Helm ab und schloss ihn an das Motorrad an.
"Hör zu, niemand darf wissen, wer wir sind. Du bist auch in Gefahr. Deswegen bin ich für dich heute einfach nur Will ok?"
"Damit sollte ich keine Probleme haben", antwortete ich ihm.
"Dann lass uns gehen",sagte er und zusammen gingen wir in die Richtung aus der schon laute Musik kam.
Es handelte sich um einen Markt, auf den ersten Blick schien er riesig zu sein. Die ganze Atmosphäre war ausgelassen. Bei uns in Carolina gab es immer nur einen kleinen Markt, vielleicht ein, bis zwei Gegenstände und einige Stände, an denen man etwas trinken konnte. Aber hier in Angeles war es riesig. Es gab Schießstände, Orte, wo man Dosen werfen konnte und einige Fahrgeschäfte.
"Wow", war meine erste Reaktion.
"Gefällt es dir?", fragte Will mich.
"Es ist überwältigend." War meine Antwort.
"Komm", sagte Will zu mir. "
Besorgen wir dir etwas zu trinken." Ich nickte und er führte mich zu einem der Stände.
"Was möchtest du trinken?", fragte er mich. Ich zuckte mit den Schultern.
"Was gibt es denn?" Will sah mich fragend an.
"Warst du noch nie auf einem Weihnachtsmarkt?" Ich blickte zu Boden.
"Nicht wirklich und wenn hätten wir das Geld für andere Dinge ausgegeben."
"Zwei Glühweine bitte", bestellte er unsere Getränke. Der Verkäufer drückte uns daraufhin zwei Gläser in die Hand. Auf ihnen war die Provinz Angeles abgebildet, zusammen mit vielen Sehenswürdigkeiten.
"Die ist wirklich schön", sagte ich zu Will. Er nickte nur. Das Getränk war warm und schmeckte süßlich
. "Willst du es einmal versuchen?", machte er mich auf das Dosen werfen aufmerksam. Begeistert zog ich ihn hinter mir her zum Stand. Will drückte der Verkäuferin einen Schein in die Hand und sie reichte mir drei Bälle.
"Muss ich diese Dosen umwerfen?", fragte ich Will. Er nickte nur.
"Ja" Ich nahm den ersten Ball in die Hand und holte zum Wurf aus. Natürlich traf ich nicht. Der Ball prallte an der Wand ab und hätte fast die Verkäuferin getroffen. Will lachte nur. Ich sah ihn böse an und warf erneut. Dieses Mal traf der Ball zwar, ließ aber nur einen Ball fallen.
"Du musst in der Hüfte mehr Spannung haben",erklärte er mir und schob mich in die richtige Position. Dann winkelte er meinen Arm an und ich warf. Ich war so unglaublich stolz auf mich, ich hatte 3 weitere getroffen .
"Gar nicht so übel", war seine Reaktion.
"Gar nicht so übel? Das war ein Meisterwurf. " Er schmunzelte.
"Naja es geht besser, aber fürs erste Mal war das gut." Ich sah ihn böse an.
"Dann zeig mir doch einmal, wie es ein Meister tun würde", sagte ich ihm und sah ihn herausfordernd an. Er nickte und bezahlte. Natürlich räumte er mit dem ersten Wurf alles ab.
"Wie hast du das geschafft?", fragte ich ihn erstaunt.
"Ich bin halt gut", war seine Antwort.
"Angeber.", murmelte ich und er lachte.
Als Preis bekam er einen Notizblock mit dem Wappen von Angeles. Ohne Kommentar reichte er ihn an mich weiter.
"Danke", sagte ich und verstaute ihn in meiner Jacke. Ich nippte erneut an dem Glühwein, bis ich hinter mir etwas entdeckte.
"Was machen die da?", fragte ich Will . Er sah sich um und entdeckte den Stand, auf den ich gezeigt hatte.
"Sie überziehen Früchte mit Schokolade.". Begeisternd lief ich darauf zu und Will kam mir hinterher.
"Einmal Weintrauben mit Schokolade." , bestellte er für mich.
"Die sind so lecker", schwärmte ich, als ich hinein biss.
"Alex liebt die auch. Jedes mal, wenn wir hier sind, holt er sich mindestens zwei Stangen." Will verdrehte die Augen.
"Das kann ich verstehen, die sind göttlich. Die toppen sogar den Nachtisch gestern."
"Du meinst den, von dem du dir zweimal nach genommen hast?"
"Das ist dir aufgefallen?", fragend sah ich ihn an.
"Klar."
"Was ist dein lieblings- Nachtisch?" , fragte ich ihn.
"ich liebe Esskastanien."
"Wirklich? Grace und haben die im Herbst immer gesammelt und dann über dem Feuer geröstet.", ich seufzte.
"Vermisst du sie?", fragte er schließlich.
"Ja, manchmal schon. Wir waren immer unzertrennlich. Aber durch die Selection hat sie die besseren Chancen, also tue ich es auch für sie. "
"Was meinst du damit?", fragte Will mich.
"Vielleicht können wir sie eine Kaste hinauf kaufen, sodass sie studieren kann. Ich meine, ich bin jetzt ja eine Drei und für sie würde ich mir das auch wünschen."
"Das klingt sehr selbstlos", antwortete er mir.
"Du würdest dasselbe für Alex tun, da bin ich mir sicher." Er nickte nur.
"Ja, da hast du wahrscheinlich recht" , er seufzte.
"Wir sollten bald zurückgehen", sagte er .
"Ich würde gerne noch etwas bleiben", bat ich ihn zögerlich.
"Wenn du etwas verändern könntest, was wäre das dann?" , fragte er mich und ich überlegte.
"Ich würde nicht erwarten, dass sich alles sofort verändern würde, aber ich glaube es würde schon helfen mit kleinen Dingen anzufangen. Ich erinnere mich noch an den Tag, an dem ihr 16 wurdet. Es war im Sommer und Grace und ich sind zum Strand gegangen. Es war unglaublich heiß und die Wachen, welche in Carolina positioniert waren haben Eis an alle Kinder und Jugendliche verteilt. Es war nichts Großes, aber uns hat es viel bedeutet. Grace, sie war da ca. 9, hat es fallenlassen und ich wollte ihr gerade meins geben, als dieser eine Herr ankam und ihr noch eins gegeben hat. Es war ein toller Tag und ich glaube jeder hat an diesem Tag gefeiert. "
"Davon wusste ich gar nichts.", sagte er ehrlich verblüfft.
"Ich weiß nicht, ob das nur für Carolina galt ,aber es war etwas Besonderes, etwas an das man sich erinnert." Will nickte.
"Das war eine schöne Idee. Ich wünschte es wäre immer so einfach" , er seufzte.
"Was meinst du damit?",wollte ich von ihm wissen.
"Es ist schwer den Frieden zu halten. Noch schwerer ist es das Land zusammenzuhalten und dann soll ich auch noch eine Frau finden. Manchmal habe ich das Gefühl, dass das alles unmöglich ist."
"Und wenn du dich weniger bemühst ein Prinz zu sein und mehr eine wirkliche Person?", schlug ich ihm vor. Er sah mich nur verständnislos an.
"Weißt du, in den Provinzen zählt es nicht, ob du der Prinz bist. Ok, vielleicht die Zweier und Dreier, die Königin werden wollen, ausgenommen. Für uns ist es egal wer oder was du bist. Es kommt auf die Taten an. In Carolina kannten wir nur dein Gesicht und das Gesicht, was du den Medien zeigst. Du hast das gemacht, um dich zu schützen, aber es hilft nicht. Ich will mir nichts anmaßen, aber vielleicht bricht Illeá deswegen auseinander. In jeder Provinz gibt es die Reichen, die die sich anpassen und vielleicht geschlossen zum Palast stehen, aber was ist mit den Kasten 5,6,7 und 8? Der Palast hat nie etwas für sie getan,warum sollten sie sich an die Regeln des Palastes halten? Sie versuchen nur zu überleben und durch die Rebellen im Norden sehen sie vielleicht eine Chance. Kannst du ihnen das verübeln? Eine Chance zu suchen, damit ihre Familie überlebt? Die Aufmerksamkeit auf den Palast zu richten, z. B. durch die Selection, wird vielleicht etwas helfen, aber nicht langfristig. Es wird aufhören und dann wieder anfangen. "
"Was soll ich tun? Val, was würdest du tun?" anscheinend hatte ich ihn zum Nachdenken gebracht.
"Zeig ihnen, dass der Palast sich um sie kümmert. Zeig ihnen, dass ihr euch für alle Menschen in Illeá interessiert. Wenn sie auf den Palast vertrauen können, brauchen sie die Rebellen nicht mehr. " Ich überlegte. Wie könnte man etwas bewirken? Da kam mir eine Idee.
"Die meisten Eltern haben um ihre Kinder Angst. Nimm ihnen diese Angst. Der Palast kann den Schulen Geld geben, damit die Kinder zwei Mahlzeiten pro Tag bekommen. Frühstück und ein Mittagessen. Oder ihr gründet eigene Orte, wo nicht nur die Kinder etwas bekommen, sondern auch die Eltern. Du könntest zu Weihnachten Geschenke verteilen. Persönlich, damit die Menschen verstehen, wer du wirklich bist. Zeig ihnen, dass du dich für sie interessierst und sie werden sich für dich interessieren." Er nickte. Anscheinend hatte ich ihm die Augen geöffnet. Die Frage war nur, ob er es umsetzen würde. Aber ich vertraute ihm in diesem Punkt.