Mit verheulten Augen trat ich aus dem Raum, der mein Leben in tausend Teile riss. Es ist nun entschieden wo ich hinkomme. Zu Anne. Ehrlich gesagt freue ich mich schon drauf, denn hier will ich keine Sekunde länger mehr bleiben. Zu mindestens nicht jetzt.
Ich war wirklich so naiv und dachte es könnte nicht noch schlimmer werden, aber was ist....natürlich muss es das.
Wieder mal wurde ich nur benutzt und belogen.
Ich durfte heute allen ernstes erfahren, dass mein Dad und meine Mum gar nicht meine leiblichen Eltern sind. Toll nicht wahr.
Ist ja nicht so als wenn mein Leben auch so schon ein einziger Scherbenhaufen war und dann kam das. Ich hatte ihnen vertraut. Ich war jahrelang in dem Glauben, dass sie wirklich meine Eltern wären. Nie hab ich es infrage gestellt. Warum denn auch. Ich dachte wenigstens in meiner Familie wäre alles normal.
Was kommt Morgen?
Mein Zwillingsbruder ist gar nicht mein Zwillingsbruder, sondern ein entführter Junge, dessen Geburtstag mit viel Glück grade so auf meinen fiel?
Ich brauchte Gewissheit..... Aber wie bekam ich die schon.... Die Einzigsten, die mir diese geben könnten sind tot....
Für mich brach da drin grade eine Welt zusammen. Denn alles woran ich jemals festgehalten habe war weg.
Ich werde nie wissen können warum, dass alles passiert ist. Wieso meine Eltern uns entführten oder doch adoptierten und warum sie uns die ganzen Jahre über nichts gesagt haben. Kein einziges Wort. Zudem würde ich gerne mal erfahren wer überhaupt meine ursprünglichen Eltern sind. Am besten kenne ich sie noch. Das wäre es.
Was soll ich denn meinen Kindern später bei bringen? Immer brav zu lügen und nie die Wahrheit zu erzählen?
Ich war fertig mit den Nerven und einfach nur erschöpft. Ich kann nicht mehr und ich will auch nicht mehr. Wer bin ich denn auch schon noch ohne Eltern und Geschwister...
Ein Niemand!
Harrys Pov.
Ich bewundere Mey dafür, wie tapfer sie immer noch mit beiden Beinen im Leben steht, auch wenn es grade nicht danach scheint. Ich wüsste nicht ob ich das Gleiche könnte und auch nicht ob ich nur annähernd so stark wie sie in diesen ganzen Situation gewesen wäre.
Ich, erwachsen, hab kaum Verluste, musste in meinem Leben nie tief einstecken, bis auf den Tag wo meine Oma gestorben ist.
Aber Mey.....
Sie mit ihren fast 16 Jahren hat alles verloren was man nur verlieren kann. Ihre Familie , Freunde und den Glauben, dass alles besser werden kann.
Und wer ist an all dem Schuld? Ich!
Wäre ich niemals in ihr Leben getreten, wäre das alles nie passiert.
Aber ich kann jetzt nicht wert drauf legen an mich selber zu zweifeln. Immerhin braucht sie mich jetzt, denn die Einzigsten, die sie noch hat sind Julie, die Jungs, Anne, Gemma und mich. Wobei ihr der Neuanfang in England bestimmt helfen wird mit dem Allem abzuschließen.
„Ich meine vielleicht haben sie uns das auch aus einem ganz einfachen Grund nicht erzählt", hörte ich zum ersten mal ihre zittrige Stimme, als wir den Gerichtsaal verließen „und es ist viel harmloser als ich denke. Doch trotzdem kann ich die Tatsache nicht übersehen, dass die Toten im Grunde nur Fremde sind"
„Die sich jahrelang um dich kümmerten und so liebten als wärst du ihr eigenes Kind", holte ich sie wieder runter, „wer weiß vielleicht konnte deine Mum einfach keine Kinder bekommen und welche zu adoptieren war für sie die beste Lösung..."
„Aber das hätte sie mir doch sagen können. So was ist doch wichtig", schluchzte sie in mein Hemd, welches schon total durchnässt und mit Mascara beschmiert war
„Shhhhhh", beruhigend strich ich über ihr zerzaustes Haar, „wir schaffen das. OK?! Schatz guck mich an", forderte ich sie auf und nun konnte ich zum ernsten mal ihre glasigen und schon völlig roten Augen sehen, in denen sich nichts als Schmerz widerspiegelte
Mein Herz blutete als ich sie so sah und zu wissen, dass ich ihr nicht großartig helfen kann macht es auch nicht grade besser. Aber eins ist klar! Ich lasse sie bestimmt nicht im Stich. Immer hin liebe ich sie.
„Wir schaffen das. Wir stehen diese Situation gemeinsam durch"
Sie nickte...
„Ich werde bei dir bleiben und mit dir um alles kämpfen, um was es sich zu kämpfen lohnt. Ich werde dafür sorgen, dass es in deinem Leben ab jetzt an nur noch Berg auf geht"
Eigentlich wollte ich noch an so viel mehr Ansetzen, aber meine Stimme brach
„Womit hab ich dich nur verdient....", murmelte sie in mein mittlerweile schwarzes Hemd und verdrückte wieder ein paar Tränen
„Genau das gleiche könnte ich dich fragen"
Und da merkte ich wie sie ein leichtes Lächeln auf den Lippen bekam.
Nun versuchte ich sie aufzumuntern. Was auch während der gesamten Heimfahrt klappte.
-Als wir noch schnell zum Krankenhaus fuhren um ihre Sachen abzuholen
-Als wir zum Haus meines Onkels fuhren um auch dort die Taschen mit zu nehmen
-Und auch auf dem Weg zu ihrem Elternhaus klappte es soweit ganz gut
Doch als wir ankamen verstummte sie und der kurz vergessene Schmerz kam wieder zurück.
Ich wollte sie auf keinen Fall alleine da drin lassen, aber sie bestand darauf. Sie meinte sie bräuchte noch ein paar Minuten für sich und ich könnte heute Abend ja nach ihr sehen. Doch mir war das ehrlich gesagt gar nicht Recht. Ich wollte sie nicht allein lassen in dem Haus, wo sich ihr gesamtes Leben abgespielt hatte. Doch ich musste mich jetzt einfach für sie überwinden.
Leich tzog ich sie noch zu mir und gab ihr keinen Kuss, sondern eine innige Umarmung. Die braucht sie jetzt mehr!
„Punkt sechs Uhr steh ich auf der Matte und wehe du lässt mich nicht rein", nuschelte ich noch in ihren Nacken als wir uns trennten und sie langsam ins Haus hinein ging.
Jetzt saß ich hier....alleine mit den Jungs.
Die ebenfalls wie ich noch ergriffen sind. Man merkte, dass auch ihnen die Geschichte von Mey ziemlich zu schaffen machte. Wir alle haben in dieser kurzen Zeit gelernt wie schnell man all die Menschen, die einem so viel bedeuteten, so schnell verlieren kann. Und ich schätze mal, dass wir nun immer im Guten uns von den Menschen die wir schätzen gg verabschieden, denn wer weiß schon was danach passiert....
Wobei dies bei Mey wohl nicht mehr so sein wird. Nick ist jetzt im Gefängnis. Er hat gestanden, weil er schätz ich mal eh keine Perspektiven mehr gesehen hat aus der Nummer raus zukommen. Er kann ihr nichts mehr antun und das ist das Wichtigste. Ich muss mir keine Sorgen mehr machen, wenn meine Freundin auf die Straße geht und ich nicht für sie da sein kann.
Jetzt hat wenigstens das ein Ende.
*******************
3 Stunden sind vergangen in denen ich mir nichts anderes als Sorgen gemacht habe. Mey hat nicht auf meine Nachrichten und Anrufe reagiert und ich hoffe wirklich, dass es nur so ist, weil sie ihre Ruhe braucht und nicht weil sie sich etwas angetan hat.
Etwas zu pünktlich parkte ich grade den Range Rover in der Einfahrt und überlegte ob ich die 10 Minuten wohl noch warten sollte. Aber ob ich jetzt um 17:50 da bin oder um 18 Uhr ist ja kein großer Unterschied.
Also machte ich mich auf zur Tür und wollte eigentlich grade auf die Klingel drücken, als ich merkte, dass die Tür offen stand. Seid wann?
Steht die Tür etwa schon die ganze Zeit so offen. Wie sehr muss man neben sich stehen, damit man nicht merkt, dass die Tür offen geblieben ist?
Leise trat ich ein und bekam sofort heftige Windzüge ab und da die frische Luft von oben kam, stieg ich langsam die Treppe hinauf und tastete mich Schritt für Schritt vor. Plötzlich nahm ich ein leises schluchzen war, welches definitiv von noch weiter hinten kam. Komisch ich wusste nichts von diesem Raum, der sich dahinten verborgen hält. Hab ich die Tür dazu wirklich noch nie gesehen?
Verwirrt wagte ich leise einen Fuß nach den anderen auf die knartschenden Dielen abzusetzen und als ich weit genug in den Raum hinein gekommen war, sah ich Mey wie sie zusammengekrümmt vor einem offenen Fenster saß. Eine große Decke schützte sie vor der Kälte, doch trotzdem erkannte ich wie sie zitterte und leise vor sich her sang.
Anscheinend hatte sie mich noch nicht bemerkt denn sie erschrak als ich sie langsam von hinten umarmte. Doch sie gewöhnte sich relativ schnell an die Wärme, die sie jetzt besaß und kuschelte sich in meinen Armen hinein, als ich mich zu ihr auf die Fensterbank setzte.
Minuten saßen wir hier ohne auch nur ein Wort über unsere Lippen zu bringen. Ich spürte einfach, dass sie mich grade brauchte.
„Glaubst du sie hätten es mir gesagt?", ertönte eine kleine, zarte Stimme aus dem Mund meiner wunderschönen und tapferen Freundin
„Bestimmt! Sie brauchten nur den richtigen Moment ", ich ließ leicht von ihr ab um einen kleinen, zarten Kuss auf ihre Wange zu platzieren und um sie dann wieder fester bei mir zu haben
Woraufhin sie nur müde nickte und genau dies brach mir das Herz, sie war müde, müde vom kämpfen...