Als ich die Tür vorsichtig aufdrückte, verschwand das grünliche Licht. Was blieb war Dunkelheit. Dennoch wagten wir den ersten Schritt, ohne zu wissen, was uns erwarten würde.
Es war so finster, dass man die Hand nicht vor den Augen sah, und bei jedem Schritt pochte mein Herz bis zum Hals.
„Wetten, wir stehen gleich wieder in deinem Zimmer", flüsterte Andy so leise, dass ich ihn kaum verstehen konnte.
Umständlich kramte ich die Taschenlampe aus meiner Jackentasche. Andy zuckte erschrocken zusammen, als ich sie anknipste. Das Licht der Lampe war nicht besonders hell, doch immerhin konnten wir sehen, wo wir uns befanden.
Wir waren in einer Art Tunnel. Die Decke war gewölbt und alles schien aus Felsen und Gestein zu bestehen. Viel Platz zu beiden Seiten hatten wir auch nicht gerade. Ich lief in der Mitte des Tunnels neben Andy her und konnte mit meinem ausgestreckten Arm die Wand berühren. Überall lagen dicke Felsbrocken im Weg und wir mussten schon sehr darauf achten, nicht über sie zu fallen. Aus den Wänden wuchsen eigenartige Pflanzen oder Kräuter.
Von ihnen schien auch dieser merkwürdige Geruch zu kommen, den ich schon im Schrank gerochen hatte. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie diese Pflanzen ohne einen Schimmer Licht in diesem Tunnel überleben konnten. Hätten wir nicht die Taschenlampe gehabt, hätten wir überhaupt nichts gesehen, so dunkel war es hier.
„Leuchte doch mal hier herüber zu der Wand. Ich glaube da bewegt sich etwas", flüsterte Andy mir aufgeregt ins Ohr.
Sofort trat ich einen Schritt zurück, leuchtete auf die Wand und rief: „Wo denn? Ich kann gar nichts sehen."
„Da, da, da, da!", schrie Andy und klammerte sich an meinem Arm fest.
Wieder versuchte ich irgendetwas zu entdecken, doch ich sah nur Felsen und diese eigenartigen Gewächse.
„Du spinnst ja", meckerte ich ihn an, „da ist überhaupt nichts."
„Ich habe aber gedacht, dass sich da etwas bewegt hat", sagte Andy kleinlaut.
Ich konnte rein gar nichts erkennen, trotzdem lief mir ein eiskalter Schauer über den Rücken. Sollte mir nun von hinten jemand auf die Schulter klopfen, würde ich auf der Stelle tot umfallen!
Wir schlichen im Schneckentempo weiter. Dieser Tunnel schien unendlich zu sein. Es gab keine Kurve, keine Biegung, nichts. Es ging nur geradeaus. Alles sah gleich aus. Nur dieser Geruch entwickelte sich allmählich zu einem nicht mehr auszuhaltenden Gestank. Plötzlich wehte uns ein eisiger Wind um die Nase. Er war so sibirisch kalt, dass ich mir die Jacke bis zum Hals zuknöpfte. Gleichzeitig spürte ich wieder dieses eigenartige und unheimliche Gefühl, das mir langsam den Rücken hinauf kroch.
"Ziemlich ungemütlich hier", stellte Andy fest, "wo kommt denn bloß der eisige Wind her?"
Ich zuckte mit der Schulter. " Woher soll ich das denn wissen. Ich bin schließlich auch zum ersten Mal hier."
Plötzlich dröhnte eine Stimme durch den Tunnel, so schaurig und laut, dass ich mir automatisch die Ohren zuhielt. Sie schien von überall her zu kommen, von oben, von unten, von vorne und von hinten.
„Du bist also der Fünffinger auf den wir schon seit zweihundertunddrei Jahren warten!"
Andy schaute mich mit weit aufgerissenen Augen an.
Im ersten Schock waren wir unfähig, uns auch nur einen Millimeter zu bewegen, doch dann überkam uns eine ungeahnte Kraft. Wir rannten zurück, so schnell wir konnten. Ein paar Mal stolperten wir über die Felsbrocken, die überall im Weg lagen. Die Tür musste jeden Augenblick vor uns auftauchen, doch wir liefen und liefen. Von der Tür war weit und breit nichts zu sehen. Ich konnte nicht glauben, dass wir in unserem Schneckentempo soweit gekommen sein sollten, und blieb abrupt stehen. Die unheimliche Stimme war verstummt.
„Wo ist der Ausgang geblieben?" fragte mich Andy, steckte gleich wieder seine Finger in den Mund und kaute an seinen Nägeln.
Erst jetzt fiel mir auf, dass ich die Taschenlampe nicht mehr brauchte, denn von überall leuchtete ein blaues Licht. Es hatte die gleiche Farbe, wie der Mörtel in meinem Zimmer. Wir liefen weiter zurück, doch die erlösende Tür tauchte einfach nicht auf.
Plötzlich ertönte ein schallendes Gelächter, das erbarmungslos auf uns nieder dröhnte.
Ich wünschte mir, dass die Erde unter uns aufgehen würde, in der wir vor diesem abscheulichen Gelächter verschwinden könnten. Oder, dass ich auf der Stelle in Ohnmacht fallen würde, oder aber, dass das alles nur ein böser Traum war. Gleich würde ich aufwachen, und dann würde ich in meinem Bett liegen. Doch ich brauchte nur zu Andy rüberzusehen und wusste genau, dass alles wirklich passierte. Und als wäre das alles hier nicht schon unheimlich genug, gesellte sich zu dem blauen Licht nun auch noch das bunte. Wie tausend Millionen von Glühwürmchen, kreisten diese Lichtpunkte um unsere Köpfe. Wir standen einfach nur da und schauten angsterfüllt auf diese Lichter. Dieser eisige Wind war auch wieder zu spüren und genauso wie es gerade war, als der Wind kam, erwartete ich etwas Schauriges. Doch das Einzige was ich sah, war das Licht, das nun wie wild durch die Luft wirbelte. Es sah beinahe so aus, als würde das blaue Licht gegen das bunte Licht kämpfen.
„Wo kommen wir hier bloß wieder raus", jammerte Andy", und wo kommt bloß diese grässliche Stimmer her?"
Ich drehte mich suchend nach allen Seiten um, und schrie schon fast. „Keine Ahnung!"
Mittlerweile fuchtelten wir mit unseren Armen in der Luft herum, um dieses Licht fern zu halten, als erneut die Stimme sprach: „Na, da ist ja ein feiner Fünffinger zu uns gekommen. Und auf so einen Burschen warten wir schon eine halbe Ewigkeit!"
Diesmal krallte ich mich an Andys Arm fest und flüsterte ihm ins Ohr: „Was meint der mit Fünffinger und Ewigkeit und warten? Und überhaupt. Wo ist der Typ? Kannst du ihn sehen?"
"Lass uns hier abhauen!", sagte Andy nur und rannte los.
Ich zögerte nicht eine Sekunde und rannte ihm hinterher.
"Die Tür!", schrie ich, "wir müssen zur Tür."
Andy blieb abrupt stehen, und schrie mich an:" Hier ist aber keine Tür mehr! Oder siehst du hier irgendwo diese verdammte Tür?"
Auch ich sah sie nirgends. Doch sie musste hier sein. Schließlich waren wir vor einiger Zeit noch durch sie hindurch gegangen.
"Vielleicht sind wir schon zu weit und haben sie übersehen", überlegte ich laut.
" Ich gehe nicht wieder zurück! ", sagte Andy, " nicht einen Millimeter werde ich zurück laufen. Wer weiß, wem wir dann in die Arme rennen!"
"Aber hier stehen zu bleiben bringt uns auch nicht weiter", fand ich.
Andy schüttelte den Kopf:" Wenn du unbedingt zurück gehen willst, dann ohne mich."
„Oh, bitte, bitte", dröhnte plötzlich die Stimme wieder.
„Bitte keinen Streit. Dafür ist hier nicht der richtige Ort und auch nicht die richtige Zeit."
Andy und ich sahen uns zu allen Seiten suchend um. Erst als wir wieder nach vorne sahen, tauchte aus dem Nichts ein kleines Wesen auf, das aussah wie ein größerer Gnom im Batman Kostüm, ohne Gesichtsmaske.
Erschrocken traten wir einen Schritt zurück. Wieder hörten wir dieses Lachen, nur dass es diesmal nicht so hallte und man deutlich hörte, dass es von dem Zwerg kam. Wir wollten gerade wieder unsere Beine in die Hand nehmen und davonlaufen, als der Gnom in einem freundlichen Ton zu uns sprach: „Ihr müsst keine Angst haben, ich werde euch bestimmt nichts tun."
„Das ist aber sehr freundlich", flüsterte Andy mir zu.
Ich stieß ihn in die Seite.
„Bist du verrückt?" moserte ich, „vielleicht ist er sehr empfindlich und versteht deine Art von Witzen nicht. Wer weiß, was der für Kräfte hat?"
Dann trat der Gnom auf uns zu, und ich erwartete, dass er uns jeden Moment in eine Ratte oder eine Maus verwandeln würde.
Doch er sah uns nur still an. Auch wir schauten den Gnom neugierig an. Er trug ein Cape mit einer Kapuze. Sein Gesicht hatte viele Falten und schimmerte blau. Ein wenig erinnerte er mich an einen Schlumpf, nur dass dieser hier nicht ganz so freundlich aussah. Er hatte ziemlich dicke und wulstige Lippen und auf seiner knorrigen, langen Nase hatte sich eine fette Warze platziert. An seiner Hand entdeckte ich nur vier Finger. Einen enorm großen Daumen und drei fleischige Finger mit langen und spitzen Fingernägeln. Der ganze Kerl, soweit es einer war, wirkte sehr dick und füllig. Er war nicht sehr groß und reichte mir gerade bis zur Hüfte.
„Hallo", sagte Andy.
Ich traute meinen Ohren nicht, er sprach diesen Gnom an. Ich schüttelte mich voller Erwartung, was nun geschehen würde.
„Mein Name ist Andy", sagte er und hielt ihm Gott sei dank nicht auch noch die Hand zur Begrüßung entgegen. Der Zwerg stellte sich uns als „Victor" vor, was mich allerdings erstaunte. Ich hätte mit einem Namen wie Schnurzel, Blam-Blam oder Rüderich gerechnet, aber Victor, das war ja schon fast einer von uns.
Andy grinste den Zwerg Victor an und nickte verlegen. Ich konnte gar nicht glauben, dass Andy so zutraulich wurde. Sicher, neugierig war ich auch, aber viel lieber hätte ich gewusst, wo der Ausgang geblieben war. Vielleicht war Mutti schon zurück und sorgte sich um mich. Möglicherweise hatte sie auch schon die Tür im Schrank entdeckt und geisterte genauso hilflos wie wir in diesem Labyrinth herum.
Victor schien meine Besorgnis zu spüren, denn er legte seinen Kopf zur Seite und sagte zu mir: „Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, es ist alles in Ordnung. Niemand aus dem blauen Land wird dir und deinem Freund etwas tun. Hab' keine Angst."
Ungläubig schaute ich auf Victor hinunter. Wenn ich ihn richtig verstanden hatte, gab es noch andere Zwerge hier. Ich legte aber keinen gesteigerten Wert darauf, auch noch die anderen Zwerge kennenzulernen. Mir war kalt, ich wollte nach Hause und Angst hatte ich auch noch immer ein wenig. Mein Bedarf an Abenteuern war für heute gedeckt.
„Ich habe keine Angst", protestierte ich.
„Es ist nur so, dass meine Mutter sich sicher schon Sorgen um mich macht. Vielleicht kannst du uns ja zeigen, wie wir hier wieder raus kommen? Du kennst dich doch hier sicher bestens aus!"
Victor verzog sein Gesicht. Es sollte wohl ein schelmisches Grinsen sein.
„Ich glaube, es ist an der Zeit, euch aufzuklären, wo ihr seid, und wer wir sind. Doch vor allem, warum du hier bist, Bursche."
Bevor ich etwas antworten konnte, zog Victor an meinem Ärmel, weil ich ihm folgen sollte.
„Halt, halt, lass mich sofort los!", schrie ich ihn an, „ich werde nirgendwo hingehen, außer nach Hause!"
Victor schüttelte ungläubig seinen kleinen Kopf, dabei rutschte ihm seine Kapuze etwas aus der Stirn. Er hatte graue Haare und sah auf einmal steinalt aus. Doch seine Augen waren wachsam und leuchteten witzig.
„Du wirst erst wieder nach Hause können, wenn du deine Aufgabe hier erfüllt hast. Die Kraft zu zaubern und das Zauberloch wieder zu öffnen hast nur du, Bursche aus dem Zauberloch."
„Soll das heißen, wir sind hier gefangen? Und was bedeutet überhaupt das Zauberloch öffnen und Vierfinger und zaubern? Ich kann überhaupt nicht zaubern, das konnte ich noch nie!" schrie ich Victor fast an.
„Noch nicht, aber du wirst es erlernen. Und ja, du bist hier gefangen. " gab mir Victor klar zu verstehen.
„Und was ist mit mir? Ich bin schließlich auch noch da. Bin auch hier gefangen? Und kann auch ich das Zaubern erlernen? „, meldete sich Andy.
Victor sprach mystisch und etwas bedrohlich zu
Andy: „Nun, wir warteten auf den Burschen aus dem Zauberloch. Dass noch ein Fünffinger dabei sein würde, nämlich du, Andy, damit haben wir nicht gerechnet. Aber da du nun mal hier bist und auch nicht mehr nach Hause kannst, wirst du deinem Freund helfen. Seine Aufgabe wird nicht leicht sein. Willst du also deinem Freund helfen?"
Andy stotterte vor sich hin. Er wusste nicht, was er antworten sollte, deshalb ergriff ich das Wort und wollte von Victor wissen: „Um was geht es hier eigentlich? Wobei soll Andy mir helfen? Außerdem, wir sind Menschen und keine Fünffinger, oder wie die heißen! Und warum habt ihr ausgerechnet auf mich gewartet? Ihr konntet doch gar nicht wissen, dass ich komme."
Victor griff nach meiner Hand, hielt sie neben seine und fragte: „Weißt du nun, warum du ein Fünffinger bist?"
Verblüfft schaute ich ihn an und sagte: „Weil du nur vier Finger hast, bist du ein Vierfinger. Ich habe fünf Finger und bin somit ein Fünffinger, richtig?"
Victor nickte. Er freute sich darüber, dass ich mich nicht mehr so aufregte, und lief einfach los.
„Wo willst du denn jetzt hin?" fragte ich ihn empört. „Ich dachte du bringst uns nun zu der Tür, damit wir nach Hause kommen?"
„Du wirst das Zauberloch, diese Tür, erst wieder sehen, wenn du deine Aufgabe erfüllt hast", sagte Victor schon wieder.
„Aber ich will hier keine Aufgabe erfüllen, ich will nach Hause", gab ich ihm unmissverständlich zu verstehen.
„Meine Mutter wird sich fürchterliche Sorgen machen".
Wollte dieser Zwerg das denn nicht begreifen? Andy schaute von einem zum anderen, so, als würde ihn das hier alles gar nichts angehen.
„Deine Mutter wird nicht wissen, dass du hier bist, sie wird sich auch keine Sorgen machen. So lange du hier bist, wird in deiner Welt die Zeit still stehen. Erst wenn du deine Aufgabe erfüllt hast, wirst du wieder zurück können, und dann wirst du alles so wiederfinden, wie du es verlassen hast", erklärte uns Victor.
Andy räusperte sich und wollte wissen: „Gilt das auch für mich und meine Eltern?"
„Leben sie auch in der Welt, aus der unser Bursche kommt?" fragte Victor.
Andy schaute mich an und nickte.
Victor nickte ebenfalls. „Dann wird es so sein."
„Heißt das, wir müssen mit dir mit gehen, um irgendwann hier wieder raus zu kommen?" fragte ich noch einmal. Victor nickte nur und watschelte los.
„Ich werde euch nun zu den Ehrwürdigen bringen. Dort werdet ihr auf all eure Fragen eine Antwort bekommen", sagte er, ohne sich dabei umzudrehen.
In zwei Meter Abstand trotteten wir hinter Victor her, und obwohl er so klein war, marschierte er strammen Schrittes voran. Es ging weiter durch den Tunnel. Plötzlich spürte ich wieder diesen eisigen Wind, und Victor beschleunigte seinen Schritt. "Los, los! Voran, voran! Wir müssen den Zeittunnel schleunigst hinter uns lassen", drängte er uns weiter. Dann endete der Tunnel plötzlich an einer Wand, und es schien so, als sei unser Weg hier zu ende. Doch Victor lief einfach weiter auf die Wand zu, die sich wie von Zauberhand öffnete, um sich gleich hinter uns wieder zu schließen. Ich schaute Andy an. Der zog seine Augenbrauen hoch und sah noch einmal zurück.
„Zauberei", flüsterte er mir leise ins Ohr.
Wir liefen weiter durch riesige Katakomben, die nur durch dieses blaue Licht etwas erhellt waren.
„Versuche dir den Weg zu merken, sonst kommen wir hier nie wieder raus", sagte ich zu Andy.
„Ich weiß ehrlich gesagt schon jetzt nicht mehr so genau, in welcher Richtung der Ausgang ist", überlegte Andy laut.
Ich konnte noch immer nicht glauben, was wir hier erlebten. Ich kam mir nicht nur so vor, als wanderte ich durch eine fremde Welt, ich tat es auch wirklich. Den Tunnel hatten wir hinter uns gelassen, ohne es richtig zu bemerken. Alles ging irgendwie fließend ineinander über.
Es kam mir so vor, als würden wir durch das Innere eines Berges laufen, jedenfalls stellte ich mir so einen Berg von innen vor. Felsen und Gestein, soweit das Auge blickte. Es gab keinen Himmel über uns, und würde nicht dieses schemenhafte, blaue Licht scheinen, ständen wir in der absoluten Finsternis. Von Zeit zu Zeit roch ich diesen beißenden Geruch und hielt die Luft an, solange ich konnte. Victor lief vor uns her, als kenne er diesen Weg wie seine Westentasche. Immer wieder schaute ich auf diesen Zwerg, der aussah, wie eine Märchengestalt der Gebrüder Grimm. Ich zog Andy am Ärmel und sagte leise: „Beim nächsten Aufsatz über unsere Erlebnisse im Urlaub werde ich der Burghard eine Geschichte auf den Tisch schmeißen, davon wird sie noch ihren Enkelkindern erzählen."
„Vorrausgesetzt, wir werden die Burghard je wieder sehen", gab Andy zu bedenken.
Ich schluckte, daran hatte ich bis jetzt überhaupt noch nicht gedacht. Ich war mir sicher, dass wir hier wieder rauskommen würden, sobald wir unsere Aufgabe erfüllt hatten.
Wie lange wir gelaufen waren, konnte ich beim besten Willen nicht sagen, ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Ich weiß nur, dass wir über Felsen kletterten, kleinere Bäche übersprangen und uns durch Nischen hindurchquetschten. Dass es Wesen gab, die ihr Leben hier verbrachten, war für mich unvorstellbar. Zum ersten Mal, hatte ich wirkliche Angst, nicht mehr nach Hause zu kommen. Ich war nur heilfroh, dass ich nicht alleine durch die Tür gegangen, und Andy an meiner Seite war. Sollten wir hier tatsächlich nicht mehr wegkommen, dann müsste ich wenigstens nicht alleine in dieser Welt mein Dasein fristen.
Irgendwann hörte ich von weit her Stimmengewirr und Geräusche. Es hörte sich so an, als befände sich hier ein Freibad oder Kinderspielplatz. Victor kraxelte eine steile Felswand hoch, die fast bis unter die Decke des Berges reichte, und winkte uns zu sich rauf. Es fiel uns nicht so leicht wie Victor, die Wand hinaufzuklettern, doch als wir neben ihm auf dem Felsvorsprung standen, schauten wir hinab in eine tiefe Schlucht. Ich trat automatisch wieder einen Schritt zurück, weil ich Angst hatte abzustürzen. Vorsichtig beugte ich meinen Oberkörper vor, um einen Blick in den Abgrund zu werfen, und hielt mich mit einer Hand an Andys Arm fest. Andy geriet sofort ins Schwanken und trat auch einen Schritt zurück.
Wir standen auf einem Felsvorsprung fast unter der Decke des Berges. Unter uns erstreckte sich eine gigantische Schlucht. Es sah so aus, als hätte jemand ein großes Stück, einfach aus dem Berg herausgeschnitten, als wäre an dieser Stelle der Berg hohl.
Ich sah tausende von dicken Seilen, die von einer Felswand zur anderen gespannt waren. Kreuz und quer hingen sie über der Schlucht. An den Seilen hingen kleinere und auch größere Schiffe. Die größeren Schiffe sahen aus wie uralte Fischkutter und besaßen alle eine verrottete Kajüte. Einige hatten Segel und es sah so aus, als bewegten sie sich vorwärts. Unter den, an den Seilen hängenden Schiffen, erstreckte sich ein enorm großer See. Seine Farbe war von einem tiefen, fast künstlich aussehenden Blau. Die ganze Schlucht hatte diese blaue Farbe, in der auch der Zwerg leuchtete. Von hier oben war es ein atemberaubender Anblick. Am Ufer entdeckte ich durch große, weiße Kieselsteine eingesäumte Wege, auf denen noch andere Zwerge liefen. Alle hatten sie so ein Cape um, wie Victor es trug. Ich sah nur ein Schiff, das nicht über dem See an den Seilen hing, sondern etwas abseits an Land stand.
Doch beim genaueren hinsehen, sah ich, dass auch dieses an einem dicken Seil befestigt an der Felswand etwas über dem Boden hing. Nicht ein Schiff fuhr auf dem Wasser, alle hingen an den Seilen in der Luft.
Ich wusste nicht, was mich erwarten würde, als wir mit Victor losgingen. Aber das hier, verschlug mir eindeutig die Sprache. Als ich zu Victor hinüber sah, leuchtete er plötzlich fast so blau wie der See in der Schlucht, und ich schubste Andy an, damit er es auch bewundern konnte.
Eigentlich rechnete ich damit, dass nun irgendetwas geschehen würde. Dass Victor sich verwandelte, oder einfach davon fliegen würde.
Stattdessen hörte ich wie Andy sagte: „Sag mal Victor, blau scheint wohl deine Lieblingsfarbe zu sein, was?"
Nun sahen wir Victor zum ersten Mal lachen: „Oh, ja. Aber nicht nur meine, alle Vierfinger lieben Blau. Es ist unsere Lebensfarbe."
Dann streckte er seinen Arm aus und machte eine weit ausholende Bewegung über die Schlucht.
„Das ist unser blaues Land. Unsere Heimat. Die Heimat der Vierfinger. Die hoffentlich bald, durch dich, den Burschen aus dem Zauberloch, wieder so sein wird, wie sie einmal war."
Victor bemerkte sofort, dass er erneut meine Neugier geweckt hatte, und ich wieder einige Fragen stellen wollte. Deshalb sagte er schnell: „Später. Alles zu seiner Zeit."
Die ganze Zeit, die wir hier auf dem Felsvorsprung standen, fragte ich mich schon, ob wir in die Schlucht hinunter müssten, und wie wir es bewerkstelligen sollten, als Victor so etwas wie einen Stoßzahn von einem Elefanten aus seinem Cape zog. Andy und ich staunten nicht schlecht. Der Stoßzahn war bei weitem größer als Victor, und wir hätten ihn eigentlich sehen müssen, als er den weiten Weg vor uns her lief. Er legte den Stoßzahn behutsam mit der Spitze nach oben auf die Erde und kramte in den Taschen seines Capes. Dann hielt er eine kleine, bunte Kugel in der Hand, die aussah wie eine Murmel. Er warf sie oben in die große Öffnung des Stoßzahnes. Die Kugel rollte durch den hohlen Zahn, schoss dann, wie eine Rakete aus der Spitze wieder hinaus und flog im hohen Bogen über den See hinweg. Dabei gab sie kreischende und singende Töne von sich. Wo die Kugel gelandet war, konnten wir von hier aus nicht erkennen, so schnell und so weit war sie geflogen. Victor nahm den Zahn, schob ihn wie einen Teleskoparm zusammen und steckte ihn wieder zurück in sein Cape. Ich sah verblüfft zu Andy rüber, der das Schauspiel mit offenem Mund bewunderte.
„Was war das für eine Kugel, die du durch den Zahn geschossen hast?" wollte ich von Victor wissen.
„Das wirst du alles noch erfahren", vertröstete er mich schon wieder. „Wir müssen uns nun erst einmal in Sicherheit bringen. Im blauen Land kann uns nichts mehr passieren."
„Willst du damit sagen, dass wir hier die ganze Zeit in Gefahr sind?" empörte ich mich und sah mich erschrocken nach allen Seiten um.
Auch Andy drehte sich um und versuchte in der Dunkelheit ein Unheil zu entdecken, das auf uns zu kommen könnte. Weil wir uns ängstlich, Ausschau haltend zu allen Seiten drehten, bemerkten wir nicht, dass ein kleines Schiff am Felsen ruhte, und Victor schon eingestiegen war. Er hielt uns seine Hand mit dem Daumen und den drei Fingern entgegen und half uns dabei, in dieses winzige Schiff zu klettern. Es wackelte gefährlich in dieser schwindelnden Höhe. Sofort krallte ich mich am Mast des Schiffes fest um nicht hinunter zu stürzen. Diese Schiffe waren für unsere Größe nicht ausgelegt, und ich fühlte mich wie eine Sardine, eingequetscht in eine Dose, mitten auf dem weiten Ozean.