Nach dem verheerenden Angriff haben sich die Überlebenden Frauen entschieden, mit dem Jägern zu reisen. Kara hat sich Taran angeschlossen und Amrei wollte bei Xystos bleiben.
Nachdem die Ernte in den Tälern eingebracht war, reiten sie nun zurück in die Heimat der Jäger.
Umso näher sie kommen, umso schwerer wird es um Karas Herz.
Taran beobachtet, wie seiner Frau die Farbe aus dem Gesicht weicht.
Sie hat ihren Blick starr auf den Horizont gerichtet, die Finger fest um die Zügel geklammert, dass die Knöchel weiß hervortreten. Er lenkt sein Pferd neben sie: „Kara?"
Sie zuckt leicht zusammen und blickt ihn fragend an.
„Alles ok?"
„Ja, alles in Ordnung", sagt sie jedoch nur wenig überzeugend.
„Jetzt Versuch es noch einmal, mit etwas mehr Überzeugungskraft."
Sie versucht sich an einem Lächeln, scheitert jedoch erneut.
„Was ist, wenn mein Vater...", sie schluckt hart.
„Dein Vater", knurrt er. „Er sollte mir nicht unter die Augen kommen!"
Auch wenn sie ihn versteht, so hat sie jedoch Hoffnung: „Er weiß vielleicht was mit unserem Baby passiert ist."
Ihre Stimme leise nur ein zartes Flüstern.
Tarans Kopf schnellt zu ihr herum.
„Du sagtest er sei bei der Geburt gestorben."
„Nein. Man hat mir gesagt, er sei gestorben. Aber ich dachte auch, du wärst tot", gibt sie zu bedenken.
Taran schluckt hart. Der Gedanke ist ihm auch schon gekommen.
„Wir werden ihm zusammen einen Besuch abstatten", verspricht der oberste Jäger mit finsterer Miene.
Sie nickt ihm dankbar zu, aber das flaue Gefühl im Magen bleibt.
Als sie den Wall erreichen, welcher durch eine Mauer mit viel Stacheldraht abgesichert ist und die ungeschützten Täler von den wohlhabenden Gebieten des Hochlandes abtrennt, versucht sie einen lässigen Eindruck zu machen. Schließlich war dies einst ihre Heimat und sie kennt sich aus. Dennoch fühlte sie sich in ihrem kleinen Dorf wohler. Auch wenn die stetige Gefahr durch die Krabbler allseits gegeben war, so fühlte sie sich dort sicherer und wohler als in diesem Moment.
Ein Blick auf Amrei verrät ihr, dass es ihr genauso geht.
Sie sitzt vor Xystos und drückt sich fest an seinen Körper. Er hat seinen Arm schützend um Amrei gelegt. Sie lächelt bei dem Bild, welches die beiden abgeben. Vielleicht können sie hier doch ein ruhigeres Leben führen, schießt es ihr kurz durch den KopfY
Man öffnet für den Trupp die Tore und lässt die Jäger mit ihrer Beute hinein.
Kara erinnert sich, welch ein Spektakel immer veranstaltet wurde wenn die Jäger nachhause kamen.
Es wurden Festen gefeiert und man hat ihnen Geschenke übergeben und sie für ihren Mut und Tapferkeit verehrt.
Aber davon ist nichts mehr zu sehen. Taran und seine Männer sind fast angespannter als auf der Jagd. Sie blickt sich kurz um. Die Menschen, die am Straßenrand stehen jubeln nicht. Sie beäugen die Ankömmlinge eher skeptisch.
„Taran?"
„Shhhhht", zischt er sie an.
Sie zuckt zusammen und blickt sich erschrocken um.
Die Soldaten haben die Frauen auf Pferden in die Mitte genommen. Wer von ihnen eine vor sich sitzen hat, ist weiter in die Mitte abgerückt. Es wirkt, als würden sie von den Jägern abgeschirmt.
Nur wovor?
Die Jäger reiten durch die Straßen zu ihrem Stadthalter. Einem Abgesandten des Königs.
Sie kommen vor einem imposanten Haus an. Kara hatte dies noch nie gesehen.
Sie beobachtet was nun geschieht.
Taran gibt das Zeichen zum halten. Er ist jedoch der Einzige, der absteigt und dieses Haus betritt.
„Xystos, was passiert jetzt?", flüstert sie. Die Anspannung der Männer liegt wie ein Mantel über den Soldaten.
„Wir übergeben die Ernte", antwortet er ebenso leise. Da er Amrei jedoch wir einen Wertvollen Schatz an sich drückt, bezweiflt sie, dass dies alles ist.
„Und?"
Er dreht langsam seinen Kopf zu ihr: „wir müssen alles abgeben, was wir mitbringen. Man zählt euch auch dazu."
wütend funkelt sie ihn an. Durch die Reihen der Frauen zieht sich ein leises wimmern: „das hättet ihr uns sagen müssen!", faucht sie zurück.
„Wir sind nicht bereit auch nur eine von euch Zurückzulassen. Taran wird das regeln!"
„Ich kenne ihn! Notfalls bietet er sein Leben im Tausch an."
Leise gleitet sie vom Pferd und bewegt sich blitzschnell durch die Reihen der Reiter. Sie hat nicht vor den Haupteingang zu nutzen.
Sie umgeht die Wachen vor der Tür und erklimmt Mit geübten Bewegungen die Fassade der Rückseite des Hauses.
Xystos sieht sie nur vom Pferd steigen und schon war sie verschwunden. So schnell konnte keiner reagieren. Taran wird ihn dafür verantwortlich machen, aber wie soll er etwas aufhalten, das man gar nicht sieht.
Kara kniet auf dem Dach und lauscht auf Bewegungen im Haus. Plötzlich spürt sie eine Anwesenheit, die ihr bekannt vorkommt.
Lautlos gleitet sie auf einen Balkon und betritt das Haus. Sie schleicht durch die Räume, bewegt sich in den Schatten, so dass niemand ihre Anwesenheit bemerkt.
Nur diese Präsens wird ihre Anwesenheit ebenfalls wahrnehmen. Sie hält einen Dolch in der Hand und bewegt sich auf leisen Sohlen zu dem großen Saal, wo Taran seine Aufwartung macht.
Sie späht durch die Tür und erkennt, dass ihr Mann von zwei kahlköpfigen Wesen in Schach gehalten wird. Sie zwingen ihn auf die Knie.
Keine Krabbler, nur ihre Schwestern, welche jedoch das letzte Experiment durchlaufen haben.
Vor Taran steht ein für sie unbekannter Mann. Mit schulterlangen grauen Haaren. Mit seinem kantigen Gesicht und diesem dreitage Bart würde er gut aussehen, wenn nicht dieses heimtückische Grinsen auf seinen Lippen läge.
Er schlägt Taran, mit dem Handdrücken seiner linken Hand ins Gesicht. Der Siegelring, welcher seine Hand ziert, fügt dem General eine Platzwunde zu.
Kara ballt die Fäuste, die beiden Wachen an Tarans Seite werden unruhig, sie haben Kara ebenfalls wahrgenommen.
Sie braucht einen Plan! Die beiden sind gefährlicher als sämtliche Krabbler zusammen, gegen die sie in den letzten Jahren gekämpft hat.
Taran spuckt Blut auf den Boden: „Wir bringen die Ernte, wie wir es schon immer tun!", knurrt er.
„Ihr habt noch mehr mitgebracht, wie sich herausstellt!" Die Stimme des Stadthalters ist scharf und schneidend. Er greift ins Tarans Haare und zieht dessen Kopf daran zurück.
Mit einem teuflischen Grinsen zieht er einen Dolch aus seinem Gewand. Als Kara aus ihrem Versteck heraus treten und Taran helfen möchte, ertönt eine ihr wohlbekannte Stimme hinter dem Stadthalter.
„Mein Herr! Durch seinen Tod verliert ihr die Kontrolle über die Jäger. Sie stehen alle loyal zu ihm. Wenn sie uns keine Nahrung mehr bringen, herrscht bald eine Hungersnot. Das Volk würde revoltieren."
Es herrscht einige Sekunden eisernes Schweigen. Kara weiß nicht ob sie noch rechtzeitig eingreifen kann. Die Stimme ihres Vaters lässt sämtliche Gefühle in ihr aufflammen, welche sie jahrelang vergessen hatte.
Endlich lässt der Stadthalter von Taran ab und sie kann durchatmen.
Jener lässt den General aufstehen und befiehlt:
„Bringt das Getreide in die Silos und die Frauen zu mir."
Taran wischt sich knurrend das Blut mit dem Handrücken aus dem Gesicht.
„Ihr habt mich zuvor nicht ausreden lassen, mein Herr. Denn ihr solltet wissen, dass die Frauen sich bereits an meine Soldaten gebunden haben. Es ist gegen unsere Gesetzte solch eine Verbindung zu lösen. ", erklärt Taran.
Der Stadthalter blickt Taran mit vor Hass triefenden Augen an.
„Lord Grayson, es ist das gleiche Prinzip. Nehmt ihr den Jägern ihre Frauen, werden sie keine Nahrung mehr beschaffen, oder sich gar gegen euch und den Prinzipal stellen." Auch wenn er diesen Mann dafür hasst, was er ihm und Kara angetan hat, bringt er es jedoch auf den Punkt. Er wird ihn sich ein anderes Mal vorknöpfen!
Die Kriegerin beobachtet die Situation noch immer aus ihrem Versteck, traute sich kaum zu atmen.
Taran gibt nicht viel auf Politik und die dort herrschenden Verschwörungen und Intrigen.
Hier in diesem Teil der Highlands galt es nur zu überleben. Er und seine Jäger trugen einen großen Teil dazu bei. Sie waren es, die das Volk mit Nahrung versorgten, und allem, was man zum überleben brauchte und sie in den Bergen nicht anbauen konnten.
Den Stadthalter und seine Konsorten sieht man in diesem Teil des Kontinents eher ungern. Sie fungieren als Vertreter des Prinzipals, sie sollen für Ordnung sorgen und den Willen des Oberhauptes ausführen.
Der Prinzipal ist auf die Jäger angewiesen, aber deren Unabhängigkeit ist ihm ein Dorn im Auge. Er fürchtet eine Revolte, weshalb er seine Getreuen angewiesen hat, die Jäger immer unter strenger Kontrolle zu halten.
Dennoch ist Taran sich seiner Macht bewusst, er fühlt sich jedoch dem Volk verpflichtet, auch wenn der Prinzipal Misstrauen gegen die Jäger geschürt hat und die Akzeptanz in der Bevölkerung immer weiter sinkt.
Der Stadthalter nickt Taran zu, welches jener als Aufforderung versteht den Raum zu verlassen. Kara hatte sich auf dem gleichen Wege hinausgeschlichen, wie sie reingekommen war. Kurz danach taucht sie hinter ihm auf, als er das Gebäude verlässt.
„Man hätte dich sehen können! Es war gefährlich mir zu folgen!", knurrt er ohne sich umzudrehen.
„Es war interessant", antwortet sie ihm.
„Diese beiden Kriegerinnen..."
„Die Leibgarde des Stadthalters", erklärt er ihr.
„Sie sind wie ich... nur haben sie das letzte Experiment durchlebt."
„Sie sind nicht wie du! In ihnen ist nichts mehr menschliches. Sie sind näher am Tod, als am Leben!"
Als sie bei den Soldaten ankommen, gibt er Befehl die Vorräte abzuliefern und dann nachhause zu gehen.
„Taran. Was ist mit den Frauen", stellt Xystos die Frage, welche allen Jägern unter den Nägeln brennt.
Er fährt sich durch die Haare und blickt seinen Ersten Soldaten ernst an. „Wir sollten auf sie aufpassen!"
Mehr sagt er dazu nicht. Kara hat jedoch noch eine Frage: „du sagtest ihm, die Frauen hätten sich bereits an die Jäger gebunden, was bedeutet das?"
Taran schwingt sich auf sein Pferd und streckt ihr die Hand entgegen. „Steig auf, ich erkläre es dir zuhause!"