Nachdem mein Herz beschlossen hatte, den Betrieb wieder aufzunehmen, schlug es jedoch in doppelter Geschwindigkeit gegen meinen Brustkorb. Seit wann litt ich denn an Herzrythmusstörungen? Ich blinzelte, um zu testen, ob das Bild wieder verschwand, doch als ich die Augen wieder aufschlug, saß der Junge noch immer da. Er lehnte neben der Kellertür an der Hauswand und hatte die Augen geschlossen. Da er mich nicht zu bemerken schien, hatte ich Zeit ihn genauer zu mustern. Er hatte den Kopf nach hinten geneigt, sodass er an der Wand lehnte, so wie ich vor einigen Sekunden. Ein Bein hatte er angewinkelt und vor sich auf die Stufen gestellt, während das andere nach vorne ausgestreckt war. Seine Arme waren muskulös und lagen entspannt neben seinem Körper, der soweit ich das erkennen konnte, ebenfalls gut gebaut war. Mit seinem dunkelbrauen Haar im Wuschellook, der schrie: Ja, ich sehe immer so gut aus. Egal ob nach dem Aufstehen, Duschen oder einem Tornado, sitzt jedes Haar perfekt!, dem stoppeligen Kinn und der olivfarbenen Haut sah er wirklich unglaublich gut aus. Wie konnten eine verwaschene dunkle Jeans und ein einfaches schwarzes T-shirt an jemandem so gut aussehen? Wie unfair! Ich ließ meinen Blick erneut über seinen Körper wandern. Es war schwer zu sagen, wie alt er war. Vielleicht ein, zwei Jahre älter als ich? Trotz seiner scheinbar entspannten Haltung, hatte seine Miene etwas Konzetriertes oder Angespanntes. Seine Kieferknochen traten deutlich hervor und zwischen seinen dunklen Brauen zeichnete sich eine kleine nachdenkliche Furche ab. Mein Blick glitt weiter hinab und ich stellte fest, dass er keinerlei Schmuck trug; nichtmal eine Uhr. Alles was ich bemerkte waren zwei schwarze Linien an seinem rechten Unterarm. Ein Tattoo. Bei genauerem Hinsehen erkannte ich, dass es ein Schriftzug war, den ich aber aus der Entfernung nicht lesen konnte. Meine Füße bewegten sich plötzlich wie von selbst und trugen mich auf den Fremden zu. Ich hatte nach wie vor meinen Blick auf seinen Arm gerichtet und ging näher heran, um die eingestochenen Worte entziffern zu können. Da räusperte sich jemand und ich zuckte zusammen. Unwillkürlich richtete ich mich ein Stück auf, wobei ich gar nicht bemerkt hatte, dass ich mich vorgebeugt hatte, um die kleine Schrift zu lesen. Nun blickte ich auf und begegnete wunderschönen schokoladenbraunen Augen, die auf mich gerichtet waren. Mein Kopf schwirrte und mein Mund fühlte sich trocken an. Ich versank in diesen großen warmen Augen und konnte einfach nicht wegsehen. Mein Atem ging flach und mein Herz hämmerte mit solcher Wucht gegen meine Rippen, dass ich fürchtete es würde herausspringen und die Flucht ergreifen.
>> Bist du fertig mit deiner Bestandaufnahme? Ich schätze mal du weißt aber, dass es unhöflich ist, jemanden anzugaffen. << Einer seiner Mundwinkel glitt nach oben und er warf mir einen fragenden Blick zu. Ich versuchte zu schlucken, was aber mit einem Mund, der trocken war wie die Wüste, relativ schwierig war. Hatte er etwa die ganze Zeit gewusst, dass ich ihn anstarrte? Oh mein Gott, wie peinlich.
>> Sprichst du auch? << fragte er mit einem immer breiter werdenden Grinsen. Ich schwöre, ich hatte wirklich die Absicht zu antworten, und nicht wie ein Idiot stumm rumzustehen und ihn anzustarren. Aber ich brachte einfach keinen Ton heraus. Kontakte zu knüpfen war sowieso noch nie meine Stärke gewesen, noch dazu sah dieser Typ unglaublich gut aus und machte mich wanhsinnig nervös. Außerdem beunruhigte es mich, dass ich ihn noch nie zuvor gesehen hatte, was in meinem Ort wirklich selten vorkam. Er ließ seinen Blick über meinen gesamten Körper wandern, ohne es irgendwie zu verbergen und ich bildete mir ein, dass sein Grinsen sogar noch ein wenig breiter wurde -- falls das überhaupt möglich war. Mir dagegen war alles andere als zum Grinsen zumute. Mein Magen rebellierte und mir wurde übel. In meinem Nacken hatten sich erneut Schweißperlen gebildet und ich war nicht sicher, ob es mit der Sonne oder dem Fremden zu tun hatte. Hilfe suchend blickte ich mich im Garten um.
>> Alles klar? << hakte er nach und als er meinen Blick suchte, sah er ernsthaft besorgt aus. Na super. Da begegnete ich einmal einem Typ, der sich freiwillig mit Frankenstein unterhielt, und offensichtlich nichts über meine Vergangenheit wusste, und ich bekam keinen Ton heraus. Da konnte ich ihm den Blick, der eindeutig meine geistige Gesundheit in Frage stellte, nicht verübeln. Noch immer jagte mein Blick hektisch umher, während ich ernsthaft überlegte, einfach in mein Zimmer zu rennen. Als er schließlich immer noch keine Antwort bekam, stand er auf und kam die wenigen Stufen hinunter und trat auf die Wiese.
>> Hey.. << sagte er nun eindeutig besorgt und ging einen Schritt auf mich zu. Die plötzliche Bewegung erschreckte mich und ich wich ein wenig zurück, als ich ihn endlich ansah. Mit weit aufgerissenen Augen blickte ich ihn an. Ich wollte einfach nur weg. Und dann kam tatsächlich ein Ton aus meinem Mund.
>> Wer bist du? << hörte ich mich sagen, war aber immer noch vollkommen hypnotisiert von diesen warmen braunen Augen, die mich irgendwie an Jake erinnerten. Diese waren zwar nicht ganz so hell wie Jakes aber ebenso warm und einladend. Seine waren mehr nussfarben, oder wie flüssiges Karamell gewesen. Diese hier erinnerten eher an geschmolzene Schokolade. An einen Schokosee, der zum Ertrinken einlud.
Der besorgte Ausdruck verschwand und das Ein-Mundwinkel-Lächeln kehrte zurück.
>> Ah, sie spricht also doch. << sagte er und blieb etwa zwei Meter vor mir stehen. >> Wer bist du, Prinzessin? << Mir lief ein Schauer über den Rücken.
>> Jamie. << antwortete ich trocken, denn ich wollte schnellstens auf die Tatsache zurückkommen, dass ich keine Ahnung hatte, wer er war, oder was er in meinem Garten zu suchen hatte. >> Also, wer bist und was tust du hier? << Wow. Das war immerhin mehr, als ich sonst in der Gegenwart von Fremden herausbrachte, und ich klopfte mir innerlich dafür auf die Schulter, dass ich nicht gestottert hatte.
>> Jamie... << wiederholte er nachdenklich und mich überlief erneut ein wohliger Schauer, als er meinen Namen aussprach. >> So so, schöner Name. Passt irgendwie. << Sowas hatte vorher noch nie jemand gesagt. Wie konnte denn ein Name passen, und wie nicht?
>> Ich habe gefragt, was du hier machst. Oder soll ich die Polizei rufen? << Schließlich hockte ein Fremder auf meiner Treppe. Ich musste zugeben, dass ich fast ein bisschen beeindruckt war, dass das viel ruhiger herausgekommen war, als ich mich tatsächlich fühlte.
Er hob beschwichtigend die Hände als wolle er sich ergeben und trat rückwärts. >> Wow, ganz ruhig, Prinzessin. Bevor du mich hier gleich von einem Einsatzkommando abführen lässt. Ich bin Derek. Und wenn das dein Haus ist, sitzt mein Onkel gerade in deinem Garten und isst wahrscheinlich massenweise Steaks. << Aha. Dann war er also zu Besuch bei seinem Onkel. Aber welcher Mann hier hatte einen solch gutaussehenden Neffen? Offenbar bemerkte er meinen ratlosen Blick, denn er fügte hinzu: >> Billy Hamilton << Nun ging mir ein Licht auf. Der alleinstehende Billy Hamilton war selbst erst vor einigen Monaten hierhergezogen, was damals ein großes Ding hier gewesen war, weil... na, weil es eben eine Kleinstadt war. Das erklärte auch, wieso ich Derek vorher noch nie begegnet war. Anscheinend merkte er, dass bei mir der Groschen gefallen war, denn er entspannte sich sichtlich und lehnte sich lässig ans Treppengeländer.
>> Also Prinzessin, ist das dein Haus? << Ich wurde schon wieder nervös. Wieso fragte er das? Ich hasste es, wie ich reagierte, wenn ich mit Fremden redete -- was außerhalb meines Jobs eigentlich nie vorkam. Jedes Mal fragte ich mich, wie viel jeder von ihnen über mich und mein Leben wusste. Deshalb wollte ich, wenn dann doch mal jemand fragte, so wenig wie möglich preisgeben, um noch den Rest meiner Privatsphäre zu erhalten. Um das unaufgedeckt zu lassen, was der Fremde auf wundersame Weise noch nicht wusste. Ich trat nervös von einem Fuß auf den anderen.
>> Ähm... <<
>> Also ich deute das mal als Ja. << Ein amüsiertes Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht.
In diesem Moment vibrierte mein Handy in meiner Jackentasche und ich zog es heraus; froh über die kurze Unterbrechung, um seinen unangenehmen Fragen und dem intensiven Blick zu entkommen. Eine Nachricht von Jordan: Wo bist du? Bist einfach gegangen und nicht in deinem Zimmer.
>> Dein Freund? << fragte Derek und ich fragte mich, ob dieses Grinsen jemals vollständig sein Gesicht verließ.
>> Äh, mein was? << fragte ich vollkommen verdutzt. Er schien wirklich als Einziger rein gar nichts über mich zu wissen. Denn wenn das der Fall gewesen wäre, wüsste er von meinen unendlich vielen Makeln und würde nie auf die Idee kommen, dass ich einen Freund haben könnte. Ich war total verwirrt. So etwas wie einen Freund hatte es in meinem Leben noch nie gegeben. Da mich die Narben seit meinem zwölftenLebensjahr begleiteten und ich seitdem für alle nur noch Frankenstein war, war etwas in der Art nie in Frage gekommen.
>> Na dein Freund. Muss ich mir Sorgen machen, dass hier gleich einer auftaucht und über mich herfällt, weil ich mit dir rede? << Ich blinzelte ihn an... immer noch vollkommen verwirrt.
>> Nein.. also.. << stammelte ich.
>> Also hast du keinen Freund, der gerade Mordpläne gegen mich schmiedet? <<
Ich konnte nichts weiter tun als ihn völlig entgeistert anzusehen. In diesem Moment hörte ich eine vertraute Stimme.
>> Oh Mann, J! Da bist du ja. Ich suche dich schon die ganze Zeit. << Jordan kam auf uns zugelaufen, stockte jedoch, als er Derek bemerkte. Offenbar sah ich ziemlich verängstigt aus, denn er trat an meine Seite und musterte den fremden Besucher misstrauisch, bevor er fragte: >> Jamie, alles klar hier? << Und dann an Derek gewandt >> Und wer bist du, wenn ich fragen darf? <<
Derek wurde plötzlich ernst und sein Blick huschte zwischen Jordan und mir hin und her. >> Ähm, Derek Hamilton. << meinte er schließlich.
>> Ah, dann bist du Billys Neffe, der zu Besuch hier ist? << wollte Jordan wissen.
>> Jap, hat sich wohl schon rumgesprochen. << Willkommen in der Kleinstadt! Er lehnte sich zurück ans Geländer und verschränkte die Arme vor der muskulösen Brust. Fasziniert beobachtete ich das Muskelspiel seiner Oberarme, als Jordan mir mit dem Ellenbogen einen Stoß in die Rippen verpasste. Ich blickte erschrocken zu ihm auf.
>> Hast du gehört, was ich gesagt habe? << Er deutete meinen ahnungslosen Blick richtig, weil ich wirklich keinen Schimmer hatte, wovon er sprach.
>> Ich sagte, dass deine Mom möchte, dass du in der Küche hilfst, und nochmal Geschirr rausträgst, weil Mike gerade seine Mom angerufen hat, und meinte sie würden jetzt nach der Party doch noch vorbeikommen. Da meinte dein Dad, er wolle den Grill nochmal anschmeißen. << Oh, nein. Das konnte doch jetzt nicht wahr sein. Ich kaute nervös auf meiner Unterlippe, während ich mich zwang ruhig zu atmen. Komm schon Jamie. Jetzt nicht ausflippen. Nicht vor Derek. Er ist der Einzige, der nichts von dem schwierigen Verhältnis zu deinen Mitschülern weiß. Einatmen. Ausatmen. Ich blinzelte hektisch und sah, wie mich Derek prüfend musterte. Oh mann, reiß dich zusammen. Ich warf Jordan einen flehenden Blick zu, mich hier rauzuholen. Gott sein Dank verstand er und hakte sich bei mir ein.
>> Also Derek, hat mich gefreut. Wir müssen dann los. << Verzweifelt warf ich Derek einen letzten Blick zu und betete, dass er nichts von meiner eigenartigen Reaktion mitbekommen hatte. Doch als ich zurückschaute, sah ich seinen verwirrten Blick und die zusammengezogenen Augenbrauen, wodurch wieder diese Furche auf seiner Stirn erschien. Dieser nachdenkliche Ausdruck war das letzte, was ich von ihm sah. Ich hoffte, dass er mich einfach nur seltsam fand und nichts weiter. Irgendwie war es schön gewesen, jemandem zu begegnen, der nichts über meine Vergangenheit wusste. Hoffentlich hatte ich das jetzt mit meiner übertriebenen Reaktion nicht zunichte gemacht. Doch. Wahrscheinlich schon.
Als Jordan und ich schließlich alle Teller in den Garten gebracht hatten, war es schon fast neun und ich wollte gerade in mein Zimmer flüchten, bevor Mike und seine Freunde hier auftauchten, als mich jemand am Arm zurückhielt. Erschrocken fuhr ich herum und erkannte Mr. Reynolds. Ohne seine Polizeiuniform hätte ich ihn fast nicht erkannt, weil er die quasi nie ablegte. Mit seinem leicht schütteren Haar, dem dunklen Schnauzer und der tiefsitzenden Brille sah er auch leger gekleidet respekteinflößend aus. Aber da wir seit Jahren nur wenige Häuser entfernt von ihm und seiner Frau Susan wohnten, wusste ich, dass er bei weitem nicht so streng und tough war, wir er oftmals gerne wirkte. Nun stand er mit einem Lächeln vor mir und knabberte an einer Scheibe Brot herum.
>> Ach Jamie, mit dir wollte ich noch kurz sprechen. << sagte er und sein Geischt nahm diesen ernsten Ich-bin-ein-Polizist-im-Dienst-Ausdruck an.
>> Wir wollen bei der diesjährigen Polizeijubiläumsfeier gerne eine kleine Gedenkstätte für Jake machen. Also nichts Großes. Ein paar Blumen und Kerzen und deine Mom meinte wegen Fotos sollte ich mich an dich wenden. << Ein Kloß bildete sich in meinem Hals und ich rang verzweifelt nach Luft.
>> Ich dachte, es wäre schön, wenn wir ihn in die Tradition mitaufnehmen würden und ihm nocheinmal die Ehre erweisen. Schließlich war er ebenfalls Teil dieser Gemeinde. << Mit der Tradition meinte er, dass es bei uns im Ort üblich war bei der Jubiläumsfeier jedes Jahr noch einmal aller Todesopfer des letzten Jahres zu gedenken. Dazu wurden im Foyer der Dienststelle Fotos aufgestellt und Kerzen angezündet. Man traf sich und sprach bei der Gelegenheit noch einmal darüber, was für wundervolle Menschen die Gemeinde wieder verloren hatte. Üblicherweise waren es alte Menschen, deren Bilder dort hingen. Senioren, die an Altersschwäche gestorben waren. Jake würde vollkommen fehl am Platz sein. Trotzdem nickte ich Mr. Reynolds aufmunternd zu und versuchte ruhig zu atmen, um nicht die Fassung zu verlieren.
>> Ja klar, ich kann ein paar schöne Bilder raussuchen. << War ja klar, dass meine Mom das wieder alles auf mich abwälzte. Sie hatte seit Jakes Tod keine Fotos mehr von ihm angesehen.
>> Sehr gut. Gib mir dann einfach Bescheid. Du bist erstaunlich tapfer, Kleines. Beeindruckend! << meinte Mr. Reynolds und schürtzte die Lippen. Dann klopfte er mir auf die Schulter und ging zurück zu den Gästen. Wie konnte es sein, dass ich mich aber alles andere als tapfer fühlte? Eher so, als würde ich jeden Moment zusammenbrechen. Es war einfach zu viel. Jake. Meine Schuld. Mike. Meine Narben. Derek. Meine Schuld. Meine Schuld. Meine Schuld. Es würde nie etwas anderes geben.
Ich spürte, wie sich Tränen in meinen Augen sammelten und ich beschloss einfach in mein Zimmer zu flüchten und mich dort einzuschließen. Solange unter meiner Decke bleiben, bis alles besser war. Ich wandte mich um, als ich leuchtend grünen Augen begegnete, die mich wütend anfunkelten. Mike stand auf der Terrasse etwa zehn Meter entfernt und beobachtete mich. Zögernd setzte ich einen Fuß vor den anderen um dieser Situation so schnell wie möglich zu entkommen und ins Haus zu rennen. Ich spürte, wie Mikes Blick sich in meinen Hinterkopf bohrte, als ich auf wakligen Beinen ins Haus stürzte, um endlich zusammenzubrechen.