Ständig von dem Gedanken an den jungen Tanner und dessen Abschiedsworte an sie geplagt, wartete Helena nunmehr seit zwei Wochen und einer halben auf den, von dem wohlerzogenen Mann zugesagten Befindlichkeitsbrief. Beinahe verließ das hübsche Mädchen nunmehr der Glaube an das baldige Eintreffen eines Schreibens, sodass die blasse Schönheit erste, fehlgeschlagene Versuche tätigte, ihre kleine, unschicklich ausgedrückt, Sommerromanze aus ihrem brünetten Kopf zu verbannen.
,,Helena, Helena, ein Brief für dich", mädchenhaft verspielt kichernd, warf sich die älteste der Töchter, Dorothea, zu der, noch immer leicht schläfrigen Jüngsten, in das gemeinsame, mit weißen Daunendecken überflutete Bett, welches unter den hastigen Bewegungen der, bereits schicklich bekleideten Schwester knarkste.
Euphorisch hielt diese der anderen den weißen, mit einem roten Wachssiegel, dass ein T und ein hammerartiges Gebilde verband, verschlossenen Umschlag vor das, noch vom Schlaf gezeichnete, Gesicht: ,,Ich glaube, er ist von Tanner, also schnell, mach ihn auf!"
Neugierig verzückt drückte der frauliche Krauskopf Helena das Blatt in die schlaffe Hand, bis auch diese allmählich realisierte, worum es sich hierbei handelte und sie, zittrig vor Aufregung und mit geweiteten Augen, ungelenk das Stempelzeichen brach und den gefalteten Zettel aus seinem Umschlag befreite.
Noch im Aufsetzen, begann diese nun die, mit Feder und Tintenfass geschriebenen, Zeilen zu lesen, wobei ihre braunen Pupillen eilig von links nach rechts wanderten, während die blauen Dorotheas erwartungsvoll und ungeduldig den Blickkontakt und Bericht von der Schmaleren ersuchte.
,,Nun, was schreibt er? Erzähl schon, Helena", gespannt raffte das Fräulein eines der Kissen unter ihren Unterarmen zusammen, als würde sie einem guten Märchen lauschen.
Mit einem, beinahe enttäuschtem, kurzen Lächeln ließ die gerade Erwachte, mit dem ungeordneten Haar und dem losen Nachtkleid, das Gelesene nieder: ,,Der gesundheitliche Zustand von Mister Tanners Schwester scheint sich wieder zu bessern. Er solle mir die herzlichsten Grüße von ihr und ihrem Vater ausrichten. Desweiteren berichtet er noch von dem schönen Wetter, den großen Empfängen in der Stadt und seinem nächsten, geschäftsbedingten Reiseziel. Ich sollte ihm wohl baldmöglichst antworten."
Empört entriss die Ältere ihrer Gesprächspartnerin den, vorallem im Schriftbild, makellosen Brief, um sich von dem Gesagten zu Überzeugen.
Während sie angestrengt das Geschriebene überflog, bildete sich derweil eine, allmählich tiefer wachsende Falte der Ungläubigkeit zwischen ihren hellen Brauen: ,,Ich war bereits fest davon überzeugt, dass du mir aus Scham etwas vorflunkern würdest, Helena, und wenn ich ehrlich sein sollte, wäre mir das nach dem Lesen dieses formellen Berichtes wohl auch weitaus lieber gewesen."
Kopfschüttelnd lachend stieg die Angesprochene von der unebenen Matratze und tänzelte, einen losen Zopf flechtend, auf den nackten Fußballen zu der eierschalenfarbenen Porzellanwanne auf der gemeinsamen Kommode aus Eichenholz, gegenüber dem Bette: ,,Hatten dich etwa wilde Fantasien von sehnsuchtsvollen Liebesgeständnissen und einer baldigen, heimlichen Hochzeit geplagt, Schwesterherz?"
,,Du hast einfach kein Gefühl für die wahre, tiefempfundene Liebe, Dummkopf", beleidigt trampelte die pausbäckige Dorothea, mit verschränkten Armen und einem hochroten Kopf aus dem kleinen, lichtdurchfluteten Zimmer und ließ das Mädchen, welches derweil das eiskalte Wasser in ihr reines Gesicht schöpfte. Von herzzerreißender, tiefempfundener Liebe konnte man in Tanners Fall wirklich nicht sprechen, sagte man doch allerorten, Männer wüssten sich mit Tinte besser zu artikulieren, als in einem persönlichen Gespräch mit einer jungen und meist auch attraktiven Dame.
Gerade als das jüngste Mädchen der Familie über das Schreiben nachdachte und die kalte Art zu deuten versuchte, klopfte es, an der zuvor recht unsanft von der törichten Ledigen geschlossenen, Tür.
,,Bist du so früh schon gewillt, dich für dein kindisches Verhalten zu entschuldigen, Dorothea? Brauchst du etwa wieder mein -", noch das weiße Leinenhandtuch zum Abtrocknen an die hellen Wangen gelegt, musste Helena bemerken, dass es sich bei der Einlass erbittenden Person nicht um die Gedachte handelte.
,,Helena, mein Kind, hier ist ein Brief von Mister Tanner an dich", in ihrer rauen, vom Alter zittrigen Hand, hielt ihr die alte Haushälterin, die schon den Vater der fünf Kinder und Hausherren als Säugling wickelte, einen weiteren Zettel, ohne bestempeltes Siegel, entgegen.
Stutzig nahm die zierliche Dame diesen entgegen und öffnete ihn, um die Echtheit des Schreibens anhand der sauberen Handschrift zu erkennen: ,,War der erste Brief denn unvollständig?"
Leicht lächelnd, sodass man die wenigen, noch vorhandenen Zähne der gebrechlichen Greisin hinter den zahlreichen Falten erahnen konnte, humpelte diese zur Raumschwelle: ,,Ich weiß nicht, was der junge Bursche schreibt, mein Kind, aber ich weiß sehr wohl, dass du diese Briefe wie einen Schatz hüten und geheim halten solltest, so wie ich und die junge Magd des Burschen."
Mit diesen verwirrenden Worten ließ die Vergraute die schmale Schönheit mit den auf Papier gebannten Worten ihres stattlichen Freundes allein.
Miss Hadley,
Mein strikter Vater würde mir nie ein solch sentimentales, seinen Worten nach, vollkommen unhöfliches und unschickliches Schreiben zugestehen, weshalb ich dennoch keineswegs zusehen könnte, wie ein unpersönlicher Brief Ihr freies und fröhliches Gemüt hemmte.
Ich muss gestehen, dass mich bereits dieser erste, heimliche Brief an Sie auf eine ungekannte Art belebt und ich, im Hinblick auf eine drohende Bestrafung durch meinen Herrn Papa, innigst hoffe, dass wir dieses kleine Geheimnis auch weiterhin wahren können.
Mit schmerzendem Herz und krampfender Hand muss ich gestehen, dass sich der Gesundheitszustand meiner Schwester, wider der Behauptung des aufgesetzten Briefes, leider nicht gebessert hatte und der Arzt eine lange Genesung voraussagte. Täglich, so viel mein elendig voller Terminplan es zulässt, bleibe ich an ihrem Bett, lese ihr von den Gebrüdern Grimm vor oder spiele Karten, die vom täglichen Gebrauch bereits ganz geknickt und an den Rädern farblos geworden sind, mit ihr. Meistens schläft meine kleine Annabelle jedoch und zudem noch fiebrig, unruhig, sodass ich bereits einige Male davon ausging, ihr dünner Körper würde schon an diesem Tage aufgeben.
Natürlich hoffe ich umso mehr, Ihre Geschwister in Gesundheit zu wissen und hoffe auf eine schnelle Vermählung Ihres, mehr als angenehmen Bruders, Konrad, um Sie in Bälde wiederzusehen und um sein Liebesglück zu vollkommen.
Der Gedanke an Sie brennt mir, wie ein endloses Feuer, in den Gedanken, wenn ich Konversation mit den öden Damen der gehobenen Gesellschaft führen muss. Zuvor war mir nie aufgefallen, wie belanglos diese daherredeten und wie viel lieber ich in Momenten, in denen über den skandalös tiefen Ausschnitt einer Gemahlin, deren Gatten ich nicht einmal kenne, flaniert wird, doch durch ein wildes Sommerbeet toben würde oder unter einer Linde ein gutes, kritisches Buch, dass mich in tiefsinnigsten Ebenen berührt, lesen würde.
Vielleicht könnten Sie mir einige Bücher für die verregneten, angenehm ruhigen Abende empfehlen?
Wenn Sie diese Zeilen lesen, könnte ich bereits beim Bogenschießen mit den verzogenen Bengeln der Geschäftspartner meines Vaters umgekommen sein, da der Wind bei jedem ihrer Schüsse so entsetzlich stark sein wird, dass es unmöglich sei, das Ziel oder auch nur die breite Scheibe zu treffen.
Ich wünsche mir, Ihre Antwort noch erleben zu dürfen, Helena.
Leben Sie wohl,
Tanner.