Darvin, und das Zauberloch na...

By MadameWuwu

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Eigentlich ist Darvin ein ganz normaler Junge, aus einer ganz normalen Familie. Doch dann geschehen rätselha... More

Kapitel 1 Die Entdeckung
Kapitel 2 Der Zeittunnel
Kapitel 3 Das blaue Land
Kapitel 4 Der Zauberlehrling
Kapitel 5 Die Reise ins Unbekannte
Kapitel 6 Die Wabbels
Kapitel 7 Im Land der Quaraks
Kapitel 8Der Kampf um die Sonnen

Kapitel 9 Die Rückkehr

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By MadameWuwu

Kapitel 9

Die Rückkehr

Die Quaraks waren im Eis gefangen. Sie konnten uns nichts mehr anhaben, allerdings waren wir uns nicht sicher, ob wir alle Quaraks erwischt hatten und mussten uns weiterhin vorsehen. Wir machten uns auf den Weg zum Berg. Je weiter wir uns von den Quaraks entfernten, umso wärmer wurde es, dies war das beste Zeichen dafür, dass keiner in unserer unmittelbaren Nähe war. Still und nachdenklich bahnten wir uns einen Weg durch die umgestürzten Bäume. Jedem von uns saß der Schock noch tief in den Knochen. Nur Andy hatte die ganze Zeit schon etwas auf dem Herzen, denn er lief wutentbrannt neben mir her. Erst als wir die Quaraks nicht mehr sehen konnten, schrie er mich fast an: „Das nächste Mal werde ich zaubern lernen, das schwöre ich dir. Bei mir würde keiner so lange darauf warten müssen, dass der Alptraum bald ein Ende hat."

Ich sah Andy mit großen Augen an. Doch noch bevor ich etwas sagen konnte, meinte Würfli: „Ich dachte aber auch schon, dass dieser Quarak euch in tausend kleine Staubkörnchen verzaubern würde", und wirkte noch immer sehr aufgeregt.

„Ich habe mich gar nicht getraut, auch nur ein einziges Mal aufzuschauen", gab Mauzi ehrlich zu.

Mutter Gundi hob ihre Pfote. Sie meinte: „Ich war nur froh, dass wir alle schon vorher unsere Löcher fertig gebuddelt hatten und sofort abtauchen konnten, als die Quaraks aus dem Eis auf uns zu marschierten."

„Ja, genau", unterbrach Vater Alois seine Frau, „nicht auszudenken, was sonst mit uns passiert wäre."

„Das war eine ganz knappe Geschichte", bemerkte Würfli.

Erstaunt hörte ich mir ihre Vorwürfe an, damit hatte ich nicht gerechnet.

Nur der Braune schien die ganze Sache etwas gelassener zu sehen und sagte: „Aber es ist doch alles gut gegangen. Ich weiß überhaupt nicht, warum ihr euch noch so aufregt. Die Quaraks sind genau da, wo wir sie haben wollten. Natürlich war es eine enge Angelegenheit. Ohne die Hilfe des Bollogs wären wir nun alle verzaubert, aber vorbei ist vorbei. Keiner von uns hätte es anders machen können. Darvin hat sein bestes gegeben."

Dankbar schaute ich den Braunen an. Ich hatte wirklich mein Bestes gegeben, obwohl ich selber bald gestorben wäre vor Angst.

„Sein Bestes gegeben! Das ich nicht lache!", schrie Andy weiter, „Hätte er sofort die fünf Quaraks verzaubert, als sie auf uns zu kamen, hätten wir uns den Rest ersparen können."

„Hört an, hört an", trällerte Arabella, „sei deinem Freund lieber dankbar dafür, dass er im entscheidenden Moment genau erkannte, was er zu tun hatte."

„Nicht auszudenken, was sonst mit uns passiert wäre", meinte Vater Alois schon wieder.

Anstatt mir vor Dankbarkeit auf die Schulter zu klopfen, hörte ich fast nur Vorwürfe, die ich nicht einfach so hinnehmen konnte. Deshalb sagte ich mit lauter Stimme: „Was glaubt ihr eigentlich, wie ich mich fühlte, als wir plötzlich von allen Quaraks umzingelt waren und ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte? Ich hatte zu meiner Angst auch noch die Verantwortung, euch alle heile da rauszukriegen. Ihr könnt mir glauben, dass es auch für mich kein Zuckerschlecken war!"

Betretene Mienen schauten mich an. Dass auch ich bald vor Angst gestorben war, das hatten sie völlig außer Acht gelassen.

„Selbstverständlich", stotterte Vater Alois, „so war es auch gar nicht gemeint. Wir hatten alle nur so eine fürchterliche Angst. Der Schreck sitzt uns noch immer in den Knochen."

„Genau!" rief Mutter Gundi und schaute dabei verlegen nach unten.

Ich schaute zu Andy, der seine Schultern hochzog: „Ja, so wird es wohl sein. Der Schreck sitzt einem noch in den Knochen."

Ich kramte die Bongi Tongis aus meiner Jackentasche und bat Würfli, sie so tief unter der Erde zu vergraben, dass niemand sie je wiederfinden würde. Ich wollte nie in meinem ganzen Leben noch einmal mit den Quaraks in Berührung kommen, niemals wieder wollte ich auch nur einen von ihnen sehen. Deshalb mussten die Bongi Tongis für immer verschwinden.

Während wir darauf warteten, dass Würfli zurückkommen würde, beruhigten sich bei allen langsam wieder die Gemüter. Als Würfli dann endlich aus den Tiefen des Erdreichs zurückkehrte, ging es uns schon wieder so gut, dass wir gemeinsam, über die im Nachhinein lustigsten Momente lachen konnten.

„Auf zu dem bunten Licht", verkündete ich und erinnerte daran, dass unsere Reise noch nicht zu Ende war.

Vorsichtig schlichen wir uns näher an den Eingang des Berges heran. Dabei sahen wir uns nach allen Seiten um. Doch weit und breit war kein Quarak zu sehen. Wir entdeckten den Eingang zum Berg, der mit einer großen, doppelseitigen Holztür verschlossen war. Zu beiden Seiten sah ich brennende Fackeln, die mich an eine Burg aus dem Mittelalter erinnerten. Vor uns lag der Burggraben mit seinem gefährlichen und verzauberten Wasser.

Überall auf dem großen Platz, auf dem wir uns befanden, waren Feuerstellen zu sehen und unzählig viele kleine Steine und Knochen.

„Das sieht hier so aus, als hätten die Quaraks eine Party nach der anderen gefeiert", stellte Andy fest, dabei wühlte er mit seinem Fuß in der Asche einer Feuerstelle herum.

Mutter Gundi war den Tränen nahe. Sie hielt einen der vielen, kleinen Knochen in den Pfoten und sagte leise: „Nur der Himmel weiß, wie viele von uns unfreiwillig dabei waren."

„Heilige zwei Sonnen!" rief Arabella, „Du glaubst, diese Knochen sind die Überreste von euren Artgenossen?"

Alle Maulwürfe nickten traurig. Mir standen bei dieser Vorstellung fast die Haare zu Berge, und ich spürte wieder die Gänsehaut, die von meinem Körper Besitz ergriff.

„So ein Schicksal wird ab heute keinem Maulwurf mehr widerfahren. Vorausgesetzt, Würfli hat die Bongi Tongis tief genug vergraben", sagte ich und schaute auf Würfli.

Der nickte heftig mit dem Kopf: „Selbst das stärkste Beben wird sie nicht an die Oberfläche bringen können", verkündete er stolz.

„Aber wie kommen wir jetzt über den Graben?" fragte Andy. Er schaute sich suchend nach einem geeigneten Gegenstand um, den wir über den Graben legen konnten.

„Wenn es so klappt, wie ich es mir vorstelle, sollte das kein Problem sein", sagte ich.

Andy stöhnte genervt: „Soll das hier eine Quizshow werden, oder was? Nun sag doch schon was du dir vorstellst, Mann."

Arabella kicherte: „Du sprichst in der Tat in Rätseln."

„So, tu ich das, ja? Wenn ihr alle etwas mehr Phantasie hättet, wüsstet ihr, was ich mir vorstelle", sagte ich. Andy stöhnte schon wieder.

„Wenn ich das Wasser zu Eis werden lasse, dann können wir bequem hinüber laufen. Allerdings weiß ich nicht, ob damit auch die Zauberkraft aufgehoben ist."

„Und wie willst du das herausbekommen? Hast du dir dafür auch schon etwas vorgestellt?", stichelte Andy.

„Wir könnten einen Stein werfen und abwarten was passiert", schlug Würfli vor.

Der Braune räusperte sich laut und meinte: „Vielleicht lässt sich das verzauberte Wasser aber auch gar nicht noch einmal verzaubern. Bevor wir uns den Kopf darüber zerbrechen, ob die Zauberkraft aufgehoben ist wenn das Wasser zu Eis wird, sollten wir besser erst versuchen, ob es sich überhaupt verzaubern lässt."

„Genau!" rief Mutter Gundi und Vater Alois nickte.

Also kramte ich aus dem Bündel ein Bongi Tongi, um das Wasser zu verzaubern. Dabei stieß ich auf unseren Schokoriegel, den ich total vergessen hatte. Ich hielt ihn Andy unter die Nase, und seine Augen quollen über.

„Warum hast du ihn nicht schon eher raus gerückt?", meckerte Andy mich an und riss gierig das Papier auf.

„Weil ich nicht mehr daran gedacht habe", meckerte ich zurück.

„Da essen wir seit Tagen nur diese grässlichen Pilze, weil du diese Köstlichkeit in dem Bündel versteckst", regte sich Andy weiter auf.

„Ich habe es nicht versteckt", schrie ich ihn an, „ich habe es vergessen. Oder glaubst du, ich esse die Pilze lieber als einen Schokoriegel?"

Arabella und die Maulwürfe sahen uns mit großen Augen an.

„Um was geht es hier eigentlich?" fragte Arabella. Dabei flog sie mal zu mir und dann wieder zu Andy.

„Um zwei versteckte Schokoriegel", sagte Andy leise.

„Zum letzten Mal, ich habe sie nicht versteckt", sprach ich im drohenden Ton.

„Hast du doch", gab Andy keine Ruhe.

„Also wirklich, ich verstehe euch nicht", versuchte Mutter Gundi uns zu beschwichtigen, „was ist denn so toll an diesen Dingern, dass ihr euch deshalb so streiten müsst?"

„Es schmeckt nur gut, das ist alles", knurrte Andy vor sich hin und biss herzhaft hinein.

„Es schmeckt gut?" fragte Arabella, „Darf ich davon kosten?"

Andy verzog sein Gesicht und sagte: „Besser nicht. Davon bekommt man nur schlechte Zähne."

„Och, das macht mir nichts. Ich habe überhaupt keine Zähne", trällerte Arabella und setzte sich zu Andy auf die Schulter.

Mit langem Gesicht gab Andy Arabella ein Stückchen von seinem Riegel ab. Es dauerte gar nicht lange, da bekam Arabella kaum noch Luft, weil ihr Schnorchel verklebte. Würfli eilte sofort herbei, lutschte ihren Schnorchel frei und rief: „Quarakszeug!"

Arabella rang nach Luft und sagte dabei: „Aber lecker ist es trotzdem."

Keiner wollte nun mehr von unserem Schokoriegel probieren, alle hatten Angst daran zu ersticken. Sie konnten nicht begreifen, was wir an diesem Ding so toll fanden. Doch für mich war es ein Gaumenschmaus. Ich war mir sicher, dass mir ein Schokoriegel noch nie so gut geschmeckt hatte wie heute.

Mit frischer Energie machte ich mich ans Werk und verzauberte das Wasser in Eis. Es klappte ohne Schwierigkeiten gleich beim ersten Mal. Würfli sammelte ein paar kleine Steine, die er auf das Eis warf. Sie kullerten erst, rutschten dann über die Eisfläche und blieben liegen, ohne eine sichtbare Veränderung. Unsicher schauten wir auf die Steine. Es war schwer zu sagen, ob sie nun verzaubert waren oder nicht. Wie Gefangene im Wasser sahen sie nicht aus, dennoch getraute sich keiner das Eis zu betreten.

„So kommen wir nicht weiter", rief Würfli und rannte los.

Mutter Gundi schrie entsetzt auf, doch Würfli stand schon auf dem Eis und rief: „Alles in Ordnung. Ihr könnt ruhig kommen!"

Arabella war beeindruckt von dem mutigen Einsatz und Würfli warf stolz seinen Kopf in den Nacken.

„Junge!" rief Mutter Gundi aufgebracht, „tu so etwas nie wieder, hörst du?"

Doch Würfli hörte nicht, er sonnte sich in der Bewunderung Arabellas. Stolz erklärte ihr, dass er überhaupt keine Angst gehabt hatte.

„Aber ich", unterbrach Vater Alois die Zweisamkeit, „ich hatte Angst, und zwar um dich."

Würfli schaute betreten zur Seite.

„Lasst uns gehen", sagte ich, und hoffte damit Würfli aus seiner unangenehmen Situation zu retten.

Es war ein Kinderspiel über den Graben zu kommen. Auch das Tor machte uns keine Schwierigkeiten, es ließ sich ohne jede Mühe öffnen. Als wir den Berg betraten, kam uns eine kalte und feuchte Luft entgegen. Es war dunkel, doch überall an den Wänden waren brennende Fackeln angebracht. Wir konnten deutlich den großen See erkennen, der sich vor uns erstreckte. Seine Farbe war von demselben Blau, wie die Farbe des Sees aus dem blauen Land. Doch er war bald doppelt so groß.

„Was nun?" fragte Andy.

„Na, was schon?" sagte ich und kramte ein Bongi Tongi aus dem Bündel.

In kürzester Zeit zauberte ich einen zugefrorenen See. Die Maulwürfe rannten erfreut aufs Eis, rutschten mit gespreizten Beinen aus und kamen ohne unsere Hilfe nicht mehr hoch. Andy und ich versuchten, sie zu stützen, doch wir hatten nur zwei Hände und einer von ihnen schrie immer um Hilfe.

„So kommen wir ja nie an", sagte ich. Erneut kramte ich einige Murmeln aus dem Bündel.

Für Andy und mich zauberte ich Schlittschuhe, für unsere Freunde einen geräumigen Schlitten mit Lehne.

„Darf ich bitten", sagte ich zu den erstaunten Maulwürfen und zeigte auf den Schlitten.

„Ist das so ein Ding von dem du uns erzählt hast?" wollte Mauzi wissen. Dabei schaute sie skeptisch auf das Gefährt.

„Genau!" rief ich, „Das ist ein Schlitten."

Zaghaft stiegen sie auf. Als jeder einen Platz gefunden hatte, fragte mich Würfli: „Und wann werden nun nass?"

Andy und ich mussten Lachen. Ich antwortete: „Wenn man mit ihm zu schnell eine Treppe hinunterrast und in einem Tümpel landet."

Die Maulwürfe sahen mich fragend an. Sie verstanden meine Antwort nicht, gaben sich aber mit ihr zufrieden.

Sprachlos sahen sie uns zu, als wir uns die Schlittschuhe anschnallten.

Andy rief: „Festhalten!" Dann zogen wir den Schlitten hinter uns her. Wir kamen schnell voran und hatten fast die Hälfte des Sees überquert, als plötzlich Stimmen hinter uns riefen. Wir erschraken fast zu Tode. Suchend schauten wir uns um. Sollten wir doch noch auf Quaraks treffen, die sich hier im Berg aufhielten? Hatten wir doch nicht alle verzaubert?

Ich überlegte krampfhaft, was ich tun sollte, als wie aus dem nichts, eine Handvoll Vierfinger vor uns standen. Sekunden vergingen, wir sahen uns nur an. Ich war mir nicht sicher, ob es wirklich Vierfinger waren oder verzauberte Quaraks. Doch auch die Vierfinger schauten uns unsicher und fragend an.

Arabella ergriff als erste das Wort: „Seit ihr tatsächlich Vierfinger?"

Einer der fünf Zwerge trat einen Schritt vor und nickte: „Ja, wir sind Vierfinger. Wir waren Gefangene der Quaraks bis vor ein paar Minuten, da konnten wir uns plötzlich aus dem See befreien. Doch wir wissen nicht warum."

Dann verbeugte er sich vor Arabella und stellte sich als „Fergus" vor. Ein Zwerg nach dem anderen trat nun vor und nannte uns seinen Namen. Arabella machte eine weit ausholende Bewegung mit ihren Flügeln. Dann stellte sie uns ebenfalls mit Namen vor. Mit kurzen, aber präzisen Sätzen klärte sie die Vierfinger darüber auf, warum sie frei waren, und wie es dazu gekommen war. Bei dem Namen Jelatinus erhellten sich ihre Gesichter. Ihre Anspannung

ließ deutlich nach.

„Wir wissen, wo das bunte Licht ist", erklärte uns Fergus, „es ist gar nicht mehr weit von hier."

Dann schaute er auf unsere Schlittschuhe und fragte: „Kommt man damit besser über das Eis, oder was für eine Bewandtnis haben diese eigenartigen Schuhe?"

„Viel besser", rief Andy und drehte auch gleich eine Runde um sein Können zu beweisen.

Die Vierfinger waren begeistert. Sie wollten um jeden Preis auch mit Schlittschuhen über das Eis gleiten. Also kramte ich wieder die Bongi Tongis aus dem Bündel. Gerade als ich meinen Zauberfinger aktivieren wollte, fasste mich Fergus am Arm. Erschrocken schaute ich ihn an.

„Nach über zweihundert Jahren, würde ich gerne selber diese Schuhe zaubern, wenn es dir nichts ausmacht!"

Fergus sah mich so erwartungsvoll an wie ein kleines Kind, das vor dem Weihnachtsmann stand und auf seine Geschenke wartete.

„Nein", sagte ich, „das macht mir absolut nichts aus", und reichte ihm die Bongi Tongis.

Ganz im Gegenteil. Ich war froh, nicht mehr alleine die Verantwortung tragen zu müssen.

Fergus aktivierte seinen Finger und schwups, lagen fünf paar Schlittschuhe zu seinen Füßen.

Die Vierfinger klatschten vor Freude in die Hände. Fergus strahlte übers ganze Gesicht. „Ich habe nicht mehr daran geglaubt, noch einmal zaubern zu dürfen. Nicht nach den vielen Jahren. Keiner von uns hat noch an eine Rettung geglaubt", sagte Fergus und war sichtlich gerührt.

„Aber noch haben wir das Licht nicht." meldete sich Andy, „So lange wir es nicht zurückgebracht haben ins blaue Land, ist an unsere Rettung nicht zu denken."

Da fielen mir die Zeitblätter wieder ein. Sofort schaute ich in das Bündel. Das sechste Zeitblatt war grau und verwelkt. Viel Zeit blieb uns nun wirklich nicht mehr, immerhin mussten wir den ganzen Weg auch wieder zurück.

„Wir müssen uns nun ein bisschen beeilen", sagte ich, „uns bleibt noch ein Zeitblatt. Das ist nicht viel."

„Der Weg zurück mit dem Licht ist wesentlich kürzer. Die Zeit wird ausreichen", beruhigte uns Fergus.

Arabella flatterte plötzlich sehr aufgeregt zu Fergus und fragte ihn: „Die Quaraks, sie sind im Eis gefangen. Doch was wird geschehen, wenn wir die Sonnen mitnehmen? Wir dachten daran, eine Sonne hierzulassen, damit sich der Zauber nicht nach ein paar Minuten wieder aufhebt."

„Genau!" rief Mutter Gundi, „Daran dachten wir."

Fergus schüttelte mit dem Kopf: „Das ist nicht nötig. Der Zauber löst sich nur dann auf, wenn er auf der dunklen Seite gezaubert wurde. Hier im Reich der Sonnen wir er auch anhalten, wenn die Sonnen nicht mehr da sind. Du hast die Quaraks bei Sonnenlicht verzaubert, also wird der Zauber so lange anhalten, bis du ihn wieder aufhebst. Außerdem hättet ihr schnell gemerkt, dass man nur beide Sonnen mitnehmen kann. Eine alleine wäre niemals hier geblieben."

„Tatsächlich?" fragte Vater Alois erstaunt.

„Dann hätten wir ja noch ein echtes Problem gehabt, wenn wir euch nicht getroffen hätten", meinte Andy. Ich wusste nicht, ob er es ernst meinte oder ob er Fergus nur auf den Arm nehmen wollte.

„Die werden als ewige Eisgestalten auf dieser Seite bleiben, dafür habe ich gesorgt", verkündete Würfli stolz und schaute dabei zu Arabella.

Die Vierfinger standen nun auf ihren Schlittschuhen und hatten Mühe sich zu halten. Wir kamen nun nicht mehr so zügig voran, weil immer einer auf der Nase lag. Umständlich rappelten sie sich auf die Beine, um im gleichen Augenblick wieder umzufallen.

„Haltet euch doch einfach hinten am Schlitten fest", schlug ich vor, „wir werden euch dann ziehen."

Dankbar über meinen Vorschlag krallten sie sich an der Lehne fest. Ängstlich rief Fergus: „Aber bitte nicht so hastig!"

„Wie auch", rief Andy, „ich bin doch kein Bulldozer."

Mit vereinten Kräften zogen wir die Maulwürfe, Arabella und auch die Vierfinger hinter uns her. Der See war viel größer, als wir dachten, wir zogen und zogen, ohne dass das Ende näher zu kommen schien. Doch mitten auf dem See rief Fergus plötzlich: „Halt!" Er schaute sich suchend um und sagte dann: „Wir müssen nun nach rechts fahren."

Wir schwenkten den Schlitten nach rechts und zogen und zogen. Meine Kräfte ließen allmählich nach. Ich wollte gerade rebellieren, als Fergus aufgeregt rief: „Da vorne ist die Nische im Felsen. Wir sind gleich da."

Erst jetzt bemerkte ich in der steilen Felswand eine winzige Nische. Wir steuerten den Schlitten darauf zu. Ab hier mussten wir zu Fuß weitergehen. Wir hatten das Ufer erreicht. Andy und ich mussten uns seitlich durch die Nische quetschen, um überhaupt hindurch zukommen, während alle anderen ohne jegliche Mühe hindurch klettern konnten. Dann standen wir in einer Art Brunnen. Vor uns sahen wir ein großes Loch in der Erde, in dem eine Leiter nach unten führte. Überall an den Wänden hingen wieder brennende Fackeln, die nie zu erlöschen schienen. Nacheinander stiegen wir die Leiter hinab. Ein helles Licht strahlte uns von unten entgegen.

Als ich wieder festen Boden unter den Füßen hatte, war ich für ein paar Sekunden geblendet und musste meinen Kopf zur Seite drehen. Das Licht war so grell, dass ich nicht sofort erkennen konnte, woher es kam. Mit einer Hand hielt ich mir die Augen zu und versuchte blinzelnd, etwas durch meine gespreizten Finger zu sehen.

„Dort ist es", sagte Fergus ehrfürchtig, „das Licht der Sonnen."

Noch immer geblendet, blinzelte ich zu dem Licht. Auf einer aus Stein gehauenen Kugel stand ein Gebilde wie ein steinerner Käfig. Darin ruhte die gläserne Kugel mit dem bunten Licht. Wir standen im Kreis um die Kugel herum. Erstaunt stellte ich fest, dass sie nicht viel größer war als ein Tennisball. Doch sie war randvoll gefüllt mit diesem bunten Putz, den ich in meinem Zimmer aus dem Loch rieseln sah. Fergus ging auf die Kugel zu und berührte sie leicht. Im selben Moment wurde das Licht erträglicher. Es blendete uns nicht mehr so stark, dennoch blieb es sehr hell. Behutsam nahm Fergus die Kugel aus dem Käfig und steckte sie unter sein Cape. Plötzlich begann der Berg zu beben. Der Boden unter unseren Füßen vibrierte. Alle schrien aufgeregt durcheinander und jeder versuchte, sich über die Leiter nach oben in Sicherheit zu bringen.

„Wartet!" rief Fergus, „So wartet doch. Es wird euch nichts geschehen."

Das Beben hatte aufgehört, nur ein lautes Dröhnen erfüllte den ganzen Berg. Ängstlich schauten wir alle auf Fergus.

„Was war das?" wollte ich von ihm wissen und schaute mich immer noch unsicher um.

„Der direkte Weg nach draußen hat sich geöffnet. Wenn wir nun die Leiter hinaufklettern, stehen wir direkt vor dem Eingang des Berges. Wir müssen nicht den ganzen Weg über das Eis zurück", erklärte uns Fergus.

„Ich dachte schon, der ganze Berg bricht über uns zusammen", trällerte Arabella immer noch ziemlich aufgebracht.

Fergus stieg wortlos als erster die Leiter hinauf. Wir folgten ihm, einer nach dem anderen. Tatsächlich standen wir oben direkt vor dem Eingang des Berges und die Sonnen standen direkt über uns, so als warteten sie auf ihre Abreise.

„Wir gehen nach Hause", sagte Fergus zu den anderen Zwergen und wischte sich heimlich eine Träne aus seinem Gesicht.

„Nicht so schnell doch", trällerte Arabella, „ich komme natürlich mit, doch ich muss meinem Volk Bescheid geben, sie werden nicht ohne mich hier bleiben wollen."

„Und was ist mit uns?" fragte Würfli seinen Vater.

„Ohne Sonnen möchte ich aber auch nicht hier bleiben", meinte Mauzi und schubste den Braunen an.

Vater Alois schaute hilfesuchend zu seiner Frau, die hin und her gerissen war.

„Gut!" sagte sie, „Aber dann muss Vater noch einmal zurück und Opa Ambrosius holen."

An mich gerichtet sagte sie noch erläuternd: „Wir können ihn nicht einfach zurück lassen, er würde alleine nicht zurecht kommen."

„Von mir aus könnt ihr mitnehmen, wen ihr wollt." sagte Andy, „Hauptsache, ihr macht jetzt voran. Ich möchte nämlich auch gerne wieder nach Hause."

Arabella und Vater Alois machten sich umgehend auf den Weg, während Andy und ich uns auf einen Stein in die Sonnen setzten und warteten. Ich dachte an zu Hause und daran, dass Mutti und Ina noch immer Kuchen essen würden. Ich musste lachen.

„Was ist denn so lustig?" wollte Andy wissen.

„Ich musste gerade daran denken, dass Mutti und Ina die ganze Zeit über, die wir hier sind, immerzu Kuchen essen und dass ihnen sicherlich ganz schön übel sein wird, wenn wir nach Hause kommen", erklärte ich ihm.

„Oh ja, Kuchen", schwärmte Andy, „was würde ich dafür geben, wenn mir nur auch vom Kuchenessen übel wäre."

Wir saßen noch eine ganze Weile in den Sonnen und warteten darauf, dass Arabella und Vater Alois zurückkamen. Irgendwann hielt der Braune seine lange Nase in die Luft und schnupperte: „Sie kommen", rief er. Da erblickten wir Vater Alois auch schon. Unter dem Arm geklemmt schleppte er einen ziemlich ergrauten, klapperigen Maulwurf an, der scheinbar mehr tot als lebendig war. Der Braune sprang auf und hielt den alten Maulwurf von der anderen Seite gestützt fest. Nun hing er zwischen dem Braunen und Vater Alois und grinste uns an.

„Attacke!", rief er gleich dreimal hintereinander, dabei schabte er mit den Hinterpfoten über den Boden.

Ich wich erschrocken einen Schritt zurück. Dass doch noch so viel Energie in dem Alten steckte, damit hatte ich nicht gerechnet. Mutter Gundi grinste verlegen und sagte: „Psst! Vater, ich bitte dich. Sei jetzt still, es geht ja gleich los."

Durch lautes Summen kündigte sich Arabella mit ihrem Volk an. Wie eine fliegende Weintraube kamen sie auf uns zu geflogen. Aufgebracht rief der Alte wieder: „Attacke!"

„Es kann los gehen", rief Arabella, „wir sind bereit."

Ich holte den Kompass aus dem Bündel und suchte die Richtung, in die wir gehen mussten. Erst als wir schon ein paar Meter gelaufen waren, sah ich, dass uns die Sonnen in einigem Abstand folgten. Vor uns lag wieder die Welt der Dunkelheit, doch überall da, wo die Strahlen der Sonnen etwas berührten, wuchsen in Windeseile Pflanzen und Bäume. Die dunkle Seite begann zu leben. Hinter den Sonnen folgten die Monde. Es war schon ein eigenartiger Anblick, Sonnen und Monde hintereinander am Himmel zu sehen. Vor uns erstreckte sich die Finsternis der dunklen Seite, während hinter uns immer wieder der Morgen erwachte. Schweigend liefen wir unseren Weg zum blauen Land, nur das Summen der Silberflügel war zu hören. Fergus lief voran mit der gläsernen Kugel unter seinem Cape. Ich war von all dem so fasziniert, dass ich gar nicht bemerkte, dass wir uns plötzlich auf dem Felsen befanden, an dem wir uns von Victor verabschiedet hatten. Ich schaute in die Schlucht, sah das blaue Land mit seinen vielen Floggern, und fühlte mich beinahe zuhause.

Es war ruhig im blauen Land, nicht ein Zwerg war zu sehen. Fergus und die anderen Vierfinger standen still auf dem Felsen. Sie schauten erfreut über ihre Heimkehr in die Schlucht. Wortlos reichte Andy mir ein Bongi Tongi und ich nahm den Borikatan zur Hand.

Mit lautem Geschrei rollte das Bongi Tongi durch den Borikatan und fegte wie ein Wirbelwind über das blaue Land hinweg. Die ersten Vierfinger kamen aus ihren Floggern, um nachzusehen, wer ins blaue Land wollte. Sie sahen uns auf dem Felsen stehen und einige hielten sich vor Überraschung die Hände vor den Mund. Hinter uns schlichen sich die Sonnen und die Monde heran. Ein dumpfes Grollen erschütterte das gesamte blaue Land. Kurz darauf riss die gewölbte Decke auf. Ein strahlend blauer Himmel wurde sichtbar.

Die Sonnen und Monde kamen über den Felsvorsprung gekrochen und wurden nun auch von den Vierfingern gesichtet, die immer noch abwartend und staunend auf ihren Floggern standen. Zum ersten Mal seit

zweihundert und drei Jahren erstrahlte das blaue Land wieder im Sonnenlicht.

Stolz hielt Fergus die Kugel mit dem bunten Licht hoch über seinen Kopf, so dass jeder sie sehen konnte. Die Sonnen suchten sich ihren Platz und erwärmten das blaue Land mit ihren Strahlen. Ich sah, wie aus dem verzauberten See erst ein kleiner Bachlauf entstand, und wie dieser sich seinen Weg in die Freiheit bahnte. Mehr und mehr Wasser folgte seinem Lauf, bis es wieder ein großer Fluss wurde, der sich in verschiedene Richtungen bewegte. An den Felswänden wuchsen Pflanzen mit einer bunten Blütenpracht. Kleinere Wasserfälle sprangen von den Felsen hinunter und ließen sich von dem Fluss mitreißen. Außergewöhnliche Vögel kreisten plötzlich am Horizont und sangen gemeinsam eine Melodie, die mir zu Herzen ging. Einige Felswände brachen zusammen und legten sich flach nieder. Kurz darauf wuchs auf dem Gestein eine Wiese mit kunterbunten kleinen Blumen, die so stark dufteten, dass ich sie bis hierher riechen konnte. Unsere kleine Gruppe von Vierfingern, Maulwürfen, Silberflügeln und Menschen schauten andächtig zu bei dem Erwachen dieser alten, neuen Welt.

Dann tauchte vor uns das versprochene Flogger auf. Victor begrüßte uns stürmisch. Erstaunt blickte er auf unser Gefolge und verkündete uns aufgeregt: „Alle haben wir gehofft, dass ihr es schaffen würdet, doch niemand wagte es, wirklich daran zu glauben. Und nun seid ihr zurück und bringt tatsächlich die Sonnen mit. Ich bin sprachlos vor Freude."

Vorsichtig nahm Victor die Kugel aus Fergus Händen und hielt sie ebenfalls hoch, damit alle im Tal sie sehen konnten. Nun waren auch die letzten Vierfinger aus ihren Floggern gekommen. Sie schauten erstaunt auf das neue, blaue Land. Wieder kreischten die Bongi Tongis durch die Luft, doch diesmal war es ein Schauspiel, das ich nicht in Worte fassen konnte. Ich war mir sicher, dass nicht ein Bongi Tongi mehr zu finden war im blauen Land, weil sich alle in der Luft bewegten. Man hätte glauben können, dass die Vierfinger mit den vielen Murmeln die Sonnen wieder vom Himmel schießen wollten. Victor forderte noch ein zweites Flogger an, weil wir unmöglich alle in einem Platz gefunden hätten.

Auf dem Weg nach unten, sah ich einige Zwerge vor Freude weinen, andere schrien uns aus Leibeskräften etwas zu, was ich aber nicht verstehen konnte, da sie es in Vierfingersprache riefen. Die Bewohner des blauen Landes waren außer Rand und Band.

Wieder wechselten wir auf halbem Weg das Flogger, nur dass unter uns nun nicht mehr der verzauberte See war sondern der Fluss. Am Ufer warteten schon die ehrwürdigen Zwerge sehnsüchtig auf unsere Ankunft. Beim Verlassen des Floggers fiel mir auf, dass der zu Stein verzauberte Vierfinger nicht mehr da war. Victor, Andy und ich standen nun den Ehrwürdigen gegenüber, die uns sofort umringten. Rentius hampelte aufgeregt vor uns herum. Er konnte uns gar nicht genug Dank aussprechen. Melanka stand wieder etwas abseits, doch sie lächelte uns freundlich zu. Nur Jelatinus kam mit ausgestreckten Armen auf uns zu, und ich musste seinem Stock ausweichen, den er mir genauso entgegenstreckte. Er war so sprachlos vor Glück, dass er Andy und mich immer nur an seine Brust drückte und kein Wort herausbekam. Als das zweite Flogger an Land kam, wurden auch unsere Freunde auf das Herzlichste begrüßt. Die Ehrwürdigen freuten sich riesig, Fergus und die anderen Vierfinger wiederzusehen. Erst jetzt fiel mir auf, dass auch Fergus von einem überwältigenden Blau war und wahrscheinlich auch schon zu den Ehrwürdigen Zwergen gehörte.

Die Alten stellten sich im Kreis auf, hielten stolz ihren blauen, leuchtenden Zauberfinger in die Luft, und das blaue Land begann zu beben. Die Vierfinger tobten, schrien und warfen immer wieder Tausende Bongi Tongis in die Luft. Dann stellte sich Jelatinus ans Ufer des Flusses. Er bat uns an seine Seite. Im Land wurde es ruhig.

Er hob seine Arme, zeigte auf die Sonnen am Himmel und sprach: „Unser Leben, so wie wir es lebenswert finden, ist mit den Sonnen und dem Burschen aus dem Zauberloch zurückgekehrt. Keiner von uns wagte noch, nach so langer Zeit daran zu glauben. Doch Wunder passieren immer wieder, wie wir ja nun alle wissen. Für uns alle wird es ab sofort wieder Tag und Nacht geben, und wir können endlich wieder schlafen. Die Grünohren können ab sofort den Unterricht aufnehmen und bei Rentius die Zauberkunst erlernen. Wir können unsere Felder und Äcker bestellen und unseren Speiseplan neu gestalten. Wir alle können unser altes Leben ab heute neu beginnen. Nun lasst eure Flogger zu Wasser und reist, wohin euch euer Herz auch immer bringen mag."

Jelatinus nahm seine Arme runter und schaute uns an. Eindringlich und voller Achtung. Er stellte sich in unsere Mitte, schlang seine Arme um uns und sagte: „Wir sind euch zu Dank verpflichtet bis in alle Ewigkeit, das sollt ihr wissen. Doch nun sind wir alle sehr gespannt darauf, was ihr uns zu berichten habt. Eure erlebten Abenteuer waren bestimmt aufregend und spannend, wir wollen sie hören."

Plötzlich fiel mir unser letztes Zeitblatt wieder ein. Schnell schaute ich nach, doch es war noch nicht verwelkt. Wir hatten noch ein wenig Zeit, bevor wir zurück nach Hause mussten.

Jelatinus ging voran, doch wir betraten nicht das Ratsflogger, sondern setzten uns unter einen Baum, der nun neben dem Ratsflogger auf einer Wiese stand. Jakob trug viele, kleine Behältnisse heran, die mit Köstlichkeiten gefüllt waren, die nur für diesen heutigen Tag aufgehoben worden waren. Von hier aus konnte man fast über das gesamte Tal schauen. Immer wieder entdeckte ich neue Pflanzen und Bäume, die überall aus dem Boden wuchsen. So traumhaft schön hatte ich mir das blaue Land nicht vorstellen können, nur dadurch, dass hier die Sonnen schienen. Die Maulwürfe und die Silberflügel nahmen Platz unter dem Baum. Wir begannen, unsere Geschichte zu erzählen. An den aufregendsten Stellen rief Opa Ambrosius immer „Attacke", und Mutter Gundi ermahnte ihn jedes Mal, doch endlich ruhig zu sein.

Die Ehrwürdigen schauten bisweilen erstaunt auf Arabella. Sie konnten gar nicht recht glauben, dass ein so kleines Wesen zu solch mutigen Taten fähig war.

Rentius rief hin und wieder „Ach, du großes blaues Land" dazwischen, und hörte jedem, der etwas erzählte, aufmerksam zu.

Als wir unsere Geschichte beendet hatten, sahen uns alle Vierfinger still an.

„Ihr seht mich in der Tat beeindruckt", sagte Jelatinus nach einer ganzen Weile, „ich weiß nicht, ob wir es anders gemacht hätten, wären wir an eurer Stelle gewesen."

„In der Tat, so ist es", sagte Bohumil und nickte mit seinem Kopf.

„Ich habe noch was zu erledigen", sagte Andy plötzlich und sprang auf. Erst als er auf einen anderen Baum auf der Wiese zuging, sah ich Hanja. Da fiel mir wieder ein, dass er ihr bei unserer Abreise versprochen hatte, ihr das Murmelspiel beizubringen.

Ich hörte die Bongi Tongis jaulen und Hanja lachen, das Spiel schien ihr zu gefallen.

Als ich das Bündel noch ein allerletztes Mal zur Hand nahm, um seinen Inhalt an Jakob zu überreichen, sah ich das letzte Zeitblatt ergrauen. Es war an der Zeit nach Hause zu gehen.

Ich freute mich sehr, Mutti und Ina bald wiederzusehen. Dennoch war es ein Abschied, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Wir bestiegen das Flogger, das uns auf den Felsvorsprung bringen sollte. Ein letztes Mal schaute ich mir noch das blaue Land an, das in den Sonnen beinahe aussah wie ein Garten im Paradies. Die Ehrwürdigen, Arabella und auch Würfli begleiteten uns. Am Ufer standen der Braune und Mauzi, Vater Alois, Mutter Gundi und Opa Ambrosius und winkten uns traurig zu. Noch einmal hörten wir Opas „Attacke", dann standen wir auf dem Felsvorsprung. Victor ging wieder voran. Wir kletterten über Steine und sprangen über kleinere Bäche, bis wir wieder in dem Zeittunnel waren, wo alles seinen Anfang nahm. Die Tür zum Kleiderschrank meiner Schwester wurde sichtbar. Nun war es soweit, wir mussten Abschied nehmen. Abschied von Freunden, die mir sehr ans Herz gewachsen waren, und von einer Welt, von der ich nie geglaubt hätte, dass es sie gibt.

Jelatinus trat auf mich zu und hielt mir ein buntes Bongi Tongi entgegen. Verwundert schaute ich es an und sagte: „So eines habe ich noch nie vorher gesehen."

Jelatinus lächelte: „Das konntest du auch nicht, denn dies ist ein ganz besonderes Bongi Tongi. Solltest du in deiner Welt jemals in Not geraten und unsere Hilfe benötigen, dann zögere nicht und benutze es wie folgt. Werfe es zweimal in die Luft und roll es einmal über den Boden. Egal, wo du dich auch immer aufhältst, das Zauberloch wird sich öffnen und wir werden vor dir stehen. Doch benutze es niemals nur zum Spaß."

Dann drückte uns Jelatinus noch einmal liebevoll die Hände und trat zurück, damit sich auch die Anderen von uns verabschieden konnten. Ich war den Tränen nahe und konnte mich nicht dazu durchringen, durch die Tür zu treten. Andy machte den Anfang. Er öffnete die Tür zum Schrank. Noch ein letztes Mal schaute ich zurück, bevor wir endgültig durch die Tür zurück in unsere Welt gingen. Das letzte was ich hörte, war Arabellas Stimme, die rief: „Aka mentuta, Andy und Darvin, Aka mentuta."

Dann standen wir im Schrank meiner Schwester, hier, wo für uns alles begann. Wir sahen wie die Tür erst kleiner wurde und dann ganz verschwand. Keine Tür war zu sehen, kein blaues Licht, nichts mehr. Wir liefen hinüber in mein Zimmer, rissen den Teppich von der Wand und sahen noch so eben das Loch verschwinden. Was blieb, war der Dübel auf dem Boden. Auch nicht ein Krümchen Putz war zu sehen. Das heruntergefallene Regal lehnte noch an der Wand. Wir setzten uns auf mein Bett, und keiner sprach ein Wort. Wir waren unendlich traurig. Unser Abenteuer war vorbei. Ich schaute auf das Bongi Tongi in meiner Hand und überlegte, wo ich es verstecken sollte, damit es nicht in falsche Hände geriet. Andy sah mich von der Seite an und fragte: „Was war für dich eigentlich das Schlimmste?"

Da brauchte ich gar nicht lange zu überlegen und antwortete: „Die Pilze natürlich, die Pilze zum Frühstück, das war für mich das Schlimmste."

„Die Pilze?" fragte mich Andy überrascht, „Soll das ein Witz sein?"

„Nein", bestätigte ich, „das sollte kein Witz sein. Aber was war für dich denn das Schlimmste?" wollte ich gerne von Andy wissen.

Andy lachte laut. „Na, was meinst du wohl? Die Tauchfahrt mit den Wabbels natürlich."

Wir lachten beide laut los, so lange bis uns die Tränen über die Wangen kullerten. Uns war beiden klar, dass das Schlimmste eindeutig die Begegnung mit den Quaraks war.

Worüber ich mir nicht so ganz im Klaren war, das waren unsere Tränen. Weinten wir wirklich aus Freude über unseren Witz, oder vielleicht doch eher aus Trauer, weil unser Abenteuer zu ende war und wir uns von Freunden verabschieden mussten, die wir lieb gewonnen hatten?

Dann hörte ich den Schlüssel in der Wohnungstür, Mutti und Ina kamen nach Hause. Es dauerte auch gar nicht lange, und Mutti stand in der Tür.

„Hallo Jungs", rief sie vergnügt, „heute nicht zum Eishockey?"

Wir schauten uns an und sagten gleichzeitig, wie aus einem Mund:„Eishockey? Wen interessiert schon Eishockey?"     


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