Jamie und seine Freunde sahen zu, wie Ominis langsam auf ein Mädchen zu ging, das an der Tür zum Krankensaal stand. Ein blondes Mädchen. Das blonde Mädchen trug aus irgendeinem Grund die weiße Augenbinde, die Amelia normalerweise trug. Und... war das ihre Kette?
Jamie war wütend und ging auf sie zu, doch er wurde von jemanden aufgehalten und drehte sich um.
„Nicht. Das wird bestimmt lustig.", grinste Sebastian ihn an und Jamie hatte wieder Lust ihn in das nächste Portal zu treten.
Doch er hörte auf ihn, stellte sich wieder neben Jennifer und verschränkte seine Arme.
„Das kann sehr böse enden.", sagte Poppy leise.
„Die Schlange hätte es verdient.", sagte Jennifer.
„Wie kann das sein, dass er so anders wirkt, nur weil er jetzt grüne anstelle von blassen Augen hat?", fragte Poppy und Jennifer kicherte.
„Ja, oder? Ich glaube das liegt daran, weil er jetzt einen in die Augen sehen kann und man sein Gesicht dadurch besser sehen kann. Die Beiden werden das süßeste und attraktivste Pärchen der ganzen Schule sein.", sagte Jennifer kichernd.
„Amelia hat einen echt guten Geschmack. Ich würde ja sagen, er auch, aber er hat sie ja noch nicht gesehen.", stellte Poppy fest.
„Hey! Wenn man euch zuhört, bekomme ich wieder Komplexe.", rief Will leise.
„Tut mir leid, Will. Aber Ominis macht euch jetzt alle Konkurrenz. Hey!", rief Poppy, als Will sie wieder anstupste.
„Oh, er ist jetzt bei ihr.", sagte Jennifer.
Jamie beobachtete, wie Ominis dieses blöde Mädchen anstarrte und wartete. Das Mädchen rührte sich dabei nicht.
„Weiß.", flüsterte Ominis und hob seine Hand, um die Augenbinde zu berühren.
Jamie krallte seine Finger in seine Arme, sodass es ihm schon weh tat. Er sah sich um. Anne sah so aus, als wäre sie bereit dieses blonde Mädchen von der nächsten Klippe zu stoßen und Sebastian sah wie ein Kind aus, das gleich sein Geburtstagsgeschenk öffnete. Jamie drehte sich wieder um und bemerkte, dass Will, Poppy und Jennifer neugierig und gespannt auf die Szene vor sich schauten.
War er der Einzige, dem diese Situation absolut nicht gefiel und sie auch von der nächsten Klippe stürzen sehen wollen würde? WO ZUM TEUFEL WAR AMELIA?!
Er wandte höchst widerwillig seine Aufmerksamkeit wieder auf Ominis, der ihr die Augenbinde ausgezogen hatte, die ihr nicht gehörte. Sie öffnete ihre Augen.
„Grün...", hauchte Ominis und Jamie verspürte jetzt den Drang Ominis Hinterkopf bis zum nächsten Kontinent zu kicken.
„Jamie, ich habe dich noch nie so wütend gesehen...", flüsterte Jennifer neben ihr und er antwortete ihr nicht. Denn er befürchtete, dass er anfangen würde zu schreien, wenn er sprach.
Ominis griff jetzt nach einer Haarsträhne und führte sie zu seinem Gesicht. Sie lächelte.
„Welche Haarfarbe ist das?", fragte er leise.
Er erstarrte, als die Haare seine Nase berührte, er ließ sie augenblicklich los und trat einen Schritt nach hinten. Ominis blickte vom Mädchen blitzartig hoch und sah hinter ihr.
„Ominis?", fragte die Schlange mit ihrer piepsigen Stimme.
„Oh, jetzt geht's los.", flüsterte Sebastian.
Er schob sie grob zur Seite, trat aus der Tür hinaus und drehte seinen Kopf hin und her. Ominis kam mit gerunzelter Stirn wieder in den Raum zurück und starrte auf das weiße Tuch in seiner Hand. Jamie beruhigte sich endlich etwas und ging schnell auf sie zu.
„Wo ist sie.", fragte er zu dem Mädchen, bevor Ominis es tat.
„Was?"
„Wo ist Amelia.", sagte Jamie bedrohlich und trat ein Schritt weiter zu ihr.
„Woher soll ich das wissen?", fragte sie mit ihrer richtigen Stimme.
„Verasch mich nicht. Wieso hast du diese Augenbinde, wieso trägst DU IHRE KETTE.", schrie er.
Jamie lief zu ihr und streckte seine Hand aus, um ihr diese Halskette vom Leib zu reißen, aber Ominis kam ihm zuvor. Er zog so ruckartig an der Kette, dass das Mädchen zu Boden fiel. Ominis betrachtete das Schmuckstück und berührte sie mit seinen Fingern.
„Das gehört mir. Wieso hast du sie, Victoria.", sagte Ominis und Jamie erstarrte.
Jamie empfand schon immer, dass Ominis sehr angsteinflößend wirkte, wenn er sauer war oder jemanden bedrohte. Doch mit seinen neuen grünen Augen, die seine Opfer jetzt richtig ansehen konnten...
Jamie ging einen Schritt nach hinten. Er hatte eindeutig Angst vor dem Ominis vor ihm, der dem Mädchen am Boden mörderisch anstarrte.
„Woher wusstest du, dass ich nicht sie bin, obwohl du sie noch nie gesehen hast?", fragte die blöde Schlange.
„Ich würde Amelias Geruch überall wieder erkennen. Jetzt beantworte die Frage.", sagte Ominis.
„Ich habe ihn gefunden."
„Wo."
„Draußen."
„Wo genau."
Sie antwortete ihm nicht, Ominis hob seinen Zauberstab und richtete ihn auf sie.
„Wo. Genau."
Jamie sah aus dem Augenwinkel, dass Will und Sebastian sich neben ihn stellten.
„Ich habe es im verbotenen Wald gefunden."
„Wo genau."
„Das weiß ich nicht mehr genau."
Ominis trat einen Schritt näher zu ihr und sie krabbelte von ihm davon. Jamie erkannte Angst in ihrem Gesichtsausdruck.
„Ominis, warte.", sagte Will.
„Wieso."
„Frag die richtigen Fragen. Victoria, hast du noch andere Sachen gefunden? Hast du Amelia gesehen?", fragte Will.
Sie zögerte, bevor sie antworte.
„Ich hab es neben dem hier gefunden."
Sie zog zwei Gegenstände hervor und legte sie auf dem Boden vor ihr. Jamie musste sich an ein Bettgestell abstützen. Ominis fiel auf seine Knien und hob die Überreste von Amelias Zauberstab auf. Er rührte sich nicht mehr.
„Ist das Lias...?", fragte Will.
„Ja.", antwortete Jamie.
„Wo hast du das gefunden?", fragte Will und ging auf sie zu.
Jamie nahm wahr, dass Will wütend klang.
„Ich weiß es nicht."
„Weiß du es nicht oder willst du es nicht verraten? Wieso hast du die Augenbinde und die Halskette aufgehoben und getragen?", fragte Will lauter.
„Ich habe es einfach gefunden und fand es schön."
„Lüg. Nicht.", sagte er betont.
Will packte sie vom Boden, legte sein Zauberstab gegen ihre Brust und murmelte etwas, was Jamie von seiner Position nicht hören konnte. Er ließ sie wieder los und sie fiel wieder zu Boden. Ominis rührte sich immer noch nicht.
„Wo hast du die Sachen gefunden, Victoria.", sagte Will und klang jetzt wirklich sehr sauer.
„Ich weiß es nicht!", rief sie und er wartete.
Jamie stellte sich neben Will, um sie besser sehen zu können. Sie fing an zu weinen, erschrak und fasste sich ins Gesicht.
„Du lügst. Ich weiß es, weil ich ein Zauber an dir gewandt habe, der mir sagt, ob du lügst. Du weinst, weil du lügst. Ich hoffe, du antwortest jetzt klug. Hast du Amelia gesehen?", erklärte Will.
Sie antwortete nicht. Ominis zog wieder seinen Zauberstab und richtete ihn gegen ihren Hals.
„Antworte!", schrie Ominis.
„Ja!"
„Wo?"
„Nein, falsche Frage, Ominis.", sagte Anne und stellte sich neben ihn. „Wieso hast du sie gesehen, sie war eigentlich bei uns."
„Hast du uns angegriffen?", fragte Poppy, sie und Jennifer gesellten sich zu ihnen.
„Ja."
„Wie?", fragte Jennifer.
„Ich habe gewartet, bis jemand von euch alleine ist und bin dann reingegangen und habe erst sie angegriffen."
Sie zeigte auf Anne und Jamie bemerkte aus dem Augenwinkel, dass Sebastian leicht zusammen zuckte.
„Dann kamt ihr beide zurück und ich habe dich angegriffen."
Sie zeigte auf Poppy.
„Und dann?", fragte Jennifer ruhig.
„Ich habe Amelia mitgenommen. Nach draußen, in den verbotenen Wald."
„Wieso ist sie mit dir mitgekommen?", fragte Sebastian.
„Ich habe ein Zauber angewandt, damit ich so klinge, wie jemanden von euch."
Sie zeigte auf Anne und Anne zuckte zusammen.
„Amelia ist dir einfach gefolgt?", fragte Anne leise.
„Ja."
„Was ist mit ihrem Zauberstab passiert?", fragte Will.
„Ich habe ihn zerbrochen, nachdem sie ihn mir freiwillig gegeben hat, weil ich noch so klang wie Anne."
Sebastian trat jetzt neben Anne und Jamie bemerkte, dass sie weinte.
„Und dann? Wo ist sie jetzt?", fragte Will.
„Ich weiß es nicht."
„LÜG NICHT!", schrie Ominis, stand auf und stellte sich bedrohlich über sie. „WO IST SIE!"
„Ich weiß es wirklich nicht! Siehst du Tränen?!"
„Falsche Frage, Ominis. Was ist passiert, als du sie das letzte Mal gesehen hast?", fragte Jennifer.
„Als ich ihr die Augenbinde und die Halskette abgenommen habe, kam ein fremder Zauberer zu uns. Er hatte mich entwaffnet und mich von ihr losgerissen, indem er mich mit einem Zauber von ihr weggeschleudert hatte."
„Und dann?", fragte Will.
„Er hatte ihren Arm genommen und..."
Sie schwieg.
„SPRICH!", schrie Ominis.
„Er ist mit ihr verschwunden! Er ist mit ihr disappariert!"
Sie warteten auf Tränen, aber es kamen keine. Ominis sank seinen Zauberstab.
„Wieso?", fragte Jamie, der bis jetzt geschwiegen hatte.
„Das weiß ich nicht! Ich kannte ihn nicht! Aber Amelia. Sie hatte ihn wieder erkannt, aber er hatte ihr gesagt, dass sie keine Angst haben sollte und hat sich berühren lassen."
„Und sie hat ihm einfach vertraut?", fragte Poppy.
„Ja."
„Wieso?", fragte Jamie erneut.
„Das weiß ich nicht."
Tränen. Jetzt richteten alle ihren Zauberstab gegen sie.
„Nicht! Ich... ich glaube, sie hatte... aufgegeben."
„Wieso?", fragte Jennifer diesmal.
„Ich habe sie einschüchtern wollen. Ich habe ihr gesagt, dass ein blindes und armes Muggel Mädchen nicht verdient eine Hexe zu sein. Ich habe ihr gesagt, dass sie DICH nicht verdient!"
Sie zeigte auf Ominis.
„Hast du ihr wehgetan? Hast du Amelia davor verletzt?", fragte Jamie.
„Ja.", antwortete sie zögerlich.
„Und wieso hast du ihre Sachen getragen?", fragte Will.
„Ich habe euch erst belauscht. Ihr habt gesagt, dass Ominis sehen kann, ich habe gehofft, dass..."
Sie beendete ihren Satz nicht. Sie konnten sich alle denken, was sie gehofft hatte.
Es herrschte eine bedrückende Stille.
„Sebastian.", flüsterte Ominis.
„Ja, Kumpel."
„Hol mich hier raus. Bring mich aus diesem Schloss. Sofort.", sagte Ominis tonlos.
Ohne etwas zu sagen zerrte Sebastian Ominis aus dem Krankensaal.
„Geh. SOFORT!", schrie Will sie wütend an.
Sie stand auf.
„Eine Frage habe ich noch. Warst du es, die Amelia eingesperrt und dann bedroht hatte?", fragte Jennifer.
Sie nickte und rannte aus dem Saal. Jamie glaubte richtige Tränen an ihr zu sehen.
Er trat an ein Fenster und starrte hinaus. Seine Wut war verschwunden. Er empfand Leere. Trauer. Verzweiflung. Dann hörte er ein tiefes Brüllen und kurz danach tauchten lodernde Flammen auf, die den Nachthimmel erhellten. Aus dem Augenwinkel sah er, dass die Anderen ebenfalls an das Fenster getreten waren und sie sahen den Flammen zu, wie sie nicht aufhörten zu brennen.
„Woher kennst du so einen Zauberspruch, Will?", fragte Poppy.
„Amelia hat ihn erfunden. Sie hatte ihn einmal an mir angewandt.", erklärte Will.
„Natürlich hat sie das.", sagte Jamie.
„Ja."
„Wir sollten sie in diese Flammen rein schubsen.", sagte Poppy.
„Ja, aber wir sind keine Mörder.", sagte Anne.
„Ja, leider.", sagte Jennifer. „Wer kann ihn jetzt aufhalten, wenn sie jetzt nicht mehr-"
„Sie ist nicht tot.", sagte Jamie.
„Woher weißt du das?", sagte Poppy.
„Das klang eben nicht so, als hätte der Mann sie extra mitgenommen, nur um sie woanders umzubringen oder?", sagte Will.
„Aber was wollte er von ihr?", fragte Jennifer.
„Gute Frage."
„Er hatte sie vor dieser Schlange beschützt, das zählt doch oder???", fragte Poppy hoffnungsvoll.
„Ja, hoffen wir es."
Sie sahen zu, wie die Flammen sich in eine Schlange verwandelte, sich durch den verbotenen Wald schlängelte und die großen Bäume mit sich riss.
„Darf er das?", fragte Poppy.
„Hältst du ihn auf?", fragte Will.
„Nein, danke."
„Ominis wird wahnsinnig werden... dabei kann er jetzt doch endlich sehen...", sagte Anne.
„Ist er jetzt nicht schon wahnsinnig? Sieh mal wie groß die Schlange ist, größer als beim letzten Mal.", sagte Poppy.
„Er wird es nicht mehr lange aushalten und ohnmächtig werden.", sagte Will.
„Wir werden sie suchen.", sagte Jamie.
„Wo fangen wir an?", fragte Jennifer.
„.... ich weiß es nicht.", sagte Jamie leise.
Die große Schlange erlosch und der Nachthimmel wurde wieder dunkel.