Wie in einer Gondel hängend, setzte sich dieses Schiff in Bewegung. Ohne einen Kapitän, der das Schiff lotste, fuhr es ganz von selbst. Nach geraumer Zeit kam uns ein anderes Schiff entgegen, das an einem anderen Seil hing und neben uns anhielt. Victor kletterte hinüber in das Schiff und hielt uns wieder seine Hand entgegen.
„Mit diesem Flogger fahren wir hinunter", erklärte er uns.
„Flogger", diese Dinger nannte er Flogger. Ich wollte aber auf gar keinen Fall in dieser Höhe das Flogger wechseln und bemerkte, dass dieses Schiff an einem Seil befestigt war, das senkrecht nach unten ging. Die Schiffe bewegten sich also waagerecht und senkrecht quer über den gesamten See. So konnte man von oben nach unten fahren, von rechts nach links und umgekehrt. Aber warum fuhren sie nicht einfach auf dem Wasser? Das konnte ich nicht begreifen. Ich würde Victor bei nächster Gelegenheit danach fragen.
Das Flogger wackelte sehr verdächtig, ohne dass wir uns viel bewegten, und ich traute mich nicht aufzustehen. Victor versicherte uns, dass nichts passieren würde, und hielt uns immer noch seine Hand entgegen. Andy nahm all seinen Mut zusammen und kletterte als erster zu dem anderen Flogger rüber, stand dabei aber nicht ganz auf, sondern zog sich halb im Liegen über die Kante. Er plumpste in das andere Schiff, das auch gleich wieder gefährlich zu wackeln begann. Mit all meiner Kraft krallte ich mich am Mast fest. Ich wartete so lange, bis sich das Flogger keinen Millimeter mehr bewegte, erst dann robbte ich wie Andy in das andere Schiff. Mein Herz klopfte bis zum Hals. Ich war froh, heil auf dem anderen Schiff angekommen zu sein.
Langsam schaukelten wir hinunter und hatten einen Panoramablick über das gesamte blaue Land. Es gab kein Tageslicht und keine Sonne, ich sah weder Tiere noch Pflanzen. Mit einem Mal wurde mir bewusst, dass ich hier niemals leben könnte! Auch nicht, wenn Andy dabei war oder Mutti und Ina. Niemals könnte ich hier leben! Mir wurde etwas schwer ums Herz. Würden wir dieses Land, diese andere Welt, jemals wieder verlassen können?
Es kam mir immer noch so vor, als hätte ich nur einen spannenden Traum, der sich gleich in Luft auflösen würde, wie eine geplatzte Seifenblase.
Ein anderes Flogger kreuzte unsere Route. Ein kleinerer Zwerg mit einem Korb auf dem Schoß saß darin und schaute neugierig zu uns rüber. Er rief etwas zu Victor in einer Sprache, die ich noch nie vorher gehört hatte. Victor hob darauf seine Hand wie zu einem Gruß.
Ich nickte dem Zwerg freundlich zu, während Andy wie Victor seine Hand hob und ebenfalls grüßte.
„Wer war das, und was hat er gesagt?" fragte ich Victor neugierig.
Victor drehte sich zu uns herum und erklärte: „Das war ein ehrwürdiger Vierfinger. Er wollte wissen, ob du der Bursche bist."
Andy und ich nickten, so als wäre alles sonnenklar, dabei fragte ich mich schon die ganze Zeit, warum Victor mich immer den „Burschen" nannte. Als ich ihn fragte, warum er mich nur „Bursche" nannte, gab er mir eine höfliche Erklärung: „Vor zweihundert drei Jahren kam ein Unglück über unser blaues Land. Seit dieser Zeit warten wir auf den Burschen aus dem Zauberloch, der unser Land retten kann. Es gibt nur einen, der den Weg durch das Zauberloch findet. Die Ehrwürdigen sagen, dass es ein junges Wesen, ein Junge, ein Bursche aus einer anderen Welt sein wird, der mit der Sonne in seinem Herzen unser Land retten wird. Der Spiegel hat es ihnen gedeutet."
Ich konnte nicht glauben, dass diese Zwerge ausgerechnet auf mich so viele Jahre gewartet haben sollten, und fragte Victor: „Dann müsste das ja schon festgestanden haben, als ich noch gar nicht auf der Welt war. Selbst meine Mutter hat zu dieser Zeit noch nicht gelebt. Wie konntet ihr euch so sicher sein, dass mein Vater meine Mutter kennen lernen und das ich geboren würde?"
„Das waren wir nicht. Es hätte auch jeder andere aus deiner Welt der Bursche sein können. Aber nun hast du das Zauberloch geöffnet und nur du hast die Kraft unser Land zu retten. Du bist der Bursche, auf den wir so lange gewartet haben."
Victor schaute wieder nach vorne. Ich hatte Mühe, das alles zu begreifen.
„Und wer sind die Ehrwürdigen?" fragte Andy.
Victor drehte sich erneut zu uns um: „Die Ehrwürdigen, das sind die Ältesten im blauen Land. Jelatinus ist unser ältester Vierfinger. Er ist sehr weise und besaß die stärkste Zauberkraft von uns allen."
„Besaß?" fragte Andy, "Ist er nun zu alt um noch zaubern zu können?"
"Heiliges blaues Land, nein!" antwortete Viktor, "aber alles zu seiner Zeit. Habt noch ein wenig Geduld." Dann schaute er erneut nach vorne.
Ganz in Gedanken versunken schaute ich mich weiter um. Ich überlegte, ob ich Victor noch fragen sollte, was das eigentlich für eine Aufgabe ist, die ich hier erfüllen muss, damit wir wieder nach Hause kommen, als er auch schon sagte: „Wir sind angekommen!"
Neugierig schauten wir uns um. Wir waren an der Stelle angekommen, an der nur das einzelne Flogger stand. Es schwebte wie die anderen in der Luft und war mit Seilen an den Felsen befestigt. Es war aber das einzige, das über Land schwebte, all die anderen Flogger hingen über dem See. Victor befahl uns im ernsten Ton, nur auf den eingesäumten Wegen zu laufen, und sie zu keiner Zeit, auch nur einen Millimeter zu verlassen. Außerdem sollten wir auf keinen Fall das Wasser berühren, oder in den See fallen.
"Das wäre das Ende vom Anfang", sagte Victor und war sehr bemüht uns zu helfen, damit das nicht geschah. Vor dem Flogger, aus dem wir aussteigen wollten, ragte ein großer Stein halb aus dem Wasser, über den wir klettern konnten, ohne ins Wasser zu treten. Doch als ich mich auf ihn stellte, gab er unter meinen Füßen nach, so als wäre er weich. Ich musste mich am Schiff festhalten, um nicht mein Gleichgewicht zu verlieren. Victor reichte mir sogleich seine Hand und sagte zu dem Stein:" Es tut mir leid, es tut mir leid, aber anders geht es nun nicht."
An mich gewandt, meinte Victor: „ Es ist einer von uns. Es ist ein Vierfinger. Also komm schnell von ihm runter."
Eiligst sprang ich hinunter und es hörte sich so an, als hätte der Stein dabei leise gestöhnt. Mit gebeugtem Oberkörper schaute ich auf den Felsbrocken. Aber einen Vierfinger konnte ich darin nicht entdecken. Ich schaute Victor fragend an. „Ja, ja", nickte er, „ sie können uns hören, nur nicht selber sprechen." Victor erkannte an meinem Gesichtsausdruck die brennenden Fragen, die ich hatte, und sagte auch sogleich: „Uns läuft die Zeit davon. Jelatinus wird euch alle Fragen beantworten."
Er ging auf das Flogger zu, an dem zu beiden Seiten die Segel in Fetzen hinunterhingen. Es war eines der großen Flogger, auf dem in der Mitte eine verrottete Kajüte stand.
Auch dieses sah nicht so aus, als würde es noch eine Fahrt auf dem See überstehen, so morsch wirkte es. Doch noch ehe Victor an die Tür klopfen konnte, wurde diese von innen geöffnet.
Ein sehr alt aussehender, kleiner Vierfinger stand in der Tür. Sein Haar war schütter und grau.
Er stützte sich auf einen Stock und schaute uns aus wachen Augen neugierig an. Er lächelte uns freundlich zu und seine blaue Erscheinung raubte mir fast den Atem. Er leuchtete mindestens dreimal so blau wie Victor.
Victor verneigte sich tief vor dem Greis und wir taten es ebenfalls. In dieser Sprache, die wir nicht verstanden, sprach Victor zu dem Alten, der bedächtig nickte und uns nicht aus den Augen ließ. Es war eine lustige Sprache, die mit ausholenden Gesten von Victor unterstrichen wurde. Dann drehte sich Victor zu uns um. Er stellte ihn uns als Jelatinus vor. Wieder verbeugten wir uns tief vor dem ehrwürdigen Zwerg.
„Oh nein, bitte", sprach er überraschender Weise in unserer Sprache. Ich hatte gedacht, er würde unsere Sprache nicht verstehen, weil sich Victor in seiner Sprache mit ihm unterhielt.
Seine Stimme war putzig anzuhören, passte aber überhaupt nicht zu seiner äußeren, ehrwürdigen Erscheinung.
„Ich müsste mich vor euch verneigen, denn schließlich, so hoffen alle Vierfinger, werdet ihr es sein, die unser blaues Land retten."
Mit einer Hand deutete er uns einzutreten. Wir mussten uns schon sehr ducken, um nicht mit dem Kopf gegen den Rahmen der Tür zu schlagen. Auch im Flogger war an ein aufrechtes Gehen nicht zu denken.
„Das ist ja wie bei Alice im Wunderland", lachte Andy, und Victor schaute ihn verwundert an.
In gebeugter Haltung folgten wir Jelatinus in einen Raum, der in der Mitte ein Loch im Boden hatte. Das Loch war so groß wie ein Teller aus dem ein blaues Licht leuchtete. Eine blaue Lichtsäule bis hinauf zur Zimmerdecke. Wie um ein Lagerfeuer platziert, saßen noch drei weitere Vierfinger auf dem Boden um die Lichtsäule herum. Jelatinus bat uns, Platz zu nehmen, und wir hockten uns zu den anderen auf den Boden.
Während Jelatinus uns die Zwerge als Bohumil, Melanka und den Lehrer Rentius vorstellte, bemerkte ich, dass alle diese Vierfinger bis auf Victor von einem überwältigenden Blau waren. Ich dachte zuerst, dass es von dem blauen Licht aus dem Boden kam, sah aber dann, dass Andy, der neben mir saß, genauso blass wie vorher war. Vielleicht noch etwas blasser.
Das tiefste und schönste Blau von allen hatte allerdings Jelatinus. Ich hätte zu gerne gewusst, warum sie alle so blau aussahen, als Victor auch schon wieder sagte: „Je älter und weiser ein Vierfinger ist, umso blauer wird seine Erscheinung."
Und weil Jelatinus der älteste von allen war, trug er dieses umwerfende Blau. Nun konnten wir an Hand der Farbe ungefähr erahnen, wie alt ein Vierfinger war. Victor war demnach noch ein relativ junger Vierfinger, denn er leuchtete, im Gegensatz zu den anderen Vierfingern, eher hellblau.
Während sich Jelatinus mühsam auf den Boden setzte, schaute ich mich in dem Flogger um.
Es gab hier nichts weiter als das Loch in dem Boden, aus dem das Licht schien. Kein Bild an der Wand, keinen Tisch und keine Stühle. Dieses Zimmer war absolut leer. Es hatte auch kein Fenster, und war ziemlich klein. Neben mir drehte auch Andy seinen Kopf zu allen Seiten und schaute sich neugierig um. Die Vierfinger sahen uns noch immer ununterbrochen an, dabei sprach keiner von ihnen ein Wort. Mir war die ganze Situation ein wenig unangenehm. Ich konnte es nicht gut haben, so begutachtet zu werden.
Erst als Jelatinus saß, richtete er wieder das Wort an
uns: „Ich kann mir denken, dass ihr tausend Fragen auf dem Herzen habt. Deshalb werde ich euch nun den Grund mitteilen, weshalb ihr hier seid, und was eure Aufgabe sein wird."
Er machte eine kleine Pause und schaute uns abwartend an. Ich wusste nicht genau, warum er uns so lange anschaute, und nickte einfach. Dann rutschte er noch einmal hin und her, bis er eine bequeme Position gefunden hatte, und berichtete weiter: „Vor zweihundert und drei Jahren war unsere Welt bunt. Wir besaßen zwei Sonnen und auch zwei Monde. Alle Vierfinger konnten, Dank des Sonnenlichts, zaubern. In unserem Land wuchsen Pflanzen und lebten Tiere, und mit unseren Floggern reisten wir auf den Flüssen, wohin wir wollten. Das alles ermöglichte uns das bunte Licht der Sonnen. Das bunte Licht, das einst von den Sonnen zu uns kam, verwahrten wir in einer gläsernen
Kugel über tausende von Jahren. Trugen wir das bunte Licht an einen anderen Ort, so folgten uns auch die Sonnen. Bis zu dem Tag, an dem uns die Quaraks unser buntes Licht in der gläsernen Kugel stahlen. Sie raubten uns damit die Sonnen und Monde, aber auch unsere Zauberkraft. Seit dieser Zeit, sind wir in unserem blauen Land gefangen, seit zweihundertunddrei Jahren genau. Was uns blieb, ist das blaue Licht. Es ist allerdings das Wichtigste, es ist unser Lebenslicht.
Die Quaraks sind ein böses Volk, das in den Tiefen der Welten auf der dunklen Seite lebt.
Ihr müsst euch vor ihnen in acht nehmen. Wird die Luft um euch herum eisig, könnt ihr sicher sein, dass ein Quarak in der Nähe ist. Sie richten mit unserer Zauberkraft erhebliches Unheil an, doch wir haben nicht die Kraft, sie daran zu hindern. Die Quaraks waren ewige Gefangene der dunklen Seite, und keiner weiß bis heute, wie sie es schafften auszubrechen."
Jelatinus machte eine kleine Pause und gab uns Gelegenheit, das alles erst einmal zu verarbeiten. Das war eine spannende Geschichte, die er uns erzählt hatte und ich spürte im Nacken eine leichte Gänsehaut. Diese Quaraks schienen nicht gerade sehr freundlich zu sein und ich hoffte, dass sie uns nie über den Weg laufen würden. Allerdings wusste ich immer noch nicht, worin meine Aufgabe bestand, und wollte Jelatinus gerade danach fragen, als Andy ihn ansprach.
„Als wir durch die Tür in diesen Tunnel kamen, war aber das bunte Licht auch da. Wie kommt es denn dann dorthin, wenn es doch bei den Quaraks ist?"
Jelatinus nickte wissend und gab zur Antwort: „Das hast du gut beobachtet. Dank des bunten Lichts können die Quaraks reisen, wohin sie wollen, so wie wir es vorher konnten. Somit werden auch sie gewahr, wenn sich das Zauberloch öffnet. Sie haben versucht, durch das Zauberloch in eure Welt zu gelangen, um ihr Unheil auch dort zu verbreiten. Das mussten wir unbedingt verhindern. Die Quaraks wussten nicht, dass wir das blaue Land durch den Zeittunnel verlassen können, um bis zum Zauberloch zu gelangen. Das haben wir allerdings selber erst vor kurzer Zeit herausgefunden. Doch somit konnten wir verhindern, dass sie in eure Welt gelangten."
„Ja, das stimmt", fiel es mir wieder ein, „ich habe gesehen, wie das blaue Licht gegen das bunte Licht kämpfte. Damals war ich mir nur nicht so sicher, dass es ein Kampf war."
Diesmal nickten alle Vierfinger mit ihren ergrauten Häuptern. Wir schauten Jelatinus an, doch jetzt war es Bohumil, der weiter zu uns sprach: „Ihr müsst wissen, dass sich das Zauberloch, die Tür durch die ihr gekommen seid, geschlossen hat. Sie wird sich erst wieder öffnen, wenn jemand das Zauberloch aus eurer Welt betreten will. Das kann gleich sein, oder in hundert Jahren, oder aber auch niemals mehr. Auf euer Kommen haben wir auch zweihundert drei Jahre gewartet. Um das Zauberloch von unserer Welt aus zu öffnen, benötigen wir unsere Zauberkraft zurück. Nur Jelatinus wird dann die Kraft besitzen, die Tür zu öffnen. Dazu brauchen wir aber unser buntes Licht und die Sonnen. Eure Aufgabe wird es sein, auf die dunkle Seite zu gehen, um uns die Sonnen zurückzuholen."
„Das kann doch unmöglich euer Ernst sein!" moserte Andy sofort. „Ihr glaubt doch nicht wirklich, dass wir zu den Quaraks gehen, die uns vielleicht gefangen nehmen, in etwas Schreckliches verwandeln oder sogar auffressen?"
Aus dieser Sicht hatte ich das Ganze noch gar nicht betrachtet, aber ich musste Andy Recht geben. Was sollten wir gegen die bösen, mit Zauberkräften versehenen Quaraks denn schon ausrichten? Wir kannten uns doch auch gar nicht hier aus. Wer weiß, wie groß die dunkle Seite war. Wir könnten uns so sehr verlaufen, dass wir nicht mehr zurück finden würden.
Jelatinus rutschte hin und her und suchte sich eine neue Position. Dann schaute er uns wieder an und
erklärte: „Natürlich lassen wir euch nicht einfach so zu den Quaraks gehen. Wir wissen, wie gefährlich und gemein sie sind. Ohne die Hilfe der Zauberkraft hättet ihr keine Chance gegen sie. Deshalb muss der Bursche zaubern lernen."
Ich schaute erstaunt in die Runde: „Ihr meint, ich soll zaubern lernen?"
Die Zwerge schauten sich an und nickten. Dann richtete Melanka das Wort an uns. Erst nach den ersten Worten bemerkte ich an der Stimme, dass es ein weiblicher Vierfinger war.
„Ja, du wirst die Zauberkunst erlernen. Dazu ist allerdings Eile geboten. Nur so lange du die Kraft der Sonne aus deiner Welt im Herzen trägst, wirst du zaubern können. Wird die Kraft in deinem Herzen schwächer, wird auch deine Zauberkraft schwächer. Denke daran. Deine Kraft wird schwächer und schwächer von Stunde zu Stunde, die du in unserer Welt ohne Sonne bist."
Ich konnte keinen Ton mehr sagen, ich sollte tatsächlich zaubern lernen! Andy schaute mich an, so, als wäre ich eines der Weltwunder.
„Könnte ich dann nicht auch zaubern lernen?" fragte Andy voller Begeisterung, „Schließlich habe ich auch die Sonne im Herzen."
Die Vierfinger lachten, ich wusste allerdings nicht so genau, was daran denn so lustig war. Zwei Zauberer könnten gegen die Quaraks doch viel mehr ausrichten.
„Nein", sagte Jelatinus knapp, „nur der Bursche kann es erlernen."
„Schade", sagte Andy traurig, „dann werde ich die Quaraks wohl mit unserer Taschenlampe zu Tode leuchten müssen."
Jelatinus kicherte leise vor sich hin und hielt sich dabei seine fleischige Hand vor den Mund.
„Da gibt es noch etwas, dass ihr wissen müsst", meldete sich Rentius zu Wort und schüttelte sein Kopf, weil er wohl der Ansicht war, dass solche Späße nun fehl am Platze waren. „Niemals dürft ihr von den Wegen abkommen, auch dürft ihr nie das Wasser berühren! Die Quaraks haben alles verzaubert. Kommt ihr vom Wege ab, werdet ihr zu Stein; berührt ihr das Wasser, so seid ihr in ihm gefangen, bis ein anderer Bursche kommt, um uns zu retten."
Andy pustete laut seinen Atem aus, bevor er sagte: „Na, das sind ja tolle Aussichten."
Ich sah Jelatinus an, dass er den zickigen Unterton von Andy sehr wohl bemerkt hatte. Er ging aber nicht weiter darauf ein und sagte im gleichen freundlichen Ton: „Ich glaube das reicht fürs erste."
Ich dachte an den Stein, auf den ich getreten war, als wir bei der Ankunft das Flogger verlassen hatten. Das war sicher ein Vierfinger, der vom Weg abgekommen war und nun als Stein sein Dasein fristen musste. Mir lief ein Schauer über den Rücken, wenn ich daran dachte, dass es uns jederzeit genauso ergehen könnte, würden wir nicht aufpassen! Hätte ich vor zwei Stunden schon davon gewusst, wäre ich niemals über den See in das andere Flogger geklettert. Plötzlich sprang Andy neben mir hoch und sah Victor mit großen Augen an.
„Der eisige Wind, den wir auf dem Weg hierher gespürt hatten, waren das etwa schon die Quaraks?"
Victors Gesicht wurde ernst, als er sagte: „In der Tat. Sie waren ganz in unserer Nähe. Deshalb hatten wir auch nicht so viel Zeit und mussten uns beeilen, ins blaue Land zu kommen."
„Und die Flogger? Hängen sie deshalb über dem See, weil er verzaubert ist?" wollte ich wissen.
„So ist es", sagte Rentius, „aber wir müssen uns nun beeilen, uns bleibt nicht viel Zeit. Denk an die Sonne in deinem Herzen."
Rentius bat mich, ihm zu folgen und erhob sich mühsam. Andy machte keine Anstalten, sich in Bewegung zu setzen. Deshalb deutete ich ihm mit einem Kopfnicken an, mir zu folgen. Rentius führte uns in einen anderen Raum, in dem nur ein Spiegel an der Wand hing, sonst nichts. Obwohl Rentius direkt vor dem Spiegel stand, war sein Spiegelbild aber nicht zu sehen. Erst jetzt bemerkte ich, dass der Spiegel aus blauem Wasser, mit leichtem Wellengang bestand. Als Rentius das Wasser mit einem seiner Finger berührte, löste es sich auf, und zu sehen war mein Zimmer. Vorsichtig schob mich Rentius vor den Spiegel. Dann verschwand mein Zimmer, und ich sah das Zauberloch, durch das wir gekommen waren. Es war das Loch in der Wand meines Zimmers.
Ohne meiner Bewunderung Beachtung zu schenken, sagte er: „Stecke deinen Finger in das Zauberloch und halte ihn dort für zehn Sekunden, bevor du ihn zurückziehst."
Ich wusste nicht, welchen Finger ich nehmen sollte, und schaute unentschlossen auf meine Hand, als Rentius mir erklärte, ich solle den ersten nach dem kurzen nehmen.
„Welchen kurzen meinst du?" wollte ich wissen.
„Nimm diesen hier", meinte er und zeigte auf meinen Zeigefinger.
Er meinte also mit dem „Kurzen" meinen Daumen, stellte ich belustigt fest.
Also steckte ich meinen Zeigefinger in das Zauberloch und erwartete einen Schmerz oder ein Stechen, aber nichts war zu spüren. In der Aufregung hatte ich gar nicht mitgezählt und fing schnell damit an, als Rentius sagte: „Das dürfte reichen."
Vorsichtig zog ich meinen Finger zurück und war froh, dass er noch da war. Er sah aus wie immer bis auf einen winzigen Unterschied. Die Spitze meines Fingers leuchtete blau.
Jelatinus, der mit Melanka, Victor und Bohumil in der Tür stand, klatschte in die Hände. Er verkündete mir voller Stolz: „Nun hast du einen Zauberfinger. Du musst nur noch lernen, ihn zu benutzen."
„Wau. Hoffentlich fällt er dir jetzt nicht ab", stichelte Andy neidisch.
Sofort hielt ich ihm die Taschenlampe hin und sagte: „Nimm du sie. Ich brauche sie ja nun nicht mehr", dabei schaute ich stolz auf meinen leuchtenden, blauen Finger.
Ich drehte ihn vor meinen Augen hin und her, als das blaue Licht plötzlich wieder erlosch.
Enttäuscht schaute ich zu Rentius, und im gleichen Moment, gab mir Andy mit einem breiten Grinsen, die Taschenlampe zurück. Rentius bemerkte die kleinen Gemeinheiten, die wir uns zuspielten. Sofort stellte er sich schlichtend zwischen uns und sagte: „Für so was ist jetzt keine Zeit, wir wollen lieber mit dem Üben beginnen."