Helene's Sicht
Charlotte stand im Türrahmen und rannte sofort wieder weinend aus dem Zimmer. Ich blickte zu Flo, ließ meine Hand über seine streifen und lief ihr sofort nach.
Vorsichtig ging ich in ihr Zimmer und setzte mich neben sie aufs Bett. Ich versuchte Charlotte in den Arm zu nehmen, doch sie drehte sich weg. „Hey Mäuschen, was ist denn los? Konntest du nicht mehr schlafen?"
Weinend schüttelte sie den Kopf. Ich bemerkte, dass sie zitterte und begann mir Sorgen zu machen: „Bitte komm in meine Arme." Wie in Trance legte sie ihren Kopf an meine Brust und weinte immer noch bitterlich. Sie hörte einfach nicht auf und war total verwirrt. Ihr Körper zitterte immer mehr und es half einfach nichts. Laut rief ich nach Flo, aber selbst er konnte nicht helfen.
Das ging bestimmt schon eine halbe Stunde und langsam hatte ich mehr Angst als Sorgen. Immer wieder nahm ich die Kleine in den Arm und wiegte sie hin und her.
„Ganz ruhig. Pssht. Wir sind bei dir." Redete Flo auf sie ein. Als sie sich immer noch nicht beruhigt hatte, sagte ich verängstigt zu Flo: „Mach doch was." – „Was soll ich denn machen?" fragte er ahnungslos. „Keine Ahnung, ruf den Notarzt, sie beruhigt sich nicht mehr. SCHNELL!" Jetzt wurde auch ich ungeduldig und zitterte ein wenig.
Doch bevor Flo die Nummer wählen konnte, atmete Charlotte tief ein und holte ein Foto hinter dem Kissen hervor. Es war wieder das Familienfoto, was ich schon mal gesehen hatte.
Unter Tränen berichtete sie uns: „Noah... war... war mein Bruder... u-u-und das sind Mama... Mama und Papa." Zwischendurch wischte sie sich einige Tränen aus dem Gesicht und beruhigte sich immer mehr: „I-I-Ich wollte... Noah.... Hatte Geburtstag... sei-seinen Zweiten. Ich wollte auf den-den Kuchen Ker-er-zen machen. Mama und Papa haben noch geschlafen und... und die Kerzen sind... sie sind umgekippt. Dann hat es gebrannt und des-deswegen sind alle jetzt im Himmel, nur... nur ich nicht. Nur – nur wegen mir."
>Oh Gott<. Es war schrecklich das zu hören. Sie tat mir so leid und sie war doch noch so jung. Ich schaute zu Flo und wusste nicht, was ich sagen sollte. Flo und ich nahmen Charlotte einfach nur in unsere Arme.
Es war klar, dass das alles jetzt hoch kam. Sie hatte ja die Kerzen im Wohnzimmer gesehen. Kurz war Ruhe, dann sagte Flo zuspruchsvoll: „Hör zu, das ist jetzt wichtig, was ich dir sage. Du bist nicht daran schuld, dass sie jetzt im Himmel sind. Wirklich nicht und du musst auch keine Angst vor Kerzen haben, denn so etwas passiert nicht zweimal. Charlotte versprich uns eins – du darfst nie wieder denken, dass du Schuld daran bist?" Das, was Flo sagte beruhigte die Kleine ungemein.
Sie war plötzlich viel entspannter und begann zu lächeln. Zaghaft fragte sie nach: „Darf ich doch bei euch schlafen?" – „Natürlich!" antwortete ich liebevoll.
Flo nahm sie auf den Arm und trug sie zu uns ins Bett. Ich machte unten noch schnell alles aus und legte mich dann zu meinen Zweien ins Bett.
Es war ein anstrengender Abend, deswegen schliefen wir auch sofort ein.
Florian's Sicht
Helene schenkte mir gleich am nächsten Morgen ein Lächeln. Gemeinsam standen wir auf und ließen Charlotte noch schlafen.
Wir machten uns fertig und bereiteten das Frühstück vor.
Der Tag an sich verging nur sehr schleppend, denn Charlotte lag eigentlich nur im Bett. Die Nacht zuvor strapazierte ganz schön ihre Nerven und Lene und ich waren auch sehr mitgenommen.
In den nächsten Wochen unternahmen wir viele schöne Dinge. Wir wollten es Charlotte so leicht wie möglich machen und sie wurde auch immer aufgeschlossener. Da waren wir mal dort mal da und was uns auch sehr freute, dass die Journalisten davon absahen uns ständig auf die Pelle zu rücken.
Es waren schwere, aber auch wunderschöne Tage.
Der erste Besuch vom Jugendamt war auch schon vorbei und die Prüferin war sehr zuversichtlich wegen der Adoption. Meine Lene blühte in ihrer neuen Rolle als Mutter richtig auf und ich fühlte mich ebenfalls super gut als Vater.
Ab dem nächsten Jahr wollten wir die Kleine in den Kindergarten schicken und schauen, ob es funktioniert. Im Kinderheim ging das nicht, denn sie war psychisch einfach nicht bereit dafür. Es war jetzt Anfang Dezember und nach Weihnachten wollten Lene und ich, zumindest wenn mit der KiTa alles klappt, auch wieder etwas für unseren Beruf tun, denn die Fans waren inzwischen schon sehr ungeduldig. Meine Sendung wurde derweile vertreten.
Auch Weihnachten stand vor der Tür und es war schon beschlossene Sache, dass die gesamte Familie, also sowohl Lene's Eltern, als auch meine, zusammen feierten.
Es war ein unbeschreibliches Gefühl ganz plötzlich eine richtige Familie zu sein. Natürlich mussten wir in vielen Situationen zurückstecken und vor allem durch die Situation von Charlotte. Sie brauchte mehr Aufmerksamkeit als ein „normales" Kind, aber das war uns egal, sie war unser Ein und Alles und für nichts in der Welt würde ich die Kleine wieder hergeben.
----Zeitsprung: Weihnachten----
Ein Klingeln ging durch den Raum. Charlotte sprang vom Sofa und rannte zur Tür. Davor standen Lene's Eltern, meine Eltern und Erika mit ihrem Freund. „Hallo!" begrüßten wir sie freundlich. Helene hing gerade noch die letzten Kugeln an den Baum.
Charly hatte ein niedliches rotes Kleidchen an, mit einer weißen Strumpfhose und einer Schleife im Haar. Mein Schatz hatte es ihr extra für Weihnachten gekauft.
Bevor die Bescherung war, gab es das Weihnachtsessen. Unser Tisch war reichlich gedeckt und jeder stopfte sich voll. Wir redeten eine Weile miteinander, bis Charly plötzlich unser Gespräch störte: „Helene, Florian, wann kommt denn endlich das Christkind." – „Komm mal mit." lachte Helene vor sich hin und ging mit der Kleinen auf ihr Zimmer.
Das war unser Zeichen, denn jetzt wurden alle Geschenke unter den Baum gepackt. Weil Charlotte meine Eltern noch nicht so oft gesehen hatte, war sie etwas zurückhaltender, aber ich war mir sicher, dass sich das nach diesem Geschenk ändern würde.
Wir zündeten die Kerzen der Pyramide an – inzwischen hatte Lotte nicht mehr ganz so viel Angst vor Feuer – legten eine Weihnachts-CD ein und ich klingelte mit einer kleinen Glocke.
Neugierig kam Helene mit Charly an der Hand die Treppe herunter. Sie lugte in das Wohnzimmer und schrie vor Freude auf: „Wow, das Christkind war da!". Freudig sprang sie zum Baum und fragte brav, welche Geschenke denn ihre seien.
Sie packte alle vergnügt aus und freute sich über jedes Einzelne. Dann kam das meiner Eltern. Schüchtern schaute sie zu mir und ich nickte. Ganzlangsam riss sie das Geschenkpapier ab. Es war nur ein kleiner Karton, in dem ein Briefumschlag lag. „Florian? Liest du vor?" Sie gab mir den Zettel und ich begann zu lesen: „Das Christkind hat uns den Auftrag gegeben mit dir in ein Musikgeschäft zu gehen und einen Flügel auszusuchen." Helene und ich hatten ihr zu Weihnachten unter anderem Klavierunterricht geschenkt, leider war unser Flügel nicht mehr ganz ok, weil er schon ziemlich alt war und da haben wir beschlossen, dass meine Eltern der Kleinen einen Flügel schenken. Sie haben uns es angeboten.
Charlotte's Augen glänzten und vor Freude rannte sie in die Arme meiner Eltern. Jetzt war auch dieses Eis aufgetaut und ein wunderschöner Abend begann.
Die Zeit verging einfach viel zu schnell, auch Silvester rückte näher und schon bald war Februar. Seit Januar ging Lotte in die KiTa und das klappte erstaunlich gut. Sie hatte schon viele Kontakte geknüpft und war auch sehr beliebt.
Für Lene und mich kam jetzt eine schwierige Zeit, denn ich hatte bald eine Tournee und musste viel proben. Lene hingegen hatte zwar nicht viel zu tun, aber musste in der nächsten Woche in Frankfurt für „Willkommen bei Carmen Nebel" proben...