Mein Wecker riss mich aus meinem Schlaf. Grummelnd stellte ich ihn ab und murmelte irgendwas von noch fünf Minuten. Da hatte ich allerdings nicht mit meiner Mutter gerechnet.
"Guten Morgen , Liebes. Aufstehen! Heute ist ein großer Tag." trällerte sie , als sie in mein Zimmer geplatzt kam. Grummelnd zog ich mir die Bettdecke über den Kopf. Wie konnte man um diese Uhrzeit nur so gute Laune haben? Es war mir ein wahres Rätsel.
Ich hörte , wie meine Mutter die Gardinen aufzog und kurz danach vor meinem Bett zum stehen kam. "Nichts da. Los , spring unter die Dusche und komm danach runter Frühstücken. Ich leg' dir Kleider raus." Sie riss die Bettdecke von meinem Körper und verjagte mich aus meinem Heiligtum , meinem Bett. Verschlafen schlürfte ich ins Badezimmer und schlüpfte aus meinem Schlafanzug. Damit das Wasser etwas wärmer wurde , stellte ich es schon mal an , bevor ich noch einmal kurz meine Haare durch bürstete. Danach stellte ich mich unter die Dusche. Das heiße Wasser floss meinen Körper hinunter. Ich schloss meine Augen , um mich zu entspannen.
Meine Mutter hatte recht , heute war ein war ein großer Tag. Heute würde ich geprüft werden. Mir würde meine Zukunft vorhergesagt werden. Mein möglicher Beruf , mein möglicher Lebenspartner einfach alles was mit meiner Zukunft zu tun hatte. Jeder , der im Alter von sechzehn war , musste diesen Test über sich ergehen lassen. Es hing viel davon ab , da die meisten Vorhersagen tatsächlich eintraten. Lesley Morgan , sie war vor länger Zeit einmal auf meiner Schule gegangen , war vorhergesagt worden , dass sie den Sohn des damaligen Bürgermeisters zu Mann nehmen würde , und tatsächlich war sie jetzt mit Phillip glücklich verheiratet und hatte zwei Kinder mit ihm. Angeblich sollte sogar vor zwei Jahren ein Mädchen nach Japan gereist sein , um ihren Lebenspartner zu finden.
Ich wusch das Pfirsich Shampoo aus meinen Haaren und stellte das Wasser ab. Das Handtuch , welches ich mir zuvor neben die Dusche gelegt hatte , Band ich mir um meinen Körper. Meine Haare föhnte ich trocken , da ich keine Zeit dafür hatte sie an der Luft trocknen zu lassen. Danach ging ich zurück in mein Zimmer, um mich anzuziehen. Meine Mutter hatte mir ein weißes Kleid mit blauen Details raus gelegt. Es war schön , aber ich fand es unnötig , da wir während des Tests einen weißen Kittel an bekamen. Also hätte ich theoretisch auch in Sportklamotten gehen können. Allerdings würde meine Mutter das niemals erlauben.
Ich band meine Haare noch grade in einen hohen Pferdeschwanz , als meine Mutter nach mir rief. "Haley , du musst jetzt kommen!" rief sie. Ich stöhnte genervt auf. "Ja , Mum!" rief ich zurück. Noch einen letzten Blick in den Spiegel erhaschen.
Lange braun-blonde Haare. Tief braune Haare.
Ein ganz normales , amerikanisches Mädchen.
Ich wand mich von meinem Spiegelbild ab und verließ mein Zimmer. Schnell trampelte ich die Treppe hinunter und lief in die Küche.
"Musst du immer wie ein Elefant die Treppe hinunter kommen?" nörgelte meine Mutter sofort. "Sorry , Mum." murmelte ich und wuschelte meinem kleinen Bruder Max durch die Haare. "Hey , lass das!" rief er genervt , ich streckte ihm bloß meine Zunge raus und lachte auf.
"Kinder , lasst den Quatsch und isst schnell etwas." kommandierte meine Mutter uns an. Ich verdrehte die Augen und begann mein Müsli zu essen. Ich nahm eines Schluck vom Orangensaft und verzog sofort mein Gesicht. Zahnpasta und Orangensaft vertragen sich einfach nicht... "Haley , bist du dann fertig? Wir müssen Max noch in der Schule absetzten." erkundigte sich meine Mutter. Ich nahm noch den letzten Löffel vom Müsli und nickte dann. Schnell stellte ich das Glas und die Schüssel mit dem Löffel in die Spülmaschine und ging dann in den Flur , um meine Schuhe anzuziehen. Max kam aus der Küche mit seinem süße , blauen Scout Schulranzen. An seinen Mundwinkeln klebte noch etwas von der Schokocreme , die er eben noch auf seinem Brot gegessen hatte. Ich ging in die Hocke , um auf Augenhöhe mit ihm zu sein , und lächelte ihn an , bevor ich mit meinem Finger die Schokocreme weg wischte.
"Los , Kinder! Wir müssen los." Meine Mutter war , obwohl sie etwas gestresst war , gut gelaunt. Ich bewunderte diese Ruhe an ihr sehr. Wir verließen das Haus und liefen auf unser Auto zu. Meine Mutter schloss es auf und wir setzten uns alle auf unsere Plätze. Meine Mutter , selbstverständlich , dem Lenkrad. Ich saß auf dem Beifahrersitz und mein Bruder auf der Rückbank. Max erzählte irgendwas von seiner neu entdeckten Lieblingsserie. Es ging wohl um irgendeinem Jungen der unbedingt Profifußballer werden will aber seine Eltern das nicht wollen. Naja , eben eine typische Kindersendung. Ich starrte währenddessen einfach nur aus dem Fenster und dachte über den bevorstehenden Test nach.
Was , wenn meine Zukunft nicht so glücklich sein würde , wie die von Lesley? Was , wenn ich keinen guten Beruf bekommen würde oder einen gewalttätigen Lebenspartner? Fragen über Fragen , doch ich würde keine einziger Antwort bekommen. Vor erst. Denn in weniger als vier Stunden , würde meine Zukunft besiegelt sein. So langsam überkam mich die Panik.
"Haley , wir sind da." riss mich die Stimme meiner Mutter aus meinen Gedanken. "Du bist ziemlich nervös , richtig?" Ich nickte nur als Antwort. Meine Mutter fing an zu lachen. "Du hättest mit an meinem Prüfungstag sehen müssen! Erst hatte ich mich im Badezimmer eingesperrt und dann wäre ich fast aus dem Prüfungsraum geflohen. Aber weißt du , das alles dient nur dazu , dass unser Leben geordnet ist. Die Menschen mögen kein Chaos." erklärte sie und sah mir dabei eindringlich in die Augen. So hatte man es uns auch im Kindergarten , in der Grundschule und auch auf der Weiterführendenschule beigebracht. Diese ganze Sache wurde nach einem Bürgerkrieg 1987 entwickelt. Erst nur hier bei uns , doch dann hatte es sich auf der ganzen Welt verbreitet. Es sollte für Ordnung und Frieden sorgen.
Ich nickte nur als Antwort. Meine Mutter lächelte mich sanft an. "Soll ich dich noch zur Info begleiten?" fragte sie , doch ich schüttelte den Kopf. "Nein , danke. Tess und ich treffen uns am Eingang und gehen dann gemeinsam rein." Tess war meine beste Freundin. Wir hatten uns im Kindergarten kennengelernt und waren seitdem unzertrennlich.
"Hey , Tess." Ich umarmte sie kurz zur Begrüßung. Danach liefen wir ins Gebäude. Der Boden war mit großen , schwarz-weißen Fliesen ausgelegt. Links war eine Reih von Aufzügen , links standen mehrere schwarze Sofas und Sessel aus Leder. Immer schön geordnet in kleinen Gruppen , in deren Mitte ein Tisch mit einer Vase voll Blumen draufstanden. An der hohen Decke hing ein prachtvoller Kronleuchter , was eigentlich völlig überflüssig war , da durch den ganzen Fenstern mehr als genügend Tageslicht in die Eingangshalle schien. Gegenüber der Eingangstür , war direkt die Information , wo wir auch unsere Formulare bekamen , die wir dann noch im Warteraum ausfüllen mussten , bevor wir einzeln weiter in einen anderen Raum geführt wurden.
Ich sah zu meiner Seite , wo Tess stand. Sie lächelte mir aufmunternd zu und zusammen gingen wir zur Information. "Guten Tag , wie kann ich ihnen helfen?" fragte sofort die freundlich aussehende Angestellte. Sie trug ein Namensschildchen an ihrer Bluse. A.Forcen. "Guten Tag , wir sind für den Test hier." sprach Tess für uns beide. Die Freu nickte und tippte irgendwas in ihren Computer ein. "Eure Namen?" fragte sie dann. "Teresa Brown und Haley Larsson." sprach ich diesmal. Sie nickte wieder. "Ah , genau. Hier sind eure Formulare. Bitte füllen sie diese aus und geben sie dann der Person , die euch im Warteraum abholen wird. Der Warteraum ist im zweiten Stockwerk. Viel Glück." erklärte sie und gab uns die Klemmbretter mit den Formularen und zwei Kugelschreiber.
Tess und ich liefen also zu den Aufzügen und fuhren in den zweiten Stock. Wir kamen sofort in den Warteraum , da dieser anscheinend die ganze zweite Etage belegte. Das erste , was ich war nahm , als die Türen sich öffneten , war die Lautstärke. Man hörte hunderte von Gesprächen. Dazwischen das Kratzen vom Kugelschreiber auf dem Papier und ab und zu wurden Namen durch die Lautsprecher aufgerufen. Die Teenager , die hier versammelt waren , saßen in kleinen Grüppchen auf den vielen Sofas , die wie in der Eingangshalle angeordnet waren.
"Haley hast du vor heute noch den Test zu absolvieren , oder erst in hundert Jahren?" erweckte mich Tess' Stimme aus meinen Gedanken. Ich lächelte sie an und trat dann aus dem Aufzug , grade noch rechtzeitig, bevor er sich wieder schloss.
"Lass uns einen Platz suchen." schlug ich vor. Tess nickte nur und wir setzten uns in den Bewegung. Schnell fanden wir eine freie Coach in der Nähe der Aufzüge. Ich legte das Klemmbrett auf meine Beine und fing an das Formular auszufüllen. Ich fand , dass manche fragen wirklich unnötig waren. Zum Beispiel , wie alt ich war. Man machte diesen Test doch sowieso nur mit sechzehn. Nicht jünger und auch nicht älter.
Ich war schnell mit den Fragen durch , weswegen ich das Klemmbrett neben mir auf das Sofa legte. Ich atmete einmal tief durch und fuhr mir durch die Haare. Schweißperlen bildeten sich auf meiner Stirn. Meine Hände fingen an zu zittern. Nervös kaute ich auf meiner Unterlippe herum.
"Hey , es wird schon gut gehen , okay?" Tess legte ihre Hand auf meine und sah mich beruhigend aus ihren großen , brauen Augen an. Ich nickte nur.
Das rascheln der Lautsprecher ertönte und ein Name wurde aufgerufen. "Hayley Larsson." Ich erstarrte. Shit. Ich war an der Reihe. Ich wischte mir die Hände noch einmal an meinem Rock ab und stand dann langsam auf. - Klemmbrett in der Hand. An einem der Fahrstühle stand eine lächelnde Frau. Sie war , denke ich , Anfang vierzig , da ihr Ansatz schon leicht silbrig war. Ich lächelte sie ebenfalls an und hielt ihr mein Klemmbrett entgegen. "Danke." murmelte sie und überflog meinen Bogen. Sie lächelte zufrieden und führte mich dann in den Fahrstuhl. Ich sah hilfesuchend zu Tess , die mich nur anlächelte. Dann schlossen sich die Türen.
"Du brauchst keine Angst zu haben , Hayley. Es wird alles gut. Dir werden nur ein paar Fragen gestellt und dann bekommst du eine Spritze." erklärte sie mir. Ich wurde neugierig bei dem letzten Teil. "Seit wann bekommt man eine Spritze?" Sie lachte ein klares , glockenartiges Lachen. "Ach , das war schon immer so! Die meisten erwähnen es nicht , da der Fokus auf den Fragen liegt. Es ist sowieso nur ein kleiner Piekser und danach startest du in dein neues Leben. Du wirst mit achtzehn von zu Hause weg und mit deinem Partner zusammen ziehen." So war es schon immer gewesen. Mit achtzehn von zu Hause weg. Eigentlich veränderte sich nicht all zu viel. Nur , dass man nicht mehr zu Hause wohnte. Sonst ging man normal zum College. Die meisten sagen , dass man keinen , absolut keinen Unterschied merken wird. Ich konnte mir das nicht vorstellen. Ich würde meine Mum ganz bestimmt vermissen und Max sowieso. "So wir sind da." ertönte wieder die Stimme der Frau. Ich nickte und verließ den Aufzug. Sie führte mich in einen komplett weißen Raum. An der einen Seite war ein großes Fenster , von wo man in einen anderen Raum hinein schauen konnte. Dort saßen vier Menschen an einem Tisch. Zwei Frauen , zwei Männer. Sie sahen alle freundlich aus. Der eine Mann war etwas älter und trug ein blau , gestreiftes Hemd. Auf seiner Nase saß eine Brille und seine Haare waren schon grau. Neben ihm die Frau schien ungefähr Mitte dreißig zu sein. Sie trug ihre blonden Haare in einem strengen Pferdeschwanz. Sie hatte eine weiße Bluse mit einer goldenen Kette an. Vor ihr lag ein silbernes Tablett mit etwas glitzerndem drauf. Wahrscheinlich würde sie mich spritzen. Neben ihr die Frau war ungefähr im selben Alter. Allerdings waren ihre Haare dunkel braun und sie trug sie offen. Ihre Lippen trugen , passend zu ihrer Bluse , roten Lippenstift. Daneben der Mann sah ungewöhnlich jung aus. Ich schätzte ihn auf neunzehn. Manchmal kam es vor , dass die Kinder reicher Leute sofort einen Job in den höheren Rängen bekamen , ohne zu studieren oder sonstiges. Ich fand es schon immer unfair.
"Zieh bitte anstelle deines Kleides , diesen Kittel hier an." erweckte mich wieder eine Stimme aus meinen Gedanken. Ich sah kurz zu der Frau. Es war mir unangenehm mich umzuziehen bei dem Gedanken , dass vor dem Fenster Menschen saßen und mich beobachten konnten. "Keine Sorge , die da draußen können dich nicht sehen." sagte die Frau erneut , so als hätte sie meine Gedanken gehört. Ich nickte und sie verließ den Raum. Ich fühlte mich seltsam. So , als würde ich nicht zu diesem Ort gehören. Ich atmete tief ein und aus. Danach machte ich mich dran , mich umzuziehen.
Ich biss mir auf die Unterlippe. Jetzt musste ich in den Raum , zu den vier Menschen die über meine Zukunft entscheiden würden.
Ich atmete noch einmal tief ein und aus , dann drückte ich die Türklinke hinunter und betrat somit den Raum.