"Magst du mir bitte das Toast rübergeben?" Damiens Stimme ist rau und tief. Er hat Rosa heute wieder freigegeben und uns ein echtes English Breakfast gezaubert. Ich bin erstaunt, wie viel auf so einen Teller passt. Es fehlt nur noch das Toastbrot. "... aber bitte das Glutenfreie." Mist!
Auf der Küchentheke liegen zwei Tüten mit zwei sich unterscheidenen Toastbroten. Rosas grober Unterricht ist noch lange nicht genug, um die Zutaten auf Verpackungen lesen zu können. Ich bin sprachlos und stehe wie angewurzelt und erstarrt einfach nur da. Damien, der gerade die dreckige Bratpfanne in der Spühle ablegt, dreht sich natürlich zu mir um. Wie hätte ich es auch anders erwarten sollen?
"Was ist? Ist dir nicht nach einem Frühstück?", fragt er besorgt, und in diesem Moment würde ich ihn am liebsten in den Arm nehmen. Je mehr ich ihn kennenlerne, desto mehr zerstört er das Bild eines Anzugträges, welches sich jahrelang durch Einfluss meiner Mutter und das Leben auf der Straße in meinem Kopf festgesetzt hat. Er ist nicht wie die anderen. Zumindest, sobald man weiß, wer er wirklich ist.
"Ich denke, ich muss dir etwas beichten." Als ich zu ihm aufschaue, erwarte ich sein weltberühmtes Stirnrunzeln, aber zusehen bekomme ich lediglich einen aufmerksamen, desto eindringlicheren Blick in meine tiefste Seele. Er verängstigt mich nicht, sondern gibt mir den nötigen Mut.
"Ich glaube, ich habe dies noch nie zu dir gesagt, aber: Du kannst mir alles sagen, was auch immer du willst, Birdie." Ich bekomme eine angenehme Gänsehaut, als seine Finger auf der Kante der Küchentheke meine berühren und er sie schließlich mit seiner ganzen Hand bedeckt.
"Ich kann weder Lesen, noch Schreiben.", gebe ich zu und suche mir einen anderen Punkt im Raum, an den sich meine Augen festhalten können, damit sie auf gar keinen Fall in seine schauen können. Auch meine Hand ziehe ich weg. Ich fühle mich schlecht. Schuldig.
Damien ist die ganze Nacht bei mir geblieben, um sicher zu gehen, dass ich nicht noch einmal von einen meiner schlechten Träume aufgesogen werde. Um mit mir -- ohne ein Wort über die Lippen zu bringen -- einfach nur dazuliegen und die langweilige Decke zu bedrachten, die wir im dunklen Gästezimmer sowieso nicht erkennen konnten. Aber trotzallem war es die schönste Nacht, die ich bisher in diesem Appartement erleben durfte. Nichts ist schlimmer, als zu wissen, dass Damien dies wahrscheinlich nicht einmal weiß. Er mag ein wunderbares Frühstück für uns zaubern und mir diese gewisse, unvergleichbare Geborgenheit geben. Aber weiß er denn überhaupt, was die kleinen Dinge in mir auslösen? Ich denke nicht.
Und nun stehe ich hier und gebe zu, dass ich ihn die ganze Zeit etwas verheimlicht habe.
"Sag bitte etwas.", füge ich zu meiner Beichte hinzu, starre aber weiterhin den Boden zwischen unseren nackten Füßen an.
Er schnappt nach Luft und wenn ich mich nicht verhört habe, dann war das gerade ein Schmunzeln. "Lass mich erst mal Luft holen, Birdie. Du hast es ja eilig." Er tritt einen Schritt auf mich zu und legt seine Hand von der Theke auf meinen Hinterkopf, um mich gegen seine warme Brust zu lehnen. Ich schließe meine Augen und nehme einen tiefen Atemzug, während mich das schnelle Schlagen seines Herzens für einen Moment lang fasziniert.
"Du wusstest es, oder?" Die Frage, die ich mir in meinen Gedanken gestellt habe, ist nun doch gestellt worden und ich schäme mich für mein voreiliges Urteil, obwohl es sehr danach aussieht, dass ich richtig liege.
"Naja...so wie du beim Frühstück auf all die Verpackungen geachtet hast und dir die kleinen Bildchen auf den Teebeuteln zwei mal anschauen musstest, konnte ich mir etwas in diese Richtung schon denken." Ich trete zurück, denn auch wenn die Nähe zu ihm wohl das Schönste auf der Welt sein mag, was mir bisher passiert ist, fühle ich mich unwohl in meiner Haut. "Hey...keine Sorge. Das ist doch nicht schlimm. Man kann es dir ja immer noch beibringen." Damien verschrenkt seine Arme und betrachtet mich mit einem nachdenklichen Blick. Da ist es wieder, das Stirnrunzeln.
"Rosa hat mir beigebracht, wie man meinen Namen schreibt -- oder sollte ich lieber sagen, dass sie denkt, er würde so geschrieben werden. Ich habe ja keine Ahnung, ob es so auch richtig ist."
"Ja, die Zettel habe ich im Mülleimer gefunden. Dafür, dass du das Schreiben gerade erst erlernst, hast du eine wunderschöne Schrift." Ich bin davon überzeugt, dass seine Aufmunterung bei mir nicht zieht, aber als ich genauer darüber nachdenke, sehe ich es klar und deutlich: Damien Hamilton ist der erste Mensch in meinem Leben -- nach meiner verstorbenen Familie -- der sich wirklich um mich sorgt. Und eine Diskussion mit mir selbst, ob mich dies berührt oder nicht, wäre eine Zeitverschwendung.
"Du bist nicht sauer, dass ich es dir verheimlich habe?", frage ich vorsichtig, um auch die letzte Ungewissheit, die dieses Thema betrifft, loszuwerden.
"Warum sollte ich schon sauer auf dich sein? Ich habe dich ja auch nie gezielt danach gefragt, ob du Lesen oder Schreiben kannst." Er greift nach der linken Toastbrotverpackung und irgendwie beruhigt es mich, dass er keine große Sache daraus macht -- oder es zumindest versucht, mir so zu verkaufen. "Ich bin mir sicher, dass du es schnell erlernen wirst. Hier -" Er reicht mir die Verpackung und deutet auf den ersten Buchstaben des fettgedruckten Wortes. "Das ist ein 'G' für 'Glutenfreies' und hier haben wir ein 'B', wie Birdie, für 'Brot'." Die Vergleiche lösen ein Kichern bei mir aus. Er scheint sich wirklich Mühe zu geben, mir es so einfach wie möglich zu erklären. Hoffentlich denkt er jetzt nur nicht, ich sei blöd. Denn das bin ich ganz und gar nicht! "Du kannst schon mal zur Couch gehen, ich habe heute mal Lust, so gemütlich wie möglich zu frühstücken. Ich bringe das Toastbrot sofort nach.", äußert er sich und ich nicke, bevor ich einen Augenblick später auf der weichen Couch einen Platz finde und ich unsere vollen Teller auf den kleinen Tisch abstelle.
Beim Anblick der Teller bekomme ich ein schlechtes Gewissen.
Werden wir das alles überhaupt schaffen?
Ist so viel Essen für zwei Personen denn überhaupt nötig?
"Hier kommt die letzte Zutat an Zufriedenheit." Zufriedenheit?
So sehr ich Damiens Anstrengungen mit meiner Dankbarkeit anerkennen mag, fällt es mir schwer, nicht an mein Leben auf der Straße zu denken. Mit Zufriedenheit hat dies rein gar nichts zu tun. Es ist vielmehr eine Zufriedenstellung. Wenn du Stundenlang nichts zu Essen bekommst -- und daran gewöhnt bist, ohne Frühstück aufzuwachen und ohne Abendbrot einzusclafen -- vergisst du schnell, was es heißt, keinen Hunger mehr zu haben. Es reicht selbst der kleinste Krümel, um das Rockkonzert in deinem Magen zumindest für wenige Minuten zu beruhigen. Aber ist es wirklich nötig, zu viel davon zu haben? So viel, dass man jeden Obdachlosen in der Innenstadt für einige Minuten zufriedenstellen oder ihm gar das Leben retten könnte?
"Ich weiß nicht, ob ich all das in meinen kleinen Magen bekommen werde..."
Damien steckt sich ein Ende der Wurst in den Mund und schaltet den Fernseher ein. "Du musst stärker werden, Birdie."
"Ja, und andere Menschen auf der Straße müssen überleben."
Das gierige Kauen seines Mundes verlangsamt sich mit meinen Worten, als er seinen Kopf zu mir dreht. "Iss wenigstens das Spiegelei oder eine Wurst und das Toastbrot.", versucht er mir vorzuschlagen, aber er versteht nicht, was ich ihm eigentlich sagen möchte.
"Und wo landet dann das Essen, welches übergeblieben ist?", ist meine dringende Frage, die ich mir auch selbst beantworten kann.
"Im Müll." Wusste ich es doch...
"Es wird einfach so weggeworfen?"
"Mhm.", brummt er, nachdem er in die eine Ecke des Toastbrotes gebissen hat. "Das wird ja kalt. Wer soll das denn dann schon noch essen wollen..." Nun widert mich sein hysterisches Kauen auf seinem Essen an. Wie kann er das nur so kalt und herzlos von sich geben? Ist der Mann neben mir, mein Retter, der mich von der Straße geholt hat, oder irre ich mich?
Ohne eine Sekunde lang zu zögern, nehme ich mir den vollen Teller voller warmen Essen und springe von der Couch auf.
"Wo willst du hin?", murmelt Damien mir nach, aber ich antworte ihm nicht. "Birdie! Rede bitte mit mir! Wo möchtest du hin?"
"Ich gehe sicher, dass das Essen noch warm ist, sobald ich es den Menschen gebracht habe, die es wirklich nötig haben." Die Fahrstuhltüren öffnen sich und ich sehe zu, wie Damien ebenfalls von der Couch aufsteht, die Türen sich aber zu schnell wieder schließen, sodass er es nicht mehr hinein schafft.
Ich lehne mich gegen die kühle Wand, betrachte mich im Spiegel an der Decke. Mein Körper hat sich deutlich verändert. Aber dünn bin ich nach wie vor. Der Geruch des liebevoll hergerichteten Essens erfüllt den kleinen Raum. Ich bekomme, neben der Lust auf ein Spiegelei, ein schlechtes Gewissen. Damien hat sich so viel Mühe gegeben, dieses wundervolle Frühstück zu kreieren. Und nicht einmal ein kleiner Happen wird davon in meinem Mund landen. Ich versuche mich auf das zu konzentrieren, weswegen ich überhaupt in diesem Fahrstuhl festsitze, obwohl ich die Dinger ja versuche so gut wie möglich zu vermeiden.
Das Klingeln bringt mich in das große Foyer. Hier bin ich noch nie gewesen. Zum Glück ist der Ausgang des Gebäudes direkt gegenüber von mir und ich muss nicht erst nach einem Fluchtweg suchen. Flüchte ich?
Meine Füße bringen mich auf die Straße, ganz in der Nähe des Chinawhite - Cafes. Ich kenn diese Gegend. Nur wenige Straßen weiter gibt es eine kleine, beinahe unauffällige Gasse, in der sich oft einige Straßenkinder und Obdachlose versammeln, um ihr essen zu teilen. Ich selbst bin dort einige Male gewesen, jedoch trifft man nicht immer jemanden an, der es nur gut mit dir meint.
"Birdie! Warte!" Ich drehe mich um und sehe Damien, der sich Schuhe angezogen hat und mir nach draußen gefolgt ist. In nur wenigen Sekunden hat er mich eingeholt. Aber ich lasse nicht mit mir reden. Wenn er unbedingt wissen möchte, was ich vorhabe, dann soll er es mit eigenen Augen sehen. "Bitte rede mit mir."
Als wir unmittelbar vor der einsamen Gasse, ein paar Häuserblocks von Hamiltons Appartement entfernt, stehen, mache ich das erste Mal wieder meinen Mund auf. "Glaube mir...Diese Menschen würden sich auch nur über die letzte Wurst, das kalte Spiegelei oder den letzten Krümel des Toastbrotes erfreuen." Dann betreten wir die enge Gasse. Ich höre ein leises Summen, den ich versuche zu folgen. Am Ende, kurz vor der Papiermülltonne, sehe ich eine Mutter in eine alte Decke eingehüllt. Neben ihr sitzt ein junges Mädchen. Vier, höchstens fünf Jahre alt. Das Summen verstummt und die Mutter schaut uns mit weiten Augen an. Das junge Mädchen bekommt von all dem nichts mit. Es schläft tief und fest. Zumindest hoffe ich das...
"Guten Appetit! Teilt es euch gut ein.", sage ich und knie mich zu ihnen herunter, um den Teller in den Schoß der Mutter zu platzieren. Die Lust auf das Spiegelei ist vergangen. Ich bin froh, dass ich auf meinen Verstand vertraut habe. Und auch Damien scheint zu begreifen, was ich ihm die ganze Zeit sagen wollte, als ich ihn dabei erwische, wie er mit einem fassungslosen Gesichtsausdruck auf die Menschen herabsieht, denen ich gerade mit seinem liebevoll zusammengestellten Essen den Tag gerettet hat. Vielleicht mag er noch nicht verstehen, wie viel diese kleine Geste bewirkt. Aber ich bin mir sicher, dass er heute etwas sehr Wichtiges dazugelernt hat. Genau wie ich...
Auch Anzugträger haben ein Herz, selbst wenn sie dies nicht immer gerne zugeben würden...
Aber in seinen Augen sehe ich noch etwas Anderes: Nicht nur die Einsicht funkelt in ihnen, ... sondern auch der pure Schmerz, den ich noch nie zuvor so intensiv und voller Schmerz betrachten musste...