Ich war wieder im dritten Stock angekommen. Weiter hinunter hatte ich über die Treppen nicht gehen können, weil dort unten ein Cruncher saß und eine tragende Wand zerkleinerte. Er hatte mich zum Glück nicht sofort angegriffen, aber ich wusste, dass ich nicht an ihm vorbeigehen durfte.
Ich wollte zum zweiten Feuertreppenhaus und durchquerte vorsichtig das Gebäude, immer auf der Hut vor weiteren Begegnungen. Von unten tönte der ununterbrochene Lärm der arbeitenden Cruncher durch das dunkle Betonskelett des Rohbaus. Obwohl die Stockwerke des Hochhauses ziemlich geräumig waren, gelang es den Bots trotzdem viel zu gut, sie zu überwachen.
Ich war ungefähr wieder bei dem Raum angekommen, in dem ich gefesselt gewesen war, da klang ein lautes Scheppern von dort, wo ein langer Flur durch das Stockwerk führte. Ich hielt inne, denn ich vermutete, dass dort ein weiterer Cruncher Bot sein Unwesen trieb, und überlegte mir gerade einen alternativen Weg, als ich rennende Schritte hörte.
Schritte? Jemand rannte durch den Flur, in meine Richtung. War einer von Wangs Leuten zurückgekehrt, um mich zu holen? Nein, die hätten einen Transponder dabei gehabt, um sich vor den Crunchern zu schützen.
Ich lief in das angrenzende Großraumbüro, in das auch der Flur mündete. Ungefährt zur selben Zeit hetzte eine Gestalt aus dem Flur in den weitläufigen Raum, in der Hand eine starke Taschenlampe. Ich hielt meinen Laternen-Stab hoch und rief "Hey!".
Die Gestalt fuhr herum, kam in den Lichtkreis meiner Lampe, und mir blieb kurz die Luft weg. "Ta... Tadashi?!"
Er richtete seine Taschenlampe auf mich. "Holger! Endlich!"
Ich war völlig baff. Woher wusste Tadashi, dass ich hier war? Aber das war mir für den Moment völlig egal: ich rannte auf meinen Freund zu und umarmte ihn voller Freude.
Er schloss ebenfalls seine Arme um mich und drückte mich glücklich. "Holger!", stieß Tadashi atemlos hervor, "Mann bin ich froh, dass du Okay bist!"
Im Flur schepperte es wieder. "Verdammt!", rief mein Partner, der endlich wieder an meiner Seite war. Er löste sich hastig aus unserer Umarmung und zog aus einem Futteral auf seinem Rücken ein langes Kendo-Holzschwert heraus. Ich stellte fest: er hatte sich weiterentwickelt. Währenddessen streifte ich meine neuen Handschuhe über und machte mich ebenfalls kampfbereit.
Aus dem Flur krabbelte ein Cruncher Bot in das zukünftige Großraumbüro. Wir schauten uns an. "Von zwei Seiten!", sagte ich, und Tadashi nickte. Wir liefen auseinander, während der Bot weiter in den Raum hineinkam. Glücklicherweise lag auch dieses zukünftige Büro an der Außenwand des Gebäudes, so dass es von einem dämmrigen Licht erhellt war und wir es überblicken konnten. Dort drüben lagen Haufen von Baumaterialien -- Kabeltrommeln, Stapel von Luftkanälen aus Blech für die Klimaanlage, Rohre, Schläuche und mehr.
Jetzt hockte der Bot zwischen uns. Er schien unentschlossen, wen er zuerst angreifen sollte. Dann lief er auf Tadashi los. Ich sprintete hinterher, während Tadashi mit seinem Holzschwert ausholte. Als der Cruncher ihn erreichte, ließ er kaltblütig die Waffe niedersausen und schlug die Werkzeuge des Bots zur Seite. Ja, der Kämpfer Tadashi hatte sich wirklich weiterentwickelt. Jetzt erreichte ich den Bot, von hinten, und packte dessen beiden hintere Beine. Ich zerrte, und die schnappende Zange des Crunchers griff ins Leere statt nach Tadashis Bein.
Diese Cruncher Bots waren ziemlich robuste und gefährliche Maschinen, aber sie hatten ein paar Schwächen. Eine davon war, dass sie mit ihren Werkzeugen nicht an ihren eigenen Rücken oder ihre Hinterseite herankonnten. Daher konnte der Bot nicht nach mir greifen, sondern musste versuchen, sich umzudrehen oder mich abzuschütteln. Ich aber hielt die Beine mit aller Kraft gepackt. Der Cruncher Bot riss mich von den Füßen und zerrte mich im Kreis über den Boden. Gelegentlich fand ich wieder Halt, richtete mich auf und zerrte den Bot in Richtung der Materialstapel.
Eine andere Schwäche der Cruncher war, dass sie keine Geräuschsensoren hatten. So konnten Tadashi und ich uns Ideen zurufen, ohne dass der Bot irgend etwas davon mitbekam.
"Wenn wir ihn auf den Rücken drehen und festhalten, ist er wehrlos!", schrie ich meinem Freund zu.
"Wir brauchen einen Hebel!", antwortete Tadashi. Auch er hatte natürlich die Materialstapel bemerkt und rannte darum herum. "Hier!" Er zog ein langes Rohr heraus, vermutlich eine Wasserleitung.
Der Cruncher machte eine unerwartete Bewegung und riss mir eines seiner Beine aus der Hand. Ich kam ins Straucheln und stürzte zu Boden. Sofort drehte er sich auf der Stelle, setzte einen seiner Klauenfüße auf meinen anderen Arm und hebelte sein zweites Bein frei. Dann rotierte er weiter herum und stach mit dem Bohrer nach mir.
Ich rollte meinen Körper zur Seite, und der Bohrer ging daneben. Mit einem lauten Kampfschrei führte ich einen Faustschlag gegen den Zangen-Arm des Bots aus, und es gelang mir, die Zange gegen den Bohrer zu knallen. Es gab ein fieses kreischendes Geräusch. Ich erinnerte mich an Hiros Botfight, Megabot gegen die Berkeley-Krabbe. War das eine Möglichkeit? Der Cruncher kratzte mit einem seiner Füße über meine Hüfte und stach wieder mit dem Bohrer nach mir. Ich schlug gegen die Beißwerkzeuge -- diese Handschuhe leisteten mir hervorragende Dienste -- und versuchte, noch einmal die Zange gegen den Bohrer zu drücken.
Da war endlich Tadashi mit dem Rohr heran. Er rammte es von der Seite her unter den Cruncher (und mir in die Seite, aber das war unvermeidlich). Ich platzierte einen weiteren Faustschlag gegen den Zangen-Arm und rutschte dann seitlich unter dem Cruncher heraus. Tadashi drückte das Rohr nach oben, und schon lösten sich die Beine des Bots auf der einen Seite vom Boden, da gelang es dem Biest, seine Zange in Reichweite zu bringen und das Rohr einfach durchzukneifen.
Ich stand wieder auf den Füßen. "Übernimm das Rohr!", rief Tadashi. Ich griff zu, schob den verbliebenen Teil wieder unter den Bot und hob ihn an. Tadashi aber zog wieder sein Holzschwert, schlug damit immer wieder seitlich gegen den Zangenarm und hinderte so den Cruncher daran, das Rohr erneut zu kappen. Das Biest zappelte und sträubte sich und versuchte, seitlich abzuhauen, aber ich schnappte mir wieder ein Bein und hielt es fest. Tadashi sprang mir bei, und gemeinsam hievten wir den Bot auf die Seite. Er zerkratzte uns mit seinen Krallenfüßen und versuchte immer wieder, mit dem Bohrer nach Tadashi zu stoßen. Doch am Ende waren wir erfolgreich. Scheppernd knallte der Bot auf den Rücken.
Tadashi ergriff sofort das kurze Stück Rohr, das der Cruncher vorhin abgeschnitten hatte, sprang auf den Bauch des Bots und stieß das Rohr senkrecht von oben in die Kauwerkzeuge. Der Bot ruderte mit den Füßen, aber mit Tadashis Gewicht auf dem Bauch konnte er sich nicht umdrehen.
"Wir müssen irgendwie die Werkzeuge blockieren!", rief er. Ich hatte denselben Gedanken und suchte hastig in dem Materialhaufen nach etwas Passendem. Das Rohr in Tadashis Hand, mit dem er den Cruncher beschäftige und die Werkzeuge von sich abhielt, wurde immer kürzer. Ich wühlte weiter. Silikonschaum, das war es! Ich riss eine große Spritzpistole an mich und hechtete zurück zu dem Bot. Die Mündung dicht an die Vorderseite des Bots haltend, drückte ich den Abzug, und eine zähflüssige Masse ergoss sich auf die Beißwerkzeuge. Das Zeug schäumte auf und begann sofort, klebrig zu erstarren. Der Bot versuchte, mit seiner Zange heranzukommen, aber ich schäumte alles immer weiter ein.
Tadashi nutzte die Chance, solange das Mistvieh mit dem Klebeschaum rang: er warf das Rohrende beiseite, ging in die Knie und öffnete die Klappe über dem Not-Aus-Knopf. Seine Hand stieß hinein, und im nächsten Moment froren die Bewegungen des Crunchers ein.
Auch wir erstarrten für eine Sekunde, dann entfuhr meinem Freund ein erleichtertes "Puuuh!". Er richtete sich auf, stieg von dem Bauch des Bots herunter und stellte sich neben mich. Wir blickten auf unseren besiegten Gegner hinab. Dann trat Tadashi mit dem Fuß gegen den Cruncher und rief ihm zu: "Das hast du davon, wenn du dich mit Tadashi und Holger anlegst!"
Ich lachte, und er auch. Er stupste mich an der Schulter an, dann hielt er mir beide Fäuste zum Fist Bump hin.
Mann war das ein gutes Gefühl, wieder mit Tadashi vereint zu sein!
Wir waren beide ziemlich zerschrammt von dem Kampf, aber darum konnten wir uns später kümmern. Tadashi deutete auf die Abdeckplatte auf der Bauchseite des Bots, unter dem die Interface-Anschlüsse lagen. "Schraub mal auf. Wir können dieses Tablet hier anschließen." Er holte es aus einer Tasche, die über seiner Schulter hing, zusammen mit einem Kabel. "Vielleicht können wir was herausfinden."
Ich zog den kleinen Schraubenzieher aus meinem Werkzeuggürtel und öffnete den Deckel. Dann nahm ich das Seil, mit dem ich gefesselt gewesen war, und verschnürte die Zange des Cruncher Bots und band sie am Bohrer fest. Tadashi stöpselte derweil das Kabel ein und aktivierte die zugehörige Software auf dem Tablet. "Bereit?", fragte er, und als ich nickte, schaltete er den Bot wieder ein.
Die Leuchtdioden im Inneren des Roboters begannen wieder zu blinken. Auf dem Tablet wurden Status-Daten angezeigt. "Mist, so wie beim letzten Mal, Passwortsperre!", schimpfte Tadashi.
"Lass mal sehen.", sagte ich und nahm ihm das Tablet ab. "Ach, die Passwortsperre. Kein Problem, dafür habe ich doch eine Hintertür eingebaut." Sehr zufrieden mit mir tippte ich eine lange Folge aus Ziffern und Zeichen ein und klopfte am Ende schwungvoll auf die Enter-Taste. Sofort änderte sich die Anzeige, und verschiedene Kontrollen wurden zugänglich.
"Klasse!", rief Tadashi. Wir studierten einen Moment die Anzeigen. Sechsundzwanzig kleine Icons zeigten den Status aller Bots des Schwarms an. Neunzehn davon waren noch grün, eines blinkte orange. Der Cruncher unter uns begann auch bereits, mit den Beinen zu zucken. Bald wäre er mit den Neustart seiner Systeme fertig, und dann müssten wir ihn wieder abschalten oder erneut kämpfen.
"Hier!", zeigte Tadashi und tippte kurzerhand Kommandos in ein Kontrollfeld auf dem Tablet. "Hier können wir den ganzen Schwarm adressieren. Wie war noch mal der Befehl, um die Zielvorgabe zu löschen?"
Ich sagte es ihm, und er gab ihn ein. Wie eine Reihe kippender Dominosteine wechselten die Icons der aktiven Cruncher auf gelb. "Jetzt am besten noch ein neues Passwort vergeben, damit Mai Li die Cruncher nicht per Fernsteuerung reaktiviert.", riet ich. Tadashi machte sich an die Arbeit.
"Ich kann das Watchdog-Programm nicht abschalten.", verkündete er kurz darauf genervt.
"Ach, verdammt, das haben die Drecksäcke mit einem autonomen Schutz versehen. Versuch's mal so..."
Wir probierten verschiedene Wege aus. Gegen Ende musste ich wieder mit aller Kraft den zappelnden Cruncher unter Kontrolle halten, dessen Werkzeuge ja glücklicherweise gefesselt und verklebt waren, während Tadashi immer neue Kommandos eintippte.
Schließlich gaben wir auf und schalteten den Cruncher über seinen Not-Aus-Schalter ab. Erschöpft setzten wir uns auf zwei der Materialkisten und überdachten unsere Lage, während wir uns die von mir mitgebrachte Flasche Wasser teilten.
Es war uns zwar gelungen, die Zielvorgabe der Cruncher zu löschen und damit zu verhindern, dass der Hochhaus-Rohbau über uns zusammenstürzte, aber wir waren darin gefangen, solange die Bots die unteren Stockwerke bewachten.
"Im Dunkeln hat es keinen Zweck, zu versuchen, an ihnen vorbeizukommen.", berichtete ich aus meiner Erfahrung.
Tadashi nickte. "Wir sollten warten, bis es hell wird, dann haben wir eine Chance."
"Irgendwann morgen früh werden Mai Li und Messer-Cheng zurückkommen und nachschauen, warum das Gebäude nicht eingestürzt ist.", gab ich zu bedenken. "Aber in diesem Hochhaus kann man sich ziemlich gut verstecken."
Wir beschlossen, dass wir uns in ein weiter oben gelegenes Stockwerk zurückziehen und dort auf die Morgendämmerung warten wollten. Als wir uns auf den Weg zur Treppe machten, fiel mir etwas ein. "Sag mal, wie hast du mich überhaupt gefunden?"
"Ah, gut dass du mich daran erinnerst.", antwortete Tadashi und zeigte auf meine rechte Hand. "Damit."
Ich blickte an mir herab. Das Ortungs-Armband, na klar! Das sollte ich besser loswerden. Ich zog die Kabelzange aus meinem Werkzeuggürtel und reichte sie Tadashi. "Ich denke, ich habe das Teil jetzt lange genug getragen. Wärst du bitte so freundlich..."
Tadashi durchtrennte das Armband, dann nahm er es und ging zum Fahrstuhlschacht, dessen Öffnung neben der Treppe gähnte. Er streckte die Hand mit dem Armband hinein, sagte:" Und tschüss!", und das Ortungsgerät verschwand in der Tiefe.
*
Wir suchten uns einen Raum mit Aussicht im einundzwanzigsten Stockwerk. Von hier konnten wir rechtzeitig sehen, ob sich irgendjemand Zutritt zur Baustelle verschaffte, aber waren auf jeden Fall sicher vor den Crunchern. Wir setzten uns nebeneinander auf den Fußboden mit dem Rücken gegen eine Wand gelehnt, öffneten noch zwei Flaschen Wasser und erzählten uns gegenseitig unsere Abenteuer, seit wir getrennt worden waren.
Ich staunte über Tadashis Karriere bei der Yakuza. Als er mir berichtete, was dieser Yakuza-Boss über Wangs Treiben bei S.P.U.R. und der Stadtverwaltung erzählt hatte, fügten sich in meinem Kopf plötzlich die Puzzleteile zusammen. "Oh Mann, das ist ja total irre!", rief ich aus.
Tadashi, den ich in seinem Bericht unterbrochen hatte, schaute mich verwirrt an.
"Weißt du, was das wirkliche Ziel ist, das Wang mit den Cruncher Bots zerstören will?", fragte ich aufgeregt.
Er schüttelte den Kopf. "Nein. Du etwa?"
"Ja.", sagte ich. "Er will die Golden Gate Bridge zum Einsturz bringen."
Tadashi stand vor Staunen der Mund offen. Dann fasste er sich und zog, intelligent wie er war, dieselbe Schlussfolgerung wie ich: "Und dann will er eine neue bauen, denn dafür hat er sich die vertraglichen Rechte gesichert."
"Und dabei Unsummen verdienen, genau.", fügte ich hinzu. "Und deshalb musste er die Cruncher Bots geheim an sich bringen, damit die Schuld für den Einsturz der Brücke nicht bei ihm landet."
"Wir müssen ihn aufhalten!", drängte Tadashi.
Ich stimmte ihm von ganzem Herzen zu. "Gleich morgen früh, sobald wir hier raus sind, müssen wir irgend wem davon erzählen, der Wangs Pläne vereiteln kann. Denn ich bin ziemlich sicher, dass Wangs Leute schon heute Nacht die Cruncher ausbringen, um die Fundamente der Brückenpfeiler zu zernagen."
Wir diskutierten noch eine Weile, aber sahen auch weiterhin keine Möglichkeit, vor der Morgendämmerung aus dem Rohbau zu fliehen, und außerdem würden wir jetzt mitten in der Nacht auch keinen Polizisten finden, der uns glauben würde. Also richteten wir uns darauf ein, den Rest der Nacht hier oben zu verbringen.
Tadashi schaute nachdenklich aus der glaslosen Fensterfront auf die nächtliche Stadt, und spielte dabei mit der Wasserflasche in seiner Hand.
"Worüber denkst du nach?", fragte ich ihn.
Er zuckte mit den Schultern. "Darüber, wie es mit mir und der Yakuza weitergeht. Technisch gesehen sind wir quitt: sie haben mich gerettet und meine Familie beschützt, und ich habe ihnen gegen die Cruncher geholfen und den Higashiyama Tower gerettet." Er klopfte mit der Hand auf den Fußboden, auf dem er saß. "Aber wenn man erst einmal eine Beziehung zur Yakuza hat, kann man die nicht einfach so wieder lösen."
"Denkst du, sie werden dich zu irgend etwas nötigen?"
"Nein, vermutlich nicht. Doch die Verbindung wird immer bestehen bleiben." Er schüttelte den Kopf. "Aber darüber kann ich mir in Ruhe Gedanken machen, wenn die Gefahr durch Wang überstanden ist."
Ich stimmte ihm zu. Erst einmal hier rauskommen. Da kam mir etwas ganz anderes in den Sinn. "Tadashi, kann ich noch mal kurz das Tablet sehen?"
Er zog es aus der Umhängetasche und reichte es mir. Ich drückte nur kurz auf den Einschaltknopf, um Uhrzeit und Datum abzulesen.
"Hey, Tadashi, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!"
Er war selbst ganz überrascht, dass vor einer knappen Stunde sein Geburtstag angebrochen war. Ich umarmte ihn, und wir stießen mit den Plastik-Wasserflaschen an. Dann saßen wir nebeneinander und blickten hinaus auf das nächtliche San Fransokyo.
Nach einer Weile wurde ich schläfrig. "Wir sollten abwechselnd schlafen und Wache halten.", schlug Tadashi vor. "Nur für den Fall, dass Wangs Leute schon in der Nacht zurückkommen. -- Leg du dich hin, ich übernehme die erste Wache."
Ich ließ mich an der Wand nach unten rutschen und suchte mir eine einigermaßen bequeme Position zum Schlafen.
*
Erschrocken erwachte ich. Tadashi hatte mich angestupst. Es war dunkel; er hatte unsere Lampen ausgeschaltet. Es musste tief in der Nacht sein, denn auch an den Gebäuden draußen waren kaum noch erleuchtete Fenster zu sehen.
"Ich glaube, Wangs Leute sind da.", flüsterte er mir zu und winkte mir, ihm zur Fensterfront zu folgen.
Auf allen vieren krabbelten wir an den Rand des Fußbodens und schauten über die Kante rund sechzig Meter in die Tiefe. Mir wurde leicht flau bei dem Anblick, und ich legte mich flach auf den Bauch, hielt mich sozusagen am Fußboden fest. Tadashi lag neben mir und flüsterte: "Sie sind vor fünf Minuten angekommen. Ich habe das Klappern gehört, als sie die Absperrgitter zur Seite geräumt haben."
Unten stand ein schwarzer SUV auf der Baustelle, ungefähr dort, wo am Nachmittag der Truck geparkt hatte. Ähnliche Fahrzeuge hatte ich schon früher bei Wangs Leuten gesehen. Neben dem Auto stand jemand und rauchte.
"Ist jemand in das Hochhaus gegangen?", fragte ich.
"Ja, zwei Leute. Danach war nichts mehr zu sehen, und ich habe dich geweckt."
"Wie spät ist es eigentlich?"
"Ungefähr halb vier."
"Hmmm", überlegte ich. "Sie werden bemerkt haben, dass dieses Hochhaus immer noch nicht eingestürzt ist, und sind gekommen, um der Sache nachzugehen."
"Und jetzt werden sie herausfinden, dass die Zielvorgabe der Cruncher gelöscht und das Passwort geändert wurde.", führte Tadashi meine Gedanken weiter. "Um die Cruncher wieder auf Spur zu bringen, müssen sie jeden einzelnen einsammeln, aufschrauben und resetten."
"Wenn sie das Gebäude durchsuchen, werden sie merken, dass ich abgehauen bin. Mein Armband liegt jetzt am Grunde des Fahrstuhlschachtes."
"Und sie werden die Cruncher finden, die ich mit Handas Truppe ausgeschaltet habe."
Ich nickte. "Vermutlich werden sie sich zusammenreimen, dass ich durch den Keller und die U-Bahn entwischt bin. Sie werden nicht erwarten, dass wir uns noch hier im Gebäude verstecken."
Wir schauten ein paar Minuten schweigend dem Mann am Auto zu, wie er seine nächste Zigarette rauchte. Dann sagte ich: "Sie werden auf jeden Fall kommen, um alle Cruncher wieder einzusammeln, schon allein um keine Spuren zu hinterlassen. Spätestens danach können wir abhauen."
"Hoffentlich erledigen sie das möglichst bald, denn sonst sehe ich Schwarz für die Golden Gate Bridge."
"Morgen ist Sonntag, da sind sie hier ungestört."
In diesem Moment kamen die beiden Menschen wieder aus dem Gebäude. Man konnte die Lichtkegel ihrer Taschenlampen vor ihnen hertanzen sehen. Sie traten zu dem Mann am Auto und redeten mit ihm. Dann stieg der Fahrer wieder ein. Die beiden anderen gingen zum Baustellen-Zaun und öffneten die Durchfahrt. Der SUV fuhr hinaus, die zwei Leute folgten ihm, schlossen den Zaun von außen und stiegen ein. Kurz darauf waren sie verschwunden und die Baustelle wieder ruhig und verlassen.
Tadashi und ich kehrten an unseren vorigen Platz an der Wand zurück und machten es uns wieder bequem.
"Schlaf du jetzt.", sagte ich. "Ich wecke dich, wenn es hell ist."
*
Ich saß immer noch auf dem Fußboden, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, vor uns der Ausblick auf das schlafende San Fransokyo. Im Osten wurde der Himmel langsam hell. Ich hatte das Tablet auf den Knien und spielte mit den Apps herum, die dieser Tsuyo dort zur Ortung der Cruncher Bots und der Armbänder installiert hatte. Neben mir schlief Tadashi. Sein Atem ging ruhig und gleichmäßig, und für eine Weile betrachtete ich sein entspanntes Gesicht. Es war ein gutes Gefühl, ihn wieder an der Seite zu haben.
Dann beschäftigte ich mich wieder mit dem Tablet. Die üblichen Standard-Apps. Keine Termine im Kalender, keine Personen im Adressbuch, war ja klar. SMS und Chat, nicht konfiguriert, kein Account. Video-Telefonie. Interessant: Diese Software kannte ich, es war das gleiche Zeug, das ich verwendet hatte, um mit meinem Sonar-Scanner Fred zu erschrecken, damals... Und wenn das immer noch funktionierte?!
Hastig rief ich die Einstellungen für die App auf. Wie ging das doch gleich? Ich hatte damals nur meinen ersten Scanner mit dieser Software ausgestattet, und dieser Scanner stand jetzt bei Tadashi im Zimmer in der Ecke -- sofern ihn niemand weggeräumt hatte, immerhin galten Tadashi und ich seit Wochen als tot. Aber ich musste es auf jeden Fall versuchen. Ich tippte die IP-Adresse ein. Tatsächlich, ich bekam Kontakt, der Scanner befand sich immer noch im Schlafmodus und konnte geweckt werden.
Tadashi war aufgewacht, weil ich so aufgeregt gezappelt hatte, und schaute mich jetzt fragend an.
"Hey, Tadashi! Guten Morgen, und nochmal herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!"
Er grinste. "Danke, Partner. Was ist eigentlich los?" Er rappelte sich hoch.
"Hier, schau mal. Ich glaube, ich kann eine Telefonie-Verbindung zu meinem alten Sonar-Scanner aufbauen. Wenn wir Glück haben, dann steht er immer noch in deinem Zimmer."
Tadashi war sofort hellwach und setzte sich auf. "Und wenn wir noch größeres Glück haben, steht Baymax immer noch daneben. Wir könnten über deinen Scanner seinen Autorisierungs-Code senden, dadurch wird er aktiviert und wüsste außerdem, dass unser Signal echt ist."
"Kannst du den Code als Text eingeben?", fragte ich, öffnete eine Notizen-App und hielt ihm das Tablet hin. Er tippte eine lange Buchstaben- und Ziffernfolge und gab mir das Gerät zurück.
Ich holte tief Luft und startete den Verbindungsaufbau. Aus dem Tablet tönte der Rufton. Ich drehte die Lautstärke ganz auf. Dann gab es ein leises Knacken, und ein Symbol auf dem Bildschirm zeigte uns: Verbindung hergestellt. Wir hielten den Atem an. Aus dem Lautsprecher des Tablets drangen die Geräusche, die der Scanner übertrug: das gedämpfte Rattern eines entfernten Cable Cars, ein gelegentlicher früher Vogel, und das Atmen eines Jungen im Schlaf. Hiro! Also stand der Scanner immer noch im Zimmer der Brüder!
"Okay, ich versuche jetzt, den Lautsprecher zu aktivieren und den Code zu übertragen.", kündigte ich Tadashi an, der dicht nebem mir hockte und auf den Bildschirm starrte.
Er nickte abwesend und antwortete mit belegter Stimme: "Das klingt nach zu Hause..."
* * *
Hiro erwachte, von innnerer Unruhe getrieben. Er setzte sich in seinem Bett auf. Das Licht des frühen Morgens kroch durch die Fenster. Er schaute sich im Zimmer um, sein Blick wanderte über die wohlbekannten Dinge, die Möbel, die Bilder an den Wänden, Baymax' rote Box, die Schiebewand, hinter der Tadashis Bett stand -- Tadashi! Hiros Magen verkrampfte sich schmerzhaft. Heute war Tadashis Geburtstag!
Hiros Augen begannen, sich mit Tränen zu füllen. "Tadashi...", sagte er in die Stille hinein. Letztes Jahr hatte er sich an diesem Tag nach unten geschlichen zu Tante Cass, während sein Bruder in den Samstag hineingeschlafen hatte. Gemeinsam hatten sie Tadashis Geburtstagsgeschenke aufgebaut, darunter die Mütze, die Hiro für ihn gekauft hatte und die jetzt in Hiros Labor einen Ehrenplatz hatte. Hiro konnte sich genau erinnern, wie Tadashi sich darüber gefreut hatte, sie noch im Schlafanzug aufgesetzt hatte. "T'Dashi...", schluchzte Hiro, zog die Beine an, schlang die Arme darum und vergrub den Kopf zwischen den Knien. Es tat so weh! Immer noch!
Wenigstens konnte er seinen Schmerz teilen. Er hob den Kopf und rief laut "Autsch!".
* * *
Während ich auf der Bildschirm-Tastatur des Tablets arbeitete, spürte ich die unruhigen Bewegungen Tadashis neben mir. Er schluckte schwer, als aus dem Lautsprecher Hiros gequältes "T'Dashi" tönte. Jetzt hörten wir das vertraute Geräusch des sich aufblasenden Baymax. "Hallo! Ich bin Baymax, dein persönlicher Gesundheitsbegleiter. Ich wurde aktiviert, weil ich einen Schmerzlaut vernommen habe." Tadashi neben mir formte die Worte tonlos mit den Lippen mit. "Auf einer Skala von eins bis zehn, wie bewertest du deinen Schmerz?"
"Zehn!", kam es von Hiro, und man konnte hören, dass er weinte. "Ich vermisse ihn so sehr, immer noch!"
Auch Tadashis Augen füllten sich mit Tränen. "Hiro...", sagte er leise. "Es tut mir so leid... Ich hätte ihn nicht allein lassen dürfen..."
Ich unterbrach meine Arbeit, legte einen Arm um Tadashis Schultern und drückte ihn an mich. "Du hast richtig gehandelt. Du bist für ihn immer Vorbild und Kompass gewesen. Und bald bist du zurück."
Tadashi war dankbar für die Zuwendung, legte auch seinen Arm um meine Schulter. "Danke.", schniefte er. Dann nickte er zum Tablet hin: "Mach weiter."
* * *
Baymax stapfte auf Hiros Bett zu und scannte ihn. "Ich erkenne Trauer."
"Ich vermisse ihn so sehr!"
Baymax verknüpfte den wahrscheinlichsten Bezug von 'ihn' mit seinen Daten über Tadashi. "Heute ist: Tadashis Geburtstag.", sagter er mit seiner immer sanften Stimme.
"Ja!" Hiro sprang aus seinem Bett und umarmte Baymax. Tränen rannen an seinem Gesicht herab und nässten den weichen Vinyl-Bauch des Roboters. Baymax legte seine Arme tröstend um Hiro.
Plötzlich erklang ein vernehmliches "Huuiip!" von hinter der Schiebewand, die Tadashis Teil des Zimmers abtrennte. Hiro erschrak, und sein Schluchzen brach ab. Junge und Roboter blickten auf die papierbespannte Schiebetür. Zögernd ging Hiro darauf zu und schob sie auf. Dort in der Ecke am Fenster stand dieser Prototyp von Holgers Sonar-Scanner. Hiro hatte vor Wochen beim Aufräumen bemerkt, dass er dort stand, aber hatte sich nicht damit befassen wollen und ihn inzwischen wieder vergessen.
Zwei Leuchtdioden an dem Gerät blinkten. Dann begann es, eine Art stotterndes Flöten auszuschicken.
Baymax drehte sich zu der Sonar-Sonde hin, erst den Kopf, dann den Körper. Hiro wischte sich mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht und starrte verwirrt auf den Apparat.
"Es sendet meinen Admin-Code zur Authentifizierung.", verkündete Baymax.
Hiro blickte verwirrt zwischen Baymax und der Sonde hin und her. Dann umrundete er entschlossen Tadashis Bett, packte den Apparat und trug ihn in die Mitte des Zimmers. Dort stellte er ihn zwischen sich und Baymax auf. Die beiden starrten das Gerät an, während es blinkte und tutete. Dann knackte es plötzlich im Lautsprecher des Scanners, der sich im Inneren der Kugel aus Mikrofonen befand.
"Haben wir eine Verbindung?", fragte aufgeregt eine Stimme, die Hiro genau kannte. Trotzdem traute er seinen Ohren nicht. "Klappt's?", fuhr die Stimme fort.
Tadashi hatte vor Anspannung ziemlich laut gesprochen, was zu einer pfeifenden Rückkopplung führte. Als diese abgeklungen war, hörte Hiro eine zweite wohlbekannte Stimme: "Klingt so, oder? -- Hallo, Hiro, bist du da?"
"Ta - Tadashi...?", fragte Hiro vorsichtig und mit zitternden Händen.
"Dies war ohne Zweifel seine Stimme, sowie die von: Holger Weyhardt.", bestätigte Baymax ungerührt das Ergebnis seiner Spektralanalyse.
"Tadashi?! ... Wie? ... Was?" Hiro war völlig durcheinander, und alle möglichen Gefühle überfluteten ihn -- Hoffnung, Angst, Verwirrung, die Erinnerung an den Verlust, Aufregung -- konnte das hier wahr sein? Konnte vielleicht sein Bruder doch nicht...
"Hiro..." Auch Tadashis Stimme zitterte. "Ich..." Ihm fehlten die Worte.
Da erklang wieder Holgers Stimme: "Hiro, hör zu. Das ist eine lange Geschichte. Wir haben die Explosion überlebt, aber wurden entführt. Wir sitzen gerade ein bisschen in der Klemme, aber wenn Jules Wang nicht gestoppt wird, erlebt San Fransokyo morgen eine Katastrophe."
Hiros Verwirrung wurde von dieser Warnung zur Seite gefegt, und er war wach und klar. Das klang nach dem nächsten Einsatz der 'Big Hero 6': San Fransokyo von der Bedrohung durch diesen Wang befreien, und: seinen Bruder wiederholen!!!
"Wo seid ihr?", fragte er aufgeregt. Er platzte fast vor innerer Energie. Tadashi lebte!!! Gleichzeitig rasten seine Gedanken: Er musste die anderen kontaktieren. Wer war dieser Jules Wang? Die Düsen in Baymax' Rüstung waren nach dem gestrigen Einsatz fast leer, er musste sie dringen auftanken. Sollte er Tante Cass wecken?
"Wir befinden uns im Rohbau des Higashiyama Towers, an der Bucht, südlich von Marunouchi. Aber wir können nicht heraus, weil die unteren Stockwerke bewacht werden. Und lange können wir hier nicht mehr bleiben, sonst tauchen die Leute wieder auf, die uns entführt haben."
Hiro hatte den Neubau des Hochhauses vor Kurzem auf einem Flug mit Baymax gesehen. "Könnt ihr nach oben, auf das Dach?", fragte er.
"Ja, das wäre möglich.", antwortete Holger. "Und dann?"
Hiro musste grinsen, voller Freude über die riesige Überraschung, die seinen Bruder erwartete. Seinen Bruder! "Zufällig kenne ich ein paar Leute mit coolen Gadgets, die könnten euch vom Dach abholen. So in ungefähr --", Hiro schätzte, wie lange es dauern würde, die anderen aus den Betten zu holen und die Flugpeds startklar zu haben, "In einer Stunde. Reicht das?"
"Alles klar. Wir werden oben sein. Bis später, Hiro." Holger hörte sich tatendurstig an, wie immer.
Und dann klang noch einmal Tadashis warme Stimme aus dem Sonar-Scanner: "Wir sehen uns, Hiro. Bis bald!"