Suzu
Auf einmal war Natsuko da. Sie stürmte einfach herein, ohne auf den Lester zu achten, der mir gerade die Haut von den Fingern zog. Eigentlich fragte er mich nur den gesamten Stoff ab, den er bisher durchgenommen hatte, aber es fühlte sich so an.
Ich hatte das Gefühl, als kniete ich auf dem Schafott und wartete auf meine Hinrichtung. Und der Lester war mein Henker.
Und dann war auf einmal Natsuko da. Sie rannte auf mich zu, packte mich am Kragen und ehe ich mich versah hatte sie mich schon nach draußen geschleift.
Ich war sprachlos. Mindestens genauso sprachlos wie der Lester, der uns hinterhergestarrt hatte, als bekäme er jeden Moment eine Herzattacke.
Das Kichern stieg einfach so in mir hoch, ich konnte nichts dagegen unternehmen. Ich presste mir die Hand auf den Mund, doch dann brach es einfach so aus mir hervor. Sein Gesicht war einfach zu göttlich gewesen. Überhaupt war der ganze Tag göttlich gewesen. Zum Schreien komisch. Erst der perverse Typ, dann die blauen Augen, der Henker und jetzt auch noch Natsukos grandioser Auftritt. Und unser spektakulärer Abgang, nicht zu vergessen.
Die Tränen liefen einfach so meine Wangen hinunter, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte. Ich lachte und weinte zugleich, auch Natsuko fiel mit ein.
„Ich dachte, ich sollte dich retten kommen", kicherte sie. „Vielleicht sollte ich auch etwas anstellen, damit er mich verbannt", schlug ich immer noch lachend vor. „Was hast du da eigentlich gemacht?" Das interessierte mich brennend.
„Och, nichts Besonderes...", meinte sie, während sie von einem weiteren Lachanfall geschüttelt wurde. „Ich hab ihm einfach nur einen Kübel rote Farbe über den Kopf geleert, ich hatte schon lang den Verdacht, dass sein Kopf eine außergewöhnliche Farbe annimmt, wenn er sauer ist, und ich wollte einen Vergleich."
Jetzt konnte ich mich nicht mehr halten. Mein Lachkrampf war so heftig, dass ich kaum noch Luft bekam. „Luft...", keuchte ich. „LUUUUUFT!"
Natsuko zog mich am Arm und klopfte mir gleichzeitig auf den Rücken. „Du bist beinahe so rot wie der Lester damals!"
Das machte es nicht wirklich besser. Meiner Kehle war wie zugeschnürt, anscheinend war es für meine Lunge wichtiger, Luft durch Lachen auszustoßen anstatt einzuatmen. Die Leute starrten uns zwar an, als wären wir zwei Verrückte, die aus der Klapse entflohen waren, aber das war uns egal. Wir hatten unseren Spaß.
Oder Natsuko hatte ihren Spaß. Ich hatte immer mehr mit meiner fehlenden Atmung zu kämpfen. Schwarze und weiße Sternchen tanzten vor meinen Augen, und während ich noch dachte, dass das kein gutes Zeichen war, brach ich in Natsukos Armen bewusstlos zusammen.
Als ich wieder aufwachte, lag mein Kopf auf etwas Weichem. Hin und wieder ruckelte dieses Weiche. Es roch nach Putzmittel und Käsefüßen. Anscheinend war ich im Zug. Vorsichtig öffnete ich meine Augen.
„Na, ausgeschlafen?", frage Natsuko schmunzelnd. Achso. Das Weiche war Natasukos Schoß gewesen. Moment! Warum lag ich auf Natsukos Schoß?
Richtig! Ich hatte vor lauter Lachen keine Luft mehr bekommen. Ich fühlte mich immer noch etwas schwindelig.
„Die nächste Haltestelle ist deine, oder?", fragte sie. „Ich bring dich nach Hause. Immerhin bin ich daran schuld, dass du zusammengeklappt bist."
Ich lächelte. Natsuko war einfach die Beste. Ich war so froh, dass ich sie kennengelernt hatte. Sie war eine echte Freundin, nicht wie diese verlogenen Weiber aus meiner alten Schule. Nicht daran denken, Suzu, schalt ich mich.
Natsuko half mir auf. Meine Knie fühlten sich an wie Pudding, Natsuko konnte mich im letzten Moment davon abhalten, in den Schacht zwischen Zug und Bahnsteig zu fallen. Tief durchatmen, Suzu!
Da ich eindeutig noch zu wackelig auf den Beinen war, um allein nach Hause zu gehen, trug Natsuko mich Huckepack. Nachdem sie mich daheim abgeliefert hatte, wünschte sie mir gute Besserung und rief einen Freund an, der sie abholen sollte.
Doch noch bevor dieser Freund kam, schlief ich zusammengerollt auf der Couch ein. Dieser Tag war verdammt anstrengend gewesen.
Ich schlief bis tief in die Nacht. Gegen ein Uhr nachts wurde ich unsanft von höllischen Bauchkrämpfen und einer unangenehmen Nässe zwischen meinen Schenkeln geweckt.
Na toll. Ich hatte meine Tage bekommen. Der Tag fing schon mal gut an.
________________________________________
bitte weiterhin voten und kommentare dalassen!! >.<