Darvin, und das Zauberloch na...

By MadameWuwu

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Eigentlich ist Darvin ein ganz normaler Junge, aus einer ganz normalen Familie. Doch dann geschehen rätselha... More

Kapitel 1 Die Entdeckung
Kapitel 2 Der Zeittunnel
Kapitel 3 Das blaue Land
Kapitel 5 Die Reise ins Unbekannte
Kapitel 6 Die Wabbels
Kapitel 7 Im Land der Quaraks
Kapitel 8Der Kampf um die Sonnen
Kapitel 9 Die Rückkehr

Kapitel 4 Der Zauberlehrling

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By MadameWuwu

                                                                                       Kapitel 4

                                                                               Der Zauberlehrling

Wir verließen mit den Vierfingern das Flogger. Ich hatte keine Ahnung, wohin sie uns nun bringen würden. Melanka sprach mit Bohumil wieder in der Sprache, die wir nicht verstehen konnten, und ich fragte Victor: „Wie kommt es, dass ihr unsere Sprache versteht? Wie ich höre, sprecht ihr eigentlich eine ganz andere."

Victor hob seine Arme in die Luft, so als hätte er vergessen, uns etwas Wichtiges mitzuteilen, und sagte: „Von jedem, der das Zauberloch betritt, verstehen wir die Sprache. Zum Glück waren es noch nicht so viele."

„Wieso zum Glück?" wollte ich wissen.

„Na ja, man kann nie wissen, wer da kommt, und ob er in Frieden kommt", erklärte er mir.

Das konnte ich gut verstehen. Wenn ich mir vorstellte, dass in meinem Zimmer jederzeit eine Tür aufgehen könnte, und irgendwelche fremden Wesen einfach so hereinspazieren würden, wäre ich auch nicht so erbaut davon.

Der kleine Trupp setzte sich in Bewegung. Wir liefen den Zwergen hinterher auf einem Pfad, der um den See herumführte. Das Wasser des Sees sah einladend aus, ich hätte so hinein springen können. Es gab keinerlei äußere Anzeichen dafür, dass er enorm gefährlich war. Melanka erinnerte uns auch prompt daran, auf das Wasser zu achten, und es auf gar keinen Fall zu berühren. So allmählich hatte ich den Eindruck, dass diese Vierfinger Gedanken lesen konnten. Es war jetzt schon mehrmals vorgekommen, dass ich mich in Gedanken etwas gefragt hatte, und im gleichen Augenblick, gab mir ein Vierfinger seinen Kommentar dazu ab. Wenn sie schon zaubern konnten, warum dann nicht auch noch Gedanken lesen? Ich beschloss, die Sache ein wenig zu beobachten.

Immer wieder schaute ich auf meinen Finger in der Hoffnung, dass er doch noch einmal zu leuchten beginnen würde. Und als ich glaubte, dass mich keiner beobachtete, schüttelte ich ihn und hielt ihn dabei mal nach oben und dann wieder nach unten. Aber das blaue Licht blieb aus.

„Tja", vernahm ich auch prompt Andys Stimme, „du hättest dir Ersatzbatterien einstecken sollen. An denen könntest du nun lutschen. Vielleicht würde er ja dann wieder leuchten, dein Zauberfinger."

Ich tat so, als hätte ich kein Wort vernommen. Schließlich war ich nicht hier, um mir sein dummes Geschwätz anzuhören. Natürlich konnte ich verstehen, dass er auch gerne zaubern würde, aber wenn es nun mal nur der Bursche darf, was sollte ich da machen? Ich hatte mir nicht gewünscht, der Bursche aus dem Zauberloch zu sein.

Wir liefen nun schon eine ganze Weile, ohne dass sich das Bild veränderte. Jedes Mal, wenn wir um einen großen Felsen kamen, erwartete ich etwas Aufregendes zu sehen, aber es gab hier nur Felsen, Felsen und diesen gefährlichen und doch so schönen See.

Wir trotteten weiter hinter den Zwergen her. Mir fiel auf, dass Rentius im Gegensatz zu den anderen ehrwürdigen Vierfingern ein ziemlich hektischer und nervöser Zwerg war. Er hüpfte förmlich voran und drehte dabei seinen Kopf in alle Richtungen.

Plötzlich erstreckte sich vor uns die große Felswand, auf der wir mit Victor gestanden und ins blaue Land gesehen hatten. Durch ein Loch im Felsen erreichten wir einen großen Platz. In der Mitte des Platzes stand ein sehr hohes, zweistöckiges Flogger. Auch dieses hing an Seilen, knapp über den Boden. Auf dem Platz wimmelte es von kleinen und etwas größeren Zwergen, die wild umhersprangen und mit diesen Murmeln spielten, die wir bei Victor gesehen hatten. Die Murmeln gaben die ulkigsten Töne von sich, je nachdem, ob man sie warf, kullerte oder weg schleuderte.

Dann kam einer der kleinen Zwerge auf Melanka zu gerannt und redete wild auf sie ein. Melanka streichelte zärtlich den Kopf des Kleinen und lächelte ihn an. Da fiel mir auf, dass er sehr große und auffällige, fleischige Ohren hatte und dass seine Gestalt grün war. Alle kleinen Zwerge waren hier grün.

Jelatinus drehte sich zu uns um, als er stolz

verkündete: „Das hier ist unser Schulflogger." Er machte eine weit ausholende Bewegung: „Und das hier sind unsere Grünohren. Es sind die kleinsten von uns Vierfingern."

Neugierig schauten uns die Grünohren an. Einige der ganz kleinen kamen sogar, um uns zu berühren. Es wurden immer mehr Grünohren die aus allen Himmelsrichtungen auf uns zuströmten. Damit sie uns aber nicht gleich am ersten Tag auseinanderrissen, klatschte Jelatinus in die Hände, rief etwas in seiner Sprache und plötzlich war der Platz wieder leer. Die Grünohren waren ohne zu murren und zu knurren in das Schulflogger gelaufen. Doch sie schauten aus allen Fenstern und Türen. Jelatinus packte meinen Arm, zog mich ein Stück zu sich hinunter und sagte: „Ihr müsst sie entschuldigen, aber sie wissen, dass du der Bursche bist. Sie wollen natürlich miterleben, wie du die Zauberkunst erlernst. Du musst bedenken, dass sie alle nie zaubern gelernt haben und auch an keinem Zaubervorgang jemals teilhaben konnten, weil seit zweihundert und drei Jahren im blauen Land niemand mehr zaubern kann."

„Aber, warum sind sie so grün? Ich dachte alle Vierfinger sehen blau aus", fragte ich Jelatinus.

„Oh, sie werden noch blau. Je älter sie werden, und je mehr Wissen sie sich aneignen, umso blauer werden sie. Doch das kann noch einhundert Jahre dauern", erklärte er mir.

„Einhundert Jahre?" fragte ich erstaunt.

„Ja, natürlich. Wir Vierfinger werden bis zu vierhundert fünfzig Jahre alt. Auch ich lebe nun schon vierhundert und einunddreißig Jahre im blauen Land."

Das verschlug mir die Sprache. Jelatinus grinste mich an, drückte fest meine Hand und begab sich zu der kleinen Mauer, die um den Platz herum gebaut war. Alle ehrwürdigen Vierfinger und Andy saßen auf der Mauer und schauten auf mich. Rentius kam nervös auf mich zugehüpft im Schlepptau eine kleine Horde Grünohren. Sie sprangen um ihn herum, als er mir erklärte: „Du musst deine Phantasie einsetzen, sonst wirst du deinen Zauberfinger nicht aktivieren können."

Die Grünohren schubsten Rentius bald über den Haufen. Aufgebracht meckerte er los: „Nein, nein und noch Mal nein! So geht das nicht! Wenn ihr einen Zaubervorgang miterleben wollt, dann schaut vom Schulflogger aus zu. Ich muss hier meine Ruhe haben!"

Doch die Grünohren ignorierten Rentius Worte, so als hätte er überhaupt nicht zu ihnen gesprochen. Er sah händeringend, nach Hilfe suchend zu Jelatinus rüber. Jelatinus klatschte ohne aufzustehen oder näher zu kommen in die Hände, und die Grünohren waren wieder verschwunden.

„Na also! Warum denn nicht gleich so?" rief Rentius noch hinter ihnen her, obwohl schon kein Grünohr mehr zu sehen war.

Dann drehte er sich wieder zu mir um und sagte: „Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja! Nur durch dein Denkvermögen kannst du den Zauberfinger aktivieren. Du musst dir fest wünschen, dass er zu leuchten beginnt, dann sollte er es auch tun. Also, versuche es einmal."

Ich schaute auf die Zwerge und Andy, die auf der Mauer hockten wie Theaterbesucher, die auf eine Vorstellung warteten. Jelatinus saß, gestützt von seinem Stock, auf der Mauer und reckte seinen Kopf etwas nach vorne, so, als könnte er dadurch besser sehen, was passierte. Andächtig schloss ich meine Augen und versuchte, mir das Bild vor Augen zu holen, als ich meinen Finger leuchten sah. Dabei hielt ich ihn unbemerkt über den Kopf, so als wollte ich dem Rest der Welt zeigen, was ich vermag. Doch es passierte nichts. Mein Kopf lief rot an, weil ich versuchte, das Letzte aus mir herauszuholen, als Rentius rief: „Nein, nein, nein! So geht das nicht! Du brauchst dafür überhaupt keine Kraft. Phantasie! Alles was du brauchst ist Phantasie!"

Dabei gestikulierte er wild mit seinen dicken Fingern vor meinem Gesicht herum.

Dass es nicht gleich beim ersten Mal klappen würde, war mir klar, aber Rentius scheinbar nicht. Die anderen ehrwürdigen Zwerge schauten mit unveränderter Miene zu mir herüber. Sie machten auf mich nicht gerade den Eindruck, als wären sie von meiner Vorstellung begeistert.

Ich schloss erneut meine Augen und versuchte, mich zu konzentrieren. Nichts. Mein Finger wollte einfach nicht leuchten. Ich war verzweifelt und Rentius auch. Hektisch lief er vor mir auf und ab. Er erklärte mir, dass es eine der leichtesten Übungen ist, den Zauberfinger zu aktivieren. Der eigentliche Zaubervorgang sei viel schwieriger. Melanka kam auf uns zugelaufen und bat Rentius um mehr Gelassenheit, da er schon ganz aufgelöst war. Als er sich etwas beruhigt hatte, nickte mir Melanka aufmunternd zu, und ich versuchte mein Glück noch einmal. Ich konnte den blauen Finger direkt vor meinen geistigen Augen sehen, doch als ich sie öffnete, sah mein Finger aus wie immer. Er leuchtete nicht, nicht ein bisschen. Rentius war außer sich. Er hielt die Hände über den Kopf und lief wie ein aufgeschrecktes Huhn über den Schulhof, als Jelatinus sich mühsam erhob und auf mich zukam.

„Zaubern lernen ist nicht so einfach, doch lass dich von Rentius nicht nervös machen. Erlange deine innere Ruhe wieder. Du wirst sehen, es geschieht wie durch Zauberhand", sagte er und tätschelte mir liebevoll wie ein Großvater die Hand. Dann machte er sich wieder auf den Weg zur Mauer und setzte sich behäbig. Von Weitem sah es so aus, als würde er schlafen.

Ich atmete tief durch und dachte an Jelatinus Worte. Innere Ruhe, blauer Finger, innere Ruhe, blauer Finger. Vor meinen geschlossenen Augen erblickte ich einen blauen Finger, so schön, das hatte die Welt noch nicht gesehen, als mich Rentius am Arm packte und rief: „Du hast es geschafft! Du großes blaues Land, du hast es tatsächlich geschafft!"

Ich öffnete meine Augen und sah meinen blauen Finger. Andy und die ehrwürdigen Vierfinger standen auf und klatschten mir Beifall. Voller Stolz hielt ich meinen Finger so hoch in die Luft, dass mir sogar die Grünohren zujubelten.

Doch ich konnte mich über meinen großen Erfolg nicht lange freuen, denn schon schoss Rentius wieder auf mich zu: „Nun bist du bereit für den eigentlichen Zaubervorgang. Du wirst verzaubern und etwas zur Seite zaubern lernen. Für das Herbeizaubern haben wir nicht die Zeit. Wir beginnen mit dem Verwandeln."

„Wieso?" fragte ich, weil ich nicht ganz verstand, was das sollte.

Ich hatte doch meinen Zauberfinger, was gab es da noch zu lernen? Rentius atmete schwer und erklärte mir: „Du hast nur deinen Zauberfinger aktiviert, mit ihm kannst du nun verschiedene Zaubervorgänge machen. Aber dafür musst du auch wissen, wie es funktioniert. Und das werde ich dich nun lehren."

Es war doch schwieriger, als ich angenommen hatte. Ich dachte, ich bräuchte nur meinen Finger zu aktivieren, auf etwas zeigen und los geht's.

Rentius rannte auf dem Schulhof herum und suchte eifrig den Boden ab. Er hob etwas auf, kam zu mir zurück und drückte mir einen kleinen Stein in die Hand. Mit erhobenem Zeigefinger sagte er: „Du kannst nur dann Dinge verzaubern oder verwandeln, wenn du einen anderen Gegenstand in deiner Hand hältst, in den sich dein zu verwandelndes Objekt verwandeln kann."

Ich schaute mit aufgerissenen Augen auf Rentius. Ich hatte nichts begriffen von dem, was er sagte. Das sah mir Andy wohl an, denn er schrie großkotzig zu mir herüber: „Der Stein verwandelt sich in das, was du dir wünschst. So schwer war das doch wohl nicht zu verstehen, oder?"

Wenn ich, so wie er, nur auf der Mauer zu sitzen brauchte, könnte ich auch eine große Klappe riskieren, deshalb rief ich zurück: „Wenn du glaubst, dass du es besser kannst als ich, dann solltest du es vielleicht mal probieren."

Die Vierfinger kicherten amüsiert über unsere Vorstellung, und es dauerte nicht lange, da mischte sich Rentius auch schon wieder ein: „Aber, aber. Also, so geht das nun wirklich nicht, etwas mehr Konzentration, wenn ich bitten darf!"

Er geriet schon etwas ins Schwitzen, als er versuchte, es mir etwas bildlicher zu erklären. Dabei nahm er mir den Stein wieder ab und fuchtelte mir mit ihm vor der Nase herum.

„Wenn du deinen Schuh in eine Jacke verwandeln möchtest, dann brauchst du dafür einen Gegenstand. Beim Zaubervorgang, verschwindet der Schuh in dem Gegenstand und macht den Platz frei für die Jacke. Der Gegenstand, in unserem Fall also der Stein, bleibt ein Stein so wie er ist. Nimmst du den Zaubervorgang zurück, wird die Jacke wieder zu deinem Schuh, aber der Stein wird verschwunden sein. Darum musst du immer genügend Gegenstände haben, um verzaubern zu können. Möchtest du nur Dinge öffnen, schließen oder zur Seite zaubern ist so ein Gegenstand nicht nötig."

Dabei warf er den Stein weit von sich, um seine letzten Worte noch bildlicher darzustellen.

Gleichzeitig fiel ihm aber ein, dass wir doch den Vorgang des Verzauberns üben wollten, und er schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn als er sagte: „Entschuldigung, Entschuldigung, aber ich bin schon ganz aufgelöst. Immerhin wurde hier auf diesem Schulhof schon seit über zweihundert Jahren nicht mehr gezaubert. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich das noch erleben darf."

Nervös hüpfte er wieder los, brachte mir eine von diesen bunten Murmeln und sagte: „Wir versuchen es mit einem Bongi Tongi."

Ich schaute auf die Murmel und fragte: „Bongi Tongi?"

„Ja", sagte Rentius, „Bongi Tongis! Damit spielen alle Grünohren im blauen Land."

Plötzlich erhob sich Jelatinus, kam auf uns zu, sprach einige Worte in Vierfingersprache mit Rentius und zog dann wieder ab. Rentius zuckte mit der Schulter und sagte: „Wir beginnen also damit, etwas zur Seite zu zaubern. Wenn du das beherrschst, ist Verzaubern ein Klacks. Jelatinus ist der Ansicht, dass uns nicht so viel Zeit bleibt, also bitte.

Zeige mit deinem Finger auf das Bongi Tongi. Wünsche dir, dass es dort drüben auf dem Felsen neben dem Schulflogger liegt. Aber denke an deine Phantasie. Nur mit Phantasie wirst du es schaffen."

Rentius ging aus der Schusslinie und kreuzte seine Arme vor der Brust. Ich schaute auf die Stelle, an der die Murmel liegen sollte, und prägte mir dieses Bild ein. Dann zeigte ich mit meinem Zauberfinger auf das Bongi Tongi in meiner Hand. Ich schloss meine Augen.

Ich holte mir die Murmel in mein Gedächtnis und sah sie vor meinem geistigen Auge langsam auf den Felsen zufliegen. Vorsichtig legte ich sie genau an der Stelle ab, die ich mir eingeprägt hatte. Das Bongi Tongi lag noch nicht ganz in meiner Vorstellung, da hörte ich Andy, der wie verrückt in die Hände klatschte und schrie: „Klasse, Mann, echte Klasse! Wahnsinn, das ist der absolute Wahnsinn! Kaum zu glauben! Irre!"

Ich schaute verblüfft auf die Murmel in meiner Hand. Ich konnte nicht begreifen, warum Andy so aus dem Häuschen war. Auch die Vierfinger schauten sich verblüfft um und verstanden überhaupt nichts. Als Andy merkte, dass er der Einzige war, der so ein Affentheater aufführte, hielt er inne. Verdutzt fragte er mich: „Ja, was ist denn? Freust du dich denn gar nicht? Es hat doch gleich beim ersten Mal geklappt."

Rentius stand neben mir. Er verrenkte sich bald den Hals, um von hier aus sehen zu können, ob das Bongi Tongi auf dem Felsen lag. Ich hielt die Murmel in meiner Hand hoch, damit alle sie sehen konnten.

„Du großes blaues Land, wie kann denn so etwas passieren?" sagte Rentius schockiert und rannte wieder wie ein aufgeschrecktes Huhn über den Schulhofplatz.

Auch Jelatinus und Bohumil erhoben sich von ihren Plätzen und schauten sich verwirrt um.

Rentius holte die Murmel vom Felsen und bat mich, meine Murmel in der Hand noch einmal hoch zu halten, damit alle sie sehen konnten. Nicht verstehend was passiert war, schnatterten alle gleichzeitig in ihrer Sprache los. Man konnte an Hand ihrer Gestik erkennen, dass sie dafür keine Erklärung hatten. Ich konnte mir aber auch nicht erklären, wie die Murmel auf den Felsen gekommen war, schließlich hielt ich sie doch die ganze Zeit in der Hand. Melanka brach aus der Gruppe aus und kam zügigen Schrittes auf mich zugelaufen, blieb aber dann abrupt in der Mitte des Platzes stehen und rief mit durchdringender

Stimme: „Hanja!"

Alles blieb still. Einige Sekunden verstrichen und wieder rief Melanka: „Hanja, du kommst sofort hinter dem Felsen hervor!"

Alle Augen blickten zu dem Felsen, als zögernd ein Grünohr zum Vorschein kam. Doch ich verstand noch immer nicht. Was hatte dieses Grünohr mit meinem misslungenem Zaubervorgang zu tun? Erst als Melanka sie fragte, ob sie sich einen Spaß erlaubt und das Bongi Tongi auf den Felsen gelegt hätte, dämmerte es mir. Das Grünohrenmädchen nickte. Sie wurde sich erst jetzt richtig bewusst, dass es ein wirklich übler Spaß gewesen war. Jelatinus bat Melanka um Einhalt. Er war nicht der Ansicht, dass der Spaß so übel war, dass Hanja bestraft werden müsste, und schickte sie lächelnd zu den anderen ins Schulflogger, mit der Auflage, auch dort zu bleiben und nicht weiter aufzufallen. Schleunigst machte sich Hanja davon. Rentius kam kopfschüttelnd zu mir zurück. Die ehrwürdigen Zwerge setzten sich wieder auf die Mauer, und es sah so aus, als würde Jelatinus noch immer lächeln.

„Soviel los war hier schon lange nicht mehr", sagte Rentius und schüttelte noch immer seinen Kopf. Ich fand es allerdings auch nicht so schlimm, ganz im Gegenteil. Bei der Ernsthaftigkeit, mit der Rentius zu Werke ging, tat so eine Abwechslung richtig gut.

Rentius stand neben mir, hielt sich einen Finger an die Stirn und schien zu überlegen.

Dann watschelte er wieder los und murmelte etwas vor sich hin, das ich nicht verstehen konnte. Er kam mit einem langen morschen Brett zurück und legte es vor meinen Füßen ab.

„Damit sollte es aber diesmal klappen", sagte er. Er bat mich, das Brett, auf die Mauer zu zaubern neben die ehrwürdigen Zwerge.

Mittlerweile war so viel Zeit vergangen, dass ich meinen Finger neu aktivieren musste.

Ich konzentrierte mich auf das blaue Licht und schon war es da. Diesmal klappte es wunderbar. Ich war stolz, wie schnell es ging. Rentius drängelte mich, und mit seiner nervösen Art machte er mich ganz irre. Ich schaute zu Andy, der schon wieder an seinen Fingernägeln kaute, als Rentius sagte: „Also, bitte."

„Ja, ja", sagte ich, „ich mache ja schon."

Wieder schloss ich meine Augen, sah das Brett zu meinen Füßen liegen und zeigte mit meinem Finger darauf. Ich sah vor meinem geistigen Auge wie sich das Brett langsam anhob und in der Luft schwebte.

„Phantasie", hörte ich Rentius neben mir flüstern, „benutze deine Phantasie!"

Für den Bruchteil einer Sekunde, dachte ich an eine waagerecht, vorbeischießende Rakete und ermahnte mich. Nur keinen falschen Gedanken jetzt. Das Brett schwebte in Bauchhöhe vor mir, als ich Rentius schon wieder flüstern hörte: „Phantasie."

Zu spät. Ich konnte meinen Gedanken nicht unterdrücken, ich musste einfach an eine losschießende Rakete denken, als das Brett so vor mir in der Luft schwebte. Genauso schoss das Brett los, schnell wie eine Rakete, haarscharf über die Köpfe der ehrwürdigen Zwerge hinweg, prallte dann an die Felswand und fiel, in tausend Stücke zerborsten, auf die Erde.

Schockiert schaute ich auf Andy und die ehrwürdigen Zwerge, die allesamt auf dem Boden vor der Mauer saßen und mich aus großen Augen anstarrten. Bohumil lag sogar auf der Erde. Er konnte noch gar nicht glauben, was ihm da gerade widerfahren war.

Ich war mir sicher, dass sie mich nun einen Kopf kleiner machen würden, statt dessen hagelte es Vorwürfe auf Rentius nieder, der wie angewurzelt neben mir stand. Seine blaue Farbe war aus seinem Gesicht gewichen, er sah beinahe blass aus. Nachdem sich die Zwerge etwas beruhigt hatten, nahmen sie ihre Logenplätze auf der Mauer wieder ein und schauten abwartend auf mich. Rentius atmete schwer, er hatte eine gebeugte Haltung angenommen. Leise sagte er zu mir: „Offensichtlich hast du ja nun begriffen, wie es funktioniert. Jetzt versuche das Gleiche zielstrebiger und mit etwas weniger Phantasie noch einmal."

Vorsichtshalber sollte ich nun ein Brett senkrecht an das Flogger lehnen. So dramatisch hatte ich mir Zaubern lernen nicht vorgestellt. Da komme ich hierher, um die ehrwürdigen Zwerge und ihr Land zu retten, und hätte sie um Haaresbreite geköpft!

Rentius brachte sich weit entfernt von mir in Sicherheit, als ich erneut meine Augen schloss.

Diesmal versuchte ich nur an das Brett zu denken und wie es langsam hinüber zum Flogger schwebte. Alles was mir dabei noch so in den Sinn kommen wollte, erstickte ich sofort im Anflug. Ich sah nur noch das Brett, das alte morsche Brett. Gemächlich ließ ich es dahin schweben, ohne hektische Bewegungen. Dann stellte ich mir das Flogger vor, wie ich es sah, als wir hier ankamen, und lenkte in Gedanken das Brett neben die Eingangstür. Ich vernahm ein leises Knarren und öffnete meine Augen. Das Brett stand neben der Tür, aber nur für ein paar Sekunden, dann fiel es krachend zu Boden. Ich hatte es etwas schief abgestellt, aber es hatte gestanden, und zwar genau da, wo es stehen sollte. Ich hatte es geschafft, ich konnte zaubern!

Plötzlich schossen aus allen Ritzen und Nischen die Grünohren auf mich zu und bejubelten meinen ersten gelungenen Zaubervorgang. Es waren unzählig viele Grünohren in den verschiedensten Altersgruppen, die mich umringten wie einen absoluten Superstar. In derselben Sekunde sprangen die Vierfinger von ihren Plätzen und jubelten. Selbst Jelatinus tanzte, auf seinen Stock gestützt, im Kreis herum wie Rumpelstilzchen. Von allen Seiten drangen Stimmen auf mich zu, die riefen: „Er kann zaubern, er hat es geschafft, er kann zaubern!"

Rentius stand erhobenen Hauptes neben mir und schaute in die tobende Meute. Ich fühlte mich wie ein Eishockeyspieler, der auf dem Siegeszug seiner Karriere war, und von seinen Fans umringt wurde. Ich ließ mich voll Wonne von der Bewunderung der Grünohren berieseln.

Andy kam auf mich zugelaufen mit ausgestreckten Armen und erhobenen Daumen. Dabei rief er ununterbrochen: „Klasse Mann, große Klasse!"

Um uns herum surrten und klingelten die Bongi Tongis, die die Grünohren von allen Seiten in die Luft warfen.

Plötzlich dachte ich an die Aufgabe, die wir erledigen mussten. Ich dachte an die Quaraks und an zuhause, und ob ich es jemals wiedersehen würde. Das trübte meine Stimmung gewaltig. Andy fragte: „Was ist denn, freust du dich denn überhaupt nicht?"

„Na klar!" antwortete ich, „Es wäre nur alles viel schöner, wenn ich nicht mit dieser Zauberkraft die Quaraks überlisten müsste, damit die Zwerge ihre Sonnen

zurückbekommen und wir nach Hause können."

„Ach was", sagte Andy aufmunternd, „wir werden das Kind schon schaukeln."

Ich hatte keine Zeit mehr, weiter Trübsal zu blasen, denn die ehrwürdigen Zwerge kamen auf mich zu und waren völlig aus dem Häuschen vor Freude. Jelatinus nahm meine Hände und schüttelte sie, Bohumil stand vor mir mit gefalteten Händen und strahlte mich übers ganze Gesicht an. Melanka blieb etwas abseits stehen und schaute dem Geschehen mit einem wissenden Lächeln zu. Victor stellte sich neben mich, sah mich stumm an, und als ich mich zu ihm drehte, sagte er ohne Umschweife: „Du musst dich nicht so arg sorgen. Mit deiner erlernten Zauberkraft kannst du viel gegen die Quaraks ausrichten."

Da hatten wir es wieder! Ich hatte nichts von meinen Ängsten verlauten lassen, dennoch wusste Victor, was in mir vorging. Doch diesmal nahm ich es nicht einfach so hin, sondern fragte Victor direkt: „Sag mal Victor, könnt ihr Gedanken lesen, oder was?"

Victor lachte laut los und im gleichen Augenblick war mir meine Frage auch schon peinlich.

Dann sagte er aber: „Eingebung. Nenne es Eingebung. Wir können keine Gedanken lesen, aber wir haben dieses feine Gefühl und beinahe vierhundert Jahre Lebenserfahrung auf unserem Buckel. Ich glaube, wenn du jemals so alt werden könntest, hättest du sie auch, diese Eingebung."

Ich nickte, doch ich verstand nicht so richtig, was er mir damit sagen wollte.

Rentius lief wieder nervös über den Platz und sagte zu jedem, der es hören wollte oder auch nicht: „Ich habe nicht zu hoffen gewagt, dass uns solch ein Glück im blauen Land noch widerfahren würde." Dann rannte er zum nächsten und wiederholte seinen Vortrag.

Ich konnte die Aufregung der Zwerge gut verstehen. Immerhin wurde hier seit zweihundert und drei Jahren nicht mehr gezaubert. Vielleicht würden sie auch bald ihre Sonnen wieder zurückbekommen und könnten ihr altes Leben wieder aufnehmen!

Jelatinus klatschte in die Hände. Das Stimmengewirr verstummte. Alle Augen waren auf ihn gerichtet, als er sagte: „Es wird Zeit. Lasst uns nun zum Ratsflogger zurückkehren und alles Weitere besprechen. Außerdem werden unsere Gäste hungrig sein", dabei tätschelte er wieder meine Hand und nickte Andy freundlich zu.

Hunger hatte ich tatsächlich, doch ich war mir nicht so sicher, ob es hier etwas für uns zu essen gab, dass wir auch genießen konnten. Vielleicht aßen sie mit Vorliebe Krötensuppe oder Spinnenbeinschnitzel. Doch wir mussten uns überraschen lassen, es blieb uns ja nichts weiter übrig.

Der kleine Trupp von Vierfingern setzte sich in Bewegung. Die Grünohren standen wieder alle auf dem Schulflogger und warfen noch immer die Bongi Tongis. Wir liefen denselben Weg zurück, den wir gekommen waren. Als wir den Durchgang des Felsens passierten, vernahm ich ein dumpfes, raunendes Geräusch. Keiner der Vierfinger nahm eine Notiz von dem Geräusch, weil sie schnatternd wie Gänse voranliefen und sich über meinen vermasselten Zauberversuch mit dem Brett amüsierten. Erst als wir auf den Weg um den See gelangten, wurde das Raunen so laut, das es auch die Vierfinger nicht mehr überhören konnten. Verdutzt blieben sie stehen. Ein gewaltiges Gewitter von jaulenden und heulenden Tönen wehte vom See herüber auf uns nieder. Alle Vierfinger und Grünohren standen in ihren Floggern über dem See und warfen die Bongi Tongis wie Geschosse durch die Luft. Als sie uns erblickten, fingen sie an zu schreien und zu jubeln, es war ein ohrenbetäubender Krach. Die Flogger wackelten bedenklich in der schwindelnden Höhe, doch die Zwerge waren so begeistert, dass sie gar nicht wahrnahmen, dass sie in großer Gefahr schwebten. Ich konnte gar nicht glauben, was ich sah und hörte. In diesem Moment wurde mir bewusst, wie viel es ihnen bedeutete, ihre Sonnen wiederzubekommen.

Die Ehrwürdigen stellten sich neben mich und Andy. Jelatinus sagte, mit Blick auf die Vierfinger: „Es ist schon sehr lange her, dass ich die Bewohner des blauen Landes so glücklich sah."

Wir gingen weiter den Weg entlang um den See, verfolgt von den pfeifenden Tönen der Bongi Tongis und den kreischenden Vierfingern. Andy packte mich am Arm und flüsterte mir ins Ohr: „Ich könnte mich schwarz ärgern, dass wir keinen Fotoapparat dabei haben."

Ich schaute ihn verwundert an: „An was du so alles denkst."

Meine Gedanken galten weiterhin den Quaraks. Wenn ich sie doch nur schon einmal gesehen hätte, dann könnte ich mir ein besseres Bild davon machen, was uns erwarten würde!

Als wir zu dem Ratsflogger zurückkehrten, kroch mir ein lieblicher, süßer Duft in die Nase, und sofort knurrte wieder mein Magen. Es roch fast so wie zu Hause, wenn Mutti Pfannkuchen backte. Plötzlich fühlte ich mich gar nicht mehr so fremd hier.

Andy schnupperte ebenfalls und meinte: „Mann, hab ich einen Hunger."

Zum zweiten Mal betraten wir das Flogger, das sie Ratsflogger nannten. In gebeugter Haltung gingen wir in den Raum, und setzten uns auf den Boden um den Lichtstrahl herum. Anders als beim ersten Mal redeten nun alle Zwerge wild durcheinander und lachten. Dann betrat ein weiterer Zwerg, den ich vorher noch nicht gesehen hatte, den Raum. Sie nannten ihn Jakob. Er war etwas größer als die anderen Vierfinger und auch nicht so blau. Jakob wirkte wesentlich kräftiger. Er hatte sehr fleischige und große Ohren. Auch er trug ein Cape, hatte aber seine Kapuze nicht auf, und ich sah seine dunklen, borstigen, vom Kopf abstehenden Haare. Er betrachtete uns neugierig, als er einen großen, dampfenden Topf in die Mitte auf das Loch mit dem blauen Licht stellte. Er lächelte uns an, dann verließ er den Raum wieder. Gleich darauf kam er zurück, gab uns allen eine kleine Schüssel und ein langes, hohles Stäbchen in die Hand, wobei er neugierig auf meine Hand mit den fünf Fingern schaute. Dann sagte er etwas in Vierfingersprache und verließ den Raum wieder.

Sofort steckten die Zwerge ihre Stäbchen in den Topf und begannen gleichzeitig zu schlürfen.

Ich erschrak regelrecht über das unappetitliche Verhalten. Ich stellte mir vor, was Mutti dazu sagen würde, könnte sie dieses Schmatzen hören.

Mein Magen knurrte nun unüberhörbar, doch ich wagte mich nicht an den Topf, solange ich nicht wusste, was er enthielt. Andy drehte verlegen seinen Stab in den Händen, von dem wir annahmen, dass er ein Strohhalm war, und schaute fragend zu mir herüber.

Victor bemerkte unsere Befangenheit und erklärte: „Das ist eine Pilzsuppe. Pilze wachsen genug im blauen Land, sie brauchen nicht viel Licht. Da wir noch genügend Gewürze für weitere zweihundert Jahre besitzen, können wir sie abwechslungsreich und schmackhaft zubereiten." Dann schlürfte er weiter seine Suppe.

Ich fragte mich, warum wir eine Schüssel bekamen, wenn doch alle aus einem Topf aßen.

Wenn wir nicht vor Schwäche umfallen wollten, mussten wir wohl oder übel die Pilzsuppe essen. Gerade als ich mich vorwagte, um einen Schluck von der Suppe zu probieren, sagte Bohumil: „Natürlich sind nicht alle Pilze ungiftig. Man muss sich schon auskennen, wenn man sie sammelt. Gibt es Pilze in eurer Welt?"

Ich schluckte laut und nickte. Andy legte sofort sein Stäbchen neben die Schüssel und hielt die Luft an.

Bohumil schlang seine Pilzsuppe hinunter, dann ergänzte er seinen Vortrag: „Ihr könnt die Suppe aber getrost essen, ich habe sie nämlich selber gesammelt, die Pilze. Es gibt keinen im blauen Land, der sich besser mit Pilzen auskennt."

Noch etwas zögernd griffen wir zu unseren Stäben und hielten sie in den Topf. Ich sah auf Andy, der darauf wartete, dass ich als erster probieren würde, doch ich konnte mich nicht überwinden. So schlürfte Andy kurzerhand von der Suppe und zog erstaunt seine Augenbrauen hoch.

„Was ist?" fragte ich.

Er legte seinen Kopf in den Nacken, wartete noch einen Moment und sagte dann: „Lecker, echt lecker."

Nachdem Andy von der Suppe gegessen hatte und nicht auf der Stelle tot umfiel, wagte ich auch einen ersten Schluck. Ich war begeistert. Die Suppe schmeckte wider Erwarten gut und wir mussten uns ran halten, um noch genug abzukommen.

Dann griff Victor in den Topf. Er holte sich die auf dem Boden liegenden Pilze heraus und legte sie in seine Schüssel. Mit den Fingern stopfte er sie in seinen Mund und schmatzte wieder los. Nach und nach taten es ihm die anderen Zwerge gleich. Sie machten sich lautstark über die Pilze her. Mir reichte allerdings die Suppe. Mit vollem Magen ging es mir auch schon viel besser. Die Zwerge fingen an zu rülpsen, was wohl ein Zeichen für Jakob war, denn er kam, räumte alles wieder ab und verschwand. Einige Zeit sprach keiner ein Wort. Jelatinus machte wieder den Eindruck, als sei er ein genickt. Verstohlen blickte ich zu Andy rüber, der sogleich ein Lächeln aufsetzte und die Schultern hob. Es sah so aus, als würden alle ein Schläfchen halten, nach dem üppigen Mahl. Doch dann, wie verabredet, plapperten sie plötzlich los und besprachen etwas in ihrer Sprache. Melanka und Bohumil sprachen sehr laut und warfen dabei recht häufig ihre Arme in die Luft. Plötzlich klopfte Jelatinus mit seinem Stock dreimal kurz auf den Boden und alle verstummten. Dann bat er uns, hier auf sie zu warten. Alle verließen den Raum und wir waren alleine.

Andy machte auf einmal einen leicht betretenen Eindruck auf mich. Als ich ihn fragte, was los wäre, meinte er: „Ist dir eigentlich klar, dass wir hier nie wieder wegkommen, wenn wir das bunte Licht der Sonnen nicht finden? Dann müssen wir unser restliches Leben mit den Vierfingern verbringen und Pilzsuppe essen. Außerdem habe ich meinen Blinddarm noch. Was ist, wenn er platzt und ich in ein Krankenhaus muss? Auf so was sind die hier doch gar nicht vorbereitet. Einer von uns könnte auch in den See fallen, und wir sind für immer hier gefangen!"

„Quatsch!", unterbrach ich ihn. Mit so einer Rede hatte ich nicht gerechnet. Ich versuchte ihn etwas aufzuheitern und meinte:" Und bald wirst du in die Pubertät kommen und hast nichts gegen Pickel dabei."

Doch Andy hatte Recht. Was wäre, wenn? Natürlich hatte ich mir auch meine Gedanken gemacht, doch was blieb uns anderes übrig? Wir mussten das bunte Licht finden! Es gab nur diesen Weg, um wieder nach Hause zu kommen.

Die Zwerge kamen zurück. Victor hielt mir ein kleines Bündel aus Stoff entgegen.

Sie setzten sich um das Licht herum und schauten uns an. Diesmal waren sie aber wieder ernst, das Lachen war aus ihren Gesichtern gewichen. Wie beim ersten Mal rutschte Jelatinus hin und her, bis er eine bequeme Position gefunden hatte, dann erst richtete er das Wort an uns.

„Nun ist die Stunde gekommen, auf die alle Vierfinger so lange gewartet haben. Ihr werdet gleich die dunkle Seite betreten und euch auf die Suche nach dem bunten Licht machen. Vielleicht werdet ihr auf fremde Wesen stoßen. Wir wissen es nicht, weil wir selber noch nie auf der dunklen Seite waren. Nehmt euch also in acht! Durch deine Zauberkraft und deine Phantasie hast du die Möglichkeit, die Quaraks zu überlisten. Doch unterschätzt sie niemals! Denkt immer daran: Wird die Luft eisig, dann sind sie nicht weit! Sie dürfen euch nicht entdecken, denn haben sie euch erst erblickt, habt ihr keine Chance mehr gegen sie. In dem Beutel findet ihr genug Bongi Tongis für den Verwandlungszauber und etwas Proviant.

Außerdem sind in dem Beutel sieben grüne Zeitblätter vom Ewigkeitsbaum, mit denen ihr die Zeit messen könnt. Diese Zeitblätter werden nach einem vergangenen Tag grau. Ihr habt also sieben Tage Zeit, das bunte Licht zu finden, dann erlischt die Sonne im Herzen und auch die Zauberkraft. Das Blatt zählt aber nur den Tag, keine Nacht, vergesst es nicht! Ein Bongi Tongi müsst ihr euch verwahren, denn Victor wird euch seinen Borikatan mitgeben. Durch ihn werdet ihr bei eurer Rückkehr das Bongi Tongi schießen. Es wird heulend über unser blaues Land

hinwegfliegen, und uns eure Ankunft melden. Ein Flogger wird kommen, um euch zu holen."

Ohne weitere Erklärungen erhob sich Rentius und bat uns mitzukommen. Wir folgten ihm nach draußen, wo Victor schon auf uns wartete. Die restlichen ehrwürdigen Zwerge folgten uns auf dem Fuße.

Wir gingen zu der Stelle am See, wo der zu einem Stein verzauberte Vierfinger lag. Ein Flogger wartete schon, um uns aus dem blauen Land wegzubringen. Sämtliche Grünohren versammelten sich vor dem Ratsflogger. Sie wollten unserer Abreise beiwohnen und verhielten sich erstaunlicher Weise ruhig. Plötzlich entdeckte Andy Hanja zwischen all den Grünohren und rief sie zu sich. Er erklärte ihr in kurzen Sätzen, wie man in unserer Welt mit den Bongi Tongis spielt und sagte: „Du hast sieben Tage Zeit zum Üben. Wenn wir zurück sind, dann setzen wir uns auf eine grüne Wiese in den Schatten eines Baumes und spielen Murmeln."

Hanja strahlte Andy an, dann rannte sie zurück zu den anderen Grünohren.

Jelatinus schmunzelte über Andys Worte. Man las in seinem Gesicht, dass er sich nichts sehnlicher wünschte. Er nahm wieder meine Hand und sagte: „Seit zweihundert und drei Jahren hat kein Vierfinger und kein Grünohr mehr geschlafen im blauen Land, weil wir weder Sonnen noch Monde hatten, somit auch keinen Tag und keine Nacht. Ich wünsche euch viel Erfolg bei der Suche nach dem bunten Licht, denn es ist für uns genauso wichtig, wie es auch für euch ist."

Ein ehrwürdiger Zwerg nach dem anderen trat nun auf uns zu und wünschte uns Glück. Rentius allerdings hopste mehr auf uns zu und sagte noch: „Solltet ihr die Kugel mit dem bunten Licht finden, tragt sie hierher. Die Sonnen folgen euch wie von selbst." Er stellte sich zu den anderen Zwergen, die sich wie Soldaten in einer Reihe nebeneinander aufgestellt hatten.

Vorsichtig betraten wir das Flogger, beobachtet von allen Vierfingern und Grünohren. Wie beim ersten Mal half uns Victor beim Einsteigen, indem er uns seine Hand reichte. Diesmal trat ich nicht auf den Stein und musste ohne diese Stütze einsteigen, was auch sofort zu einer ziemlich wackeligen Angelegenheit wurde. Ein letzter Blick auf die Ehrwürdigen, und das Flogger setzte sich in Bewegung. Diesmal fuhren wir in entgegengesetzter Richtung. Auf halber Strecke mussten wir wieder das Flogger wechseln. Nachdem ich nun wusste, was es mit dem See unter uns auf sich hatte, robbte ich liegend, auf meine Ellenbogen gestützt hinüber ins andere Flogger. Andy lachte sich

halbtot, als er mich dabei beobachtete und machte es dann aber genauso wie ich getan hatte.

Wir fuhren an tausend Floggern vorbei, auf denen wieder die Vierfinger standen und zu uns blickten, nur diesmal hätte man eine Stecknadel fallen hören können, so still war es. Lediglich das Scheuern der Seile, an denen das Flogger längs fuhr, war zu hören.

Ich versuchte mir vorzustellen, wie das blaue Land aussehen würde, wenn es seine Sonnen hätte, die alles in ein warmes Licht tauchen. Doch dafür reichte meine Phantasie nicht aus.

Wie sollte eine Schlucht aus Stein und Felsen denn auch schon anders aussehen, wenn die Sonne drauf scheint? Ich war noch ganz in meine Gedanken vertieft, als Victor

sagte: „Wir sind da."

Wieder standen wir auf einem Felsen, der bis fast unter die Decke des Berges reichte. Genau gegenüber sah ich den Felsen, auf dem wir bei unserer Ankunft im blauen Land gestanden hatten.

Zwischen den beiden Felsen erstreckte sich das blaue Land mit seinen vielen, an den Seilen hängenden Floggern. Und genau wie beim ersten Mal, so war es auch jetzt ein atemberaubender Anblick.

Victor ließ uns einen Augenblick Zeit, um diesen Eindruck noch einmal genießen zu können. Dann reichte er mir den zusammengeschobenen Stoßzahn.

„Ist das der Borikatan, von dem Jelatinus erzählt hat?" wollte ich wissen.

Victor nickte und erklärte uns: „Ziehe ihn auseinander, wenn du ein Bongi Tongi hindurch schießen willst. Wie das funktioniert, habt ihr ja schon bei eurer Ankunft erlebt. Schiebe ihn wieder zusammen, und du kannst in die Ferne gucken auch bei Dunkelheit. Rufst du hinein, kann man es weiter hören, als du durch ihn sehen kannst."

Ich packte den Borikatan zu den anderen Sachen in das Bündel und hing es mir wie einen Rucksack auf den Rücken.

Victor schaute zu Andy rüber als er sagte: „Hier beginnt die dunkle Seite, ich werde euch nun alleine lassen. Viel Glück auf eurer Reise, wohin sie euch auch immer führen wird."

Am liebsten hätte ich losgeheult, so elend fühlte ich mich plötzlich. Ich musste mich schon sehr zusammenreißen, damit das nicht passierte. Auch Andy schluckte lauter und öfter, als er es sonst tat.

„In sieben Tagen werde ich hier an dieser Stelle auf euch warten." Mit diesen Worten kletterte Victor zurück in das Flogger.

Das kleine Schiff bewegte sich schon hinunter, als er sich noch einmal herumdrehte und mir zurief: „Wie wirst du in deiner Welt gerufen? Wie ist dein Name?"

„Darvin", rief ich, „mein Name ist Darvin."

„Viel Glück, Andy und Darvin", rief er noch, dann war das Flogger verschwunden.

Wir waren alleine. Nur Andy und ich, auf dem Weg in eine Welt, von der wir keinen blassen Schimmer hatten, was sie uns bringen würde.

~


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