Prolog
*Levis Sicht*
Anfangs hatte ich mich noch recht gut amüsiert: Ich hatte mir einen Spaß daraus gemacht mit Erwin, meinem besten Freund, sowie Arbeitskollegen den Abend in meiner Stammbar ausklingen zu lassen, mich von mehreren, nicht gerade unattraktiven Frauen umgarnen zu lassen, ohne dabei aber mehr von ihnen zu wollen.
Ich war - um es gelinde auszudrücken - beziehungsunfähig. Keine meiner Beziehungen hatte länger als zwei Monate gehalten, das war eine echte Meisterleistung, wenn ich mir vor Augen führte, dass ich mittlerweile dreißig war.
Es war schlicht und ergreifend erbärmlich, lächerlich erbärmlich und passte überhaupt nicht in mein, sonst so sortiertes Leben. Ich war der Leutnant des Aufklärungstrupps und hatte es in meinem Leben zu einiges gebracht, zwar nicht ganz freiwillig, wenn ich an meine erste Begegnung mit Erwin zurückdachte, aber im Nachhinein war ich ihm doch recht dankbar dafür, dass er mich aus der Gosse gezogen hatte.
„Warum ziehst du so ein Gesicht? Stress mit Petra?", fragte Erwin wissend und nahm einen Schluck von seinem Bier.
„Sie hat ihre Sachen gepackt und ist ausgezogen", antwortete ich mit betont gleichgültiger Stimme, die verriet, dass es mich nicht sonderlich kümmerte, ob sie nun da war, oder nicht, dann zuckte ich gelangweilt mit den Schultern, „Soll sie doch."
„Das war vorauszusehen, so oft wie ihr gestritten habt", sagte er.
„Es war nicht meine Schuld", böse Zungen mochten vielleicht etwas anderes behaupten, aber was wussten sie schon? Hatten sie eine Beziehung mit Petra geführt, oder ich?
„Da habe ich was anderes gehört", ein böses Lächeln umspielte seine Lippen. Wenn er sich so benahm, erinnerte ich mich plötzlich wieder daran, weshalb ich den Scheißkerl damals abgrundtief gehasst hatte.
„Und das wäre?"
„Muss ich dir das wirklich noch erklären?", auf seinen Zügen breitete sich eine perfide Vorfreude aus, die deutlich zeigte, wie viel Spaß es ihm machte, mir meine Fehler unter die Nase zu reiben, „Aber gut, du hast es ja nicht anders gewollt. Levi, du hast in den letzten Monaten lieber Überstunden gemacht, als dich mit deiner Freundin zu treffen. Du hast dich sogar davor gedrückt, ihre Eltern kennenzulernen, ich musste dich decken und mir eine fadenscheinige Ausrede ausdenken, damit deine Lügen nicht ans Licht kommen. Du treibst jeden Menschen mit deinem übertriebenen Reinlichkeitstick in den Wahnsinn, zwingst dein Umfeld dazu, sich dir anzupassen und stundenlang zu putzen, statt etwas gemeinsam zu machen. Und zu guter Letzt bist du ein krankhafter Egoist, der nur seinen eigenen Vorteil im Sinn hat. Erinnerst du dich noch an Petras Geburtstag? Du hast ihn eiskalt vergessen und dir selbst neue Hemden gekauft, weil sie im Angebot waren. Du hättest ihr Gesicht sehen sollen, als sie dachte, dass du eine Überraschung in der Tüte für sie hättest, und dann die Enttäuschung, als sie herausfand, dass du keine Sekunde an sie gedacht hast. Ganz ehrlich, es ist kein Wunder, dass dir die Frauen scharenweise davonlaufen. Du bist selbst schuld."
Auf wessen Seite stand er eigentlich? Er war mein Freund, er sollte hinter mir stehen und mir den Rücken stärken und nicht meinen Verflossenen.
„Zu meiner Verteidigung: Putzen kann man auch zu zweit", ich verdrehte die Augen provokativ, sollte er doch wissen, dass ich sauer auf ihn war und er bei mir verschissen hatte, „Wenn Petra bei dir behauptet hat, dass wir nichts miteinander gemacht hätten, dann war es eine glatte Lüge. Außerdem stehe ich nicht auf Körperkontakt, oder übertriebene Nähe, oder auf Kuscheln allgemein - ich bin keine Frau."
Das hatte gesessen! Nun musste selbst er einsehen, dass er den Fehler unmöglich bei mir allein suchen konnte. Allein ihre ekelhaft, kitschigen Annäherungsversuche kamen einer Nötigung gleich. Um meinen Standpunkt zu verdeutlichen, verschränkte ich die Arme angesäuert vor der Brust, zog eine Augenbraue nach oben und die Mundwinkel etwas nach unten.
„Das eine hat nichts mit dem anderen zu tun."
Ohne auf seine Worte einzugehen, fuhr ich einfach fort, um meinen angestauten Frust Luft zu machen: „Ich hasse Händchenhalten, daraus hat sie mir auch versucht, einen Strick zu drehen - aber bist du auf meiner Seite?", ich machte eine wegwerfende Handbewegung, „Eben nicht! Ständig betonst du nur, dass du sie verstehen kannst, dabei weißt du genau, dass ich eine Keimphobie habe."
Eins zu Null für mich.
„Ich sehe schon, du bist ein richtiger Traummann", erwiderte Erwin und seine Worte trieften nur so vor Sarkasmus, „Kein Händchenhalten und keine Zärtlichkeiten. Jetzt fehlt nur noch, dass du nach dem Sex aus dem Bett gesprungen bist und geduscht hast."
Mein Schweigen verriet mich.
„Nicht dein Ernst", er fasste sich mit der Hand an die Stirn und legte sie in Falten: „Du bist ein hoffnungsloser Fall. Ich habe noch nie einen Menschen getroffen, der so unsensibel ist, wie du."
Und er war nicht minder unsensibel, dachte ich grimmig und musste mich beherrschen, ihm keine schnippische Bemerkung an den Kopf zu knallen, die mir gerade auf der Zunge lag.
Gerade, als ich etwas erwidern wollte, konnte ich aus den Augenwinkeln eine Bewegung hinter mir wahrnehmen, jemand fegte durch den Raum, wie ein Wirbelwind aus dunklen Stoffen und als ich über die Schulter blickte, stellte ich zu meinem eigenen Bedauern fest, dass es Hanji war. Das Weib hatte mir gerade noch gefehlt.
„Wenn das nicht meine beiden Lieblingssoldaten sind", trällerte sie fröhlich, legte ihre Arme um uns und beugte sich leicht mit dem Oberkörper vor, „Darf man sich setzen?"
Sie trug ihr Haar hochgesteckt und die längeren Seitenpartien bildeten den perfekten Rahmen für ihr Gesicht - das einzige, was mir nicht gefiel, war ihr Lächeln, ihr künstliches, unheilverkündendes Lächeln, dass sie immer dann zeigte, wenn sie etwas vorhatte.
„Natürlich", antwortete Erwin und bot ihr, zu meinem Leidwesen einen Platz an. Denn Vierauge hatte nichts Besseres zu tun, als diese Gelegenheit auszunutzen und direkt mit der Tür ins Haus zu fallen.
„Habt ihr mitbekommen, dass Eren Jäger hingerichtet werden soll", sagte sie mit verschwörerischer Stimme und senkte sie so weit, dass nur wir sie hören konnten.
„Ich bin der Kommandant des Aufklärungstrupps, natürlich habe ich es mitbekommen."
„Das war eine dumme Frage, ich merke es schon", entgegnete sie, ließ aber dennoch nicht locker, „Es soll wohl damit zusammenhängen, weil er seine Titanenfähigkeit nicht unter Kontrolle hat und sich verwandelt hat, obwohl er keine Erlaubnis dazu hat und somit als Gefahr für die Menschheit gilt", gerade als Erwin etwas einwerfen und ihr sagen wollte, dass er in seiner Position darüber in Bilde sei, verzog sie ihre Lippen und ihr Lächeln wurde noch eine Spur breiter. Dann sagte sie etwas, womit er nicht gerechnet hatte, „Aber jetzt kommt es: Es gibt eine Gesetzeslücke. Ich bin zufällig darauf gestoßen und ich denke, wenn wir alle an einem Strang ziehen, können wir ihn vor dem Galgen bewahren."
„Und welche soll das sein?", fragte ich skeptisch, da ich wusste, dass ich es mit einer Person zu tun hatte, die ebenso genial wie durchtrieben war.
„Gut, das du fragst, Levi", obwohl ich noch nicht wusste, was sie vorhatte, durchströmte mich ein ungutes Bauchgefühl und ließ mir einen eisigen Schauer über den Rücken jagen, „Es geht um eine Hochzeit. Wenn Eren einen Soldaten von hohem militärischen Rang heiratet, würde er politische Immunität genießen."
„Wo willst du jemanden finden, der dumm genug ist, das zu tun?", fragte ich mit hochgezogener Augenbraue.
„Ich habe nicht ohne Grund nach euch gesucht", sprach sie meine wildesten Albträume aus.
Ich konnte spüren, wie ich vollkommen erstarrte, mir jegliche Farbe aus dem Gesicht wich und sich meine Augen vor blankem Entsetzen weiteten.
„Ohne mich! Ich bin raus."
„Levi, du bist der Einzige, der in Frage kommt."
Erwin war verheiratet und schied als möglicher Heiratskandidat aus, aber das hieß noch lange nicht, dass ich meinen Kopf als Sündenbock hinhalten musste.
„Ich heirate doch keinen Mann! Und noch dazu Jäger! Das kannst du vergessen!", mit aller Kraft donnerte ich meine Faust auf den Tisch und erhob mich.
„Geh ruhig, wenn es dir lieber ist, dass er hingerichtet wird."
Eine lautlose Stimme in meinen Gedanken begann mich anzuschreien, dass ich dabei war, die einzige Chance auf ein friedliches Singledasein wegzuwerfen, aber sterben lassen, konnte ich ihn ebenso wenig.
Die ganze Szenerie hatte etwas Unwirkliches.
„Das ist Erpressung - und das weißt du", knurrte ich gefährlich.
„Und wenn schon, ich denke nur zum Wohle der Menschheit und das solltest du auch tun, Levi. Was glaubst du, wie die Karten für uns stehen werden, wenn wir unseren einzigen Titanenwandler verlieren?"
Erwin, dieser Bastard, saß lediglich da, verschränkte die Arme vor der Brust und machte nicht die Anstalt, mir helfen zu wollen. Wahrscheinlich kam es ihm gerade recht, dass Hanji mich in die Ehe zwingen wollte.
„Dann wird er halt hingerichtet", antwortete ich kalt.
„Ich liebe es, wenn du deine unnahbare und eiskalte Seite zeigst", entkam es ihr schadenfroh, „Es tut mir nur leid, dir das sagen zu müssen, aber ich glaube dir kein Wort. Ich schätze dich nämlich als einen netten Kerl ein, der alles für seine Kameraden tun würde."
Wenn sie einen qualvollen, langsamen Tod sterben wollte, musste sie nur so weitermachen. Es fehlte nicht mehr viel und ich würde sie hinter mein Pferd binden und eine private Expedition außerhalb der Mauer starten. Aber wenn ich Pech hatte, gefiel dem Freak das auch noch...
„Darauf würde ich nicht wetten."
„Also, was ist nun Levi?", stellte sie die alles entscheidende Frage, „Wirst du ihn heiraten, oder seinem Schicksal überlassen?"
Ihre Augen sprühten Funken und allein die Vorstellung, dass sie mich leiden lassen konnte, schien für sie die schönste Form der Genugtuung zu sein.
„Es wäre nur eine reine Formsache, oder?", stellte ich die Gegenfrage und zweifelte für einen Moment an meinem Verstand, dass ich die Möglichkeit tatsächlich in Betracht zog, mit Jäger eine Scheinehe zu führen.
„Ihr müsstet schon zusammenwohnen. Aber ansonsten, ja."
„Er soll nur nicht auf die Idee kommen, dass je zwischen uns mehr sein wird, als die Ehe auf dem Papier. Er bekommt sein eigenes Zimmer. Macht seine Haushaltspflichten. Und wir haben getrennte Konten."
„Ich verstehe schon", sie nickte verstehend, „Das mit den Pflichten und dem Geld könnt ihr regeln, wie ihr wollt, aber wenn ihr eine glaubhafte Ehe führen wollt, kommen getrennte Betten nicht Frage. Wie wollt ihr das denn erklären, wenn man euch überprüft?"
„Man überprüft uns?", mir klappte fast die Kinnlade runter.
„Schätzchen, du bist so naiv", sie langte nach meinem Glas und prostete mir zu, „Auf eine gute Ehe. Du hast noch so viel zu lernen."
Das Eheversprechen
*Levis Sicht*
Schon als ich das Standesamt betrat, war mir klar, dass ich dabei war, einen gewaltigen Fehler zu begehen, ich würde nicht nur für Jägers Taten den Kopf herhalten, sondern ihn auch noch für den Rest meines Lebens an der Backe haben.
Dieser Gedanke arbeitete hinter meiner Stirn und setzte zum Sturmangriff auf meinen Willen an, meine Beine gehorchten mir zwar noch, aber etwas in mir wehrte sich mit allen Kräften dagegen, weiterzulaufen und das Eheversprechen abzulegen.
Warum hatte ich mich von Erwin überhaupt zu dieser Farce überreden lassen?!
Zum Wohle der Menschheit? Wohl kaum.
Weil ich nicht so ein schlechter Mensch war, wie alle glaubten?! Mit Sicherheit nicht. Denn es interessierte mich herzlich wenig, was andere von mir hielten.
Vielleicht - und in diesem Punkt arbeitete mein Verstand nicht sehr verlässlich - lag es daran, weil ich schlicht und ergreifend schon zu viele Menschen hatte sterben sehen. Darunter auch einige meiner engsten Freunde - und Eren, so nervtötend er auch war, sollte die Liste nicht noch länger machen.
Allerdings spürte ich, wie sich mir der Magen umdrehte, als ich ihn erblickte: Er trug ein weißes Hemd und eine schwarze Hose dazu, es war nichts Besonderes, aber wenigstens hatte er sein grässliches, braunes Kordel-Oberteil nicht an. Meine Augen schweiften weiter und blieben an seinen Lippen hängen, die sich zu einem Lächeln verzogen, als er mich sah.
Wenn sich der Scheißkerl auf seine Hochzeit freute, während ich Höllenqualen durchlitt, dann würde ich höchstpersönlich dafür sorgen, dass er den Tag niemals vergessen würde. Ich ballte meine Hand zu einer Faust, ohne seinem Blick auszuweichen und war in meine düsteren Gedanken versunken.
„Da bist du ja endlich", sagte er, „Ich hatte schon Angst, dass du zu deiner eigenen Hochzeit zu spät kommen würdest, Schatz."
Was bildete sich der Kerl eigentlich ein, mir in aller Öffentlichkeit einen Kosenamen zu geben?!
„Eren!", ermahnte ich ihn mit eindringlicher Stimme, den Bogen nicht weiter zu überspannen, da ich mich ansonsten nicht länger zurückhalten und ihn meinen Zorn spüren lassen würde. Allerdings schien er genau zu wissen, dass ihm nichts passieren würde, solange wir hier waren, nicht unter den Augen der geladenen Gäste, des Militärs, und noch viel weniger vor dem Standesbeamten.
„Wir sollten langsam reingehen. Alle warten schon."
Ich musste hier raus!
Dieser Gedanke entstand so deutlich in meinem Bewusstsein, als hätte mir jemand die Worte mit eindringlicher Stimme ins Ohr geflüstert. Kein Zweifeln. Kein Widerspruch. Kein Hinterfragen.
Ich musste hier raus!
„Entspann dich. Ich bin genauso aufgeregt wie du", er besaß die Dreistigkeit meine Hand zu ergreifen, den Raum zu betreten und gemeinsam mit mir die letzten Schritte nach vorne zu tun und sich mit mir an den Tisch zu setzen - und er hielt sie noch, als er dem Standesbeamten in die Augen blickte.
Eren war gut, wirklich gut. Dieses durchtriebene Biest spielte seine Rolle perfekt, mimte den verliebten Freund und verflocht sein Umfeld in sein silbernes Spinnennetz aus Lügen, ohne dass sie sein Schauspiel durchschauten.
Und mich gleich mit. Ich hatte die Chance auf eine Flucht gehabt, aber ich hatte einen Herzschlag zu lange gezögert, wenige, jämmerliche Sekunden, die ausgereicht hatten, um mein Schicksal endgültig zu besiegeln. Jäger war nicht so naiv, wie er aussah. Sein Umfeld unterschätzte ihn gewaltig... Der Kerl wusste genau, was auf dem Spiel stand, wenn er das hier vermasselte, und das entschlossene Funkeln in seinen Augen machte alle Überlegungen hinfällig: Er würde mich heiraten, koste es, was es wolle. Und ich hatte eben noch Mitleid mit ihm gehabt. Wie unnötig!
Ich war es, mit dem man Mitleid haben musste. Nicht andersherum.
„Wir haben uns heute hier versammelt, um das Bündnis zwischen zwei sich liebenden Menschen zu schließen", begann ein in die Jahre gekommener Mann und blickte sich in der Runde der geladenen Gäste um, während er sprach.
Meine Augenbraue zuckte gefährlich nach oben.
„Die Liebe ist unergründlich. Was zwei Menschen zusammenführt, bleibt für beide ein unaussprechliches Geheimnis."
Von wegen Geheimnis, dachte ich grimmig, man hatte mich zu dieser Hochzeit genötigt, mich regelrecht dazu überredet, dieses Balg zu ehelichen. Das hatte nichts mit Liebe oder Romantik zu tun - es war ein politischer Schachzug, eine Farce, mehr nicht. Dem Einzigen, dem es für immer ein Geheimnis bleiben würde, war der Standesbeamte selbst.
„War es ein besonderer Moment, ein Blick oder eine Geste - Was es auch war, es lässt sich mit Worten nicht beschreiben. Aber es ist ein wertvolles Geschenk."
Ich hatte ihn bei unserem Kennenlernen durch den Gerichtssaal geprügelt, ihm einen Zahn ausschlagen und ihm dabei immer wieder in die Fresse getreten, damit er endlich die Klappe hielt. Wenn das einer dieser besonderen Momente war, von dem der Standesbeamte da sprach, dann hatten wir durchaus etwas, worauf wir unsere Beziehung aufbauen konnten.
Ich hatte die Zeit mit ihm wirklich genossen, aber ich bezweifelte, dass mein Zukünftiger das auch so sehen würde.
„Plötzlich erscheint alles neu. Die Freude hat ein Gesicht erhalten und trägt einen Namen. Sogar alltägliche Dinge bekommen einen neuen Sinn."
Ein diabolisches Grinsen schlich sich auf meine Züge, wenn auch nur für einen Sekundenbruchteil, gerade solange, dass es niemand bemerken würde. Noch heute konnte der Scheißkerl nicht neben mir sitzen, ohne zusammenzuzucken, sobald ich mich bewegte. Oh ja, die Freude in seinem Leben hatte tatwahrhaftig ein Gesicht bekommen.
„Aus dem Du und Ich wird ein Wir. Es ist ein langer Weg, den man gemeinsam geht, ob in guten, wie auch in schlechten Zeiten und dazu wünsche ich Ihnen alles erdenklich Gute."
Ich konnte die wahre Bedeutung hinter seinen Worten spüren. Es war egal, was ich nun tat, so schnell würde ich Eren nicht mehr los - es war ein unendlich langer Weg, der geradewegs in die Hölle führte, ohne Rückfahrschein.
„Kommen wir nun zu dem wichtigsten Teil des heutigen Tages, dem Ja-Wort. Zur Würdigung des Augenblicks würde ich Sie beide darum bitten, sich zu erheben."
Widerwillig erhob ich mich, es war eine knappe Bewegung, die unbeschreiblich viel Kraft kostete und als ich zur Seite blickte, stellte ich fest, dass es Eren ebenso erging. Sein dämliches Grinsen war ihm im Hals stecken geblieben, er stand neben mir, war einen halben Kopf großer als ich und blickte angespannt nach vorne. Er war so emotional, dass es schon wieder lästig war.
„Herr Levi Ackerman, ist es Ihr freier Wille, mit dem hier anwesenden Eren Jäger die Ehe einzugehen, so antworten Sie mit, ja."
Freiwillig? Hinter mir saßen bewaffnete Männer vom Militär - und ich brauchte mich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass auch Hanji unter den geladenen Gästen war. Wie freiwillig konnte meine Entscheidung also sein, wenn diese Schreckschraube jeden meiner Schritte genau bewachte?!
Selbst mein Körper rebellierte gegen die Antwort: Mein Herz schlug plötzlich schneller, es flatterte vor Aufregung, wie ein verängstigter Vogel, der mit seinen Flügeln gegen die Käfiggitter schlug und zu entkommen versuchte. Nur das mein Käfig die Ehe war.
„Ja, ich will", antwortete ich.
Ich wunderte mich beinahe, mit welcher Ruhe ich die Worte aussprach. Es war kein Hadern in meiner Stimme, nicht einmal Zorn. Nichts von allem. Es war eine kalte, sachliche Antwort.
„Und nun frage ich Sie. Eren Jäger, ist es Ihr freier Wille, mit dem hier anwesenden Levi Ackerman die Ehe einzugehen, so antworten mit ja."
„Ja, ist es", sagte er mit zusammengebissenen Zähnen und stockender Stimme.
Ich konnte die Liebe, die diesen Raum erfüllte, knistern spüren.
„Somit erkläre ich Sie durch die Kraft des Gesetzes zu rechtmäßig verbundenen Eheleuten."
Erwin trat neben mich, nickte mir mit einem seltsam betroffenen Gesichtsausdruck zu und öffnete dabei eine kleine Schachtel, in der sich die Eheringe befanden. Empfand der Kerl etwa so etwas wie Mitleid mit mir?! Dann kam das reichlich spät!
Noch vor wenigen Tagen hatte ich ein glückliches Leben geführt, als leidenschaftlicher Single, der seine gemütliche Wohnung ganz für sich allein hatte, nicht teilen musste und keine Kompromisse zu stellen brauchte.
Aber nun sah alles anders aus.
Jetzt war mein Leben ein Trümmerhaufen.
Ich war dabei Jäger den Ring anzustecken, der sich anmaßte, bei mir einzuziehen und mein friedliches Leben durch seine alleinige Anwesenheit zu zerstören.
Ich würde nicht so weit gehen, dass ich ihn hasste, dafür kannte ich ihn auch zu wenig, aber er war dennoch der letzte Mensch auf Erden, den ich mir für den Rest meines Lebens an meiner Seite vorstellen konnte. Er war jung, gerade mal achtzehn Jahre alt, laut, temperamentvoll - und wie drückte man das am besten aus, ohne beleidigend zu klingen: Selbst eine Axt im Wald hatte mehr Feingefühl als dieser Trampel.
Und dann kam der schrecklichste Teil, bei dem sich mir der Magen schon bei der bloßen Vorstellung umdrehte: Der Kuss.
Als wäre dieser Gedanke ein Stichwort gewesen, erhob der Standesbeamte das Wort: „Jetzt fehlt nur noch der Kuss. Darauf haben hier sicher alle schon gewartet."
Mit Sicherheit hatten sie das! Es gab nichts Erniedrigenderes als diesen Augenblick, mit mir in der Hauptrolle und einer Wut und Verzweiflung, die buchstäblich von einem Lidzucken zum anderen da waren.
Eren wand sich mir zu. Seine grünen Augen waren gleich einem Tee. Er wärmte von innen, aber der bittere Beigeschmack ließ sich dennoch nicht leugnen - es war eine Droge für Leute, die keine Drogen nahmen. Und ich spürte, wie in mir eine Sicherung durchbrannte. Nicht durch den Blick in seine Augen, sondern weil wir uns in aller Öffentlichkeit küssen sollten.
Es war, als würde das Schicksal über mich lachen und mich verarschen.
Eren schien zu ahnen, wie sehr ich mich gegen den Kuss sträubte, aber er ging doch weiter, beugte sich vor und kam meinem Gesicht erschreckend nah. Der Drang, meinen Kopf panisch zur Seite zu reißen, wurde übermächtig, ich wollte ihn von mir wegstoßen, oder ihm mit der Faust ins Gesicht schlagen, damit er sein Vorhaben nicht in die Tat umsetzen konnte.
Aber ich tat nichts von alldem. Stattdessen kniff ich die Augen fest zusammen. Kein Blinzeln. Keine Regung. Ich wagte es nicht einmal zu atmen und wartete, bis es endlich vorbei war.
Gleich würde ich die Lippen eines Mannes auf meinen spüren - das war doch absurd. Vollkommen absurd und erschreckend zugleich. Ich war nicht schwul und das würde sich auch durch eine Hochzeit mit einem Mann nicht ändern. Ich hatte dreißig Jahre Gefallen an Frauen gehabt, war mit ihnen ausgegangen oder im Bett gelandet. Man wurde nicht plötzlich über Nacht homosexuell und noch viel weniger, weil es dein Vorgesetzter von dir verlangte. Nein, das war unmöglich!
Obwohl ich einer Panik nicht nur nahe, sondern eigentlich schon davon gepackt war, arbeiteten meine Sinne mit einer unbekannten Schärfe. Ich konnte seinen warmen Atem auf meiner Haut spüren, nahm den Geruch seines Parfums wahr und musste dann mit Schrecken feststellen, dass er mich wirklich küssen wollte. Seine Lippen berührten meine. Es war ein unschuldiger Kuss, der nur für einen Herzschlag hielt, dabei spürte ich, wie sich seine eiskalten Finger um meinen Nacken legten und mir eine leichte Gänsehaut über den Rücken lief.
Dann war es auch schon vorbei und Eren ließ mich los. Ich blinzelte überrascht und konnte gleichzeitig spüren, dass mein Herz noch in heller Aufregung war. Wenigstens hatte ich es überstanden. Schlimmer konnte es nicht mehr werden.
Doch dass es das konnte, musste Hanji gleich unter Beweis stellen und all meinen Vorstellungen trotzen. Sie hatte unseren Kuss mit ihren heimtückischen, bösen Augen beobachtet und grinste uns mit einem Lächeln an, dass ebenso heimtückisch und böse war.
„Ihr seid ein wirklich süßes Pärchen", lobte die falsche Schlange uns und schlug mir mit der flachen Hand auf die Schulter, „Und genau deswegen möchte ich euch eine Hochzeitsreise schenken. Die Flitterwochen gehören schließlich zu einer Hochzeit dazu, ebenso wie eine heiße und erotische Hochzeitsnacht", dann fügte sie noch hinzu, „Levi, mach dir wegen der Arbeit keine Gedanken. Ich habe alles mit Erwin besprochen und er stellt dich für die kommende Woche frei."
Ich hätte kaum schockierter schauen können, als wenn sie mir gerade mit der Hand ins Gesicht geschlagen hätte.
„Das kannst du nicht von mir erwarten", knurrte ich gefährlich.
„Danken kannst du mir später, mein geliebter Levi. Und du siehst doch, dass ich es kann. Es ist sogar schon alles gebucht", lachte sie schadenfroh und brachte sich dennoch in Sicherheit, da sie wusste, dass ich ihr ansonsten den Kopf abgerissen hätte.
Ich war so wütend wie noch nie in meinem Leben zuvor und Eren - dieser Idiot - stand lediglich neben mir und tat einen Scheißdreck, um mir zu helfen.
„Du solltest hinter mir stehen, wenn wir schon verheiratet sind", fuhr ich ihn an und trug meinen Namen im Standesbuch ein, „Sorg dafür, dass sie die verdammte Reise abbläst."
„Was spricht denn dagegen?", frage er, „Ich finde das gar nicht so schlecht."
Das war wohl die dümmste Frage des Jahrhunderts, nein, des Jahrtausends, berichtigte ich mich in Gedanken! Niemand, der bei klarem Verstand gewesen wäre, wäre freiwillig mit diesem Balg in Urlaub gefahren.
Ganz sicher nicht.
Um Gotteswillen, nein!
Jeder hätte vorher Reißaus genommen!
Wirklich jeder!
Man musste schon vollkommen neben sich stehen, Drogen genommen haben, oder schlichtweg dazu gezwungen worden sein, sich mit ihm für ganze sieben Tage irgendwo in die Pampa einsperren zu lassen...
Wo wir beim letzten Punkt wieder bei mir wären... Mein Leben hasste mich...
Die Hochzeitsnacht
*Erens Sicht*
Es war nicht so, wie es sein sollte. Nichts war so, wie es sein sollte - und das war, gelinde gesagt, noch untertrieben - Levi, mein Scheinehemann lag neben mir, hatte mir den Rücken zugedreht und schlief. Daran wäre eigentlich nicht auszusetzen gewesen, wenn er dabei nicht halbnackt wäre. Ebenso wie ich.
Meine Augen saugten sich an seinem Anblick fest: Er hatte einen muskulösen Rücken, starke Oberarme, und ich war mir sicher, dass er den passenden Knackarsch dazu besitzen würde, wenn ich einen Blick unter die Decke riskierte. Alles in allem ein annähernd perfekter Körper, nur dass ihm der passende Charakter dazu fehlte. Aber man konnte schließlich nicht alles haben, oder?!
Ich zog die Decke fest um die Schultern und seufzte. Wie war ich nur in diese Situation geraten?
Allein dieser Kontakt zwischen uns war so ungemein intim, Levi bewegte sich unruhig im Schlaf, wachte aber nicht auf, dabei wäre es nur fair gewesen, wenn auch er ruhelos wachliegen müsste. Ich war seiner Erotik schutzlos ausgeliefert, ohne dass er sich dessen überhaupt bewusst war. Wie sollte er auch, er war auch direkt danach eingeschlafen... Dieser Idiot.
Wenn man mich fragen würde, wie es zu alldem gekommen war und warum wir zusammen im Bett gelandet waren, dann sollte ich besser anführen, dass das Levis alleinige Schuld war. Na gut, mich traf vielleicht eine Teilschuld, aber die war nicht der Rede wert.
Es hatte alles in unseren Flitterwochen begonnen, genauer gesagt, direkt am ersten Tag. Zurückhaltung zählte eindeutig nicht zu Levis Stärken, wie ich im Nachhinein bitterlich feststellen musste.
Ich erinnerte mich an unsere Anreise, so deutlich, wie auf einem gestochen scharfen Foto: Er saß neben mir in der Kutsche, hatte auf der Fahrt kein einziges Wort mit mir gewechselt und nur stumm aus dem Fenster geschaut. Das musste wohl die Rache dafür sein, dass ich die Reise nicht ausgeschlagen hatte - aber das war mir egal, mit solchen Aktionen konnte er mich nicht strafen. Ich würde die freien Tage genießen, ob nun mit ihm, oder ohne ihn, das war mir dabei herzlichst egal.
„Wir sind da", verkündete der Kutscher nach einer gefühlten Ewigkeit und brachte die Pferde zum Stehen.
Als ich die Tür öffnete und ausstieg, war es bereits später Nachmittag und selbst das Wetter schlug Kapriolen, nicht nur meine Gedanken. Es hatte angefangen zu regnen, obwohl sich keine Wolke am Himmel befunden hatte, als wir losgefahren waren, es war strahlender Sonnenschein gewesen.
Und nicht genug damit - aus dem feinen Nieselregen wurde binnen von Sekunden ein Platzregen, der über uns hereinbrach. Halb rennend und fluchend hastete ich um die Kutsche herum, langte nach meinem Gepäck und eilte auf unser Hotel zu, das sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand. Das fing ja schon mal gut an, dachte ich erzürnt und stellte meinen Koffer im Foyer ab. Levi schlug die Tür keine halbe Sekunde später zu, trat neben mich und rümpfte verächtlich die Nase - und erinnerte mich durch diese Geste an eine Katze, die man mit Wasser überschüttet hatte und nun wirklich alles und jeden hasste. Es hätte nur gefehlt, dass er sich geschüttelt hätte, dachte ich belustigt und schenkte Levi ein fieses Grinsen.
Der Wind heulte um das Haus und schlug mit unsichtbaren Fäusten gegen die Fensterläden, riss an ihnen und ließ sie klappern. Es war in kürzester Zeit so dunkel geworden, dass im Inneren die Kerzen entzündet wurden.
Unser Hotel lag weit abseits der Stadt und sogar ein gutes Stück abseits der Hauptstraße. Niemand würde bei diesem Wetter hier wegkommen, geschweige denn, sich nach draußen trauen, nicht bei dem Unwetter und dem Regen. Wir waren praktisch hier gefangen. Für Stunden, Tage, oder sogar die gesamte Woche, wenn wir Pech hatten. Und ich hatte das Glück wirklich nicht gepachtet.
„Wir haben ein Zimmer gebucht", sagte Levi und trat an die Rezeption. „Auf Ackerman."
Ein Portier, der eine schäbige Uniform trug, sah müde und ohne das geringste Interesse auf, als er angesprochen wurde und fischte einen Schlüssel vom Harken, der sich hinter ihm an der Wand befand. Er händigte Levi den Zimmerschlüssel aus, ohne sich zu erheben, oder unser Gepäck nach oben zu tragen und vertiefte sich wieder in seine Zeitung, die er bei unserem Eintreten gelesen hatte.
„Das darf doch nicht wahr sein", knurrte Levi und stieg die Treppe hinauf, die sich am hinteren Ende des Foyers befand, „In was für eine dreckige Absteige hat uns Hanji da eigentlich geschickt?"
„Sie hat halt keine Kosten und Mühen gescheut", entgegnete ich amüsiert und erntete einen Todesblick. Anscheinend fand er das nicht ganz so lustig, wie ich.
Die Stufen knarrten klagend unter der Last unseres Gewichts und der Flur, der sich im oberen Stockwerk erstreckte, wurde nur spärlich beleuchtet, sodass ich nicht umher kam, mich zu fragen, wie erst unser Zimmer aussehen würde, wenn schon der Rest des Hauses in so einem schlechten Zustand war.
„Es ist ein echtes Horrorhaus", entkam es mir, als ein Blitz den Himmel spaltete und den Korridor für einen Herzschlag in ein seltsames Zwielicht tauchte, „Jetzt fehlt nur noch ein Monster, das irgendwo aus einer Ecke springt und uns angreift."
Levi zog eine Augenbraue hoch: „Das Monster braucht doch nicht mehr aus einer Ecke zu springen, es läuft doch schon brav neben mir her und trägt sein Gepäck."
Er benahm sich wie das größte Arschloch auf Erden und machte Jean mit seinem Verhalten echte Konkurrenz, aber ich schluckte die bissige Bemerkung herunter, die mir auf den Lippen lag - nur um des Friedens willen.
Mit einem hörbaren Klacken schloss Levi auf und trat in den Raum. Die Einrichtung war uralt, dafür halbwegs sauber, auch wenn ich bezweifelte, dass es seinen hohen Ansprüchen genügen würde. Er ließ bereits einen prüfenden Blick durch das Zimmer gleiten, fuhr mit dem Finger über die Schränke, als er sich hindurch bewegte und verzog angewidert die Mundwinkel.
Diesen Gesichtsausdruck hatte er wirklich drauf.
„Bevor wir auspacken, wird geputzt", sagte er und stellte sein Gepäck ab.
„Ohne mich. Wenn es dir so wichtig ist, mach es selbst", verkündete ich und warf mich auf das Bett und spürte gleichzeitig, wie mich ein Schauer des Entsetzens durchflutete, während ich in die weichen Federn sank und in derselben Sekunde realisierte, dass es ein Ehebett war - und keine zwei Einzelbetten, wie versprochen.
„Du solltest dir später um den Staub sorgen machen, wir haben ein Problem", setzte ich erneut an und konnte das Beben in meiner Stimme nicht gänzlich unterdrücken, „Wir haben nur ein Doppelbett.. Das heißt, du wirst heute Nacht neben mir schlafen."
„Oder du auf dem Boden."
„Ich bin doch kein Tier."
„Aber ein Titan. Das kommt doch schon ziemlich nah an ein Tier heran."
Ich war noch nie so wütend auf ihn, wie in diesem Augenblick. Wir waren verheiratet, befanden uns in unseren Flitterwochen und er benahm sich wie das herablassende Stück Scheiße, das er auch war.
„Sag das noch mal", gab ich bedrohlich von mir und ballte meine Hand zu einer Faust. Alles in mir war in Aufruhr, ich spürte, wie sich in mir ein Schalter umlegte und nichts und niemand konnte meinen Zorn stoppen.
„Willst du jetzt wirklich streiten, Jäger?!", sagte er in einer Stimmlage, die nicht minder aggressiv klang, „Ich würde aufpassen, mit wem du dich anlegst. Du könntest es bereuen."
„Sagt gerade der Richtige", zischte ich, „Außerdem bin ich jetzt ein Ackerman, schon vergessen?!"
Das schien er tatsächlich, denn sofort räusperte er sich und suchte nach den passenden Worten.
„Ich wollte dich nie heiraten!", warf er ein.
„Denkst du, ich dich?!"
„Wenigsten in diesem Punkt sind wir uns einig, wenn sonst schon nichts klappt. Seitdem ich dich an der Backe habe, werde ich vom Pech verfolgt. Ich bin nun verheiratet, sitze mit einem Balg in dieser Bruchbude fest, dass mich entsetzlich nervt und auch nicht vorhat, etwas daran zu ändern. Und was glaubst du, wie meine Zukunft aussieht? Überall, wo ich bin, bist auch du! Du bist wie ein Fluch!"
„Du bist das Letzte", fauchte ich und machte eine ausfallende Handbewegung.
„Wenn ich das Letzte bin, dann lass dich scheiden", gab er genüsslich von sich.
Aber diese Genugtuung würde ich ihm nicht geben, lieber würde ich ihm freiwillig das Leben zur Hölle machen, jeden Tag, solange wie wir verheiratet waren - und am besten noch lange darüber hinaus.
„Niemals. Wir sind verheiratet, bis der Tod uns scheidet", mein Grinsen könnte falscher nicht sein.
„Schön", sagte er mit einer bedrohlichen Ruhe, „Du hast doch nur Angst hingerichtet zu werden - ansonsten wärst du höchstpersönlich zum Standesamt gerannt und hättest die Ehe annulliert. Du falsche Schlange."
In diesem Punkt hatte er recht. Ich konnte nicht leugnen, dass mir die Hochzeit mit ihm gelegen gekommen war und ich nur deshalb noch am Leben war, weil ich nun militärische Immunität genoss. Das ekelhafte Gefühl in meiner Brust blieb, jetzt, da die Worte einmal ausgesprochen waren - und als ich ihm abermals in die Augen blickte, da erkannte ich darin, dass er meine Gedanken erriet und wusste, dass ich ihm nicht widersprechen konnte.
Aber er hatte sich in diesem Punkt getäuscht und meine Sturheit unterschätzt.
„Ich habe dich aus Liebe geheiratet, Schatz", antwortete ich mit honigsüßer Stimme, „Weil du das Beste bist, was mir in meinem Leben passieren konnte."
Bei jedem einzelnen Wort drehte sich mir der Magen um.
„Du niederträchtiger...", seine Worte glichen einem Flüstern, einem gefährlichen, bösen Flüstern, das lediglich die Ruhe vor dem Sturm war - und ich war mir nicht sicher, ob ich wirklich wissen wollte, was sich hinter dieser Ruhe verbarg, „Und lass den Kosenamen stecken. Sowas will ich von dir nicht hören."
Gleichzeitig war ich aber in einer Stimmung, in der alles passieren konnte. Wenn Blicke hätten töten können, wären wir vermutlich beide auf der Stelle tot umgefallen. Und ich überspannte den Bogen weiter.
„Er ist Zeichen meiner Liebe", knurrte ich wenig liebevoll, „Aber ich habe noch andere für dich, die tatsächlich besser zu dir passen", meine Augen sprühten Funken, „Mein heißgeliebter Ordnungsfetischist. Du hättest echt deinen Putzlappen heiraten sollen und die Sprühflasche gleich dazu", ich machte eine Pause, die gerade lang genug war, um Luft zu holen, „Oder wie wäre es mit Zwergnase - der Anführer der Zwergen-Armee."
Ich blickte provokativ auf ihn herab. Keine halbe Sekunde später wurde ich am Kragen gepackt und gegen die Wand gedonnert, mit aller Kraft und einer entsetzlichen Entschlossenheit, die mir einen eiskalten Schauer über den Rücken jagte - es gab kein Entkommen mehr, aber er hatte ohnehin nicht vorgehabt, mich jetzt noch gehen zu lassen.
„Du hast eine ganz schön große Fresse für jemanden, der sich auf ziemlich dünnem Eis bewegt", zischte er zornig.
„Nicht weniger als du", entgegnete ich.
„Ich würde dir ja die Fresse polieren", sagte er, „Aber man darf keine Frauen schlagen und erst recht keine lästigen Ehefrauen. Ich habe da einen Ruf zu verlieren, weißt du?"
Statt mir eine zu verpassen, wie ich es befürchtet hatte, knallte er seine Faust gegen die Wand, keine drei Zentimeter von meinem Kopf entfernt und ließ dann von mir ab.
„Ich verpisse mich", fügte er noch hinzu und ging zur Tür, „Mit dir halte ich es keine Minute länger aus."
Das beruhte auf Gegenseitigkeit. Ich war noch nie so froh, meine Ruhe vor ihm zu haben, wie gerade.
„Ja, verzieh dich!", fauchte ich, dann knallte auch schon die Tür ins Schloss und er war verschwunden.
Herzlichen Glückwunsch, Eren - das war gerade dein erster Ehestreit und vermutlich auch nicht dein letzter. Ohne Scheiß, dabei hätte der Tag gut werden können. Ich hatte Urlaub, brauchte mich um nichts zu sorgen, abgesehen von meiner Freizeitgestaltung, oder darum, was ich Mikasa und Armin mitbringen würde.
Aber Levi musste ja alles ruinieren. Mit einem Schmollen warf ich mich wieder in mein kuschelig, warmes Bett und starrte wütend an die Decke. Mein Schicksal konnte nicht damit leben, dass es bei mir mal rund lief, es gönnte mir kein glückliches Leben - unser Streit war der beste Beweis dafür.
Irgendwann hatte alles seinen Lauf genommen. Es war bereits weit nach Mitternacht, als ich mir meine Jacke schnappte, um nach ihm zu suchen und verfluchte mich dafür, dass ich mir um diesen Idioten sorgen machte. Irgendwie jedenfalls.
Innerlich verteidigte ich mein Verhalten damit, dass wir verheiratet waren und dass ich nicht als schwarze Witwe enden wollte, um die sich zahlreiche Gerüchte scherten, was wohl mit ihrem Ehemann passiert war. Ich sah die Schlagzeile schon vor meinem geistigen Auge: 'Eren Jäger hat seinen Mann umgebracht! Nach nicht einmal einer Woche Ehe.' Ich meine, es waren unsere Flitterwochen und er war verschwunden - spurlos!
Ich lief durch die menschenleeren Straßen, es hatte nicht aufgehört zu regnen, sodass ich fröstelnd die Arme um meinen Körper schlang, während ich nach ihm suchte. Er konnte überall sein, es war, als würde ich nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen suchen.
Der Regen hatte tiefe Pfützen auf dem Gehweg hinterlassen, sodass ich aufpassen musste, wohin ich trat, um keine nassen Füße zu bekommen.
Gerade, als ich in eine Seitenstraße abbiegen wollte, erkannte ich, wie sich ein Umriss aus der Dunkelheit schälte. Zunächst wollte ich der Person keines zweiten Blickes würdigen, da die Gestalt klein und zierlich war - und ich mir sicher war, dass es eine Frau war, die mir da entgegen kam.
Doch als ich genauer hinsah, musste ich mich berichtigen: Es war keine Frau.. Eindeutig nicht.
Zugegeben, er hatte schmale Hüften und war nicht sonderlich groß, dafür war sein Körperbau sehr maskulin und dieser Eindruck verstärkte sich noch, als meine Augen über seine Brust glitten. Der Regen hatte ganze Arbeit geleistet; sein weißes Hemd war vollkommen durchnässt und klebte an seinem gutgebauten Körper und ließ die Muskeln nicht nur erahnen, sondern deutlich erkennen.
Dann ließ ich meinen Blick weiter nach oben wandern: Er schaute finster drein, aus kleinen bösen Augen.
„Levi!", entkam es mir, während ich noch in derselben Sekunde auf ihn zueilte.
„Was willst du?", sagte er schroff. Er war so feindselig, wie eh und je. Richtig erfrischend.
„Dich nach Hause bringen", und als ich näher kam, begriff ich, dass das mehr als nur nötig war. Levi schwankte leicht, konnte aber noch gerade halbwegs laufen, ohne sich dabei auf die Fresse zu legen.
„Da wartet doch nur mein nerviger Ehemann", sagte er und sein Blick war ebenso feindselig, wie seine Worte.
„Ich bin nicht nervig."
„Doch bist du."
„Bin ich nicht, verda...-", seine Lippen ruhten auf meinen, er küsste mich, rau und bestimmend, und brachte mich so zum Schweigen.
„Sei endlich ruhig", sagte er und löste sich von mir, „Was muss ich denn noch alles tun, damit du mal die Klappe hältst?!"
Mir lag eine Antwort auf den Lippen, nämlich die, dass wir es beim nächsten Mal im Bett austragen sollten, wenn er mich schon küsste und dass er eindeutig nicht so heterosexuell war, wie er es immer in meiner Gegenwart betont hatte - aber ich schluckte die Worte herunter und wand mich von ihm ab.
Ich wollte ihm nicht zeigen, wie verwirrt ich war, daher machte ich mich mit wild klopfendem Herzen auf den Rückweg, ohne eine Reaktion abzuwarten. Es war das Beste, was ich im Moment tun konnte.
Zu meiner Verwunderung folgte er mir, obwohl ich ihm regelrecht ansehen konnte, wie wenig Lust er dazu hatte, mit ins Hotel zu kommen, aber er musste wohl oder übel in den sauren Apfel beißen, wenn er nicht draußen im Regen schlafen wollte.
Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten wir endlich unser Hotel. Die Lichter mussten bereits vor Stunden gelöscht worden sein, denn das Foyer lag im Dunkeln, als wir eintraten, es wurde lediglich vom hereinfallenden Mondschein spärlich erhellt, sodass ich aufpassen musste, wohin ich trat.
Plötzlich hörte ich hinter mir etwas: Es war ein ekelhaft keuchendes Geräusch, das nicht von dieser Welt zu seinen schien, sondern etwas war, dass nur hier und jetzt existierte, gerade lange genug, um die Besucher dieses Hotels zu terrorisieren und dann wieder so spurlos zu verwinden, wie es aufgetaucht war.
Ich hatte es doch gewusst. Immer gewusst. Es war ein Horrorhaus - mit allem was dazugehörte.
Und Levi hatte mich für verrückt gehalten - das hatte er nun davon!
Ich wagte es kaum, mich herumzudrehen und fürchtete mich vor dem, was ich sehen würde, sobald ich es tat - aber ich hatte gegen Titanen gekämpft, die weitaus furchterregender waren, als es jedes Alptraummonster sein konnte, daher tat ich es. Ich wand mich herum und starrte das Wesen direkt an.
Es stand im Halbschatten, krümmte sich, wog sich vor und zurück, vor und zurück, in einem unheimlichen Rhythmus, der mich an einen absurden Tanz erinnerte. Dieser Anblick erfüllte mich mit einer unbeschreiblichen Angst und ich wagte es nicht, mich zu rühren. Meine Glieder fühlten sich an, als würden unsichtbare Gummibänder an ihnen zerren und mich darin hindern, einen Schritt nach vorne zu tun.
Und dann geschah es.
Die Gestalt hob ihren Kopf und wirkte, da es nicht mehr in der gekrümmten Haltung vor mir stand, schlagartig anders, fast menschlich.
Ich hätte nicht überrascht sein müssen. Tatsächlich hätte ich wissen müssen, dass es Geister nicht gab und dass es nur Levi sein konnte, dem ich gegenüberstand - aber ich stieß dennoch einen überraschten Schrei aus und stolperte einen Schritt zurück.
Bei meinem Schrei war Levi herumgefahren, immer noch keuchend und sich krümmend und sah mich mit einem seltsam wehleidigen Gesichtsausdruck an.
„Wo sind die Toiletten?", brachte er krächzend über die Lippen.
Gerade, als ich ihm antworten wollte, passierte es: Er beugte sich vor und übergab sich mitten auf mein Oberteil. Und sich selbst hatte er auch vollgekotzt.
Er brachte keinen Ton heraus, hustete stattdessen weiter und ließ sich von mir nach oben schleppen und ins Bett bringen.
Widerwillig befreite ich ihn von seinen vollgekotzten Sache und sprang unter die Dusche. Als ich wieder in den Raum kam, schlief er bereits tief und fest, und in mir wuchs der Drang, nach einem Kissen zu greifen und ihn im Schlaf zu ersticken.
Mit einem genervten Schnauben krabbelte ich zu ihm ins Bett und kroch unter die Decke.
Das war also meine überaus erotische Hochzeitsnacht und die Geschichte dahinter, wie wir halbnackt im Bett gelandet waren. Alkohol zerstörte wirklich alles, nicht nur die Stimmung, sondern auch dein Lieblingsoberteil - und die Tatsache, dass er mich geküsst hatte, auch wenn er dabei betrunken war, machte mich verrückt.
Aber Alkohol entschuldigte nichts! Rein gar nichts! Wer auch immer das behauptet hatte, musste selbst ein schmieriger Widerling sein, dem keine bessere Ausrede eingefallen war.
Daher würde ich es auch nicht dabei belassen und herausfinden, ob Levi nicht doch auf Männer stand. Er musste ja nicht unbedingt auf mich stehen, weiß Gott nicht, aber die Gewissheit, dass ich mit meiner Vermutung richtig lag, war Belohnung genug. Denn dann hatte ich etwas, mit dem ich ihn erpressen konnte - und ich wollte ihn dort treffen, wo es richtig weh tat. Rache servierte man ja bekanntlich am besten kalt.
Jetzt musste ich mir nur noch überlegen, wie ich meinen Ehemann um den Finger wickeln konnte.
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Phuu 7001 Wörter seid ihr stolz auf mich
Naja so nkleiner OS nh
Ich hoffe er ist gut hihi
Eure _Laura_Zoe_