Die ganze Fahrt über hielt Adam meine Hand fest. Er hatte mir etwas zu trinken angeboten, aber ich hatte dankend abgelehnt. Zu sehr war ich mit all meinen Gedanken beschäftigt, als dass ich in der Lage gewesen wäre, ein Glas anständig zu halten und auch noch daraus zu trinken. Mir ging noch immer unser Gespräch in meiner Wohnung durch den Kopf. Ich war ja nicht blind. Ich hatte gesehen, wie Adam mich angesehen hatte, aber auch wenn es sich unglaublich gut angefühlt hat, wie er mich angesehen, wie er mich berührt hat, war ich noch immer stark am Zweifeln, dass wir es überhaupt so weit bringen würden, um es mit einer Beziehung versuchen zu können. Sollte Adam Gefühle für mich haben, dann hatte er sich in eine Frau verliebt, die es so nicht gab. Nicht zu 100 %. Er kannte meine Geschichte nicht und das bedeutete, dass er mich nicht kannte. Jede Begegnung, jeder Moment in unserem Leben beeinflusst uns. Die einen mehr, die anderen weniger. Ob sie uns gut oder schlecht beeinflussen, steht oft nicht genau fest. Man kann einen Menschen nicht anhand einer Situation festmachen. Man kann ihn mithilfe einer Situation beschreiben, aber man erhält kein vollkommenes Bild von der Person, wenn man sie nur aus einem starren Blickwinkel betrachtet. Es ist, als würde man eine ganze Nation, eine ganze Rasse über einen Kamm scheren. Und zu was das führt, hat die Geschichte der Menschheit schon oft genug gezeigt. Wenn man nicht genau hinsah und nicht auf die Feinheiten der Menschen achtete, dann würde man nie ihre Vielfalt sehen. Das bedeutete, dass ich nicht nur die April war, die er fünfmal die Woche zu Gesicht bekam. April Young hat mehr durchgemacht, als ihm bekannt war. Wenn man es genau nahm, so wusste nur noch ein Mensch von meinem Leben und wer ich wirklich war. Nur diese eine Person hasste mich abgrundtief.
All dies ging mir während der dreißigminütigen Fahrt durch den Kopf, also hatte ich wirklich keinen Nerv dafür gehabt, noch anständig Champagner zu trinken. Vielleicht hätte ich es aber tun sollen. Dann hätten sich diese ganzen Gedanken in den Hintergrund verzogen. Aber dafür war es zu spät.
Die Limousine hielt vor einem großen grauen Haus. Das Haus war eher schon riesig, als groß, aber in Anbetracht der Tatsache, dass hier eine Benefinzgala mit hunderten von Menschen stattfinden sollte, konnte ich verstehen, dass das Anwesen dementsprechend groß sein musste. Was mir nicht in den Kopf gehen wollte, war die Tatsache, dass die Familie, die die Benefizgala veranstaltete, hier in diesem Haus lebte. Keine Familie war groß genug, um nur annähernd genügend Zimmer zu füllen, damit man das Haus als bewohnt ansehen konnte.
Der Vordereingang des Hauses wurde von drei Säulen gestützt. Zwei Flügeltüren aus weißem Holz führten in das Innere, es war aber nur die rechte geöffnet. Ein fein säuberlich angelegter Vorgarten mit exotischen Sträuchern, die kunstvoll geschnitten waren, zogen an uns vorbei, als wir die Auffahrt hinauffuhren.
„Na holla", sagte ich. „Da wollte jemand sagen 'Ich habe Geld'."
„Ja irgendwie schon. Meine Häuser sind alle zusammen nicht so groß, wie das hier. Aber ich stehe auf diesen Kram auch nicht so", sagte Adam kopfschüttelnd.
„Wie viele Häuser hast du denn?", fragte ich überrascht. Manchmal vergaß ich, dass der Mann neben mir ein Millionär war und sich so ziemlich alles leisten konnte, was er wollte.
„Zwei Häuser und eine Wohnung, in der ich hauptsächliche lebe. Die Häuser sind in Long Beach und Frankreich."
„Frankreich, hm?" Ich schmunzelte.
Die Limousine hielt und wir schauten aus dem Fenster. Da die Scheiben getönt waren, konnte uns keiner sehen. Dafür sah ich die Horde Paparazzi wie wild von dem Auto Fotos machen. Als ich das Haus bestaunt hatte, waren sie mir nicht mal aufgefallen. Wie hatten sie mir nur entgehen können? Mir wurde schlecht. Adam drehte sich zu mir und sah mich an.
„Hey, sie sind nur hier draußen und haben keinen Zutritt zur Feier an sich. Wir gehen einfach durch und beachten sie gar nicht. Das mache ich immer so, was bedeutet, dass es nichts Außergewöhnliches sein wird. Es gibt viel wichtigere Leute hier, auf die sie warten. Vertrau mir."
Zweifelnd blickte ich zu Adam. Wie konnte ein 29-jähriger Millionär, der unglaublich gut aussah, nicht interessant für die Presse sein? Adam war bestimmt auf einer Liste von „Kaliforniens begehrtesten Junggesellen" oder sowas. Andererseits konnte ich mir gut vorstellen, dass Adam die Presse mied, so gut es ging.
Ich hasste Aufmerksamkeit. Die hasste ich schon als Kind und Fotos in der Presse waren eindeutig zu viel Aufmerksamkeit. Adam schien dies zu wissen, denn er hatte versucht, mich zu beruhigen, ohne dass ich etwas gesagt hatte. Also atmete ich noch einmal tief durch und nickte ihm zu. „Okay dann ganz schnell raus und wieder rein", sagte ich. Adam lächelte mich darauf liebevoll an und sagte: „Das ist meine April."
Meine April... Diese zwei Wörter hallten immer wieder durch meinen Kopf und ehe ich mich versah, stieg Adam aus und das Blitzgewitter ging los. Er reichte mir seine Hand und ich legte meine in seine.
Nachdem Adam mir aus dem Auto geholfen hatte, gingen wir über den blauen Teppich, der ausgerollt worden war, aber achteten nicht auf die Fotografen, das Blitzgewitter und die Reporter. Adam sah nur mich an und ignorierte alle Fragen, die ihm gestellt wurden. Ich hielt mich an seinen zwei Worten fest. „Meine April" hatte er gesagt. „Meine April" und plötzlich wurde es still um uns herum. Ich blinzelte, als ich merkte, dass wir im Inneren des Hauses angekommen sein mussten.
„Geht es dir gut?", fragte Adam besorgt. Er stellte sich vor mich und umfasste meine Oberarme. Ich blickte zu ihm auf. „Ja, es geht schon", beruhigte ich ihn lächelnd.
„Ich habe selber nicht daran gedacht, dass die Presse hier auftaucht, sonst hätte ich es dir natürlich vorher gesagt. Tut mir leid. Es ist für mich normal."
„Mach dir keine Gedanken. Jetzt haben wir doch unsere Ruhe." Adam nickte und ich hackte mich bei ihm ein.
Wir gingen durch einen hohen Flur und betraten durch eine weitere Flügeltür aus Milchglas einen riesigen Ballsaal, an dessen Decke mehrere Kronleuchter hingen. Die Fenster waren bodenlang und ermöglichten einen unglaublichen Ausblick auf einen endlosen Garten, der hinter dem Haus lag. Die gewölbte Decke war verziert mit einem Bild mehrerer Götter. Aphrodite, Zeus und Poseidon erkannte ich, aber die restlichen Götter sagten mir nichts. Ich hatte mich auch nie allzu sehr mit der griechischen Mythologie befasst. Dennoch faszinierte mich dieses Bild. Nach einer Weile blickte ich zu Adam.
„Findet die Weihnachtsgala der Krebsstiftung jedes Jahr so früh statt?"
„Ja, sie sammeln jährlich Geld für Kinder für die Weihnachtszeit, damit rechtzeitig alles fertig wird."
„Das ist schön", sagte ich. „Spendest du auch?"
„Natürlich. Ich spende nicht nur zu solchen Veranstaltungen. Monatlich gehen Beiträge an die unterschiedlichsten Einrichtungen."
„Adam der Samariter." Er zuckte aber nur mit den Achseln. Wahrscheinlich machte Adam sich nicht viel daraus, sondern hielt es für selbstverständlich. Adam war eben ein von Grund auf guter Mensch. Ich war froh, dass es in seinem Leben kein schwarzes Loch gab, dass ihn komplett zerstört hat. Es wäre nicht fair vom Schicksal gewesen einen Mann wie ihn zu bestrafen, denn ich war fest davon überzeugt, dass Adam schon als Kind sehr zuvorkommend, rücksichtsvoll und aufmerksam gewesen war.
Wir gingen langsam nebeneinander durch den großen Ballsaal und ich bemerkte, wie die Blicke von mir zu Adam und wieder zu mir zurückgingen. Die Aufmerksamkeit hier gefiel mir auch nicht mehr, als die von den Fotografen und Reportern. Adam schien jedoch ein Ziel zu haben und beachtete die Menschen um uns herum gar nicht. Ich hatte genug damit zu tun, mit Adam schrittzuhalten, einen Fuß vor den anderen zu setzten und nicht in meinen Schuhen umzuknicken, also folgte ich ihm schweigend. Ich hasste es wirklich, die Aufmerksamkeit anderer zu erregen, aber was hatte ich an der Seite von Adam Black erwartet?
„Adam! Und verdammt, bist du das April?" Bei Patricks Stimme hob ich den Kopf. Vorher hatte ich den Boden begutachtet, als wir durch den Ballsaal gegangen waren. Schöner Marmor, hatte ich festgestellt.
„Hey", begrüßte ich die Männer vor mir ein wenig eingeschüchtert von den ganzen Eindrücken. Patrick, Liam, Mike und Hugh standen alle in schwarzen, perfekt sitzenden Smokings in einem kleinen Kreis am Rand des Saals vor uns, als Adam und ich mit in den Kreis traten. Es war wirklich unfair, dass sich Männer nur einen Anzug oder Smoking oder eine Uniform anziehen mussten, und schon sahen sie allesamt gut aus. Wir Frauen hatten da größere Probleme. Stand der Mann nicht gerade auf ein natürliches Aussehen, dauerte das Schminken an sich schon eine Stunde. Die richtigen Kleider zu wählen dann mindestens nochmal so lange.
„Mein Gott du bist wunderschön", sagte Patrick andächtig, kam auf mich zu und umarmte mich. Ich ließ Adam los und legte meine Hände auf Patricks Oberarme, um die Umarmung irgendwie zu erwidern. Dann trat er einen Schritt zurück und ich ließ die Arme sinken.
„Verdammt Adam, warum musstest du sie dir schnappen?", fragte Mike kopfschüttelnd. Überraschenderweise trat auch er zu mir und umarmte mich. Nicht ganz so enthusiastisch, wie Patrick, aber dass er es einfach tat, brachte mich aus dem Konzept. Unbeholfen erwiderte ich auch seine Umarmung.
„Ich habe Geschmack und brauche nicht erst ein Cinderella Kleid, um zu wissen, was ich bekomme", entgegnete Adam, während er mir in die Augen sah. Überrascht von der offenen Bekundung seiner Gefühle schaute ich verlegen auf den Boden. Mike trat zurück und Liam nahm mich kurz darauf auch in den Arm. Nachdem er mich losgelassen hatte, schielte ich zu Hugh, der die Szene schweigend und mit grimmiger Miene verfolgt hatte. Ich konnte davon ausgehen, von ihm nicht umarmt zu werden. Aber ich würde auch mit einem einfachen 'Hallo' von seiner Seite nicht rechnen. Noch immer hatte ich keinen blassen Schimmer, warum er mich nicht mochte, aber vielleicht war er ja einfach nur Fremden gegenüber generell abweisend.
Ein Kellner kam vorbei und Adam nahm zwei Gläser Champagner herunter. Eines reichte er mir. „Auf einen schönen Abend." Wir stießen mit den anderen an und ich trank einen Schluck von dem kühlen, prickelnden Getränk.
„Hast du sie doch herbringen können", sagte Liam. „Wir haben Wetten abgeschlossen, ob du heute wirklich kommen würdest. Nebenbei bemerkt haben Liam und ich gewonnen", sagte Patrick lachend. Ich schmunzelte. Es schien, als wäre ich nicht zum ersten Mal Gesprächsthema.
„Ich musste ihr meine Kreditkarte in die Hand drücken, damit sie sich dazu bereiterklärt, mitzukommen."
„Deine Kreditkarte?", fragte Hugh überrascht. „Die gibst du sonst niemandem."
Adam antwortete achselzuckend: „Bei April muss ich mir da keine Sorgen machen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie den Verkäufern gesagt hat, ihr Kleid soll nicht so teuer sein."
„Nicht ganz meine Worte, aber der Sinn bleibt erhalten", sagte ich und trank einen weiteren Schluck von meinem Champagner.
Hugh sah mich finster an. Doch ich ignorierte seinen Blick vorerst. Ich hatte nicht vor, die Feier heute zu sprengen, indem ich Hugh eine Ansage machte. Und, waren wir mal ehrlich. Wie wahrscheinlich war es, dass ich kleiner Zwerg einen so großen Hünen wie Hugh in seine Schranken wies?
„Ich finde es schön, dass uns heute wenigstens eine Frau Gesellschaft leistet. Meine flickt heute mal wieder Menschen zusammen", stöhnte Liam.
„Naja ich werde einfach für sie mitreden", sagte ich lächelnd.
Der weitere Verlauf der Benefizgala war nicht sehr spektakulär. Wir setzten uns an einen Tisch, der uns zugeordnet wurde und uns wurden drei Gänge des wahrscheinlich teuersten Essens, dass ich je in meinem Leben gegessen hatte, serviert. Es schmeckte gut, aber es waren mehr Häppchen als alles andere. Da ich mich aber nicht mit der Etikette vertraut gemacht hatte, dauerte es bei mir eine ganze Weile, bis mein Teller leer war, weil ich bei den Männern abschauen musste, welches Besteck oder Glas man verwendete. Immerhin schaute mich keiner schief an. Nur Hugh warf mir hin und wieder finstere Blicke zu. Daran hatte ich mich jedoch schon gewöhnt.
Nach dem Essen wurden die größten Sponsoren benannt und ein allgemeines Dankeschön ausgesprochen. Adam gehörte mit 550.000 Dollar zu einem der speziellen Sponsoren, denen extra gedankt wurde, aber auch Griesgram Hugh hatte ganze 400.000 Dollar gespendet und wurde ebenfalls auf die Bühne gebeten. Ihnen wurden Blumen und ein Abzeichen überreicht und viele Hände wurden geschüttelt. Im Allgemeinen war das nicht sehr interessant gewesen, aber da ich Adam die ganze Zeit beobachtet hatte, war ich wie gefesselt gewesen. Adam schien die ganze Begeisterung nicht zu gefallen und auch ihm schien es Probleme zu bereiten so im Mittelpunkt zu stehen. Hugh war da nicht anders. Seine Miene war zwar nicht so feindselig wie in meiner Gegenwart, aber man sah, wie sehr ihm das alles missfiel.
Nachdem allen gedankt wurde, begaben sich die Gäste in einen zweiten Ballsaal, wo eine Liveband spielte und man tanzen konnte. Wir stellten uns an den Rand der Tanzfläche und unterhielten uns. Die Feier verlief bis zu diesem Zeitpunkt ohne große Vorkommnisse, aber ich wäre ja nicht April, wenn ich nicht doch noch für den ein oder anderen besonderen Moment gesorgt hätte.