"Du denkst, dass James der Mörder ist? Niemals!", debattierte Harry.
Ich wollte gerade zu einem Argument ansetzen, da knallte die Tür hinter dem nächsten Mordopfer zu. Ich zuckte zusammen und quiekte auf.
Zum dreitausendsten Mal in einer Stunde.
Harry lachte, während ich meinen Kopf an seiner Schulter verbarg.
"Du kannst gucken. Es ist alles Ordnung."
In Vertrauen an ihn öffnete ich meine Augen langsam wieder, nur um genau dann hin zu sehen, als der arme Gärtner ein Messer in den Rücken gestoßen bekam.
"Du Idiot!" Ich schlug auf seinen Bauch, während dieser vor Lachen bebte. "Du kennst den Film!"
"Und deswegen kann ich dir versichern, dass James nicht der Mörder ist."
Spätestens nach der nächsten Szene, die meinen schwachen Nerven nicht gut tat, sprang ich mit der Ausrede auf, ich würde Popcorn machen.
Und da mir klar war, dass ich mich ohne Snacks nicht wieder im Wohnzimmer blicken lassen konnte, schlich ich in die Küche und bereitete das versprochene Popcorn vor.
Ich holte eine Schüssel aus dem Schrank, und stellte eine Packung Fertigpopcorn in die Mikrowelle.
Doch plötzlich fühlte ich etwas an meiner Taille. Und da ich in Gedanken noch beim Horrorfilm war, schrie ich auf und wappnete mich innerlich, während ich mich umdrehte.
"Du bist unmöglich," schmunzelte Harry und ich entspannte mich erleichtert. Es waren seine Hände, die an meiner Taille lagen.
"Ich hasse dich," murmelte ich, und schlang meine Arme um ihn.
"Ich dich auch."
Wir lächelten beide, bis er die Distanz überbrückte und seine Lippen auf meine legte. Sie bewegten sich im Einklang, und ich platzierte meine Hand an seinen Nacken, damit wir so eng beieinander standen, wie möglich.
"Spring," murmelte Harry gegen meine Lippen, und ich befolgte seinem Befehl.
Er setzte mich auf die Theke und stellte sich zwischen meine Beine. Wir standen -und saßen- lange in dieser Position, bis uns ein Piepsen auseinander fahren ließ.
"Das Popcorn." Ich grinste, richtete kurz meine durchwühlten Haare und sprang von der Theke, um es aus der Mikrowelle zu befreien.
******
Nach langem Überzeugen meiner Eltern hatte ich die Erlaubnis bekommen, eine Nacht bei Harry zu verbringen. Wir hatten nichts geplant, nur einen ruhigen Abend zu zweit.
"Ich verstehe dich nicht," sagte Harry. Ich drehte meinen Kopf in seine Richtung und bemerkte, dass er mich anstarrte. "Du liebst und hasst Horrorfilme zur gleichen Zeit. Einerseits willst du sie unbedingt sehen, andererseits springst du bei dem kleinsten Geräusch unter den Tisch."
Ich fixierte den Fernseher, auf dem gerade der Abspann lief. Harry und ich hatten die letzten Minuten damit verbracht, die schrägsten Namen zu finden, bis er nachdenklich und still geworden war.
"Ich weiß es nicht, ehrlich. Das ist einer meiner total komischen Seiten. Auf der einen Hand liebe ich diesen Nervenkitzel, auf der anderen bin ich der größte Angsthase auf Erden. Das muss man nicht verstehen, ich tue es ja selbst nicht."
Wir saßen noch ein wenig mit einer angenehmen Stille zwischen uns, da wurde es von der Türklingel unterbrochen.
Harry und ich stöhnten gleichzeitig auf, und ich kicherte als ich die Doppeldeutigkeit dahinter hörte.
"Ich gehe."
"Warte, es ist nach Mitternacht. Das könnte auch ein Mörder sein," rief Harry mir neckend hinterher und spielte damit auf die Horrorfilme an.
Lächelnd öffnete ich die Haustür, doch es verblasste langsam, als ich die Person, die dahinter stand, sah.
Eine wunderschöne, südländische junge Frau, vielleicht ein paar Jahre älter als ich, betrachtete mich mit einer erhobenen Augenbraue.
Sie trug ein kurzes Kleid und hohe Schuhe, bei denen ich mir schon längst die Füße gebrochen hätte. Ihr glänzendes, dunkles Haar war hochgesteckt und sanfte Locken umrahmten ihr exotisches Gesicht.
Sofort kam ich mir schrecklich vor. Ich, in Jogginghose und ungeschminkt. Sie, wunderschön und elegant.
"Und du bist...?", unterbrach sie die Stille zwischen uns. Abschätzig wanderte ihr Blick über mein Gesicht.
"Mila, ähm... Harrys Freundin." Ich reichte ihr zögernd meine Hand. Sie starrte sie an, als wäre sie giftig und ich zog sie langsam wieder zurück. "Ähm, ich werde wohl mal Harry holen. Komm ruhig rein."
"Ich brauche deine Einladung nicht. Ich war schon sooft hier, es ist praktisch mein zweites Zuhause. Du bist der Fremdkörper," knallte sie mir an den Kopf und meine Vermutung wurde offiziell bestätigt.
Sie war eine von Harrys Betthäschen.
Ich verdrehte die Augen, drehte mich um und machte mich auf die Suche nach Harry. Ich fand ihn auf der Couch, genau da, wo ich ihn zurückgelassen hatte.
"Da ist eine überraus reizende Dame, die dich sehen will." Harry überhörte meinen Sarkasmus nicht, und folgte mir mit gerunzelter Stirn.
Er ahnte wohl auch nichts Gutes.
Doch kurz bevor wir in den Flur traten, in dem eine seiner vielen Ex' wartete, schnappte er meine Hand und drückte sie vorsichtig.
"Harry!" Mit eiligen Schritten kam die Hexe auf ihn zugestampft. "Wie ich dich vermisst habe!"
"Camila? Solltest du nicht in Amerika sein?"
Camila umarmte ihn fest, und drückte einen Kuss auf seine Wange. Harry war gezwungen, meine Hand loszulassen, und ich schritt diskret zurück.
Ich mochte die Frau zwar nicht, aber die beiden schienen sich lange nicht mehr gesehen zu haben.
"Ich war für einen Auftrag gerade in der Umgebung. Es ist so anstrengend, ein Model zu sein." Theatralisch seufzte sie, und ich kam mir noch mickriger vor.
Langsam machte ich mir Sorgen. Da stand eine absolute Traumfrau vor Harry und bettelte förmlich um seine Aufmerksamkeit. Warum sollte er also nicht seine langweilige, durchschnittliche Freundin abservieren?
Einen Moment später hasste ich mich für diesen Gedanken. Harry würde das nicht tun.
"Ich habe gerade keine Zeit für dich, Camila," stellte er klar. Ich lächelte sie gefälscht an, was sie mit einem kurzen Naserümpfen abtat.
Fehlte nur noch die Warze und der Buckel.
"Wir können uns ja morgen einfach zum Dinner treffen, was hälst du davon?", schlug sie vor.
"Ich weiß nicht..." Mit einem sorgenvollen Blick sah Harry mich an, und vergewisserte sich somit wie meine Reaktion zu der Situation war.
Ich fühlte mich wie das fünfte Rad am Wagen, und trat den Rücktritt an. Harry wusste, was er tat.
Mit einem kurzen Handzeichen bedeutete ich Harry, dass ich ins Badezimmer gehen würde.
Er nickte und lächelte mich vorsichtig an. Ich erwiderte es, und verschwand um die Ecke. Doch als mein Name fiel, blieb ich stehen.
"Wer ist diese Marie?"
"Mila."
"Was auch immer. Ich mag sie nicht. Wer denkt sie, wer sie ist? Sie sieht mich an, als wäre ich eine Schlampe und tut so, als würdest du ihr gehören. Sie hat dich sogar 'ihren Freund' genannt. Mir ist klar, dass du gerne deinen Spaß hast, Harry, aber dieses Mädchen ist nicht gut für dich. Merkst du nicht, wie sie sich aus ein paar Nächten mit dir einbildet, du wärst ihr Eigentum?"
"Sie ist meine Freundin, Camila."
"Harry Styles bindet sich nicht. Sogar mich hast du irgendwann weggeschickt, was ich dir im Übrigen noch nicht ganz verziehen habe, und sind wir mal ehrlich: Wenn du jemanden wie mich haben könntest, gibst du dich nicht mit jemandem wie ihr zufrieden."
"Was willst du hier?", fragte Harry genervt und wütend. "Du kannst nicht einfach nach Jahren in meine Wohnung spazieren, meine Freundin beleidigen und kleinmachen, und mich als dein Revier markieren. Es gibt Grenzen. Wir sind Freunde, nichts mehr. Und wenn du das nicht verstehst, bitte ich darum, diese Wohnung zu verlassen."
Es war kurze Zeit leise, und ich dachte schon, Camila wäre wirklich gegangen, doch dann hörte ich ihre Stimme wieder: "Was ist mit dir passiert? Ich habe einen rebellischen, schwierigen Teenager zurückgelassen und bekomme einen beherrschten, charmanten jungen Mann wieder. So war das nicht geplant. Ist sie Schuld an diesem Wandel? Wenn ja, dann werde ich mal mit ihr sprechen müssen. Diese Marie macht jemanden aus dir, der du gar nicht bist. Und du lässt das einfach mit dir geschehen. Mein alter Harry hätte ihr schon längst gezeigt, wer das Sagen hat."
Erneut verdrehte ich die Augen und streckte den Mittelfinger in die Höhe, auch wenn sie es nicht sehen konnte.
"Ich bin immer noch kein Goldjunge, Camila. Und das werde ich auch nie. Ich tue immer noch Dinge, die ich nicht tun sollte und das mehr als genug. Man kann mich nicht mit 'beherrscht' oder 'charmant' beschreiben, denn ich verliere ständig die Fassung und stürze damit alles ins Chaos. Aber ich habe in den letzten Monaten gemerkt, dass es meine Probleme nicht löst, wenn ich alles niederschlage, was sich bewegt. Und dabei hat mir Mila sehr geholfen, deswegen empfehle ich dir, dich von ihr fern zu halten. Du wirst sie nicht mit unserer Vergangenheit belasten."
Als ich seine Worte verdaut, und seine erneute Aufforderung an die Hexe, die Wohnung zu verlassen, realisiert hatte, rannte ich ins Badezimmer. Ich steckte mir meine Haare hoch, putzte meine Zähne und wechselte in die Schlafsachen. Ich hatte sie vorhin schon ins Badezimmer gelegt, was mir jetzt sehr gelegen kam.
Vorsichtig öffnete ich die Tür, und spähte um die Ecke. Im Flur war es dunkel, die Wohnung war still.
Camila war gegangen.
"Harry?", rief ich.
"Schlafzimmer."
Ich fand ihn in dem besagten Zimmer auf dem Bett sitzend, mit Blick auf den Fernseher. Als er meine Anwesenheit bemerkte, schaltete er ihn aus. "Und? Ist sie nicht reizend?"
"Aber hallo. Ich glaube, ich frage sie mal ob wir einen Café trinken wollen. Wir könnten beste Freundinnen werden," scherzte ich mit. Ich krabbelte auf die andere Seite des Bettes und ließ mich im Schneidersitz gegenüber von Harry nieder. "Was hab ich getan, dass sie mich schon in der Sekunde gehasst hat, in der ich die Tür geöffnet habe?"
Er spielte mit seinem Piercing an der Unterlippe. "Ich schätze, sie ist es nicht gewohnt, dass ein Mädchen meine Haustür öffnet."
Das wunderte mich und ich legte fragend meinen Kopf schief. "Aber wo hast du denn deine... ähm... Bettbekanntschaften hingebracht?"
"Immer zu ihr oder ins Hotel. Manchmal gab es auch auf der Party freie Räume. Aber ich habe nie jemanden mit nach Hause gebracht."
"Außer sie. Sie war schon mehrere Male hier." Ich rief es in Erinnerung, was sie mir vorhin förmlich ins Gesicht gespuckt hatte: 'Ich brauche deine Einladung nicht. Ich war schon sooft hier, es ist praktisch mein zweites Zuhause. Du bist der Fremdkörper.'
"Camila ist... etwas Anderes." Sein Blick wurde weicher. "Nicht so wie du. Sie war auch nichts anderes als eine Bettgeschichte. Aber mit ihr habe ich mehrere... äh... Nächte verbracht und wir waren oft feiern. Irgendwann hatte ich keine Lust mehr darauf, immer Hotelzimmer buchen zu müssen und hab sie einfach mit zu mir genommen. Aber sie hat nichts anderes von meiner Wohnung zu sehen bekommen, als das Bdezimmer und das Schlafzimmer."
"Hatte sie kein Hotel oder einen Wohnsitz?"
"Da sie oft unterwegs ist, hat sie keinen festen Wohnsitz hier. Aber wenn sie in London war, kam sie bei ihrem Freund unter."
Sprachlos und mit aufgerissenen Augen starrte ich Harry an. "Sie hatte einen Freund? Das kann doch nicht wahr sein! Sag mir nicht, dass du zugelassen hast, das sie ihren Freund betrügt!"
"Die beiden waren sowieso schon so gut wie getrennt. Er war auch jede Nacht weg, und uns war klar, was er getrieben hat. Kein Grund zur Sorge."
Ich entschied mich dafür, dass Thema zu wechseln, bevor ich eine Krise bekam. "Bist du morgen mit ihr verabredet?"
"Nein. Aber das hast du doch gehört." Ein Schmunzeln huschte über seine Lippen. "Ich weiß, dass du zugehört hast, Prinzessin. Wenn du das nächste Mal lauschst, würde ich dir empfehlen, wenigstens so zu tun, als wärst du im Badezimmer. Die Tür zuknallen, oder so. Das hat auch noch eine dramatische Unternote."
Stöhnend ließ ich mich auf den Rücken fallen. "Entschuldigung. Es ist wirklich..."
"Ich hätte genau das Gleiche getan," gestand Harry grinsend. "Nur, dass ich niemals einen von deinen Ex an dich ranlassen würde. Ich würde sie weder ins Haus lassen, noch würde ich sie mit dir alleine lassen."
"Soviel Vertrauen hast du?"
"Dir vertraue ich. Ihnen nicht."
"Aber du kennst doch keinen von ihnen... Was sollen sie denn tun? Mich entführen, wenn du im Nebenzimmer bist?"
"Riskieren werde ich es nicht."
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Ich glaube soviele lange Reden hatte ich noch nie in einem einzigen Kapitel xD
Gewidmet ist dieses Kapitel @HanniTomlinson, da Harry Mila wieder 'Prinzessin' genannt hat. Ich hoffe du kannst es ihm verzeihen, obwohl das eigentlich Nialls Spitzname für seine Freundin ist ;)
Celina xx