Sichtwechsel
Während ich bereits in mein Heim zurück getreten war, stand er noch immer vor der Tür und musterte mich mit einem Blick, der mir Angst machte. Er war voller Wut und es schwang so viel Enttäuschung mit. Das flattern in der Magengegend war verräterisch genug. Lange Zeit hatte ich solche Sehnsucht verspürt. Ihn heute zu treffen, war mehr als ich erwartet hatte, gewissermaßen ein Segen und Fluch zugleich. Das was heute unter dieser Unterführung passiert war... es war soviel mehr. Wie er nach meiner Hand griff und ich diese Liebe spürte, war mir schlagartig klar, das ich mir im Grunde, nichts mehr wünschen würde, als an genau seiner Seite Alt zu werden. Doch wie sollte das gehen? Das würde nie gut gehen. Den Schritt Max zu verlassen, war der beste den ich je gegangen bin. Ich fühlte mich frei und ich fühlte mich gut. Es war an der Zeit auch bei Samu die Karten auf den Tisch zu legen. Unsere Blicke trafen sich und ich wusste, das auch er wusste, das das hier unsere Zukunft bestimmen würde. War er bereit dazu? Ich war es. Das musste aufhören. Also griff ich nach seiner Hand und sagte dabei: "Bitte" er schluckte einmal leer, fuhr sich kurz etwas wild durch seine Haare und trat dann anschließend doch ein. Die Tür viel hinter uns ins Schloss.
Samu stand wie bestellt und nicht abgeholt im Flur und blickte sich kurz um, ehe er total überflüssig sagte: "Schön habt ihr es hier" ich lächelte kurz unterdrück zu ihm und führte ihn dann an der Hand ins anliegende Wohnzimmer. Während er sich auf die Couch setzte, holte ich uns zwei Gläser Wein, das schien mir momentan sinnvoller als Café und gesellte mich dann damit zu ihm. Langsam setzte ich mich neben ihn und schnaufte einmal hörbar laut aus. Ich wollte eben zu sprechen beginnen, als es erneut an der Tür klingelte. Samu erschrak sich dabei so sehr, das er beinahe das Glas Wein ausgeschüttet hatte.
Noch ehe ich erklären konnte, lief Levi hinter uns im Flur vorbei und schrie dabei: "Ich geh schon... das ist bestimmt Ben" etwas erleichtert ließ sich Samu wieder in die Kissen zurück fallen und hielt sich mit seiner Hand, sichtlich überfordert die Stirn fest. "Mom, wir sind unten ja..." berichtete mir mein Sohn noch kurz im vorbei laufen. "Ok Schatz..." rief ich zu ihm und blickte erneut zu Samu.
Ich wünschte mir gerade so sehr, ich könnte seine Gedanken lesen. Langsam stellte ich das Glas Wein beiseite und sagte dabei: "Ich habe Angst vor diesem Gespräch Samu..."
Er lachte kurz höhnisch auf, nahm seine Hand von der Stirn und knallte sie kurz auf seinen Oberschenkel. Dabei sagte er: "Frag mich mal." Er stellte das Glas Wein ebenso zur Seite und drehte sich langsam in meine Richtung. Dabei fragte er: "Wieso hast du mir nie etwas gesagt? Du bist damals nicht gekommen, weil du zu Hause ein Baby hattest?"
Ich entschied mich für die gesamte Wahrheit und somit begann ich Samu die ganze Story, mit all ihren Einzelheiten zu erzählen. Nach einer Gefühlten Ewigkeit kam ich dann am Ende an und nachdem sich unsere Blicke trafen, wollte er gerade etwas sagen, als die Tür im Keller kurz aufging und gedämpfte Musik dabei zu hören war. Es schien fast so, als hätte Samu seine Worte, die er eben noch sagen wollte, vergessen und plötzlich nur noch Gedanken für diese Musik hatte. Er lächelte mich an und fragte: "Was... was ist das?"
Verwirrt blickte ich zu ihm und sagte dabei: "Levi und Ben... sie proben"
"Proben? Wofür?" fragte er überschwänglich und stand dabei bereits.
"Sie... ähm, sie spielen in einer Schulband und nächste Woche haben sie einen Auftritt, auf der Abschlussfeier, ehe die Ferien beginnen. Aber.."
Er unterbrach mich voller Enthusiasmus und fragte:"Kann ich... können wir da runter?"
Etwas irritiert und verwundert darüber, das er jetzt zu den Jungs wollte, fragte ich nach: "Du willst zu den Kindern?" war das jetzt sein ernst? Ich erzähle ihm gerade meine Lebensgeschichte und ohne das er darauf überhaupt einstieg, oder etwas zu sagte, wollte er zu den Kindern? War das Thema damit etwa schon erledigt für ihn?
"Ja... bitte" antwortete er und mir blieb nichts anderes übrig, als mich seinem Wunsch zu beugen und lief mit ihm noch immer total verwirrt über seine Reaktion, langsam die Kellerstufen nach unten.
Levi spielt seit seinem dritten Lebensjahr Gitarre und seit fast zweiJahren, nimmt er nun noch zusätzlich Klavierunterricht. Max wollte immer das er viel Sport betreibt und sich bewegt. Sich für Fußball und Eishockey interessiert. Er spielt zwar nach wie vor in einer Eishockey Mannschaft, aber ich denke das macht er nur seinem Vater zu Liebe, denn in Wahrheit gehört sein Herz einzig und alleine der Musik. Mir war das im Gegensatz zu seinem Vater immer schon gleichgültig gewesen. Ich würde Levi immer und überall unterstützen, egal für was er sich entscheidet. Auch wenn er in vier-fünf-sechs Jahren sagt, er hat die Schnauze von der Musik voll, dann soll es eben so sein. Woher allerdings das Talent dafür kommt, ist uns auch heute noch schleierhaft. Max hatte damit überhaupt nichts am Hut und ich ebenso wenig. In meiner Jugend spielte ich zwar Gitarre und sang in einem Chor, aber das was Levi besitzt... das ist richtiges Talent. Vor ungefähr zwei Jahren haben wir ihn dann endlich ein richtiges Musikzimmer eingerichtet, indem er so laut spielen, proben und singen konnte mit seinen Freunden, wie er wollte, ohne das er uns hier oben damit störte.
Unten angekommen, öffnete ich einen Spalt die Tür und die beiden Jungs hörten sofort auf zu spielen. Sie lächelten mich an. Ich öffnete die Tür nun ganz und sagte dabei: "Hey Jungs... unser Besuch wollte gerne euer tolles Zimmer hier sehen"
Levi's Freund Ben stand der Mund sperrangelweit offen, während Samu langsam, ja fast schon ehrfürchtig dieses Zimmer hier betrat: "Hey Guys..." sagte er lächelnd und ging langsam auf Levi zu. Er steckte ihm seine Hand aus und sagte dabei: "Wir haben uns vorhin gar nicht richtig vorgestellt. Ich bin Samu... Hallo Levi?!"
Levi schüttelte ihm lächelnd die Hand und sagte dabei breit grinsend: "Ich weiß genau wer du bist" dabei drehte er sich grinsend zu Ben und sagte: "Siehst du... hab ich dir doch gesagt! Er ist es wirklich! Muhahaha"
Ben erhob sich in der Zwischenzeit von seinem Hocker. Seine Gesichtsfarbe färbte sich von kreidebleich in sattes tiefes rot und er streckte seine Hand überwältigend zitternd Samu vorsichtig entgegen. Dabei sagte er mit gebrochener Stimme: "Ich werd nicht mehr... können wir später ein Foto machen? Ich bin Ben!"
"Klar, das können wir dann auf jeden Fall machen. Ich habe euch spielen gehört und fand es richtig gut, daher wollte ich fragen, ob wir vielleicht gemeinsam etwas spielen wollen?" die beiden Jungs waren natürlich sofort vollends begeistert und begannen sich gleich enthusiastisch zu unterhalten, welchen Song sie jetzt gemeinsam spielen konnten. Sie waren sich schnell einig und spielten Samu's Song Hollywood Hills. Dieser Song bedeutet mir auch heute noch jede Menge und ich konnte diesen Moment hier fast nicht begreifen. Wie gelähmt setzte ich mich langsam in die Ecke des Kellers hier und sah den Jungs dabei zu, wie sie gemeinsam Musik machten. Von meinen Gefühlen komplett überwältigt, versuchte ich die Tränen zu unterdrücken und es zierte ein Lächeln des absoluten Glück's mein Gesicht.
Als der Song endete, sagte Samu: "Unglaublich wie gut ihr seit. Das war bombastisch... soll ich euch noch ein paar coole Geheimtricks verraten? Die Mädels stehen darauf..." ich konnte es kaum glauben, was Samu eben zu Levi sagte, er war doch erst neun, aber ich musste gleichzeitig darüber lachen. Er war cool und die Jungs strahlten zu ihrem Idol auf. Es war verrückt und doch so wundervoll zu beobachten, wie die beiden in der Musik aufgehen konnten. Sie waren eins mit ihr. Levi erinnerte mich gerade so sehr an diesen ersten Eindruck, den Samu damals auf dieser Bühne vor zehn Jahren bei mir hinterlassen hatte. Ich werde den Anblick damals nie vergessen und nun steht er hier, in meinem Keller und zeigt meinem Sohn wie man es richtig, richtig macht. Es vergingen Stunden hier unten. Stunden die ich gar nicht als Stunden wahr genommen habe, da wir einfach so viel Spaß zusammen hatten. Wir lachten viel und sogar ich fand teilweise mit ganz einfachen Akkorden wieder zurück zur Gitarre. Es war ein ganz neuer Moment zwischen uns. Das hier fühlte sich gerade wie ein richtiges Familienleben an. Ein Familienleben, das wir so mit Max noch nie hatten. Es war die Musik, die uns hier verbunden hat.
Nach einer Weile, klingelte es an der Haustür. Das waren Ben's Eltern, die die Jungs abholten. Levi wollte nämlich über's Wochenende bei Ben schlafen. Schnell knipsten sie noch ein paar lustige Erinnerungsfotos und Samu musste auf so ziemlich alles hier, sein persönliches Autogramm geben. Levi war schon aus der Tür, als er sich nochmal zügig umdrehte und einen Sprint auf Samu zu machte. Er schwang sich um seine Hüften und drückte ihn fest. Dabei sagte er: "Das war der coolste Nachmittag meines Lebens! DANKE!!"
Lächelnd bückte sich Samu zu ihm nach unten und sagte: "Das finde ich auch... ich hab dir zu danken junger Mann!"
"Kommst du mal wieder vorbei?" fragte Levi plötzlich ganz ungeniert und voller Hoffnung.
Samu blickte kurz etwas irritiert zu mir, ehe er wieder lächelnd zu Levi blickte und dabei sagte: "Das hoffe ich..." Levi wollte gerade los, als Samu ihn nochmal kurz stoppte und dabei etwas wehmütig sagte: "Ich verrate dir noch ein Geheimnis" und damit flüsterte er Levi etwas ins Ohr. Der Kleine strahlte dabei wie Honigkuchenpferdchen und obwohl ich absolut keine Ahnung hatte, worüber er hier sprach, erwärmte dieser Anblick mein Herz ungemein. Als er dann fertig war, stand Samu auf und sagte dabei amüsiert: "Vergiss das nicht, ja?!" unsagbar stolz begann mein Sohn zu nicken. Männerlike klatschten die beiden noch ab, ehe Levi dann lächelnd und ganz offensichtlich überglücklich zum Auto lief, indem bereits alle auf ihn warteten.
Langsam schloss ich überwältigt von dem allen hier, was heute passiert war, die Tür und gemeinsam liefen wir wortlos, wieder zurück ins Wohnzimmer, wo wir erneut Platz auf der Couch nahmen. Wir nahmen beide einen Schluck vom Wein und ganz plötzlich bemerkte ich, wie Samu's Gesichtsfarbe immer blasser wurde und als wenn ich durch in durch sehen könnte, sah ich wie er eben zu rechnen begann. Und wieder... und wieder... und wieder... mein Blick wich von ihm ab, denn insgeheim wusste ich, welche Frage nun kommen würde. Es war nämlich nur eine Frage der Zeit gewesen, bis er von selbst darauf kam. Im Gedanken zählte ich bis zehn. Bis acht war ich gekommen, als ich seinen Blick wieder auf mir spürte, noch bevor seine Stimmte erklang, blickte ich wieder langsam zu ihm. Ich erkannte einen ungläubigen und schmerzhaften Ausdruck in seinem Gesicht. Ganz kurz nur, dann war es vorbei, doch ich hatte es mir nicht eingebildet. Mein wild klopfendes Herz bestätigte es mir. Er nahm einen weiteren Schluck. Blickte zu Boden, schwenkte den Wein in seinem Glas und sagte dabei mit zittriger Stimme: "Elisa, ist Levi... also kann es sein, das er vielleicht... ich meine..." ich nahm ihm sein Glas aus der Hand und drehte ihn dann vorsichtig an seinen Händen in meine Richtung. Unsere Blicke trafen sich, wir beide atmeten einmal tief durch und er versuchte die Frage erneut zu stellen und diesmal gelang es ihm: "Ist Levi mein Sohn?"