Blut eines Cruors

By Leonaartstuff

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[Wattys 2022 Winner] »Wir sind Kreaturen des Lichtes und doch steckt in uns eine solche Dunkelheit. Willst du... More

Vorwort
Kapitel 1 - Cruor
Kapitel 2;1 - Federleichte Schwingungen
Kapitel 2;2 - Federleichte Schwingungen
Kapitel 3;1 - Wo die Schatten vergessen
Kapitel 3;2 - Wo die Schatten vergessen
Kapitel 3;3 - Wo die Schatten vergessen
Kapitel 4;1 - Schnitte in der Dunkelheit
Kapitel 4;2 - Schnitte in der Dunkelheit
Kapitel 5;1 - Alte Bekannte
Kapitel 5;2 - Alte Bekannte
Kapitel 6;1 - Im Konflikt geschieden
Kapitel 6;2 - Im Konflikt geschieden
Kapitel 7;1 - Aussicht auf Blut
Kapitel 7;2 - Aussicht auf Blut
Kapitel 7;3 - Aussicht auf Blut
Kapitel 7;4 - Aussicht auf Blut
Kapitel 8;1 - Händler der Geheimnisse
Kapitel 8;2 - Händler der Geheimnisse
Kapitel 9;1 - Ramous
Kapitel 9;2 - Ramous
Kapitel 9;3 - Ramous
Kapitel 10;1 - Gespräch zwischen Türen
Kapitel 10;2 - Gespräch zwischen Türen
Kapitel 11 - Stadt aus Lügen
Kapitel 12;1 - Wolken aus Antworten
Kapitel 12;2 - Wolken aus Antworten
Kapitel 12;3 - Wolken aus Antworten
Kapitel 13;1 - Stimmen verlorener Gedanken
Kapitel 13;2 - Stimmen verlorener Gedanken
Kapitel 13;3 - Stimmen verlorener Gedanken
Kapitel 14;1 - Kind des Bogens
Kapitel 14;2 - Kind des Bogens
Kapitel 15;1 - Tödliche Schatten
Kapitel 15;2 - Tödliche Schatten
Kapitel 15;3 - Tödliche Schatten
Kapitel 16;1 - Im Dienst der Ungewissheit
Kapitel 16;2 - Im Dienst der Ungewissheit
Kapitel 16;3 - Im Dienst der Ungewissheit
Kapitel 17;1 - Zweischneidiges Schwert
Kapitel 17;2 - Zweischneidiges Schwert
Kapitel 17;4 - Zweischneidiges Schwert
Kapitel 18;1 - Eiskalte Willkür
Kapitel 18;2 - Eiskalte Willkür
Kapitel 19;1 - Schutt und Abschied
Kapitel 19;2 - Schutt und Abschied
Kapitel 20;1 - Zeremonie aus Glas
Kapitel 20;2 - Zeremonie aus Glas
Kapitel 20;3 - Zeremonie aus Glas
Kapitel 21 - Pläne unter Sternen
Kapitel 22;1 - Herr der Wächter
Kapitel 22;2 - Herr der Wächter
Kapitel 22;3 - Herr der Wächter
Kapitel 23 - Verrat und falsche Freunde
Kapitel 24;1 - Schicksal in Ketten
Kapitel 24;2 - Schicksal in Ketten
Kapitel 25 - Trügerische Qualen
Kapitel 26;1 - Stadt der Dunkelheit
Kapitel 26;2 - Stadt der Dunkelheit
Nachwort
Zusatz
Himmel und Hölle

Kapitel 17;3 - Zweischneidiges Schwert

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By Leonaartstuff

Dolunay blies die Wangen auf, als sie Chase Harding vor den Gittern stehen sah. Anders, als in den vergangenen Wochen, wurde er von niemandem begleitet, stand alleine an den düsteren Mauern. Seine Anwesenheit so einnehmend, als würden die Tore der Höllen sich öffnen.

Im Gegensatz zu anderen Anführer krimineller Organisationen sah man ihn unheimlich häufig auf offener Straße. Er zeigte Präsenz — direkt, unmittelbar. Ein stummes Zeichen: "Hier bin ich, meine Anwesenheit ist eine unwiderruflicher Dauer und mein Einfluss wird nicht von dir gestört werden können".

Die Menschen in diesem Viertel kannten ihn jedoch nur unter seinem Namen — nicht etwa wussten sie, dass sich hinter den vernarbten Zügen tatsächlich der Chase Harding versteckte, von dem man vereinzelt hörte. Während man hier sein Gesicht nicht kannte, gewann er stetig mehr an Einfluss, je weiter man sich südwestlich in Brus bewegte. In den Armenvierteln galt er als makelloses Beispiel für jemanden, der Grenzen durchbrach und sich Macht erkämpft hatte.

Doch Dolunay kannte Chase persönlich — kannte seine Geschichte. Sie war sich des Rhythmus' bewusst, der sein Herz zum Schlagen brachte: Rache.

»Heute?«, fragte er. Ein lüsternes Lächeln auf den Lippen, als sei er gierig nach Antwort.

»Ja, meinetwegen, dann heute Abend« Anderthalb Monate waren vergangen, seitdem sie hier angefangen hatte.
Es war ohnehin an der Zeit.

Oryn hatte eine zu präsente Stellung in ihren Gedanken eingenommen. Er schien jedes Licht der Hoffnung zu dämpfen.

Selbst wenn sie dem Herzog erfolgreich seine Erinnerungen auslöschen könnte, so müsste sie mit dem Aart seinen Vater aufsuchen.

Sie musste es; war dazu gezwungen.

Zwar könnte sie Chase nun einweihen — ihm erzählen, dass der Priester lebte, sein Sohn sie belästigte... Sie könnte auf seine Konfliktlösung hoffen...
Doch dann würde sie sich weiteres Versagen eingestehen.

»Du weißt, was zu tun ist, wenn du erwischt wirst?«

»Ich weiß. Ich halte mich auch daran.«

»Du weißt auch mittlerweile genug von seiner Tagesroutine?«

»Ja, Chase, ich habe mich die letzten Wochen auf nichts anderes als das vorbereitet.«

Ein Schmunzeln. Dann streckte er eine Hand aus, gab ihr einen kleinen Beutel, den sie an ihrem Gürtel unter den Rüschen ihrer Tunika verschwinden ließ.

»Wird schon«, murmelte er ihr mit kräftigender Tonlage zu.

»Warum sollte es denn auch nicht werden?«

Ihr Lächeln verpuffte als er antwortete: »Dolunay, ich kenne dich schon lange genug. Ich arbeite so lange mit dir, dass ich aus deinem Schweigen lesen kann.«

»Bilde dir nichts drauf ein.« Es war ein Glück, dass er den Auslöser ihres Missmuts nicht kannte.

Ein Schnaufen von hinten, doch Dolunay begab sich wieder in das Anwesen. Sie lief an den Wachmännern vorbei, bemüht, unauffällig zu wirken.

Tatsächlich war ihr Puls ruhig, ihr Körper kühl, ihre Gedanken klar. Einige mochten es als gefühlslose Falschheit bezeichnen, doch Dolunay nannte sich selbst „neutral". Taktisch, durchdacht, ein guter Schauspieler.

Sie betrat die Küche, füllte eine Kanne mit Wasser, um sie auf das Ofenfeuer zu stellen.

»Heute?«, fragte Oryn vom Nebenraum aus. »Willst dus heute machen?«

Es überraschte sie nicht. Er wusste von ihren Plänen, woher auch immer.
Sie hätte erwartet, dass er sie belauschte, doch Chase ging zu sicher, als dass das passieren könnte.
»Woher?«, flüsterte sie daher nur monoton.

»Woher ich das weiß?« Er wartete nicht darauf, dass sie antwortete. »Mein Vater kann in die Zukunft sehen. Denkst du echt, alle Fähigkeiten hätten mich verfehlt?«

Sie drehte sich um, begegnete seinem Blick. Er hob wie nach einer Anschuldigung beide Hände. »Oh ja, ganz vergessen. Du glaubst ja nicht daran.«

»Doch. Ich glaub sehr wohl an solche Kräfte; ich bin mir sicher — überzeugt davon — dass Brus untergeht. In und durch Dunkelheit.«

»Wenn du den Fähigkeiten meines Vaters Glauben schenkst, verstehe ich umso weniger, wieso du dich ihm nicht anschließen willst, wo er dir doch Güte zeigt. Er verzeiht dir, dass du ihn umbringen wolltest.«

»Ich habe aber meinen Platz gefunden, in meiner Gruppe. Deswegen will ich nicht zu euch.« Sie brummte, ohne über ihre Schulter hinwegzusehen. »Nennt sich Loyalität.«

»Wenn du deinen Plan heute ausführst, werd ich dich schützen, aber dafür-«

»Ich weiß«, zischte Dolunay. »Ich werde ja auch mit dem Vater nochmal reden.« Sie nahm eine Glasflasche aus dem Regal. »An deiner Stelle würde ich jetzt aber wegsehen. Du möchtest damit nichts zu tun haben.«

»Gift im Küchenschrank«, hauchte er, so leise, dass man ihn kaum hören konnte.

»Man muss wissen, dass unauffällig in der Auffälligkeit gebettet liegt. Unsere Zimmer werden ab und an durchsucht, die Küche hingegen...«

Er schnaufte, als sie das Gefäß in der Teekanne entleerte. Sie streute einige Kräuter und Blätter dazu. »Kein Gift«, flüsterte sie schließlich. »Es wird ihn nur schläfrig machen. Ein wenig.« Mit einem Blick zu ihm, fügte sie hinzu: »Bringst du es ihm hoch? Ich bediene ihn nie. Es wäre auffällig, wenn ich es jetzt machen würde.«

Er schien sich vor dem Gedanken zu sträuben, gab einen mauligen Laut von sich. »Nur, wenn du-«

»Ja. Und jetzt mach.«

Er presste die Lippen aufeinander, stellte alles auf ein Tablett. »Normalerweise höre ich ungern auf Anweisungen. Ich tu das nur, weil für mich was dabei rausspringt.«

Dolunay blies die Wangen auf, spielte an ihrem Gürtel, dort, wo der Beutel mit der Droge hing. »Dann enttäusch mich lieber nicht.«

»Wage dich lieber nicht nochmal, so mit mir zu reden.«

»Wie wirst du mich decken?«

»Sag mir wann, ich kümmer mich darum. Pass nur auf, dass dich keiner der Wachmänner sieht.«

»Dann bereite dich aber gut vor. Zwei Stunden.«

***

Es waren unruhige zwei Stunden. Dolunay hatte in das Werkzeug bereits Wasser gefüllt.
Die Droge schwamm auf der Oberfläche und setzte sich am Glas ab.

Würde sie sich darauf verlassen, dass Oryn sie nicht verriet? Was, wenn er die Wachmänner vorgewarnt hatte?

Ein Blick auf die Uhr. Es war zu spät, darüber zu philosophieren. Der Herzog sollte mittlerweile schlafen.

Sie stemmte sich auf — ächzte unter plötzlicher Unruhe.

Sie würde durch die Bürotür gehen. Unauffällig liegt in der Auffälligkeit gebettet. Und ohnehin fühlte sie sich nicht fähig, nun durch ein Fenster zu klettern

Sie lief durch die Eingangshalle, ignorierte die Wachmänner, den Blick von Oryn, der sich zu einer Pause eingefunden hatte. Gerade als sie außer Sichtweite geriet, stand der Aart auf.

Dolunays Mund wurde trocken und sie schluckte hohl.

Ein Ruck. Einmal Abdrücken. Und sein Gedächtnis würde ihr gehören.

Sie müsste es sich nur... wagen. Ein Glück, dass sie gezielt keine emotionale Verbindung mit dieser Familie eingegangen war — erst recht mit den Kindern nicht. Immerhin würde sie den Mädchen ihren Vater nehmen.

Ein Rundumblick, dann betrat sie die Schreibkammer.

Es fühlte sich fast schon unheimlich alltäglich an. Diese Empfindung der Falschheit begleitete sie wie ein Schatten.

Sie schloss die Tür hinter sich, betrachtete den Mann, der auf der Fensterbank saß, Kopf im Nacken... Er schlief.

Im Hintergrund lief der ruhige Klang von Musik. Der Plattenspieler hatte in der Ecke auf einem alten Serviervagen Platz gefunden.

Sie fasste an den Gürtel, zog das Werkzeug hervor. Nur nicht auffällig wirken. Wenn jetzt die Wachmänner hineinkommen würden...

Ihre Muskeln zuckten bei dem Gedanken, doch sie blieb nicht stehen.

Ein Ruck. Einmal abdrücken. Sie würde es geschafft haben.

Und dann könnte sie nachhause zurückkehren.
Dann müsste sie sich nur noch mit Oryn befassen.

Sie setzte sich neben den Herzog, strich seine schwarzen Haare beiseite, um das Gerät an seine Schläfe zu legen.

Das Metall lag ebenso unhandlich zwischen ihren Fingern, wie auch das letzte Mal.

Hoffentlich würde es nur nicht genauso enden. Wenn sie dieses Mal nicht die richtigen Maße getroffen hatte... Wenn nicht-

Ein Ruck; Dolunay hatte abgedrückt. Der Kopf des Mannes zuckte nach vorne.
Dolunay hielt ihn, drückte ihn zurück, säuselte in sein Ohr. »Alles gut.«

Sie drückte ein weiteres Mal ab, um die Platten tiefer auf seine Haut zu drücken.

Er ließ sich nach hinten fallen.

Die Flüssigkeit im Werkzeug hatte sich neblig-blau verfärbt.

Als Schritte von Außen ertönten, zuckte sie zusammen.

Sie holte zittrig Luft, versteckte das Werkzeug, nahm Abstand von ihm.

Waren das vor der Tür die Wachmänner? Wer lief im Flur entlang?

Eine Weile stand sie nur da. Was sollte sie tun? Ihre Augen suchten nach Versteckmöglichkeiten. Ein alter Wandschrank, eine Nische unter dem Schreibtisch.

Sie drehte sich um, dann hörte sie eine Stimme.

Jemand rief nach Hilfe.

Oryn.

Er drückte die Klinke herunter, ließ die Tür einen Spalt offen.

Dolunay blieb wie angewurzelt stehen.

Ein Verräter.

Sie tastete nach ihrem Dolch, im selben Moment als ein Wachmann hineinkam.

»Wo ist er?«, fragte er hektisch. Dolunay stolperte nur einen Schritt zur Seite, bereit, ihm die Klinge in den Nacken zu stoßen.
Doch er ließ sie stehen; kümmerte sich nur um den Hausherren.

Weitere Schritte. Oryn sprach mit hektischen Worten auf die wimmernde Herzogin ein. Er blieb im Türrahmen stehen, als sie auf  ihren Mann zustürmte.

»Dolunay hat sich gewundert wieso die Tür geöffnet ist«, erklärte Oryn, als würde es der Wahrheit entsprechen. Seine Stimme war alltäglich; gar ein wenig ängstlich — passend zu den Umständen. »Ich wollte gerade zu den Kindern, als sie mich gerufen hat, weil etwas mit ihm nicht stimmt.«

»Oh nein, bitte« Sie rüttelte an seinem schlaffen Körper, er öffnete die Augen. Sie ließ sich erleichtert zurückfallen.

»Nehmt eure Sachen und geht erstmal«, befahl der Wachmann. Mit Blick auf Dolunay fügte er hingegen hinzu: »Hast du jemanden gesehen?«

Angesprochene schüttelte den Kopf.

Sie musste verarbeiten, was eine schamlose Lüge sich vor ihr abspielte. Oryn hatte ihr kein Alibi verschafft, er hatte sie geschickt in ein Netz aus Unwahrheiten verwoben.

»Wer seid ihr?« Die Stimme kam vom Herzog.

Seine Frau wirbelte herum, starrte die beiden mit solchem Entsetzen an, als habe sie einen Geist gesehen. Ihre Lippen bebten.

Sie wusste, dass er das Gedächtnis verloren hatte.

Ihre Stimme riss, sie fiel auf die Knie, hielt sich an seinem Hemd fest, schrie sich beim Weinen die Seele aus dem Leib.

Töne, die Dolunay schon kannte.
Und doch ließen diese Geräusche sie nie kalt.

Die Aart drückte den Rücken durch, schloss die Augen, atmete tief durch.

Doch der Wachmann wirbelte zu ihnen herum: »Geht jetzt!«

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