50 Shades of Regret

By Geheimkatze

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Kurz nach Rays Unfall teilt Christian Ana mit, dass er die Scheidung will. Kaltschnäuzig erklärt er ihr, dass... More

Prolog
Tag 1
Tag 7
Tag 8
Tag 21
Tag 22
Tag 30
Tag 43
Tag 50
Tag 100
Tag 119
Tag 216
Tag 217
Christian - Tag 281
Christian - Tag 282
Tag 283
Christian - Tag 283
Christian - Tag 296
Tag 300
Christian - Tag 301
Tag 301
Christian - Tag 302
Tag 302
Christian - Tag 303
Tag 303
Tag 304
Christian - Tag 304
Tag 305
Tag 335
Christian - Tag 379
Tag 390
Tag 398 (1)
Tag 398 (2)
Tag 399
Outtake - Zwei Männer und (k)ein Baby
Tag 400
Christian - Tag 400
Epilog

Tag 99

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By Geheimkatze

Lachend sitzen Ahnah, Yukka und Natasha vor mir und sehen mir zu, wie ich versuche, den Lachs, den Yukkas Mann mitgebracht hat, auszunehmen.

Ich stehe in Yukkas Küche, mittlerweile bin ich in der 22. Schwangerschaftswoche und mein Bauch lässt sich langsam nur noch schwer verstecken. In dem kleinen Raum ist es warm und ich versuche wirklich, dem Lachs vor mir zu Leibe zu rücken, trotz aufsteigender Übelkeit.

Ich bin seit meiner ersten Begegnung mit den Bewohnern von Point Hope überall herzlich und offen aufgenommen worden, und keiner hat mich bedrängt, als ich die ersten zwei Wochen jeden Kontakt vermieden habe. Aber ab und an musste ich jedoch einkaufen oder mal raus, und auch durch die Bürotätigkeit bei Bill und den dadurch entstehenden Kontakt zu Menschen, konnte ich mich dem Charme von Point Hope nicht entziehen.

Die meisten nennen mich Anori, aber das macht mir nichts. Sie meinen es respektvoll und ich habe von Yukka ein paar Brocken Inuit gelernt. Jedes Wort hat so viele Bedeutungen und es ist faszinierend, in diese Welt einzutauchen. Bill lacht immer, wenn ich unbeholfen versuche, einige Worte von mir zu geben und korrigiert mich ebenso milde, wie der Rest der Einwohner, die mich als eine der ihren akzeptieren. Freitags treffen wir uns meist im Gemeindehaus, weil es in Ahnahs Cafe doch ein wenig zu eng ist für alle Bewohner.

Alt und jung leben hier harmonisch miteinander, Fischfang und die Anpassung an die karge, raue Umwelt prägen das einfache, aber zufriedene Leben. Ich habe gestern mit Asuilaak, Yukkas Bruder, das Kinderzimmer gestrichen und jede Menge Spaß mit ihm gehabt, weil er so lustige Geschichten von den Bewohner erzählte, die mir ja alle mittlerweile bekannt sind. Am Ende des Tages war das Zimmer in einem kräftigen Orange fertig und ich um einige Informationen reicher. Ich kann wieder lachen, woran auch mein Junior schuld ist. Ich liebe mein Baby und es gibt nichts, was ich mehr herbeisehne, als ihn in den Armen zu halten. Ahnah hatte Recht mit dem Geschlecht, und ich habe vor Freude geweint, als ich es beim Arzt auch noch offiziell bestätigt bekommen habe.

Bill hat mir verraten, dass es mittlerweile Wetten auf den genauen Geburtstermin gibt, und ich habe fünf Dollar gesetzt, auf den 12. April, welcher genau der Termin ist, den Doc Oak berechnet hat. Gestern ist er in Rente gegangen und wir erwarten seinen Nachfolger morgen mit Bill, der gerade in Anchorage ist, zurück. Ein junger, neuer Arzt. Dr. Philipp Moore. Die weibliche Bevölkerung ist darüber in heller Aufregung, aber der einzige Mann, der mich interessiert, schläft gerade und ist mir bei meinem Vorhaben, Lachs auszunehmen, nicht wirklich behilflich.

„Ana, hör auf mit dem Messer herumzuwerkeln und leg endlich los, entschlossen und mit einem sauberen, schnellen Schnitt", brummt Ahnah und ich nicke.

Ein paar Minuten später ist der Fisch ausgenommen und ich sehe angewidert auf mein Werk. So indianisch werde ich wohl nie, dass ich das gern mache.

„Yukka, sag deinem Mann bitte, ich nehme den Fisch doch lieber ausgenommen. Ich glaube nicht, dass ich das freiwillig nochmal tun werde, wenn ich nicht muss", stöhne ich und sogar die kleine vierjährige Natasha lacht.

„Anori ist empfindlich", kräht sie und Yukka gibt ihrer Tochter einen Nasenstüber.

„Ja, aber im Notfall kann sie es jetzt alleine."

Ich grinse schief. Hier habe ich etwas Wichtiges gelernt. Es ist nicht notwendig, alles immer alleine zu tun, aber im Notfall sollte man sich helfen können. Dadurch fällt es mir immer leichter, auch Hilfe anzunehmen, was ich früher nicht konnte. Oder kleine Geschenke, die mir der ein oder andere, auch für mein Baby, macht.

Als ich von Yukka gefragt wurde, wo der Vater des Kindes ist, auf einem Treffen mit fast dem gesamten Ort, und ich ihr die Geschichte meiner kurzen Ehe erzählt habe, war mir dies das erste Mal nicht peinlich oder unangenehm. Zwar tat es weh, aber hier geht man mit vielem anders um. Das Ende vom Lied war, dass immer mehr Leute mir zuhörten, wie ich erzählte, dass mein Mann mich kurz nach der Hochzeit nicht mehr wollte und kurz darauf eine andere Frau hatte. Es war einer der Ältesten, der nur nickte, und meinte, dass es gut wäre, dass ich gegangen sei. Ein Leben ohne Liebe sei kein Leben für ein Kind.

Bill hat meine Hand gehalten und ich habe ihm verwundert gestanden, dass ich mich diesem Ort und den Menschen verbunden fühle. Er hatte nur wissend gelächelt, auch er ist hier glücklich und wir verstehen uns. Er lässt mir meine Ruhe, obwohl wir jeden Tag Kontakt haben und oft gemeinsam essen, lässt er mir auch meine Momente, in denen ich niemanden ertrage und Christians Verrat immer noch mein Herz und meine Seele bluten lässt.

Wenn mein Baby nicht wäre, ich hätte es nicht bis hierhin geschafft.

Ahnah räumt den Lachs weg und verabschiedet sich, und auch ich greife nach meiner Jacke, die mir Geoffrey vom Postamt geschenkt hat. Sie ist dicker als die aus Anchorage, aber mittlerweile sind draußen gut und gern dreißig Grad unter Null. Geoffrey lacht mich immer an, wenn ich meine Manuskripte hole oder welche an Kates Vater zurücksende. Er ist einer der ältesten Nicht-Inuits hier und wenn man etwas wissen will, ist er derjenige, den man fragen muss. Nachrichten, die alle betreffen, lässt man hier offen bei der kleinen Poststelle ausliegen und Geoffrey sorgt für die Verbreitung.

„So, ich muss los, Yukka. Bill kommt erst morgen wieder, und die Hunde müssen noch gefüttert werden. Außerdem habe ich noch ein wenig Arbeit zu Hause", verabschiede ich mich und strecke mich.

Yukka nickt und wir verabreden uns für den nächsten Tag, da wir beide in der Kindertagesstätte ein wenig beim Renovieren helfen wollen.

Langsam gehe ich durch die klare, kalte Luft zu meinem Häuschen, dass mittlerweile ein Zuhause für mich ist. Ich habe alles, was ich brauche und fühle mich wohl. Natürlich ist das Internet hier nicht wirklich zuverlässig und ab und an friert die Wasserleitung ein, aber damit kann man umgehen.

Vor Bills Haus liegen seine Huskys, die er zwei Tage nach meiner Ankunft von seinem Kumpel abgeholt hatte, der auf sie aufgepasst hat. Sechs wunderschöne Hündinnen, die mich aufmerksam mustern, da sie ihr Futter erwarten.

Ich spüre einen leichten Schmerz im Rücken und beeile mich, die Hunde zu versorgen. Ich bin müde und sollte ein wenig ausruhen.

Allerdings wird über den Rest des Tages der Schmerz nicht besser und ich rufe in der Klinik an. Claire, die einzige Sprechstundenhilfe, ist dort, aber Doc Oak ist gestern mit Bill weggeflogen und erst morgen kommt der neue Arzt an.

Sie bittet mich, vorbei zu kommen und besteht darauf, mich durch Monty abholen zu lassen, den Polizeichef des Ortes. Monty taucht tatsächlich mit Blaulicht bei mir auf und ich gehe vorsichtig und beunruhigt zu ihm.

„Anori, Claire meinte, es wäre ein Notfall?", fragt er und sieht mir besorgt entgegen.

„Du hättest mich auch mit dem Schneemobil holen können. Sag nicht, du hast das Auto freigeschaufelt, um mich mit Blaulicht in die Praxis zu fahren?", versuche ich zu scherzen, als ein weiterer Schmerz wie ein glühendes Messer durch mich hindurch rast.

„Wohl zu Recht", schnaubt er und verfrachtet mich vorsichtig auf den Beifahrersitz.

Dieses Auto steht normalerweise nur schneebedeckt herum und ich wundere mich, dass es überhaupt angesprungen ist.

„Du genießt das richtig", stöhne ich genervt, während Monty sich seine Dienstmütze zurechtrückt und das Blaulicht einschaltet.

„Glaub mir, an einem Tag ohne Arzt in Point Hope, ist das letzte, was ich genieße, eine Freundin in die Klinik zu fahren", brummt er und fährt, für seine Verhältnisse rasend schnell, die Straße hinunter. Albern, ich hätte die paar Meter locker zu Fuß gehen können, denke ich noch, als der nächste Schmerz mich überrollt.

Nur ein paar Minuten später hält er vor der Klinik und Claire steht schon mit einem Rollstuhl bereit. Schnaubend schiebe ich mich an meinen beiden selbsternannten Rettern vorbei und gehe mühsam zu Fuß hinein, während Claire mir schimpfend folgt.

„Ana, leg dich sofort hin. Ich hab den Wehenschreiber hier und wir sehen mal, was los ist", schimpft sie, mehr besorgt als böse, während ich meine Jacke auf den Stuhl werfe und mich vorsichtig auf der Liege niederlasse.

Nach zehn Minuten wissen wir, was los ist. Ich habe Wehen und urplötzlich eine riesige Angst um mein Baby.

Claire sieht mich besorgt an und telefoniert dann mit der Klinik in Juneau. Der Arzt dort gibt ihr wohl einige Anweisungen und Minuten später hänge ich an einem Tropf, während Claire immer wieder besorgt auf den Wehenschreiber starrt.
„Hilft es?", frage ich panisch und sie nimmt meine Hand.

„Es wird helfen, es dauert nur einen Moment. Ich ruf nochmal in Juneau an", murmelt sie und geht aus dem Raum.

Als sie zurück kommt, laufen mir Tränen über die Wangen und direkt hinter ihr tritt Yukka ein, die sofort zu mir kommt und meine Hand nimmt.

„Werde ich mein Baby verlieren?", frage ich leise und Claire schüttelt den Kopf, während sie eine Spritze aufzieht.

„Nein, aber wir geben zur Sicherheit eine Lungenreife, Ana. Falls es früher kommt. Allerdings musst du morgen und übermorgen noch eine bekommen."

Allein, dass sie dies in Erwägung zieht, schürt meine Panik. Und dass es drei Tage dauert, hilft meinem Baby heute auch nicht. Die Spritze schmerzt, als sie mir diese gibt und zeitgleich eine weitere Wehe mich überrollt. Zum ersten Mal seit Wochen brauche ich etwas dringender als alles andere auf der Welt. Christian. Seine Stärke, seine Art, mit Situationen umzugehen, seinen Rückhalt. Der Schmerz in meinem Inneren ist fast so schlimm, wie die Angst um meinen Junior.

„Ich habe in Anchorage angerufen, mit Glück kommen Bill und der neue Doc in ein paar Stunden an", gibt Claire kleinlaut zu und das lenkt mich ab.

Im Dunkeln zu fliegen ist nicht ratsam, aber Bill wird das Risiko eingehen und nun muss ich mir auch noch darum Sorgen machen.

„Ist das nötig?", frage ich, während Claire mir noch einen Tropf anlegt, um mich mit Magnesium zu versorgen und meine Beine hoch lagert.

Yukka hält meine Hand und gemurmelte Stimmen aus dem Vorraum verraten mir, dass noch mehr Leute hier sind, und sich Sorgen machen.

Meine Hand legt sich auf meinen gewölbten Bauch und ich bete, dass meinem Sohn nichts passiert. Wenn ich diesen Teil von Christian auch noch verliere, sterbe ich. Und ich bin schuld, ich musste ja an diesen gottverlassenen Ort ziehen, wo eine medizinische Versorgung nicht so einfach ist, wie in einer Großstadt. Wenn ich das Baby verliere, ist es meine Schuld.

Yukka reicht mir ein Taschentuch und die nächste Wehe entlockt mir ein Stöhnen, das ich am liebsten unterdrückt hätte.

Claire beäugt den Wehenschreiber und sieht mich ein wenig ruhiger an.

„Sie werden schwächer, Ana. Bitte versuch, dich zu entspannen", murmelt sie und ich schließe die Augen.

Aber alles was ich sehe, ist Christian. Zum ersten Mal hasse ich ihn dafür, dass er mir das zumutet. Ich sollte zu Hause sein, im Escala, umsorgt und beschützt, mit unserem Baby, und er sollte bei uns sein. Stattdessen werde ich es hier verlieren, am Polarkreis, bei Menschen, die mir mehr Achtung entgegen bringen, als er es tut.

Die nächsten Stunden sind ein Albtraum. Die Schmerzen nehmen zwar ab, aber Claire ist deutlich überfordert und ich werde immer müder, ob durch die Medikamente oder die Wehen, kann ich nicht sagen. Yukka weicht nicht von meiner Seite und ab und an steckt jemand den Kopf durch die Tür und erkundigt sich ruhig, ob es etwas Neues gibt.

Auf einmal geht die Tür auf und ein großer, schwarzhaariger und attraktiver Mann steht im Zimmer. Sein Blick fällt auf mich und ein Lächeln erhellt sein Gesicht.

„Guten Morgen, ich wusste ja, dass hier ein Arzt gebraucht wird, aber dass ich mitten in der Nacht vom ganzen Ort hier empfangen werde, wäre nicht nötig gewesen."

Hinter dem Mann sehe ich Bill, der mich besorgt mustert.

Der Arzt kommt zu mir und zieht seinen Anorak aus. Der schwarze Rolli betont eindrucksvoll seine breite Brust und ich frage mich, was wohl in dem Tropf war. Ein offenes, freundliches Lächeln im Gesicht, sieht er sich meine Werte an und wendet sich dann leise an Claire, die ihm alles erklärt, was sie unternommen hat.

Er überprüft meinen Tropf und bittet alle, außer Claire, hinaus.

„Miss Steele?", fragt er und ich nicke.

Schon seit Wochen benutze ich wieder meinen Mädchennamen und er grinst mich an.

„Ich weiß, wir kennen uns noch nicht, ich bin Phillipp Moore und der neue Arzt hier. Ich werde Sie jetzt mit ins Behandlungszimmer nehmen und dann werde ich Sie untersuchen, in Ordnung? Die Wehen sind schon schwächer und es sieht gut aus, ich will nur sicher sein, dass sonst keine Überraschungen auf uns warten und es Ihrem Baby gut geht, ok?"

Vorsichtig schiebt mich Claire auf dem Bett zu dem Raum, in dem die gynäkologischen Untersuchen gemacht werden. Dr. Moore hilft mir vom Bett auf den Stuhl und geht kurz raus. Kurz darauf kommt er in grüner Kluft wieder und lächelt mich an.

„Damit ich nicht aussehe, als hätte ich das Studium im Lotto gewonnen", scherzt er und beginnt routiniert mit der Untersuchung.
„Sieht gut aus, Miss Steele. Der Muttermund ist noch geschlossen und die Wehen lassen nach. Sie bleiben aber hier, bis wir die Lungenreife zu Ende gespritzt haben und die Wehen abgeklungen sind. Und die nächste Zeit keine großen Spaziergänge oder Anstrengungen."

Erleichtert fallen mir die Augen zu und nur vage bekomme ich mit, wie mich Claire in ein Zimmer begleitet. Ich bin müde und ein wenig beruhigt. Dr. Moore kommt hinter uns her und ich höre noch, wie er Claire bittet, ihm einen Stuhl zu bringen, als der Tag seinen Tribut fordert.

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