Darvin, und das Zauberloch na...

By MadameWuwu

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Eigentlich ist Darvin ein ganz normaler Junge, aus einer ganz normalen Familie. Doch dann geschehen rätselha... More

Kapitel 2 Der Zeittunnel
Kapitel 3 Das blaue Land
Kapitel 4 Der Zauberlehrling
Kapitel 5 Die Reise ins Unbekannte
Kapitel 6 Die Wabbels
Kapitel 7 Im Land der Quaraks
Kapitel 8Der Kampf um die Sonnen
Kapitel 9 Die Rückkehr

Kapitel 1 Die Entdeckung

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By MadameWuwu


Eigentlich sind wir eine ganz normale Familie. Und dazu gehören meine zehnjährige Schwester Ina, meine Mutter und ich, Darvin.

Natürlich gehört für mich auch mein Vater dazu, aber der wohnt schon lange nicht mehr bei uns. Trotzdem unternehmen wir viel zusammen, und Mama sagt immer, dass es gut ist, so wie es ist.

In unserer Familie passieren keine ungewöhnlichen Dinge.

Jedenfalls ist noch nichts Ungewöhnliches geschehen, bis zu diesem Sonntag.

Es war Sonntagmorgen, ich lag noch im Bett und dachte an das heutige Eishockeyspiel. Vor zwei Jahren hatte ich mit einigen Jungs aus meiner Klasse eine Eishockeymannschaft auf die Beine gestellt. Seitdem verbrachte ich jede freie Minute auf dem Eis. Und heute sollte das Spiel der Spiele stattfinden. Eiskratzer gegen Huskys. Ich schaute auf meine neuen Schlittschuhe, die ich vor einigen Tagen von Papa zu meinem vierzehnten Geburtstag bekommen hatte.

Heute würde ich sie zum ersten Mal übers Eis gleiten lassen. Ich kuschelte mich zurück in mein Kissen und träumte gerade von unserem eindeutigen Sieg gegen die Huskys, als Mama anklopfte und den Kopf durch die Tür steckte.

„Frühstück", trällerte sie wie jeden Morgen. Danach erklärte sie mir, dass sie gleich noch auf einen Kaffee zu ihrer Freundin Ruth fahren müsste, weil irgendetwas passiert sei. Sie schloss die Tür mit dem Hinweis, dass ich dann auf meine Schwester achten müsste.

Mir blieb die Spucke im Hals stecken. Das konnte doch wohl nicht wahr sein! Warum ausgerechnet heute?, schoss es mir durch den Kopf. Hatte Mama mein wichtiges Spiel total vergessen?

Und während ich noch überlegte, wie ich aus dieser Nummer raus kommen könnte, trabte Ina in mein Zimmer.

Sie baute sich vor mir auf und grinste mich ziemlich dämlich an.

"Kann Papa nicht auf dich aufpassen?", fragte ich, und grinste ebenfalls dämlich zurück. Ina schüttelte den Kopf.

"Kann er nicht. Arbeiten". Zu ihrem Glück grinste sie nun nicht mehr, denn ich war sauer. Stinksauer sogar. Am liebsten hätte ich ihr den Hals umgedreht, obwohl mir schon klar war, dass sie ja auch nichts dafür konnte, dass ich heute für sie den Alleinunterhalter spielen durfte.

Mama lugte wieder durch die Tür. Sie versprach, bald zurück zu sein, ermahnte uns, keinen Blödsinn zu machen, und weg war sie.

Super! Das war es dann wohl. Mein Spiel konnte ich mir von der Backe kratzen. Mir blieb also nichts anderes übrig, als Andy, meinen besten Freund, anzurufen und ihm diese Nachricht mitzuteilen.

Voller Wut schmiss ich Ina aus meinem Zimmer und warf die Tür knallend hinter ihr zu. Eine Sekunde später, gab es erneut einen Knall, und mein Bücherregal über der Stereoanlage brach zusammen.

Erschrocken schaute ich auf die zahlreichen Bücher, die nun überall zerstreut in meinem Zimmer lagen. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Mama würde ausflippen, wenn sie das Chaos sehen würde.

Ich wollte keinen Ärger haben, deshalb versuchte ich, das Regal selber wieder an die Wand zu bringen. Allerdings war es nicht so einfach, wie ich dachte. Das Loch, in dem gerade noch der Dübel steckte, war plötzlich größer, und je mehr ich versuchte, den Dübel festzukriegen, umso größer wurde das Loch. Mist!

Mittlerweile passte mein kompletter Zeigefinger in das Loch, und auf dem Boden lag schon ein gewaltiger Haufen Mörtel. Mist! Mist! Mist!, dachte ich laut. Wenn das so weiter gehen sollte, dann blieb mir gar nichts anderes übrig, als Mama von dem kaputten Regal zu erzählen. Das große Loch würde sie ja dann ganz von alleine sehen.

Ich überlegte noch, wie ich es ihr beichten könnte, als ich etwas in dem Mörtel auf dem Boden glitzern sah. Eine ganze Weile ließ ich den feinen Staub nicht mehr aus den Augen. Und tatsächlich, irgendetwas schien immer wieder zu blitzen. Im ersten Augenblick wusste ich nicht so richtig, was ich tun sollte, so etwas hatte ich noch nicht gesehen. Der Mörtel, der eigentlich weiß bis hellgrau aussah, leuchtete nun zum größten Teil blau. Ich hatte das Gefühl, je länger ich hinschaute, umso kräftiger wurde die Farbe.

Voller Entzücken steckte ich meinen Finger in den kleinen Berg und rührte ihn ein wenig auseinander, um zu sehen, ob er in der Mitte auch leuchtet.

Kaum hatte ich mit meinem Finger den leuchtenden Staub berührt, da rieselte oben aus dem Loch immer mehr Mörtel herunter. Sobald er auf den Boden fiel, begann auch dieser zu leuchten.

Aber diesmal nicht nur blau, sondern in allen Farben, die es gibt und in solchen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Ich versuchte mit meiner Hand das nicht mehr endende Rieseln aufzuhalten, merkte aber schnell, dass es nicht klappte. Es rieselte unaufhörlich durch meine Finger. Meine ganze Hand leuchtete schon wie ein Regenbogen. Gerade als ich mein Shirt ausziehen wollte, um es in das Loch zu stopfen, hörte alles genauso plötzlich auf, wie es begonnen hatte. Von dem bunten Staub war nichts mehr zu sehen.

Nur der Mörtel auf dem Boden leuchtete noch blau. Mit großen Augen betrachtete ich den Berg, der allmählich wieder weiß bis hellgrau wurde.

Das glaubt mir keiner! War mein erster Gedanke. Ich brauche gar nicht zu versuchen, es jemandem zu erklären, das glaubt mir kein Mensch.

Ich hatte keine Erklärung für das, was gerade passiert war, und ich wusste nicht, was ich als nächstes tun sollte.

Das blaue und das bunte Licht, es war da gewesen. Ich hatte es mit absoluter Sicherheit gesehen.

Ich beschloss, die ganze Sache erst einmal für mich zu behalten. Ich hätte sowieso nicht gewusst, wem ich davon erzählen sollte, außer Andy natürlich.

Als ich wieder zu dem Loch in der Wand schaute, hatte ich im ersten Augenblick den Eindruck, das Loch könnte größer geworden sein, doch sicher war ich mir nicht. Mir kam die ganze Geschichte schon etwas unheimlich vor, und eine Gänsehaut kroch mir über den Rücken.

Ich musste irgendetwas vor dieses Loch hängen, nur für den Fall, dass meine neugierige Schwester ins Zimmer kommen würde. Hätte sie erst das Loch gesehen, würde es in der nächsten Minute auch Mama wissen und das bedeutete Ärger. Genau das durfte nicht geschehen! Irgendwie musste ich das Loch schon selber wieder zukriegen. Aber nichts war zu finden außer einem Kinderposter mit einem Elefanten drauf. Doch das war mir nun auch egal. Mir würde später sicher noch etwas anderes einfallen. Für den Moment aber erfüllte dieser alberne Elefant seinen Zweck.

Ina hatte sich in ihr Zimmer zurück gezogen, und malte ein Bild. Zum Glück ging sie mir nicht auf die Nerven und ich konnte in Ruhe frühstücken, obwohl es schon fast Mittag war. Während ich meine Brötchen vertilgte, versuchte ich mich daran zu erinnern, wie Papa beim Renovieren die alten Löcher zugemacht hatte. Er hatte immer so ein komisches Zeug angerührt und anschließend in die Löcher geschmiert. Aber so ein Zeug hatte ich nicht. Und ich hatte auch keinen blassen Schimmer, wo ich so was jetzt herbekommen könnte.

Zurück in meinem Zimmer, räumte ich erst einmal die Bücher aus dem Weg und fegte den Mörtel zusammen. Dann nahm ich das Poster wieder ab und schaute auf das Loch. Vielleicht würde mir etwas Passendes einfallen, wenn ich nur lange genug auf dieses Loch schauen würde.

Mich traf der Blitz! Ich weiß nicht mehr wie lange ich an die Wand gestarrt hatte, aber ich konnte einfach nicht glauben, was ich da sah.

Das Loch, dieses kleine Loch, es hatte nun einen Durchmesser von der Größe unseres Globusses im Wohnzimmer! Wie konnte das passieren? So ein winziges Loch konnte doch unmöglich von alleine so groß werden!

Meine Schwester hatte ihr Zimmer direkt neben meinem, ich musste nachsehen, ob dieses riesige Loch vielleicht schon bei ihr zu sehen war. Ich rannte hinüber und schaute hinter Inas Kleiderschrank, der genau an der Stelle stand, an der ich das Loch in meinem Zimmer vermutete. Doch es war nichts zu sehen. Obwohl dieses Loch in meinem Zimmer so tief aussah, war in Inas Zimmer nichts zu sehen. Langsam bekam ich es mit der Angst zu tun. Ich hatte nichts getan, dennoch wurde das Loch immer größer, wie von Zauberhand. Was würde sein, wenn es nicht aufhörte größer zu werden? Vielleicht war es ein Tier, das Steine frisst, aber keinen Mörtel mag, und das noch keiner kennt? Vielleicht war es aber auch ein altes, vorgeschichtliches Tier das schon lange gesucht wurde, und wir würden reich, weil es in meinem Zimmer in der Wand lebte? Vielleicht wirft uns aber auch der Vermieter raus, wenn die Wand ganz verschwindet?

Ich hatte Angst! Würde es aufhören, wenn die Wand weg ist? Oder würde sich unser ganzes Haus in Nichts auflösen? Womöglich würde die ganze Straße davon betroffen sein. Ich durfte gar nicht weiter darüber nachdenken, was noch alles möglich war. Wäre Mama doch nur hier!

Ich hätte ihr alles erzählt, sie hätte auch sofort gewusst, was zu tun ist.

Die Brötchen lagen mir nun sehr schwer im Magen. Ich dachte, ich müsste mich übergeben, konnte es aber im letzten Moment noch verhindern.

Ich setzte mich erschöpft von dem Schreck in meinen Sessel und überlegte. Was, um alles in der Welt, konnte passiert sein? Aus diesem kleinen Loch wurde in kürzester Zeit ein Loch, in das ich meinen Kopf komplett hineinstecken konnte. Was ich mich natürlich nicht traute. Wozu auch? Was sollte ich da auch schon sehen? Aber irgendetwas musste doch da sein. Vielleicht würde ich etwas spüren, wenn ich hineinfassen würde. Das könnte ich ja mal versuchen.

Ich streckte meine Hand in Richtung Loch aus, zog sie dann aber sofort wieder zurück.

Sei nicht so feige, Darvin, sagte ich mir in Gedanken. Doch ich hatte nicht den Mut.

Vielleicht sollte ich doch besser Papa anrufen, er würde kommen und das Loch schließen. Dann wäre es auf ewig zu und basta. Aber das ging auch nicht, viel mir sofort wieder ein. Papa war arbeiten und ich wusste nicht, wann er wieder zu Hause sein würde.

Nun stand ich wieder genauso da wie am Anfang. Ich wusste nicht weiter.

„Oh, lieber Gott, lass dieses Loch verschwinden", sagte ich laut und hielt meine Hände gefaltet in Richtung Himmel.

Wenn dieses Loch nun nicht verschwinden würde, müsste ich die Nacht mit diesem Loch in der Wand in meinem Zimmer verbringen. Mir lief ein Schauer über den Rücken, und wieder bekam ich eine Gänsehaut, wenn ich nur daran dachte.

Mama würde sicher bald nach Hause kommen, und dann müsste ich ihr alles erzählen. Doch was sollte ich ihr bloß sagen? Wie konnte ich ihr solch eine Geschichte glaubhaft beibringen, ohne als Lügner dazustehen?

Ich schaute aus dem Küchenfenster, doch von Mama war weit und breit noch nichts zu sehen. Als ich in mein Zimmer zurückkam sah ich voller Entsetzen, dass das Loch noch größer geworden war. Nun war es doppelt so groß wie vorher! Selbst mit dem Poster hatte ich nun keine Chance mehr, es zu verbergen, so groß war es! Ich geriet schon beinahe in Panik bei dem Anblick, als auch noch Ina ins Zimmer kam und in beiden Händen diesen bunten, leuchtenden Staub hielt.

Das war eindeutig zu viel für mich. Ich schrie sie

an: „Wo hast du das her?"

Ina verkündete ruhig und voller Stolz, dass es in ihrem Zimmer noch mehr davon gäbe, und sie mir gerne etwas abgeben würde.

„Es liegt in meinem Schrank. Ein ganzer Berg davon, " sagte sie und bedeutete mir mitzukommen.

Und tatsächlich lag ein kleiner Berg von dem Zeug in ihrem Kleiderschrank, der direkt hinter dem Loch in ihrem Zimmer stand. Sie machte auf mich den Eindruck, als hielte sie den Schatz der Schätze in den Händen, wie sie so vor mir stand mit diesem leuchtenden Staub, der ihr durch die Finger rieselte und sich irgendwie in nichts auflöste.

Mir war überhaupt nicht aufgefallen, dass der Haufen Mörtel in meinem Zimmer gar nicht größer geworden war, obwohl doch das Loch an Größe zugenommen hatte. Irgendwo musste der Mörtel ja geblieben sein, und das war im Schrank meiner Schwester! Er fiel also nicht mehr in mein Zimmer, sondern hinten aus dem Loch heraus, hier hinein in den Schrank.

Als ich merkte, dass Ina sogar Freude an der Sache hatte, wurde ich auch etwas ruhiger.

„Komm mal mit, Darvin", sagte sie und kletterte in den Schrank. Sie schob die Bügel mit ihren Jacken zur Seite, damit wir beide Platz im Schrank hatten. Es roch auf einmal ganz eigenartig. So wie ein Stück vergammelter Käse, der schon eine Ewigkeit herumlag und von Zeit zu Zeit mit der Flüssigkeit einer Stinkbombe beträufelt wurde. "Puh!", sagte ich, und wedelte mit der Hand vor meinem Gesicht.

"Wie lange sammelst du schon deine alten Socken hier im Schrank?" Ina reagierte überhaupt nicht auf das was ich sagte, und sie schien auch den Ekel erregenden Gestank nicht wahr zu nehmen. Stattdessen meinte sie nur: "Mach mal die Schranktür zu."

Doch das war gar nicht so einfach, denn die Tür hatte von innen keinen Griff und ging immer wieder auf. Während ich noch kämpfte, um die Tür geschlossen zu halten, fiel mir auf, dass der Staub aufgehört hatte zu leuchten. Als ich nun endlich die Tür zu hatte, standen wir für ein paar Sekunden im Dunkeln. Plötzlich leuchtete aus einer Ecke wieder dieses blaue Licht auf. Obwohl ich etwas erwartet hatte, erschrak ich doch so sehr, dass ich mit meinem Ellenbogen automatisch die Tür wieder aufstieß. Das blaue Licht ging wieder aus.

„Was ist, hast du etwa Schiss?" fragte mich Ina und grinste dabei.

Gerade als ich mich heftig zur Wehr setzten wollte, hörte ich den Schlüssel in der Haustür.

Mama kam nach Hause. Ich hatte gar nicht mitbekommen, wie schnell die Zeit vergangen war. Draußen wurde es schon allmählich dunkel. Ich schaute Ina mit großen Augen an. Plötzlich hatte ich nicht mehr das Bedürfnis Mama von dem Loch und dem kaputten Regal zu erzählen. Ich wollte unbedingt herausfinden, was all das hier zu bedeuten hatte. Ina durfte Mama auf keinen Fall etwas von diesem leuchtenden Mörtel erzählen, deshalb versprachen wir uns schnell mit unserem Geschwisterschwur, dass dies unser großes Geheimnis bleiben würde.

Von dem Loch in meinem Zimmer erzählte ich Ina aber nichts, sie wusste sowieso schon viel zu viel.

Ich wusste nur eins. Ich musste es verbergen!

Mir fiel der Spielteppich ein, der zusammengerollt unter meinem Bett lag. Mama wollte ihn unbedingt noch aufheben, weil er zu schade war, um auf dem Müll zu landen. Damals fand ich es ziemlich peinlich, den Teppich unter meinem Bett zu lagern. Doch nun kam er mir gerade recht. Der Teppich war auf jeden Fall groß genug, um das Loch zu verdecken. Also besorgte ich mir Hammer und Nägel und schlug gerade den ersten Nagel durch den Teppich in die Wand, als Mama ins Zimmer kam. Der Nagel saß. Mit beiden Händen hielt ich krampfhaft das andere Ende vom Teppich über das Loch.

Mama blickte auf den Teppich, schaute mich erstaunt an und registrierte dann die gestapelten Bücher in der Ecke. Sie verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf. Doch sie sagte nichts. Sie verließ ohne ein Wort mein Zimmer.

Ich atmete tief durch. Das war knapp. Doch der Teppich hing. Von dem Loch war nichts mehr zu sehen, vorrausgesetzt, es würde nicht noch größer werden.

Die Nacht, vor der es mir bangte, weil ich sie alleine mit diesem Loch verbringen musste, verlief eigentlich ziemlich ruhig. Trotzdem lag ich noch lange wach und lauschte auf jedes, noch so kleine Geräusch. Selbst die Geräusche, die ich kannte und die mir eigentlich vertraut waren, hörte ich heute mit anderen Empfindungen. Immer wieder versuchte ich, im Dunkeln etwas zu erkennen, das sich mir leise und schleichend näherte. Aber es passierte nichts. Für einen kurzen Augenblick glaubte ich, diesen fürchterlichen Gestank wieder riechen zu können. Doch im selben Moment war er auch wieder weg. Nur mein Herz hörte ich noch lange laut pochen. Obwohl ich mir einbildete, ständig irgendwas Außergewöhnliches zu hören, muss ich doch irgendwann eingeschlafen sein.

Am nächsten Morgen fühlte ich mich wie gerädert, dennoch kam ich schneller aus dem Bett als sonst. Mein erster Gedanke galt dem Loch. Ob es wohl über Nacht noch größer geworden war? Vorsichtig lugte ich hinter den Teppich, doch alles war so, wie es gestern auch war. Gott sei Dank!

In der Schule erzählte ich Andy von den mysteriösen Vorfällen, die sich gestern bei uns zu Hause abgespielt hatten. Natürlich glaubte er mir kein Wort. Wie sollte er auch! Aber neugierig war er, und wir verabredeten uns für den Nachmittag, damit er sich selber ein Bild von der Sache machen könnte.

Als ich nach der Schule zu Hause ankam, erwartete ich für eine Sekunde, dass Mama das Loch entdeckt haben könnte, auf mich zugestürmt kommt und mir eine Szene machen würde. Doch alles war friedlich. Mama verhielt sich wie immer und verlor kein Wort über das Loch. Sie hat es also noch nicht bemerkt.

Natürlich schaute ich als erstes hinter den Teppich. Nichts hatte sich verändert. Das Loch war nicht größer geworden, aber auch nicht kleiner, was ich ein bisschen gehofft hatte.

Nur wenn es plötzlich ganz verschwunden gewesen wäre, hätte ich vor Andy ganz schön blöd dagestanden. Aber es war noch da. Ich war mir nur nicht ganz sicher, ob ich mich darüber freuen sollte oder nicht.

Ich beschloss, mich beruhigter zu fühlen. Beruhigt darüber, dass das Loch nicht größer geworden ist und setzte mich zum Essen an den Tisch.

Ina setzte sich zu mir und fragte

mich: „Spielen wir gleich noch ein wenig mit dem bunten Sand bevor er ganz verschwunden ist?"

„Wieso verschwunden?" flüsterte ich.

„Na, ja, " erklärte Ina mir, „erst leuchtet der Sand und dann ist er futsch."

Ich konnte mir auf all das keinen Reim machen. Vielleicht hätte ich es besser verstanden, wenn wir in der Schule schon Chemie gehabt hätten. Möglicherweise war alles nur eine chemische Reaktion auf irgendetwas. Der Mörtel verträgt sich nicht mit dem Kleister oder der Tapete, und fängt deshalb an zu leuchten. Eventuell war der Kleister zu ätzend und frist die Wand auf. Oder es war wirklich einfach nur ein Tier, das zwar Steine aß, aber keinen Mörtel.

Vielleicht war es sein Speichel, der so leuchtete und der beim Trocknen verschwand samt Mörtel. Ich wusste es nicht.

Fünf Minuten vor Drei stand Andy auf der Matte, völlig aus der Puste.

„Ich bin den ganzen Weg gerannt", sagte er.

Schwer atmend betrat er mein Zimmer, und noch während er seine Jacke auszog, schaute er wild um sich.

„Also, wo ist es?" fragte er neugierig.

Ich zog ihn am Ärmel und stellte ihn vor den Teppich.

„Dahinter", war alles, was ich sagte.

Völlig regungslos standen wir da, gerade so, als würde der Teppich von einem Monster bewacht, dass uns jeden Augenblick angreifen und auffressen wollte. Andy bewegte sich als erster. Ganz vorsichtig schaute er mit einem Auge hinter den Teppich.

„Ein Loch, na und? Zugegeben, ein ziemlich großes Loch, aber eben doch nur ein Loch, " stellte er großkotzig fest.

„Na, dann komm mal mit", triumphierte ich.

Im Wohnzimmer sah ich Mama telefonieren. Leise fragte ich sie: „Wo ist Ina?"

Mama hielt die Muschel mit einer Hand zu und flüsterte ebenfalls: „Auf einem Kindergeburtstag. Warum?"

„Nur so", sagte ich und schob Andy vor mich her in Inas Zimmer, wo er mich wieder ungläubig ansah. Ich öffnete den Kleiderschrank und versuchte Andy hinein zu schieben.

„Nun werde aber nicht albern", protestierte er. Dabei versuchte er meine Hand von seinem Arm zu streifen.

„Lass mich mal machen. Nun bekommst du etwas zu sehen, das wirst du so schnell nicht wieder vergessen, " sagte ich. Dabei schaute ich ihn so an, dass er gar nicht mehr anders konnte. Er musste mit mir in den Schrank klettern.

Doch Andy steckte nur den Kopf hinein. „Hier ist nichts. Absolut nichts." Dann rümpfte er seine Nase und sagte: „Aber es stinkt ziemlich übel im Schrank deiner Schwester. Welche toten Tiere sammelt sie denn da?"

Mir war im Moment überhaupt nicht nach Andys Späßen, und ohne mich weiter dazu zu äußern, schob ich ihn einfach weiter. „Jetzt geh schon", hielt ich ihn an. Andy stolperte voran und dann endlich standen wir in dem dunklen Schrank.

Ich hörte Andy aufgeregt neben mir schnaufen: „Ja und? Was passiert denn nun?" fragte er mich gleich zweimal hintereinander, so, als würde ich ihn nicht richtig verstehen.

Eine Antwort brauchte ich ihm nicht mehr zu geben, denn aus der Ecke im Schrank leuchtete ganz zaghaft das blaue Licht. Auf eine Art war ich froh darüber, dass das Licht noch da war, um nicht vor Andy als Idiot dazustehen. Andrerseits war es mir aber sehr unheimlich, denn kaum wurde das Licht heller, da war es auch schon wieder da, dieses bedrückende Gefühl. In diesem Moment, gab es für Andy kein Halten mehr, er wollte raus, raus aus dem Schrank. Er schob und drückte mich gegen die Tür. Weil ich aber auf seine wilde Vorführung nicht vorbereitet war, verloren wir beide das Gleichgewicht und fielen mit einem Heidenlärm aus dem Schrank.

Nun saßen wir beide, abwartend was passiert, auf dem Boden. Doch nichts geschah. Mama telefonierte wahrscheinlich noch, und hatte nichts gehört.

Ich war genau auf die Kante vom Schrank gefallen und mein Oberschenkel tat mir weh. Andy hat sich wohl seinen Ellenbogen verletzt, denn er rieb ihn ohne Unterlass.

„Also, was sagst du dazu? Hast du eine Ahnung, was das alles bedeuten könnte?" flüsterte ich und zeigte dabei auf die Schranktür.

Doch Andy schaute mich nur aus großen Augen an. Er sagte kein Wort, er konnte wohl noch nicht so richtig glauben, was er gerade gesehen hatte. Er rieb weiterhin seinen Ellenbogen, und es vergingen einige Sekunden, bis er sich gesammelt hatte.

„Was glaubst du denn, was es bedeuten könnte? Ich habe absolut keine Ahnung." sagte Andy.

Stumm schauten wir auf die Schranktür und überlegten, aus welchem Grund der Mörtel leuchten könnte.

„Vielleicht sind das die ersten Versuche von Außerirdischen, die mit uns Kontakt aufnehmen wollen", meinte Andy und schüttelte sich bei dieser Vorstellung.

„Quatsch!" sagte ich, „aber doch nicht im Schrank meiner Schwester."

„Wie auch immer. Wir müssen da aber noch mal rein", sagte Andy, scheinbar mutiger als ihm lieb war.

„Wir müssen rauskriegen, was es mit dem Licht auf sich hat."

Ich nickte nur. Ich war mir gar nicht mehr so sicher, ob ich das überhaupt wissen wollte.

Allerdings war ich froh, dass ich die Verantwortung für dieses Geheimnis nicht mehr alleine tragen musste. Andy war nun mein großer Verbündeter. Doch bevor wir weitere Schritte unternahmen, musste ich mir erst einmal einen Eindruck außerhalb des Kinderzimmers verschaffen.

Ich schaute aus Inas Zimmer und sah Mama noch immer am Telefon. Wir hatten also Zeit, der Sache weiter auf den Grund zu gehen.

Erneut kletterten wir in den Schrank und ich ermahnte Andy: „Aber schubs mich nicht wieder hier raus, wenn du in Panik gerätst."

„Ich war nicht in Panik", wehrte sich Andy „ich habe mich nur erschrocken."

„Ist ja schon gut", lenkte ich ein und schob ihn weiter.

Wieder dauerte es einige Zeit, bis wir die Tür zuhatten. Dann standen wir erneut in dem dunklen Schrank. Langsam tauchte das Licht in der Ecke auf, erst das Blaue und dann das Bunte.

Wir wussten nun, dass der Mörtel nur leuchtete, wenn die Schranktür zu war, deshalb gab ich mir große Mühe, nicht an die Tür zu stoßen. Wir schauten diesmal schon recht lange in das Licht, länger als wir es beim ersten Mal schafften, doch es passierte nichts weiter. Nur dieses Licht leuchtete. Es kamen keine Außerirdischen und keine Monster. Das Licht wurde weder größer noch kleiner, alles blieb so, wie es war. Unsere Augen gewöhnten sich allmählich an das schemenhafte Licht. Ich konnte sogar einige Jacken von Ina erkennen.

„Soll das etwa alles gewesen sein?" flüsterte Andy.

Ich zuckte mit den Schultern: „Wahrscheinlich."

Gerade als wir enttäuscht den Schrank verlassen wollten, glaubten wir, an der Stelle, an der auf der anderen Seite vom Schrank das Loch in meinem Zimmer war, so etwas wie eine zweite Tür zu sehen. Sie war aber nur halb so groß wie die Schranktür. Selbst wenn wir vorgehabt hätten, sie zu betreten, was ja noch nicht raus war, wären wir niemals hindurch gekommen. Sie war einfach zu klein.

„Lass uns mal versuchen, ob man diese Tür aufmachen kann", wagte sich Andy vor.

„Wir müssen ja nicht rein gehen, nur mal schauen, ob es dahinter was zu sehen gibt."

Nachdem Andy diesen Vorschlag gemacht hatte, rührte er sich aber keinen Millimeter von seinem Platz. Stattdessen kaute er wie besessen an seinen Fingernägeln. Also war ich es dann wohl, der seinen Vorschlag in die Tat umsetzen musste. Etwas zögernd streckte ich meine Hand aus um die Tür zu berühren. Je näher ich der Tür kam, umso deutlicher verspürte ich ein Kribbeln, das durch meinen ganzen Arm zog. Ich wollte meine Hand wieder zurückziehen, aber es ging nicht. Es war so, als ob ein Magnet meine Hand zu der Tür zog.

Ich geriet ein wenig in Panik und versuchte dennoch zu flüstern, als ich Andy anrief: „Schnell, hilf mir meine Hand zurückzuziehen. Ich schaffe es nicht alleine."

Andy schaute mich nur an. Er zögerte, mich zu berühren.

„Ja was ist denn? Du bekommst schon keinen Schlag, wenn du mich anfasst", meckerte ich ihn an.

Doch noch bevor Andy mir helfen konnte, berührte ich mit meiner Hand die Tür. Plötzlich wurde das Licht heller und heller. Wir waren so geblendet, dass wir unsere Augen schließen mussten. Mit halb zugekniffenen Augen versuchten wir etwas zu sehen. Und genauso plötzlich wurde das Licht wieder so, wie es vorher war.

Nun mussten sich unsere Augen erneut an das schemenhafte Licht gewöhnen. Nur langsam erkannten wir, dass die Tür nun genauso groß war wie die Schranktür.

„Kneif mich mal in meinen Arm", flüsterte ich Andy ins Ohr.

Ich traute mich nicht, lauter zu sprechen, man konnte ja nicht wissen, wen man hinter dieser Tür erschrecken konnte.

Andy hatte in den letzten Minuten mindestens sechs Fingernägel abgebissen, und so wie es aussah, würden die restlichen vier wohl auch noch dran glauben müssen.

Bevor mich mein Mut verlassen würde, berührte ich ohne zu zögern die Tür. Sie ließ sich ohne Mühe öffnen. Ich glaube, ich hatte sie noch nicht einmal richtig berührt, da sprang sie fast von alleine auf und schloss sich bis auf einen Spalt wieder. Durch den Spalt drang ein grünliches, dunkles Licht in den Schrank. Andy und ich hielten die Luft an. Würde nun etwas aus der Tür zu uns in den Schrank kommen? Wenn ja, was könnte es sein? Ich schaute zu Andy, der nun endlich seine Finger aus dem Mund nahm. Dann flüsterte er: "Das passiert doch alles nicht wirklich, oder? "

„Doch!", sagte ich, „das passiert alles wirklich."

Ungläubig starrten wir noch eine Weile auf die Tür.

„Also, was meinst du, gehen wir da durch?", fragte ich Andy.

Ohne mich anzusehen nickte er : „Na klar! Ist doch logisch."

„O. k.", sagte ich, „aber nicht ohne Taschenlampe. Außerdem muss ich noch sehen, was Mama macht. Sie darf von all diesen Dingen nichts erfahren."

In der Diele kam mir Mama schon entgegen und sagte mir, dass sie nun Ina von dem Geburtstag abholen würde und auch noch etwas dort bleiben wollte.

Besser hätte es nicht laufen können. Andy und ich hatten somit genug Zeit, zu schauen, was sich hinter der Tür verbarg.

Schnell lief ich noch einmal zurück in mein Zimmer und holte unsere Jacken. Wir konnten ja nicht wissen, was uns hinter der Tür erwartete.

Ich kramte unsere Taschenlampe aus der Schublade im Wohnzimmerschrank und ging zurück in Inas Zimmer. Wieder im Schrank, reichte ich Andy einen Schokoriegel.

„Soll das ein Witz sein? Glaubst du wirklich, ich könnte jetzt etwas essen?" empörte er sich.

„Dann stecke ich ihn ein. Wir wissen nicht, was uns erwartet", sagte ich und verstaute den Riegel in meiner Jackentasche.

War das eine Aufregung! Wir standen vielleicht vor dem größten Abenteuer unseres Lebens! Als Andy nach meiner Hand griff und sie nicht mehr los ließ, war ich zwar überrascht, ließ mir aber nichts anmerken.

Hand in Hand machten wir gemeinsam unseren ersten Schritt durch diese Tür.   


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