______HARRY 𓆸___
Eine ruppige Bewegung am Bett riss mich am nächsten Morgen aus dem Schlaf. Kaum öffnete ich die Augen, sah ich in die von Drakan, der mit verschränkten Armen vor mir stand.
„Beeil dich lieber mit dem Aufstehen. Wir müssen zum Schneider und uns Anzüge anfertigen lassen – für Montag. Draco heiratet“, warf er mir an den Kopf. Diese Worte reichten, um mir das Herz in die Hose rutschen zu lassen.
„Er heiratet?“, fragte ich überrascht, schlug die Decke zurück und setzte mich auf.
„Natürlich. Die Heirat ist längst beschlossene Sache“, meinte er, woraufhin ich nur stumm nickte und mich mit wackeligen Beinen vom Bett aufrichtete. Ich musste mich sogar etwas abstützen, denn die Schwangerschaft schien meinem Kreislauf zuzusetzen. Mir wurde jedes Mal schwindelig, wenn ich mich erhob.
Ohne zu zögern, nahm ich mir einen Hoodie aus dem Schrank und eine Jeans, deren Knopf ich jedoch offen lassen musste – mein Bauch war aufgebläht, wahrscheinlich wieder ein Symptom der Schwangerschaft.
Ein paar Minuten später stand ich angezogen mit einem belegten Brötchen an der Haustür, das man mir in die Hand gedrückt hatte. Am Frühstückstisch war mir schon aufgefallen, dass Aron und Draco nicht da waren. Lange konnte ich jedoch nicht darüber nachdenken, denn da drückte man mir bereits das Brötchen in die Hand. Im Auto nahm ich meinen Mut zusammen, schnallte mich an und richtete meine Frage an Drakan.
„Wo ist eigentlich Aron?“ Eigentlich wollte ich wissen, wo beide waren – doch hätte ich nach Draco gefragt, wäre das wohl übel für mich ausgegangen. Gestern Abend, nachdem wir vom Esstisch aufgestanden waren, hatte sich Drakan nach langer Zeit wieder an mir vergriffen. Ich hatte es still über mich ergehen lassen – bis er plötzlich von mir abließ und meinte, ich sei ihm zu langweilig, und ich solle „an meiner Lust arbeiten“.
„Aron? Der ist umgezogen. Er wird uns nicht mehr mit seinen Fragen nerven“, antwortete Drakan und tippte dem Fahrer auf die Schulter. „Zum Schneider, bitte“, sagte er und wandte sich dann wieder mir zu.
„Umgezogen?“, wiederholte ich leise. Ich konnte es nicht verhindern, dass sich Tränen in meinen Augen sammelten. Reflexartig drehte ich den Kopf zum Fenster und sah hinauf zu Dracos Zimmer. Wo gestern noch eine Gardine hing, war nun nichts mehr.
Alles fühlte sich plötzlich wieder so schwer an wie am Anfang. Ein fester Kloß hatte sich in meinem Hals gebildet, den ich kaum hinunterschlucken konnte. Die Hand von Drakan auf meinem Oberschenkel machte alles nur schlimmer.
„Ja, umgezogen. Und das sollte dich auch gar nicht interessieren. Immerhin gehörst du mir. Aron ist nicht dein Kind – also mach dir keinen Kopf über ein fremdes. Denk lieber über unser Kind nach“, sagte er und legte seine Hand auf meinen Bauch.
Ich nickte stumm, obwohl ich Dracos Sohn längst in mein Herz geschlossen hatte. Genauso wie Draco selbst – auch wenn er Mitschuld an meinem Elend trug. Es änderte nichts daran, dass ich mich in meinen Schwager verliebt hatte. Und nun würde er in weniger als zwei Tagen heiraten.
„Ich bin froh, dass er nicht mehr bei uns wohnt. So kann er sich nicht mehr überall einmischen. Er kann ja sowieso nichts außer herumzuhumpeln“, spottete Drakan weiter über seinen Bruder.
„Das stimmt doch gar nicht“, widersprach ich leise. „Er kümmert sich hervorragend um seinen Sohn. Ich denke, er würde gerne wieder arbeiten, aber er hat ständig Schmerzen.“
Ich dachte gar nicht darüber nach, wie dumm es war, das laut zu sagen.
Er drehte sich zu mir und verpasste mir eine schallende Ohrfeige – so fest, dass ich für Minuten nichts anderes hörte als das Pfeifen in meinem rechten Ohr.
„Wehe, du nimmst meinen Bruder noch einmal in Schutz! Er hat dir nur den Kopf verdreht. Aber vergiss nicht: Er ist ebenfalls ein Malfoy. Und du wirst ihn nie bekommen, selbst wenn du davon träumst, dass er dich berührt“, zischte er.
Ich konzentrierte mich nur auf das Brennen meiner Wange, und mit Mühe unterdrückte ich das Bedürfnis, sie zu berühren.
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Ein paar Minuten später erreichten wir den Schneider. Das Gebäude sah eher aus wie ein Herrenhaus als ein Geschäft – düster und ehrfurchtgebietend, fast wie das Malfoy Manor.
„Darf ich fragen, wie es meinen Geschwistern geht?“, fragte ich, als wir durch den langen Flur gingen.
„Warum sollte ich dir das sagen?“, fauchte er. „Sie gehören dir nicht mehr. Schlag sie dir aus dem Kopf und konzentriere dich auf dein neues Leben!“
Ich schluckte schwer. Wie sollte ich meine Geschwister einfach vergessen?
Draco hatte mir erzählt, dass unsere Eltern in der Klinik waren und kaum noch sie selbst. Drakan war das größte Monster, das ich je kennengelernt hatte – und das, was ich in meinem Leben am meisten hasste. Ohne ihn wäre alles vielleicht schöner verlaufen.
Dann müsste ich mir auch keine Gedanken darüber machen, von wem das Kind in mir wirklich war.
Ich war nur froh, dass Drakan keinen Schimmer hatte, wie nah ich Draco tatsächlich schon gewesen war – und dass Draco genau wusste, wie ich mich in seinem Beisein fühlte.
Noch nie in meinem Leben hatte ich so schnell ein erregendes Kribbeln gespürt. Mit einem inneren Kopfschütteln versuchte ich, die Erinnerung an den Sex mit Draco zu verdrängen und mich stattdessen auf den Schneider zu konzentrieren – und auf dieses Herrenhaus, das mehr als altmodisch und düster wirkte.
Schon beim Betreten zog sich in mir alles zusammen. Der Geruch von abgestandenem Parfum, feuchtem Holz und altem Leder lag schwer in der Luft. Ich hasste solche Orte – zu still, zu erdrückend, zu sehr ein Spiegel dessen, was ich neben mir ertrug.
Mein Mann ging ein paar Schritte voraus, die Hände lässig in den Taschen, als gehöre ihm die Welt. Ich sah nur seinen Rücken – und schon das reichte, um diesen vertrauten Stich in mir zu spüren. Diesen Ekel, den ich kaum mehr verbergen konnte.
Der Schneider, ein hagerer Mann mit einem Lächeln, das eher einem Zucken glich, führte uns in einen Raum voller Spiegel und Schatten. Ich hasste auch ihn – seine kalten Finger, seine Art, zu lange hinzusehen.
„Wenn Sie sich bitte hierherstellen, Mr. Potter“, sagte er mit dünner Stimme.
Ich trat vor, doch mein Kopf war längst woanders.
Ich dachte an graue Augen, an eine Stimme, die mich spöttisch, aber lebendig neckte.
An jemanden, den ich heimlich liebte.
Ich schloss kurz die Augen. Vielleicht, dachte ich, ist das der wahre Fluch meines Lebens – dass ich mich nach Licht sehne und mich immer wieder im Dunkel wiederfinde.