Etwas ängstlich und unentschlossen standen wir auf dem Felsen als Andy sagte: „Eines musst du mir aber ganz fest versprechen! Wir gehen überall gemeinsam hin, unsere Wege werden sich niemals trennen."
„Großes Indianerehrenwort", versprach ich ihm und hielt dabei drei Finger hoch.
Wir sahen uns um und hatten keine Ahnung, in welche Richtung wir gehen mussten. Alles sah so gleich aus, hier gab es nichts außer großen und kleinen Felsen, genau wie im blauen Land. Nur erschien mir hier das Licht etwas dunkler. Wir hatten die Möglichkeit, nach rechts oder geradeaus zu gehen, denn auf unserer linken Seite erstreckte sich ein Felsen, groß wie die Wand eines Wolkenkratzers. Wir beschlossen, geradeaus zu gehen, weil uns dieser Weg ein wenig ebenerdiger vorkam. Vorsichtig und langsam bewegten wir uns vorwärts. Je weiter wir uns von der Schlucht entfernten, umso dunkler wurde es um uns herum. Von dem blauen Licht war bald nichts mehr zu sehen, auch wenn wir nach hinten schauten, das blaue Licht war verschwunden. Nur dieses schemenhafte Licht, das wir schon im Zeittunnel gesehen hatten, begleitete uns noch ein kleines Stück, dann aber war auch dieses verschwunden und wir standen in der absoluten Dunkelheit. Von diesem Moment an fühlten wir uns total alleine und verloren. Auch als sich unsere Augen an diese Dunkelheit gewöhnt hatten, konnten wir nicht weiter sehen als eine Armlänge. Wir tappten weiter auf dem Weg und sahen von Zeit zu Zeit einen Felsen, der einen Hauch von Licht ausstrahlte, das eine braun-orange Farbe hatte.
„Hol doch mal die Taschenlampe raus", befahl Andy.
Doch ich schüttelte mit dem Kopf und sagte: „Solange wir noch etwas sehen können, sollten wir die Batterien sparen, wer weiß, wozu wir sie noch brauchen werden."
„Aber ich kann ja jetzt schon kaum noch meine Hand vor Augen sehen", ließ Andy nicht locker.
Doch ich schüttelte nur wieder meinen Kopf und sagte energisch: „Nein!"
Andy schnaufte laut durch die Nase, doch er gab sich geschlagen.
Wir mussten nun schon hintereinander laufen, weil der Weg allmählich immer enger wurde. Ab und zu stießen wir mit der Schulter gegen einen Stein, der aus dem Felsen herausragte.
Je weiter wir liefen, umso kälter und ungemütlicher wurde es. Andy schüttelte sich hinter mir alle zwei Minuten. Von einigen Felswänden rannen kleine Wasserfälle und bildeten zu unseren Füßen einen Bach, der sich durch das Gestein am Boden seinen Weg bahnte. Manchmal waren aber die Steine so massiv, das sich das Wasser dort sammelte und zu einem größeren See wurde, weil es nirgends ablaufen konnte. Vor so einem See standen wir nun. Wie abgeschnitten endete der schmale Weg vor einem gigantischen Gewässer, das sich vor uns erstreckte. Es sah so aus, als wäre das Wasser in einer riesigen Kugel aus Stein gefangen, aus der es nur diesen einen Weg hinaus gab, und das war die Stelle, an der wir standen. Das viele Wasser musste im Laufe der Jahre mit seiner Kraft das Gestein soweit verdrängt haben, dass diese große Höhle entstanden war.
„Hier kommen wir nicht weiter", sagte ich zu Andy, der von hinten über meine Schulter blickte.
„Du meinst, wir sind den ganzen weiten Weg umsonst gelaufen?" fragte er überrascht.
„Scheint so", erwiderte ich, „ich kann das Ende des Sees noch nicht einmal sehen. Selbst wenn da hinten irgendwo ein Durchgang wäre, wie sollten wir über den See kommen?"
Andy kratzte sich am Kopf und meinte: „Hey, wir haben doch diesen Borikatan, oder wie dieser Stoßzahn auch immer heißen mag. Das Ding, das uns Victor mitgegeben hat. Mit ihm könnten wir vielleicht das Ende vom See sehen und vielleicht auch einen Ausgang aus der Höhle!"
Sofort kramte ich den Borikatan aus dem Bündel und schaute neugierig hindurch.
„Kannst du was sehen?" fragte Andy.
Doch ich konnte nichts weiter sehen als Felsen und Wasser und sagte: „Nee, ich sehe keinen Ausgang. Hier kommen wir nicht weiter, wir müssen zurück."
„Lass mich mal ran", sagte Andy und riss mir den Borikatan aus der Hand.
Er schaute hindurch und rief auch sofort begeistert: „Das ist ja vielleicht ein irres Teil. Man kann dadurch total weit sehen, und hell genug ist es auch!"
„Ja, ja", sagte ich, „kannst du auch einen Ausgang sehen?"
„Nee", stellte Andy fest und wollte gerade hinein schreien. In letzter Sekunde konnte ich ihn noch davon abhalten.
„Bist du wahnsinnig! Wer weiß, wie weit dein Schrei zu hören ist! Vielleicht sind die Quaraks schon ganz in unserer Nähe! Lass uns lieber zurückgehen und einen anderen Weg suchen."
Dann nahm ich den Borikatan wieder an mich und steckte ihn sorgfältig zurück in das Bündel.
„Schau doch mal nach, was uns Jakob alles eingepackt hat. Vielleicht hat er uns eine leckere Überraschung mit auf den Weg gegeben!"
„Ha, ha", lachte ich und schaute in das Bündel.
Andy hielt seine Hände auf, und als erstes legte ich ihm einige von den Murmeln hinein. Danach kamen die Pilze und verschiedene Gewürze zum Vorschein, die Zeitblätter und ein eigenartiges, dreieckiges Teil.
„Was soll das denn sein?" fragte mich Andy so, als würde ich mich den ganzen Tag mit nichts anderem beschäftigen als mit solch dreieckigen, komischen Dingern.
„Woher soll ich das denn wissen? Ich sehe es auch zum ersten Mal", sagte ich und drehte es in meinen Händen. Es sah aus wie eine etwas größere Puderdose, wie ich sie schon bei Mutti gesehen hatte. Sie musste auch irgendwie zu öffnen sein, denn sie bestand aus zwei Teilen. Der Boden schien aus Gold zu sein, während der Deckel aus verschiedenen, bunten und glitzernden Steinchen bestand. Für eine einfache Puderdose sah sie allerdings sehr wertvoll aus.
„Irgendwie muss dieses Ding doch aufgehen", sagte ich und versuchte den Deckel auf zu bekommen. Aber es ließ sich nicht öffnen, egal was ich versuchte, ob ich es drehte oder wendete. Erst als es mir Andy aus der Hand riss, klappte der Deckel auf einmal auf.
„Wie hast du das denn nun geschafft?" wollte ich von ihm wissen.
Doch Andy zuckte nur mit den Schultern und sah sich die Dose genauer an.
„Das soll ein Kompass sein, wenn mich nicht alles täuscht", stellte er fest.
Er hielt ihn mir unter die Nase, und er hatte tatsächlich Pfeile, die nach Norden, Osten, Süden und Westen zeigten. Die Pfeile waren goldfarben, nur der, der nach Süden zeigte war blau. Ich zeigte Andy den blauen Pfeil und sagte: „Zum blauen Land finden wir auf jeden Fall zurück."
„Klasse", sagte Andy, „aber das nützt uns im Augenblick nicht viel, besser wäre es, wenn wir wüssten, wo sich die Quaraks aufhalten."
Ich musste mich schon schütteln, wenn ich nur den Namen Quaraks hörte. Eigentlich hätte ich sie lieber gemieden, als sie zu suchen. Ich wollte den Kompass wieder in das Bündel packen, doch gerade als ich den Deckel schließen wollte, entdeckte ich in ihm einen Spiegel.
„Der war aber eben noch nicht da", bestätigte mir Andy.
Wir steckten die Köpfe zusammen und konnten in dem Spiegel plötzlich genau die Stelle sehen, an der wir uns befanden. Wir sahen den See und eine Brücke, die irgendwo ins Nichts führte. Sofort schauten wir auf das Wasser, aber hier war von der Brücke nichts zu sehen.
„Was soll das denn bedeuten?" fragte Andy.
Ich kramte den Borikatan aus dem Bündel und schaute hindurch. Doch selbst durch ihn konnte ich keine Brücke sichten.
„Weißt du was ich glaube?" fragte mich Andy. Ich schaute ihn erwartungsvoll an.
Doch ich hatte keinen blassen Schimmer, was er glaubte, und schüttelte meinen Kopf.
„Ich glaube, dass du die Brücke erst noch zaubern musst."
Einen kurzen Augenblick dachte ich nach: „Aber herbeizaubern hat mir Rentius gar nicht beigebracht. Ich weiß gar nicht, wie das funktioniert."
Andy streckte seine Hände über den Kopf, als er
meinte: „Du zauberst auch nicht die Brücke herbei, sondern verzauberst ein Bongi Tongi in die Brücke, das ist doch logisch!"
„Ist es eben nicht." erwiderte ich, „ich kann nur Dinge verzaubern, die schon da sind, so wie den Schuh, den ich in eine Jacke verzaubern sollte. So habe ich Rentius jedenfalls verstanden. Aber die Brücke ist nicht da. Oder kannst du hier irgendwo eine Brücke sehen?"
Andy sah mich verdutzt an. Ich konnte sehen, wie es in seinem Kopf arbeitete.
„Herr Gott noch mal, dann musst du eben die Brücke herbeizaubern. So schwierig wird das auch nicht sein", meckerte er.
„Und wie, stellst du dir vor, soll ich das tun?"
Andy zuckte mit der Schulter und schüttelte gleichzeitig seinen Kopf.
„Ja wie schon? Zeige einfach mit deinem Zauberfinger auf das Wasser und wünsche dir, dass dort die Brücke ist. Rentius hat auch gesagt, dass man nur zum Verzaubern einen Gegenstand braucht."
Das stimmte, genauso hatte es Rentius erklärt. Also konzentrierte ich mich auf meinen Zauberfinger. Doch es wollte nicht gleich beim ersten Mal klappen, doch ich versuchte es erneut. Diesmal war es Andy, der neben mir flüsterte: „Phantasie, benutze deine Phantasie!"
Genervt brach ich den Vorgang ab und sagte: „Lass den Quatsch! Du machst mich ganz nervös."
„Wieso?" muckte Andy, „Es hat doch geklappt."
Ich schaute auf meinen Finger und sah ihn leuchten.
„Los, zaubere die Brücke!" befahl mir Andy.
Ich warf ihm einen bösen Blick zu und er wusste sofort, was ich meinte, denn er verdrehte die Augen und sagte: „Bitte."
„Na, dann wollen wir mal", sagte ich und zeigte mit meinem Zauberfinger auf den See.
Ich versuchte mir vorzustellen, wie sich ein Brett neben das andere legte, bis es eine Brücke wurde, die bis ans andere Ufer des Sees reichte. In Gedanken stellte ich sie mir zwei Meter breit vor, damit wir genügend Platz zum Laufen hatten. Ich sah alles bildlich vor mir, doch als ich meine Augen öffnete, war keine Brücke zu sehen.
„Was hab' ich gesagt?" schimpfte Andy gleich los, „Du brauchst ein Bongi Tongi. Du verzauberst die Murmel in die Brücke!"
Ohne ein Wort von mir abzuwarten, kramte er ein Bongi Tongi aus dem Bündel und hielt es mir hin.
„Aber das verstehe ich nicht", sagte ich.
„Ist doch auch egal, versuche es einfach mit der Murmel noch einmal. Dann werden wir ja sehen, ob es funktioniert."
Dabei hielt er mir die Murmel unter die Nase und nickte. Ich nahm die Murmel in meine Hand, zeigte mit meinem Zauberfinger darauf und konzentrierte mich erneut auf die Brücke. Wieder stellte ich mir vor, wie sich die Bretter zu einer Brücke zusammenlegten, die bis zum anderen Ufer reichte. Diesmal machte ich sie vier Meter breit. Ich hatte meine Augen noch geschlossen, als Andy neben mir
sagte: „Du hast das Geländer vergessen."
Ich riss die Augen auf und erblickte die Brücke. Stolz betrachtete ich mein Werk, als Andy mir den Kompass hinhielt. In dem Spiegel sah man nun am Ende der Brücke einen Durchgang, den wir vorher nicht gesehen hatten. Dann verschwand das Bild in dem Deckel, und zu sehen war wieder nur ein Spiegel. Wenn ich also die Funktion des Spiegels richtig verstand, hatten wir die Möglichkeit hineinzuschauen, wenn wir nicht weiterwussten. Er würde uns zeigen, was zu tun war, und welchen Weg wir gehen mussten. Der Spiegel würde uns Wege zeigen, die wir selbst durch den Borikatan nicht sehen konnten.
Erfreut über diesen Fund aus dem Bündel, machten wir uns auf den Weg über die Brücke.
Die Brücke schien kein Ende zu nehmen. Gerade als ich daran dachte, noch einmal durch den Borikatan zu sehen, erblickten wir vor uns den Durchgang. Wir beschlossen die Brücke an ihrem Platz zu lassen. Vielleicht würden wir auf demselben Weg zurückkommen und nicht mehr genügend Bongi Tongis besitzen, um sie noch einmal zu zaubern.
Das Bongi Tongi, das ich in meiner Hand hielt, war verschwunden. Ich konnte mir diesen Zaubervorgang einfach nicht erklären.
„Es funktioniert nicht so wie Rentius es erklärt hat", sagte ich zu Andy und zeigte ihm meine leere Hand.
„Vielleicht funktioniert es hier auf der dunklen Seite einfach anders. Hauptsache es funktioniert überhaupt", versuchte Andy mir eine Erklärung zu geben.
Das wäre eine Möglichkeit, so könnte es in der Tat sein. Und weil die Vierfinger noch nie auf der dunklen Seite waren, wussten sie auch nichts darüber. Rentius hätte uns sonst sicher darüber aufgeklärt.
Als wir den Durchgang passierten, gelangten wir wieder in eine Art Tunnel. Hier war es etwas heller, und wir sahen, dass dieser Tunnel höher und breiter war als der Zeittunnel. Die Felswände um uns herum leuchteten Honig gelb, und so schimmerte auch das Licht. Ein leises, summendes Geräusch war zu vernehmen, so, als würden ein paar Hummeln um unsere Köpfe fliegen. Plötzlich spürten wir wieder diesen eisigen Wind. Mein erster Gedanke war „Quaraks." Sie mussten ganz in unserer Nähe sein und sie schienen näher zu kommen, denn der Wind wurde immer eisiger! Befanden wir uns hier schon im Land der Quaraks? Wir waren zwar darauf vorbereitet, sie anzutreffen, aber noch nicht so schnell und nicht jetzt.
Wir konnten nichts entdecken, wo wir uns hätten verstecken können, und wurden hektisch. Was sollten wir bloß tun? Sie könnten jeden Augenblick in diesem Tunnel auftauchen, dann würde alles ein schnelleres Ende nehmen, als wir dachten. Das Summen um unsere Köpfe wurde lauter, und Andy schrie: „Du musst was unternehmen!"
Sicher musste ich was unternehmen. Aber was? Ich hüpfte nervös von einer Seite des Tunnels zur anderen, und Andy immer hinter mir her. Was sollte ich zaubern? Ich hatte keine Zeit mir zu überlegen, was ich in diesem Fall tun sollte. Der Wind wurde immer eisiger, und das Summen immer lauter, als wir plötzlich mit einer sagenhaften Wucht durch den Tunnel geschleudert wurden. Wie eine Rakete so schnell, schossen wir immer weiter durch den Tunnel. Wir wurden immer schneller, und es gab nichts, was uns hätte aufhalten können. Ich hatte das Gefühl, jeden Augenblick in Ohnmacht zu fallen, als wir brutal gegen eine Wand knallten und hart zu Boden fielen. Im ersten Moment bekam ich keine Luft, und mein Rücken schmerzte. Ich schaute zu Andy rüber, der sich seinen Fuß hielt und sich ängstlich umschaute.
„Ist alles in Ordnung mit dir?" fragte ich ihn.
Andy nickte mit schmerzverzerrtem Gesicht und wollte wissen, ob mit mir auch alles o.k. war.
„Ich glaube schon, nur mein Arm schmerzt ein wenig", erklärte ich.
Der eisige Wind war nicht mehr zu spüren. Wir atmeten erleichtert auf. Dann sahen wir uns um, wir befanden uns nicht mehr im Tunnel. Wir hockten in einem hell erleuchteten, winzigen Raum. Er war so klein, dass wir gerade eben aufrecht sitzen konnten, dabei berührten unsere Füße schon das Ende des Raumes. Es war ein runder Raum, in dem wir uns noch nicht einmal hinstellen konnten, so niedrig war er. Es war keine Tür zu sehen und kein Fenster. Dieser Raum erinnerte mich irgendwie an eine Honigwabe, schon alleine wegen seiner goldgelben Farbe. In den Wänden waren winzige Ausbuchtungen, so wie ich es nur von einer Wabe her kannte. Ich fühlte mich wie in einem Gefängnis und merkte, wie mein Herz zu rasen begann.
„Wo sind wir denn hier gelandet?" fragte Andy und drehte dabei seinen Kopf in alle Richtungen. Die Schmerzen in meinem Arm wurden stärker. Andy kam herüber gekrochen und half mir dabei, meine Jacke auszuziehen. Der Ärmel meines Pullovers war schon ziemlich durchtränkt vom Blut, als Andy ihn mir hochschob. Ein kleiner, aber ziemlich tiefer Schnitt war deutlich über dem Ellenbogen zu sehen und blutete noch immer stark.
„Das sieht aber gar nicht gut aus", bemerkte Andy und riss sich ein Stück von seinem Shirt ab, das er mir um den Arm band.
Doch das war mir im Augenblick nicht so wichtig, ich wollte nur raus hier.
„Kannst du irgendwo den Ausgang sehen?" fragte ich Andy und schaute mich nach allen Seiten um.
Plötzlich hörten wir wieder dieses Summen. Eine Handvoll durchsichtiger Fledermäuse schwirrte um unsere Köpfe. Sie waren nicht größer als mein Daumen und völlig durchsichtig.
„Was ist das denn für ein ekeliges Viehzeug?" sagte Andy und wedelte mit seinem Arm herum, um sie zu verscheuchen.
Eine leise, kaum hörbare, helle Stimme sprach
plötzlich: „Oh, das tut uns leid. Wir wollten nicht, dass jemand zu Schaden kommt. Es tut uns wirklich sehr leid."
Erschrocken blickten wir uns um, doch außer diesen Fledermäusen, war hier nichts zu sehen. Andy rief
mutig: „Hallo, ist da jemand?"
Wir warteten auf eine Antwort, doch nichts geschah.
Völlig verzweifelt rief ich: „Wir sind hier drinnen, holt uns hier raus, bitte!"
Dabei klopfte ich an die Wand der Wabe, die aber keinerlei Klopfgeräusche nach außen zu leiten schien. Dann vernahmen wir ein zaghaftes Kichern und wieder diese zarte Stimme, die sagte: „Ihr seid aber phantasielos! Wenn ihr nichts weiter sehen könnt außer den Fledermäusen, wer glaubt ihr, spricht dann wohl zu euch, hmm?"
Eigentlich dachten wir, an einem Punkt angekommen zu sein, wo uns nichts mehr wunderte, doch diese kleinen, sprechenden Flugtiere machten uns baff. Immer noch kreisten sie nahe um unsere Köpfe, als Andy genervt
sagte: „Mit viel Phantasie stelle ich mir vor, dass ihr nicht nur sprechen, sondern auch hören könnt. Deshalb sage ich euch, hört auf, mir um den Kopf zu schwirren. Das macht mich ganz nervös!"
Plötzlich, wie auf Knopfdruck, hörte das Summen auf, und die Fledermäuse verharrten in der Luft. Eine hielt direkt vor meinem Gesicht. Ich konnte erkennen, dass sie einen langen Schnorchel oder Rüssel hatte, der über ihr Gesicht bis hinauf über die Stirn verlief und über dem Kopf nach hinten herunterhing. Sie sah aus wie eine Mischung aus Schmetterling und Fledermaus mit einem Rüssel wie von einem Elefant. Sie hatte Flügel, die silbrig schimmerten, mit denen sie ab und zu fächelte, damit sie nicht abstürzte. Sie schien friedlich zu sein, und ich
fragte: „Wer seid ihr?"
„Wir sind das Nebelvolk, und du bist sicher der Bursche aus dem Zauberloch mit deinem Freund, nicht wahr? Wir haben davon gehört, dass ihr das bunte Licht und die Sonnen der Vierfinger zurückholen wollt. Die Quaraks haben wir davon reden hören."
Mit so einem Redeschwall hatte ich nicht gerechnet und auch nicht, dass sie die Quaraks und sogar uns kannte, und fragte erschrocken: „Ihr kennt die Quaraks? Steckt ihr mit denen unter einer Decke?"
„Aber nein! Wir sind, wie ich schon erwähnte, das Nebelvolk. Wir halten uns immer im Nebel der Sonnen auf. Das war über lange Zeit bei den Vierfingern, bis zu dem Tag, an dem die Quaraks die Sonnen gestohlen haben. Wir waren gezwungen mitzugehen, da wir ohne den Nebel nicht leben können. Die Quaraks dulden uns, weil wir so klein sind, und von uns keine Gefahr ausgeht. Wir sind ein friedliches Volk, eine Art Feen", trällerte sie.
„Habt ihr dafür gesorgt, dass wir aus dem Tunnel geflogen sind, als der Wind eisig wurde?", wollte Andy wissen.
Die Fledermaus flog zu Andy, verharrte vor seinem Gesicht und sagte dann: „Natürlich waren wir das. Oder glaubst du, dass du nun auch fliegen kannst? Wir konnten euch doch nicht den Quaraks ausliefern, schließlich wollen wir wieder zurück ins blaue Land. Auch wenn wir uns nur am Rande des blauen Landes in dem Nebel ihrer Sonnen aufhielten, so gefiel es uns doch sehr viel besser dort, als hier bei den Quaraks."
„Soll das etwa heißen, ihr wollt uns dabei helfen, die Sonnen zurückzuholen?" wollte ich wissen.
Wieder flog sie los und hielt vor mir an: „Wenn ihr es wünscht, sind wir gerne dazu bereit. Doch viel werden wir nicht ausrichten können, unsere Zauberkraft ist nur klein und beschränkt sich auf unsere Waben", sang sie mir fast entgegen.
„Vielleicht kann einer von euch Fledermäusen aber meinem Freund helfen, er hat sich am Arm verletzt?" sagte Andy und zeigte dabei auf meinem Arm.
„Oh, selbstverständlich werden wir ihm helfen", trällerte sie sofort los.
„Übrigens, wir sind keine Fledermäuse. Man nennt uns Silberflügel, weil wir silberne Flügel haben, wie du sicherlich schon bemerkt hast. Außerdem sind alle Silberflügel weiblich."
Dabei flog sie wieder zu Andy und drehte sich einmal um ihre eigene Achse, damit er sie von allen Seiten begutachten konnte.
„Du heiliger Himmel, da sind wir ja an ein paar tolle Feen geraten", meinte Andy höhnisch.
Der Silberflügel flatterte aufgebracht mit den silbrig schimmernden Flügeln und sagte zu Andy: „Du solltest dir überlegen, ob du nicht besser in einem freundlicheren Ton zu uns redest. Ihr werdet unsere Hilfe nötiger brauchen, als wir die eure. So einen Umgangston sind wir nicht gewöhnt, und wir wünschen ihn uns auch für die Zukunft nicht", wies der Silberflügel Andy in seine Schranken.
Ich wusste nur zu gut, dass auch Andy nicht in so einem Ton mit sich reden ließ, und warf ihm einen warnenden Blick zu, bevor er etwas Unüberlegtes sagen konnte.
Die Silberflügel hatten Recht, wir würden ihre Hilfe ganz sicher brauchen. Wir konnten schon von Glück reden, überhaupt jemanden an unserer Seite zu haben.
„Ist ja schon gut", sagte Andy mit zusammengebissenen Zähnen.
Ohne ein weiteres Wort der Erklärung flogen sie alle davon. Sie flogen in die Ausbuchtungen und waren verschwunden.
„Na Prima! Das haben wir nun davon", meckerte ich Andy an.
„Das haben wir wovon?", fragte Andy, als wüsste er nicht ganz genau, was ich meinte.
„Na, von deiner großen Klappe! Nun sind sie weg, und wer weiß, ob sie noch mal wiederkommen."
„Wir werden auch schon alleine klar kommen. Ich brauche so ein Weibervolk auf jeden Fall nicht", regte sich Andy weiter auf.
„Dann kannst du mir auch sicherlich sagen, wie wir hier wieder raus kommen", forderte ich ihn auf.
Beleidigt schaute er mich an und sagte: „Klar, Mann! Lass uns in den Spiegel schauen."
Natürlich! Der Spiegel, an den hatte ich gar nicht mehr gedacht! Ich kramte ihn aus dem Bündel. Wieder bekam ich den Deckel nicht auf. Selbst als wir es probierten wie beim letzten Mal, und Andy ihn mir aus der Hand riss, blieb der Kompass verschlossen.
„Das gibt es doch gar nicht", sagte ich, „muss ich ihn etwa auf zaubern, oder was?"
„Quatsch", meinte Andy, „das wird ganz simpel zu öffnen sein, wir kommen nur nicht drauf. Drücke doch mal ganz feste auf den Deckel. Jedenfalls gehen doch so die meisten Puderdosen auf."
Das hatte ich natürlich vorher schon einmal probiert, aber ich versuchte es noch einmal. Vielleicht hatte ich nur nicht feste genug gedrückt. Zweimal hintereinander drückte ich feste auf den Deckel, und er sprang tatsächlich auf.
„Na, also", sagte Andy, „nun sieh mal nach, ob du einen Ausgang hier raus siehst. Ich bekomme allmählich Beklemmungen hier drinnen, außerdem wird es hier immer heißer, habe ich das Gefühl."
„Der Spiegel wird euch aber hier nicht viel nützen", sprach diese Piep stimme wieder.
Durch die Ausbuchtungen kamen die Silberflügel zurückgeflogen. Ich freute mich riesig, sie zu sehen.
„Hier ist eure Zauberkraft ohne jede Wirkung, denn dies ist ein neutraler Ort. Hier werden unsere Nachkommen geboren und großgezogen", sagte der Silberflügel.
„Ich fasse es nicht!" nörgelte Andy gleich wieder los.
„Wir befinden uns hier in einer Art Kreißsaal."
Wenn man Andy so reden hörte, konnte man glauben, dass er die Silberflügel nicht so besonders gut leiden mochte. Ich allerdings fand sie ganz niedlich.
Immer mehr von ihnen kamen herein geflogen. Jede trug ein kleines Behältnis bei sich. Es wimmelte hier nur so von Silberflügeln. Einige tauchten ihren Schnorchel in das Behältnis und saugten etwas heraus. Dann flogen sie auf meinen Arm und legten einen Tropfen aus ihrem Schnorchel auf meine Wunde. Es war ein giftgrünes Gel, das bald meine ganze Wunde bedeckte. Jeder Silberflügel legte nur einen Tropfen ab und es dauerte einige Zeit, bis von meiner Wunde nur noch ein giftgrüner Streifen zu sehen war.
„Wenn die Farbe verschwunden ist, wird deine Wunde verheilt sein. Es wird nicht lange dauern, du musst deinen Flügel nur ruhig halten", sagte der Silberflügel, der wohl der Anführer des Nebelvolks war.
Ich musste lachen, weil sie glaubten, dass mein Arm ein Flügel war, und klärte sie darüber auf, dass wir Menschen waren und Arme hatten.
„Wie kommen wir hier denn wieder raus?" fragte Andy barsch.
„Sobald die Wunde von deinem Freund verheilt ist, bringen wir euch hier raus. Wir werden euch den Weg zu den Quaraks zeigen. Doch wir können nur den Weg durch den Nebel nehmen. Er ist allerdings etwas länger und ungemütlicher. Solltet ihr dieses nicht wünschen, müsst ihr euer Glück alleine versuchen", erklärte er uns und schaute mit seinen großen, grünlichen Augen einmal Andy und dann wieder mich an.
„Es wäre wirklich ausgesprochen freundlich von euch, wenn ihr uns begleiten würdet", sagte ich zu ihm, da sich Andy nicht muckte.
Stattdessen verdrehte er seine Augen und sagte: „Schleim, Schleim."
Ich ignorierte Andys Worte und packte den Kompass zurück in das Bündel, als ich verblüfft feststellte, dass das erste Zeitblatt grau geworden war. Sollte tatsächlich schon ein Tag vergangen sein? So schnell verging ein Tag in unserer Welt aber nicht. Ich zeigte Andy das graue Blatt.
„Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren", sagte Andy zu dem Vorsprecher, „ein Zeitblatt ist schon abgelaufen, uns bleiben nur noch sechs Tage, um unseren Auftrag zu erfüllen."
„Es wird uns ein Vergnügen sein, euch begleiten zu dürfen", sagte der Silberflügel. „Übrigens, mein Name ist Arabella."
„Was für ein origineller Name", stichelte Andy schon wieder.
Doch noch ehe er sich versah, wirbelte er, wie von einem Hurrikan getragen, raus aus der Wabe und landete hart in dem Tunnel. Meine Landung fiel diesmal etwas sanfter aus. Ich bildete mir ein, dass es daran lag, dass ich nicht so unfreundlich zu den Silberflügeln war wie Andy.
„Sag mal, hört hier eure Zauberkraft auf?" fragte Andy Arabella.
„Beinahe", antwortete Arabella, „ manchmal reicht sie auch noch bis zum Ende des Tunnels. Nach dem Tunnel haben wir allerdings nicht mehr die Kraft zu zaubern."
Andy rieb sich die Schulter. „Das freut mich aber sehr."
„Ach", meinte Arabella, „das werden wir ja noch sehen."
Ich schaute auf meinen Arm. Meine Wunde war tatsächlich verschwunden. Das Licht in dem Tunnel kam mir wieder sehr dunkel vor, was bestimmt daran lag, dass es in der Wabe furchtbar hell war.
„Wo sind wir hier?" wollte ich von Arabella wissen.
„Dies ist der Durchgang zur dunklen Seite. Wir müssen uns beeilen, hindurch zu kommen, weil ihn die Quaraks oft benutzen", erklärte sie uns und wählte ein paar Silberflügel aus, die sie begleiten sollten.
Wieder lief mir bei dem Wort „Quaraks" ein Schauer über den Rücken. Am liebsten wäre ich losgerannt, um den Tunnel hinter mir zu lassen.
„Ich dachte, wir wären schon auf der dunklen Seite, als wir das blaue Land verlassen haben", sagte ich zu Arabella.
Sie nickte verstehend, wobei ihr Schnorchel ziemlich stark wackelte und erklärte: „Eigentlich ist es ein Niemandsland, viele behaupten aber, dass die dunkle Seite schon dort anfängt, doch wirklich beginnt sie erst nach dem Tunnel."
Wir liefen tatsächlich noch eine ganze Weile, bis der Tunnel zu ende war. Plötzlich standen wir vor einer steilen, endlosen Treppe. Sie hatte kein Geländer und schwebte völlig ohne Stützen in der Luft. Um sie herum war nur schwarzer Abgrund und sie war nicht breiter als meine Schultern.
„Da müssen wir runter?" fragte ich voller Entsetzten.
„Ich sagte doch, dass der Weg durch den Nebel länger und unbequemer ist", erinnerte uns Arabella.
Doch ich konnte keinen Nebel sehen, weder vor mir noch hinter mir. Noch bevor ich weiter nachfragen konnte, wagte sich Andy schon auf die Treppe, die bedenklich hin und her wackelte. Erst als er sein Gleichgewicht wiedergefunden hatte, folgte ich ihm. Wir konnten uns nirgends festhalten und leicht abstützen, wenn wir ins Schwanken gerieten, deshalb überlegte ich, ob ich im Sitzen die Treppe runterrutschen sollte. Vor uns her flogen Arabella und noch sechs weitere Silberflügel, die bisher noch nicht ein Wort gesprochen hatten.
„Ich glaube, das ist der Weg in die Hölle", sagte Andy und drehte sich zu mir um.
Es kam mir aber eher so vor, als führe er ins Nichts. Dennoch wurde es immer wärmer, je weiter wir die Treppe nach unten stiegen. Einmal drehte ich mich um, schaute hinauf und sah den erleuchteten Durchgang. Er leuchtete wie eine Lampe in der Dunkelheit. Unter ihm war diese Treppe, auf der wir standen, sonst nichts.
So sehr ich mich auch bemühte, etwas neben oder unter der Treppe zu erkennen, ich konnte nichts weiter sehen als Dunkelheit. Die Treppe selbst war von roter Farbe und hob sich in der Dunkelheit stark ab. So konnten wir wenigstens noch gut erkennen, an welche Stelle wir unsere Füße setzten. Wir liefen nun schon eine Ewigkeit. Es kam mir so vor, als würden wir überhaupt nicht vorwärts kommen, da wir keinerlei Orientierungspunkte hatten. Es wurde auch immer heißer. Zusätzlich hatte ich große Mühe, mein Gleichgewicht nicht zu verlieren.
„Wie weit ist es denn noch bis unten?" fragte ich Arabella.
Sofort flog sie auf mich zu und schwirrte um meinen Kopf.
„Das kann ich nicht sagen. Es ändert sich ständig", erklärte sie mir, bevor sie wieder zu den anderen Silberflügeln nach vorne flog.
Plötzlich spürten wir einen erfrischenden Wind. Im ersten Augenblick empfand ich ihn als angenehm, bis es mir eiskalt über den Rücken lief. Die Quaraks! Das war mein nächster Gedanke.
Auch die Silberflügel flogen nervös umher, und Arabella kreischte: „Die Quaraks. Sie sind ganz in unserer Nähe!"
Wo sollten wir uns aber hier vor ihnen verstecken? Hier gab es nur die Treppe und den Abgrund.
„Du musst was unternehmen, Darvin", schrie mich Andy an, und seine Stimme überschlug sich dabei.
Aber was sollte ich denn tun? Ich konnte mich vor Schreck kaum noch bewegen.
„Du musst schnell handeln, es wird immer eisiger. Sie können jeden Augenblick vor uns stehen, und dann seid ihr verloren", drängelte nun auch noch Arabella.
„Zaubere uns eine Wand oder lass uns einfach verschwinden, aber tu endlich was!" schrie Andy.
„Benutze deine Phantasie", hauchte mir Arabella zu.
Ich war so aufgeregt und musste aufpassen, nicht neben die Treppe zu treten. Ich sagte zu Andy: „Gib mir zwei Bongi Tongis", gleichzeitig aktivierte ich meinen Zauberfinger.
Andy wurstelte umständlich an dem Bündel auf meinem Rücken. Ich nahm die Murmeln erst gar nicht in meine Hand, sondern hielt meinen Zauberfinger auf die Bongi Tongis, die Andy mir entgegenhielt. Ich konnte uns zwar nicht wegzaubern, aber verzaubern und hoffte, dass es gelingen würde. Sollte es diesmal nicht gleich funktionieren, wären wir in den nächsten Sekunden verloren, denn der Wind war nun schon so eisig, dass ich meine Finger kaum noch bewegen konnte. Ich schloss meine Augen und konzentrierte mich. Es fiel mir nicht leicht, doch dann begann es in meinem ganzen Körper zu kribbeln. Es wurde mir heiß und im gleichen Augenblick wieder kalt. Für den Bruchteil einer Sekunde fühlte ich, wie ich den Boden unter meinen Füßen verlor. Dann flogen wir plötzlich wie die Silberflügel als winzige Wesen in der Luft.
Wir hatten noch nicht einmal so viel Zeit, uns in unserer neuen Formgebung zu betrachten, als vier Quaraks mit einem absolut eisigen Wind an uns vorbei stampften die Treppe rauf. Sie nahmen überhaupt keine Notiz von uns, so als würde es uns nicht geben. Die Silberflügel flogen eiligst zur Seite, als die Quaraks anmarschierten. Wir waren natürlich mit dem Fliegen und dem Benutzen von Flügeln nicht vertraut und wurden durch den Luftzug der vorbei marschierenden Quaraks wild umhergewirbelt. Dennoch erkannte ich vier Gestalten in schwarzen Capes. Sie hatten die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen und stießen dumpfe Geräusche aus, als sie an uns vorbeimarschierten. Ich hatte Mühe, mich in der Luft zu halten, zumal meine Arme, die nun Flügel waren, immer noch fast steif gefroren waren. Doch mit dem Verschwinden der Quaraks wurde auch die Luft um uns herum wieder wärmer und erträglicher. Ich erkannte Andy daran, dass er wie ein Verrückter mit seinen Flügeln schlug und wie eine wilde Hornisse die Gruppe der Silberflügel aufmischte. Andy erkannte mich daran, dass ich nicht so glasig aussah wie die Silberflügel, und weil an einer meiner Flügelspitze ein kleiner blauer Punkt leuchtete, mein Zauberfinger.
Andy amüsierte sich trotz seiner Absturzgefahr köstlich über unser Aussehen, als Arabella sagte: „Die Quaraks werden zurückkommen. Sie kommen immer nach wenigen Minuten zurück, wenn sie merken, dass sie nicht ins blaue Land eindringen können. Doch sie versuchen es immer wieder. Aber euer Zauber wird noch für ein paar Minuten anhalten, bevor er sich auflöst. Er müsste ausreichen, um die Quaraks noch einmal vorbeizulassen."
„Wieso sollte sich der Zauber von alleine auflösen? Darvin muss den Zauber auflösen. Er wird uns zurück verwandeln, wann er es für richtig hält", klärte Andy Arabella auf.
Arabella lachte und sagte: „Ihr wisst nicht viel über die dunkle Seite, stimmts? Hier dauert ein Zauber immer nur ein paar Minuten, dann hebt er sich von alleine wieder auf. Im Land der Quaraks müsste es wieder so sein, wie es euch gelehrt wurde."
Ich schluckte und hoffte, dass die Quaraks rechtzeitig zurückkamen und nicht gerade in dem Augenblick, wo sich der Zauber auflöste. Ich versuchte mich in die Nähe der anderen Silberflügel zu begeben, die etwas abseits flogen, und so dem Wirbel der Quaraks ausgewichen waren.
„Fliege besser nicht über den Abgrund", belehrte mich Arabella, „wenn sich der Zauber auflöst, wirst du tief fallen."
Um das aber auf jeden Fall zu vermeiden, flog ich ziemlich ungraziös wieder ein Stück über die Treppe, als ich auch schon wieder den eisigen Wind spürte. Diesmal konnte ich dem Wirbel ausweichen und hatte sogar Gelegenheit, die Quaraks besser in Augenschein zu nehmen.
Furchterregende, zerzauste, kleine Gnome waren es mit düster blickenden Augen. So düstere Augen, dass man glauben mochte sie hätten an der Stelle nur Löcher. Wie Mönche gekleidet mit Kutten, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, marschierten sie wie Soldaten mit gesenktem Haupt an uns vorbei, die Treppe wieder runter. Ich hatte eine meterdicke Gänsehaut, wenn Silberflügel so was überhaupt bekommen konnten.
Kaum waren die Quaraks aus unserem Blickfeld verschwunden, löste sich der Zauber auch schon auf, und wir fielen auf die Treppe. Ich krallte mich am Rand einer Stufe fest, um nicht abzustürzen. Andy hatte auch Mühe sich zu halten. Dabei fielen die Bongi Tongis aus seiner Hand. Sie stürzten heulend und unendlich lange in die Tiefe. Die Treppe wackelte ein wenig, aber wir setzten uns ruhig auf eine Stufe und warteten, bis sie sich nicht mehr bewegte.
Andy schaute mich an und fragte: „Warum waren die Bongi Tongis noch da? Sie hätten doch verschwunden sein müssen?"
Ich konnte es ihm nicht sagen. Ich hatte schon bei dem Zaubervorgang mit der Brücke nicht so ganz begriffen, warum es nicht so funktionierte, wie Rentius es uns erklärte, und zuckte nur mit den Schultern.
Doch Arabella hatte eine Erklärung dafür: „Auf der dunklen Seite hält ein Zauber immer nur für ein paar Minuten an, dann löst er sich von alleine wieder auf. In diesem Fall behaltet ihr die Bongi Tongis. Verwandelt ihr aber vor der abgelaufenen Zeit etwas zurück, dann sind auch die Bongi Tongis verschwunden. Ihr müsst auch wissen, dass ihr euch nie zweimal an einem Tag in etwas Gleiches verwandeln könnt. Heute wurdet ihr zu Silberflügeln, also müsst ihr euch für später etwas Neues einfallen lassen, morgen dürfen es dann wieder Silberflügel sein."
Andy nickte verstehend: „Eigentlich können wir froh sein, dass Darvin hier auf der dunklen Seite überhaupt zaubern kann."
„Oh, das geht schon", sagte Arabella freundlich, „nur funktioniert es hier ein wenig anders."
Arabella forderte uns auf weiterzugehen, da jederzeit die Quaraks wiederkommen könnten.
„Egal wohin die Quaraks auch gehen wollen, sie müssen immer den Durchgang benutzen und somit auch diese Treppe. Es wäre für uns also von Vorteil, würden wir sie schnell hinter uns lassen."
Plötzlich hatte ich eine grandiose Idee: „Was haltet ihr davon, wenn ich uns die Treppe hinunter zaubere? Oder besser noch, ich zaubere uns sofort zu dem bunten Licht und den Sonnen!"
Arabella lachte hell, und ihr Schnorchel rutschte dabei etwas zur Seite.
„Das wäre ohne jeden Zweifel die einfachste Möglichkeit, doch leider reicht für so einen Zaubervorgang die Sonne in deinem Herzen nicht aus. Das ist auch der Grund, warum hier auf der dunklen Seite der Zauber nur für ein paar Minuten hält. Wenn wir erst im Land der Quaraks sind bei den Sonnen, wird dein Zauber wieder so funktionieren, wie es Rentius dich gelehrt hat."
Dann flog Arabella wieder vor, und wir setzten unseren Weg fort die Treppe hinunter. Die Silberflügel flatterten emsig voran. Wir mussten schon zügig laufen, um Schritt halten zu können. Ich hoffte inbrünstig, dass wir hier auf der Treppe nicht noch einmal den Quaraks ausweichen mussten, und überlegte mir, in was ich uns dann verwandeln sollte. Ich wollte ihnen auf gar keinen Fall noch einmal so unvorbereitet begegnen.
Von Weitem hörten wir plötzlich ein dumpfes Dröhnen. Ich blieb stehen und lauschte in die Dunkelheit, als die Treppe langsam zu schaukeln begann. Von rechts nach links und stetig heftiger. Andy und ich ließen uns sofort auf die Knie fallen. Wir krallten uns an den Stufen fest, nicht wissend, was das zu bedeuten hatte. Wir schrien um die Wette. Ich dachte, mich nicht mehr lange halten zu können. Die Treppe war nur schulterbreit, und wir lagen nun schon quer über ihr und schauten in die Tiefe. Ich konnte Andys Beine in der Luft baumeln sehen, da er in entgegengesetzter Richtung über der Treppe hing.
„Das ist ein Beben", schrie Arabella. Doch wir konnten sie kaum hören, denn ein ohrenbetäubender Krach verschluckte alles Weitere, was sie sagte. Riesige Felsbrocken fielen zu beiden Seiten der Treppe herunter, manchmal haarscharf an unseren Köpfen vorbei.
„Festhalten", schrie ich Andy zu und merkte, dass ich mich selber kaum hören konnte, so laut war es plötzlich. Ich drehte meinen Kopf nach hinten und sah, wie Andy seinen Mund öffnete. Er versuchte, mir etwas zu sagen, doch ich konnte nicht ein Wort verstehen. Da traf ein mächtiger Stein Andys Bein. Er konnte sich nicht mehr richtig halten. Der Stein schob ihn mit der Kraft seines Aufpralls ein Stück seitlich von der Treppe runter. Ich musste Andys Hand zu fassen kriegen, damit er nicht in der nächsten Sekunde ganz abrutschen würde und in die Tiefe fiel, denn er war nicht länger in der Lage sich zu halten.
Die Treppe schaukelte nun so ungleichmäßig, dass man nicht vorhersagen konnte, zu welcher Seite sie sich als nächstes neigen würde. Die Silberflügel flatterten aufgeregt um uns herum und hatten selber alle Mühe, den abstürzenden Steinen auszuweichen. Mit Arabellas Hilfe konnte ich hier nicht rechnen, ich musste versuchen, Andy aus eigener Kraft zu retten. Ich sah, wie er weiter abrutschte und ständig etwas rief, was ich nicht verstehen konnte. Mit einer Hand versuchte ich, Andys Arm zu packen, doch ich kam nicht richtig an ihn heran. Dabei musste ich mich immer wieder mit beiden Händen auf die Treppe zurückziehen, um nicht selber abzustürzen. Jedes Mal, wenn ich nach Andys Arm griff, wackelte die Treppe so stark, das Andy weiter abrutschte. Er hing nun schon fast komplett in der Luft und hielt sich nur noch am Rand der Treppe fest. Ich konnte sehen, wie seine Hände langsam von der Treppe abzurutschen drohten. Mir blieb nichts anderes übrig, als einmal im richtigen Augenblick Schwung zu holen, um Andys Arm zu packen. Das musste allerdings gleich beim ersten Mal klappen, sonst würde er ins Nichts abstürzen. Ich stützte mich auf meine Ellenbogen und warf meinen Oberkörper mit letzter Kraft auf die Treppe. Gleichzeitig griff ich mit beiden Händen nach Andys Armen. Ich hatte ihn! Abstürzen konnte er nun nicht mehr, aber ich hatte nicht die Kraft, ihn hochzuziehen. Wir hielten uns gegenseitig an den Handgelenken und warteten auf das Ende des Bebens.
Das Dröhnen erfüllte noch immer alles um uns herum, aber Steine und Felsbrocken fielen nur noch wenige herunter. Allmählich ließ auch das Schaukeln der Treppe nach. Dann trat Stille ein. Eine Stille, die schon beinahe in den Ohren schmerzte.
Das Erste, was ich hörte, war Arabellas aufgebrachte Stimme: „Heilige zwei Sonnen, ihr lebt noch! Ich dachte zuweilen, ihr würdet in die Tiefe stürzen!"
Das dachte ich allerdings auch, und wenn ich nicht bald Andy hier hochziehen könnte, dann würde unter Garantie noch einer abstürzen. Ich versuchte mit all meiner kaum noch vorhandenen Kraft, Andy hochzuziehen. Doch er bewegte sich nicht einen Millimeter nach oben, deshalb meckerte ich ihn an: „Du musst schon ein bisschen mithelfen, wenn du hier rauf willst! Lange kann ich dich nicht mehr so halten!"
Da paddelte Andy wie ein Verrückter mit seinen Beinen in der Luft herum, doch höher kam er dadurch nicht.
„So klappt das nicht", sagte ich, „wir müssen es gemeinsam versuchen. Wenn ich dich hoch ziehe, musst du Schwung holen und versuchen, mit deinem Oberkörper auf die Treppe zu kommen!"
Andy nickte nur. Ich zog mit einem Ruck an seinen Händen. Er versuchte mit Schwung nach oben zu kommen, doch es reichte bei Weitem nicht aus, um ihn auf die Treppe zu bekommen.
„Du musst mehr Schwung holen, mehr Schwung", trällerte Arabella, die aufgeregt von einem zum anderen flog.
„Ich kann nicht mehr", stöhnte Andy, „ich habe keine Kraft mehr."
Er musste aber, denn ich merkte wie meine Hände zu schwitzen begannen, und wie er mir langsam entglitt.
„Du meinst also, ich soll dich einfach loslassen?" fragte ich ihn in der Hoffnung, dass er jetzt noch einmal seine ganze Kraft aufbringen würde.
Andy bekam große Augen. Er spürte auch, dass er mir aus den Händen zu gleiten drohte. „Also los!", forderte ich ihn auf, „Noch ein einziges Mal. Du wirst es schaffen!"
Aus Angst, jede Sekunde abrutschen zu können, holte er das Letzte aus sich heraus. Als ich mit einem Ruck an seinen Händen zog, schnellte er hoch und landete mit dem Bauch auf der Treppe. Völlig erschöpft setzten wir uns auf eine Stufe und mussten verschnaufen. Arabella war außer sich vor Freude. Hätte sie Hände gehabt und keine Flügel, sie hätte geklatscht.
„Warum, in aller Welt, hast du nichts gezaubert?" fragte Andy mich allen Ernstes.
Ich konnte nicht glauben, was er mich da fragte, und antwortete ihm erzürnt: „Wie hätte ich denn, bitteschön, ein Bongi Tongi aus dem Bündel holen sollen, ohne loszulassen? Ich hatte schon genug Mühe mich festzuhalten. Dass ich dich aber auch noch gehalten habe, scheinst du ja schnell vergessen zu haben!"
Ich war sauer, da rettete man ihm das Leben, und er meckerte hier noch laut herum!
„Los!" sagte ich zu Andy in einem äußerst unfreundlichem Ton, „Schau durch den Borikatan und stelle fest, ob du das Ende der Treppe sehen kannst."
Andy war sich seiner ungerechten Frage bewusst und schaute, ohne ein weiteres Wort zu sagen, durch den Borikatan. Kleinlaut teilte er uns mit, dass er das Ende der Treppe sehen könne, und dass es noch ein ganzes Stück zu laufen sei.
„Wir sind in zwei Minuten unten", sagte ich bestimmend und kramte ein Bongi Tongi aus dem Bündel.
„Was hast du denn nun vor?" wollte Arabella wissen, doch ich ignorierte ihre Frage.
Ich war noch viel zu sauer auf Andy, als dass ich Arabella eine freundliche Antwort hätte geben können.
Stattdessen sagte ich an alle gerichtet: „Ihr wollt Phantasie? Bitte, ihr sollt sie haben!"
Ich aktivierte meinen Zauberfinger und hielt ihn auf die Murmel. Dann schloss ich meine Augen und konzentrierte mich. Gleich darauf stand ein etwas größerer Schlitten zu unseren Füßen. Arabella fragte natürlich sofort: „Was ist das denn für ein seltsames Ding?"
Andy drängte Arabella aus dem Weg und sagte zu mir: „Du glaubst doch wohl nicht im Ernst, dass ich damit die Treppe runterrutsche?"
„Du darfst natürlich auch gerne zu Fuß weiterlaufen. Vielleicht hast du ja noch Bedarf an Abenteuern auf dieser Treppe! Ich werde nun hinunterfahren, mit dir, oder ohne dich. Mein Bedarf an Abenteuer auf dieser Treppe, ist nämlich gedeckt", sagte ich und setzte mich auf den Schlitten.
Etwas zögernd nahm Andy hinter mir Platz. Arabella gab keine Ruhe.
„Nun sag schon! Was macht man mit diesem Ding?"
„Man rutscht in zwei Minuten die Treppe hinunter. Ihr solltet euch einen sicheren Platz suchen und gut festhalten", sagte ich zu Arabella und den anderen Silberflügeln.
Andy krallte sich an meiner Jacke fest, und ich gab dem Schlitten einen Schubs. Mit einer sagenhaften Geschwindigkeit rasten wir die Treppe hinunter. Die Bongi Tongis in dem Bündel begannen zu heulen. Noch nie in meinem Leben bin ich so schnell einen Berg hinuntergefahren wie hier die Treppe. Es war ein riesiger Spaß, der aber schnell vorbei war, als wir das Ende der Treppe erreichten. Der Schlitten rutschte über die letzte Stufe und setzte hart auf dem Boden auf. Mit ungebremster Geschwindigkeit fuhren wir weiter auf einen See zu, der sich vor der Treppe erstreckte. Mit einem harten Schlag prallte der Schlitten gegen einen Felsbrocken, und wir flogen im hohen Bogen in das Wasser. Noch während ich auf den See zuflog, dachte ich mit Schrecken an den See im blauen Land und fragte mich, ob dieser hier wohl auch verzaubert war. Doch dann spürte ich wie das Wasser durch meine Kleidung drang und war glücklich, nicht in einem verzauberten See gefangen zu sein. Mühsam und erschöpft krabbelten wir auf allen Vieren ans Ufer. Die Silberflügel waren in heller Aufregung, noch nie waren sie nass geworden und noch nie hatten sie solch eine Geschwindigkeit erlebt!
„Heilige zwei Sonnen, was ist denn passiert?" trällerte Arabella auch schon los.
Sie schüttelte ihre Flügel und saugte mit ihrem Schnorchel das Wasser von ihrem restlichen kleinen Körper. Andy stand inmitten der sich absaugenden Silberflügel, dabei sah er selber aus wie ein begossener Pudel. Ich musste lachen.
Meine Sachen klebten am Körper, und das Wasser lief mir aus meinen Hosenbeinen. Doch das war mir egal. Hauptsache die Treppe lag hinter uns!
Ich wollte mir noch einmal unseren zerborstenen Schlitten ansehen, doch er war schon verschwunden, der Zauber war vorbei. Die Silberflügel waren noch immer damit beschäftigt, sich das Wasser abzusaugen, deshalb setzte ich mich auf einen Stein und wartete. Eine umwerfende Müdigkeit überkam mich plötzlich, nur mit Mühe konnte ich meine Augen offen halten. Ich überlegte, wie lange wir schon in dieser fremden Welt waren, doch ich hatte keine Ahnung. Die Zeit verging hier anders. Es wurde hier auch nicht dunkel und ich konnte beim besten Willen nicht sagen, wann ein Tag zu ende ging. Nur meine Müdigkeit sagte mir, dass wir eine Pause bitter nötig hatten. Deshalb schlug ich vor, uns eine Höhle aus den umher liegenden Steinen zu zaubern, als Arabella mich erinnerte: „Deine Höhle wird aber nicht von langer Dauer sein."
Natürlich! Der Zauber würde sich nach ein paar Minuten wieder auflösen. Also mussten wir nach einer schon vorhandenen Höhle Ausschau halten, was aber bei den vielen herumliegenden Steinen kein Problem sein sollte.
Soweit mein Auge reichte, sah ich nur diesen See und ein Meer von abgestürzten Steinen. Die Luft war ziemlich stickig und warm, was aber für unsere Kleidung von Vorteil war, so würde sie schneller trocknen. Wir mussten länger nach einem Unterschlupf suchen, als ich angenommen hatte. Viele Steine lagen so wackelig übereinander, dass es lebensgefährlich war, sich darunter zu verstecken. Wir waren schon ein ganzes Stück von der Treppe entfernt, als wir eine passende und sichere Höhle fanden.