Billie klebte noch immer an meinem Rücken, als ich mit verspannten Schultern hochschreckte. Nach der Soiree gestern Abend hatte ich nicht mehr die Energie aufgebracht, mich aus dem Kleid zu schälen. Jetzt, um etwa vier Uhr morgens, bereute ich diesen Entschluss. In einem Kleid zu schlafen war ganz einfach nicht angenehm.
Mühselig rappelte ich mich hoch und wankte ins Bad. Nachdem ich Billie gegen kurze Hosen und ein dünnes Shirt getauscht hatte, betrachtete ich mein Spiegelbild. Ein fiebriger Glanz lag über meinen Augen und man sah mir an, dass ich mich fühlte, als würde ich nächstens in Tränen ausbrechen. Wie war ich nur so weit gekommen? Ich rollte die Schultern, streckte den Nacken in alle Richtungen, doch die Verspannung fiel nicht von mir ab.
Das private Gespräch zwischen Jenna und ihrem Freund, welches ich ungesehen belauscht hatte, war vielleicht nicht im Rote-Herzchen-und-Valentinstagschokolade-Sinn romantisch, aber die Magie zwischen den beiden hatte ich deutlich wahrgenommen. Und diese Magie wollte ich auch. Ich wollte sie mehr als alles andere.
Und ich wusste auch, mit wem ich sie wollte. Doch wie sollte ich sie spüren, wenn Samyel verschwunden war? Verschwunden ohne eine Nachricht, eine Erklärung oder sonst was, das mich wissen ließe, weshalb er nicht mehr an seinem Kokosstand Kokosnüsse verkaufte, Spaziergänge am Strand unternahm und mit mir über das Leben philosophierte. Ich fühlte mich verraten. Verraten, im Stich gelassen... und ich vermisste ihn schrecklich.
Niedergeschlagen tapste ich zurück in mein Bett und kuschelte mich in die weichen Laken. Der Schlaf wollte nicht recht kommen, aber irgendwann musste ich doch eingeschlummert sein, denn ich verbrachte einen sonnigen Nach-mittag mit Samyel. Das konnte nur ein Traum sein.
Ich wachte auf, weil mich die Sonnenstrahlen an der Nase kitzelten. Ein Blick auf die altmodische Uhr mit dem silbernen Zierrand verriet mir, dass mein Schlaf satte zwei Stunden angehalten hatte. Na toll, und was bitte sollte ich jetzt machen? Es war Sonntag und somit kein Unterricht, der mich von der Tatsache, dass Samyel wohl einfach genug von mir hatte, ablenken konnte.
Kurzerhand beschloss ich meinen eigenen Unterricht aufzunehmen. Ich traute mich nicht bei Jenna aufzukreuzen ohne auch nur ein einzelnes Wort Spanisch zu können. Mein Laptop, das Spanischbuch für Anfänger, das meine Mutter mitgebracht hatte, und ein weißes Notizblatt legte ich vor mir aus und begann eifrig Wörter auswendig zu lernen, die mir nützlich erschienen. Buenos dias – Guten Tag; la isla – die Insel; el trabajo – die Arbeit; el burro – der Esel...
Um sieben Uhr kam ich zum Schluss, dass meine Bemühungen wahrscheinlich nichts brachten. Ich musste wissen, um was es in diesen Interviews gehen würde, sonst hatte ich keine Chance mich passend vorzubereiten.
Eigentlich wollte sich Jenna ja bei mir melden, aber dann wäre es möglicherweise schon zu spät. Im Internet recherchierte ich ihre Emailadresse. Auf ihrer persönlichen Regisseuren-Website wurde ich fündig. Ich kopierte die Adresse und verfasste mein Anliegen. Nur wusste ich beim besten Willen nicht, wie ich beginnen sollte.
Liebe Jenna
Zuallererst möchte ich dir noch einmal meinen tiefsten Dank aussprechen. Für mich – so wie für alle anderen Gäste – war der Abend wirklich einzigartig. Ich habe ihn sehr genossen. Auch meine Eltern und meine Schwester möchten sich meinem Dank anschließen.
Iiihg. Was ich da zusammentippte, klang einfach nur grauenhaft. Und falsch. Konnte ich nicht ehrlich sein und sie fragen, ob ich aussteigen konnte? Immerhin konnte Jenna dieses Getue doch auch nicht leiden. Minutenlang saß ich vor dem Laptop und rang mit mir selbst. Als die Farbkleckse des Bildschirmschoners über das Display flitzten, fasste ich einen Entschluss. Ich löschte meinen bisherigen Text und begann nochmals von vorn.
Liebe Jenna
Ich möchte ganz ehrlich sein und ich hoffe, du bist mir deswegen nicht böse. Veranstaltungen, wie die Soiree gestern, kann ich nicht ausstehen. Ich gerate zwischen all den Menschen in Bedrängnis und dann gebe ich Dinge von mir, die nicht der Wahrheit entsprechen.
Als ich sagte, ich hätte vor Spanisch zu studieren, war das gelogen. Nicht, dass ich mit Absicht vorhatte zu lügen; ich wollte lediglich Konversation betreiben. „Ich habe keine Ahnung, was ich mit meinem Leben vorhabe" gibt nicht sehr viel an Gesprächsstoff her.
Für diese unüberlegte Aussage möchte ich mich gerne entschuldigen. Ebenso für die Bemerkung meiner Mutter, dass mein Spanisch ausreichen würde, um dir zu assistieren. Ich bin mir sicher, dass sie dir nicht in dein Handwerk pfuschen wollte, sondern dass sie lediglich falsch über meine Fähigkeiten informiert ist.
Falls du einverstanden bist, würde ich mich freuen, dir in den Interviews trotzdem beizustehen. Wenn ich die Fragen im Voraus hätte, könnte ich mich so gut wie möglich darauf vorbereiten.
Freundliche Grüße
Lynne
Ich seufzte tief, las die Mail noch einmal durch, um mögliche Fehler auszumerzen und sandte sie dann ab. Hoffentlich würde mir Jenna verzeihen. Denn auch wenn ich noch immer großen Bammel vor den Interviews hatte, musste ich zugeben, dass es interessant wäre zu erfahren, wie die Arbeit in der Filmbranche aussah.
Als Nächstes versuchte ich mich mit Lesen. Die Ablenkung mit Hilfe eines Buches glückte nicht recht, zumal ich bei jeder nur ansatzweise romantischen Szene den Drang verspürte mich hinterrücks an die Protagonisten heranzuschleichen und sie einen nach dem anderen zu erwürgen. Nicht die beste Voraussetzung für das Lesen einer Liebesgeschichte.
Schließlich klappte ich den Buchdeckel zu und starrte Löcher in die Luft. Ich starrte und starrte und versuchte nichts zu denken. Als ich dann um halb neun Geräusche im Zimmer nebenan hörte, sprang ich wie von der Tarantel gestochen auf. Geräusche bedeuteten Menschen, Menschen bedeuteten Gespräche. Und das wiederum bedeutete die gewünschte Ablenkung.
Leider war schon meine erste Annahme falsch. Im Esszimmer blickte mir weder ein Familienmitglied noch sonst ein Bediensteter entgegen – sondern zwei zuckersüße Hundeaugen. Ich und der Hund hielten einander mit den Blicken gefangen. Er schien genauso überrascht wie ich.
Mutter konnte Hunde grundsätzlich nicht ausstehen. Und Dad war allergisch auf Hundehaare. Dieser kleine, total knuffige, niedliche und unschuldige Herzensbrecher konnte also nicht zu uns gehören. Vorsichtig näherte ich mich ihm und hielt ihm meine Hand zum Beschnuppern hin. Ebenso misstrauisch musterte er mich, bis er sich dazu überwand näher zu kommen. Schnüffelnd entschied er, dass ich kein Feind war, und er stupste mit seiner Nase meine Finger an, damit ich ihn streicheln konnte.
Auf meinen Lippen erschien ein breites Lächeln. Ein breites, echtes Lächeln. „Hallo, mein Freund, wie soll ich dich nennen?", fragte ich ihn. „Das würde ich nicht tun", meinte eine Stimme kurzangebunden. „Auch dir einen schönen Morgen, liebstes Schwesterherz", begrüßte ich Emma, die noch überhaupt nicht wach aussah. „Benenn ihn nicht", befahl sie. „Und weshalb nicht, wenn ich fragen darf?"
„Er ist niedlich." Stimmt, niedliche Tiere dürfen keine Namen haben. Wie hatte ich das nur vergessen können. „Und wenn du ihn benennst, wirst du ihn nicht mehr hergeben wollen. Du weißt, wie Mutter über Haustiere aller Art denkt. Wenn du ihn nicht benennst und gleich wieder auf die Veranda stellst, wo er hergekommen ist, macht es das leichter."
„Willst du mir helfen einen Namen auszusuchen?", entgegnete ich ihren Einwand ignorierend. Sie schnaubte und wandte sich mit ihrem Frühstück von mir ab. Schulterzuckend drehte ich mich wieder dem Fellbündel zu. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich Emma, wie sie zurück in ihr Zimmer stolzierte. Kurz vor ihrer Zimmertür verharrte sie. „Jay", ließ sie mich wissen, bevor sie endgültig in ihrem Reich verschwand.
Der Name war gut. In einem Buch, das ich vor längerer Zeit gelesen hatte, lautete der Name des männlichen Protagonisten auch Jay. An den Titel erinnerte ich mich nicht mehr so genau. Irgendwas mit Wünschen. Stimmt! Cynthia Barrow – Alle meine Wünsche. Aber der Name der Autorin wollte mir partout nicht einfallen... Aber das war auch nicht so wichtig. „Komm, Jay, wir organisieren dir ein bisschen Wasser."
„Aber Mutter, er ist doch ganz lieb", argumentierte ich. „Bitte, lass Jay hierbleiben!" Sie rümpfte die Nase. „Jay?" Ich nickte. „Emma hat den Namen ausgesucht", erzählte ich und freute mich ungemein, dass dies der Wahrheit entsprach. Jetzt musste ich nur noch Emma überzeugen mir zu helfen. Ihrer braven Lieblingstochter würde Mutter bestimmt nichts abschlagen.
„Ist das wahr?", richtete sie sich an meine Schwester. Diese brummte etwas, das man entfernt als Zustimmung deuten konnte, überschlug die Beine und las weiter. Da hatte ich wohl vergebens auf Hilfe gehofft. Deswegen würde ich den Kopf aber nicht gleich in den Sand stecken.
„Bitte", flehte ich weiter. „Kommt nicht in Frage", beschloss Mutter ohne jegliche Gefühlsregung in der Stimme. „Weshalb denn nicht?", erbat ich eine Erklärung. „Dein Vater ist allergisch auf Hundehaare und das weißt du ganz genau." Aber Jay blickte mich mit seinen treuen und ehrlichen Augen flehend an. Wie konnte ich ihn da vor die Tür stellen?
Ich forstete in meinem Hirn nach Studien, die Hundehaarallergien abschwächten, als mein Vater ins Zimmer kam. Bevor er Jay überhaupt erblickt hatte, nieste er. „Nanu, ich habe mir gestern Abend wohl eine Erkältung eingefangen", meinte er schmunzelnd. „Einen guten Morgen wünsche ich euch allen." Niedergeschlagen deutete ich auf Jay. „Keine Erkältung", murmelte ich. „Aber er wird gleich weg sein."
„Wo will er denn hin? Noch einen Termin bei der Stadtverwaltung?", scherzte Dad. Ich konnte nicht recht lachen. „Er muss gehen", befahl meine Mutter. „Weil du doch allergisch bist", ergänzte ich traurig. „Wisst ihr, woher er kommt?" Ich schüttelte den Kopf. „Wie heißt er denn?" Ich tätschelte den weichen Kopf. „Jay. Der Name war Emmas Idee." Als Jay freudig mit dem Schwanz zu wedeln begann, konnte ich ein kleines Lächeln nicht verbergen. „Also meinetwegen kann Jay hierbleiben, bis wir sein Zuhause ausgemacht haben."
Falls Dad noch etwas hatte hinzufügen wollen, ging das in meiner stürmischen Umarmung unter. „Danke, danke, danke!", kreischte ich vor Freude. Dad lachte, während Mutter bestimmt das Gesicht verzog. Als ich jedoch zu ihr hinüberschielte, glaubte ich für eine Sekunde, sie und Dad würden sich zuzwinkern. Als ich einmal blinzelte war der Ausdruck verschwunden. Wahrscheinlich hatte ich es mir eingebildet.
„Du wirst dich aber um ihn kümmern, junge Dame", meinte Dad nun doch ein bisschen streng. „Füttern, spazieren gehen, dafür sorgen, dass er genügend trinkt...", zählte er auf, während ich bei jedem Punkt eifrig nickte, „...und sein Zuhause suchen." Mein Eifer hielt sich in Grenzen, aber ich nickte dennoch. Dass ich Jay nicht für immer behalten konnte, durfte ich nicht vergessen.
Doch fürs Erste durfte ich mich mit dem kleinen Kerl anfreunden. Ich richtete für Jay gerade ein provisorisches Bett aus alten Laken her, die mir das Personal überreicht hatte, als mein Laptop das Eingehen einer neuen Mail verkündete. Hastig tippte ich mein Passwort ein, um die eben eingetroffene Mail zu öffnen. Sie stammte wie erhofft von Jenna. Mit mulmigem Gefühl begann ich zu lesen.
Liebe Lynne
Ich schätze deine Ehrlichkeit. Ich würde mich freuen, wenn du mich zum Interview begleiten würdest – Spanisch hin oder her. Vielleicht spricht ja einer der Kameramänner Spanisch. Oder die Visagistin, sie machte einen exotischen Eindruck auf mich.
Das Hauptthema des Interviews wird die Zufriedenheit der Inselbewohner sein, da dies in der Fortsetzung meines eben erschienen Films eine große Rolle spielen wird. Die Liste mit den Fragen habe ich dir als Anhang beigefügt.
Liebe Grüße, Jenna
Ich atmete erleichtert auf. Zwar konnte mich die Sehnsucht nach Samyel immer noch unter die Erde bringen, aber dafür keine fuchsteufelswilde Jenna. Ich klickte auf den Anhang und lud das Dokument herunter.
Interview-Fragen
1. Wie lange leben Sie auf dieser Insel?
2. Sind Sie glücklich mit Ihrem Leben?
3. Was würden Sie an Ihrem Leben ändern?
4. Wie gestaltet sich ein gewöhnlicher Tagesablauf in Ihrem Leben?
Die Liste zog sich noch bis zur Frage Zehn. Ich schluckte schwer. Da musste ich mich ganz schön ranhalten, aber wenn ich die Fragen erst einmal übersetzt hatte, war ich auf gutem Weg.
Zur Hilfe holte ich mir mein Spanischbuch, das Internet und auch Jay. Er schaute mich mit seinen großen Augen an. „Na, mein Junge, hilfst du mir?" Er wedelte zustimmend mit dem Schwanz. Möglicherweise deutete ich seine Zustimmung auch falsch, denn als ich mit der ersten Frage begann, tapste er sorglos in sein Bettchen und beschloss ein Nickerchen zu machen. Dieser niedliche Verräter.
Klar, es waren nur zehn Fragen. Aber als ich nach zwei Stunden immer noch an der sechsten Frage studierte, wollte ich das Ganze einfach nur noch hinschmeißen. Stolz empfand ich dafür umso mehr, als ich die fertig übersetzte Liste vor mir liegen hatte. Ich weigerte mich auf die Uhr zu sehen. Es wäre deprimierend gewesen zu wissen, wie viel Zeit ich damit verplempert hatte.
Die Woche zog quälend langsam vorbei. Zu allem Übel eröffnete mir Rose dienstags, dass ihre Mutter nun die nötigen Forschungsdaten gesammelt hatte. Nicht mal 48 Stunden später und mit nichts weiter als dem Versprechen, dass sie mir schreiben würde, flog Rose und ihre Familie auf und davon. Emma fiel es auch nicht leichter sich von Lucas zu verabschieden, doch was blieb ihr schon für eine Wahl?
In der Schule versuchte ich möglichst nicht aufzufallen, in den Mittagsstunden verkroch ich mich in eine Ecke und der Einzige, der mich immer aufzumuntern vermochte, war Jay, der binnen weniger Tage zu meinem besten Freund gekrönt worden war.
Am Donnerstag nach der Schule hielt ich es nicht mehr aus. Meine Eltern waren zum Einkaufen gefahren (Mutter wollte dringend ihre Garderobe ausbauen), während Emma sich bei einer Schulkameradin hatte absetzen lassen. Dad hatte mir angeboten, mich ebenfalls zu Freunden zu fahren, doch mit Rose war meine einzige Freundin von der Insel verschwunden. Ich fühlte mich schrecklich. Ich fühlte mich, als würde ich langsam aber sicher ertrinken.
Jede Faser meines Körpers wollte Samyel sehen; musste ihn sehen. Und so fasste ich einen Entschluss. Einen ziemlich waghalsigen Entschluss, aber das war mir vollkommen egal. Wenn Samyel nicht zu mir kam, würde ich ihn eben suchen. Ich würde ihn aufspüren und zur Rede stellen, weshalb er mich einfach links liegen gelassen hatte.
Wild entschlossen rannte ich aus dem Haus und schnappte mir ein Fahrrad, das einem Angestellten gehören musste. Ich verschwendete keinen Gedanken daran, dass ich gerade jemandem sein Fahrrad klaute, sondern beruhigte meinen letzten Rest Verstand damit, dass ich es nur auslieh. Wie eine Verrückte radelte ich los, um nicht mal eine Stunde später neben einem kleinen Brunnen in Castries Halt zu machen.
Ich benetzte mich erst mit wenigen Tropfen, doch das reichte bei weitem nicht aus, um meine mit Schweiß verklebte Haut abzukühlen. So tauchte ich meinen Kopf kurzerhand in den Brunnen. Nachdem sich mein Atem einigermaßen beruhigt hatte, sah ich mich um. Der Platz, auf welchem der Brunnen stand, war klein. Auch die Häuser waren klein und schäbig. Ich packte mein Fahrrad und schob es durch die Straßen.
Auf den Treppen vor den Häusern saßen Einheimische. Ihre Blicke musterten mich unverhohlen. Ich fühlte mich nicht wohl, obwohl ich wusste, dass es nur die Neugier war, die in ihren Augen blitzte. Oder? Ich beschleunigte meine Schritte, doch immer wieder klebten neue Augenpaare an mir. Mit zunehmendem Unwohlsein lief ich durch die Straßen. Versuchte hektisch Samyels Gesicht unter den Einwohnern zu auszumachen, doch der Erfolg blieb aus.
Vorbei an den heruntergekommenen Häusern, den holprigen Straßen, den schiefen Dächern und den vom Wind zerrissenen Wänden. Die Kinder spielten auf den schmutzigen Steinböden. Die Mütter quatschten laut miteinander, riefen sich quer über die Straßen zu. Die Väter winkten sich über die Köpfe ihrer Kinder hinweg zu, bevor sie weitergingen oder zusammen auf den vergangen Tag anstießen.
Ich sah in die Gesichter, die von Armut gezeichnet waren. Und doch konnte ich nirgends Bedauern entdecken. Nirgends den Wunsch nach mehr. Keiner dieser Menschen schien unglücklich zu sein. Sie genossen in vollen Zügen, was sie hatten. Sie gierten nicht nach mehr. Weder nach Geld, nach Ansehen, noch nach Bildung.
Meine Füße stoppten. Ich drehte mich um und fand mich auf dem Heimweg wieder. Ich schlängelte mich durch die belebten Straßen in die Richtung, aus der ich gekommen war, obwohl ich Samyel nicht gefunden hatte. Seine Abwesenheit schmerzte, doch nun überlagerte eine neue Erkenntnis diesen Schmerz. Selbst nachdem ich zu Hause in meinem Bett lag – das Fahrrad an seinem Platz und ich frisch geduscht –, beschäftigte mich nichts Anderes.
Samyels Welt würde mich nicht glücklich machen. Ich wusste noch nicht, was ich machen wollte mit meinem Leben. Vielleicht studieren. Vielleicht auch nicht. Doch ich wollte etwas, das mir seine Welt nicht geben konnte. In seiner Welt würde ich niemals glücklich werden. Er in meiner wohl ebenso wenig. Doch gleichzeitig wusste ich, dass mich diese Erkenntnis nicht davon abhalten würde, ihn treffen zu wollen. Nicht in tausend Jahren.
Als ich am Samstagmorgen die Augen aufschlug, spürte ich, wie sich mein Magen zusammenzog. Gegensätzliche Gefühle fochten in mir einen Kampf aus. Einerseits war ich aufgeregt, weil ich heute hinter die Kulissen eines Films blicken konnte, andererseits fürchtete ich mich zu Tode, weil ich mit ziemlicher Sicherheit noch so einige Blamagen zu überstehen hatte.
Nach einem ausgiebigen Frühstück, das ich leider nicht genießen konnte, fuhr mich meine Mutter in die Stadt, wo ich mich mit Jenna und ihrer Crew treffen sollte. „Mach dich nicht lächerlich", rief mir Mutter hinterher. Da ich glaubte, dass das ihre Version von „Viel Glück" war, rang ich mir ein Lächeln ab und winkte ihr sogar zum Abschied.
Die Lagerhalle, vor der ich stand, machte einen finsteren Eindruck auf mich, aber als ich sie betrat... Nun, die vielen Menschen, die Kameras, die Scheinwerfer. Kurz: Das Treiben im Innern des tristen Gebäudes beeindruckte mich tief.
Es dauerte nicht lange, da trat eine unwahrscheinlich große Frau auf mich zu. Die Riesin lächelte freundlich. „Sie müssen Lynne sein. Folgen Sie mir." Ich musste den Kopf in den Nacken legen, um ihr Lächeln zu erwidern. Wie Jay, wenn er sehnsüchtig seinen Futternapf erwartete, trottete ich der Riesin hinterher. Sie führte mich durch das Durcheinander und letztendlich zu Jenna, die bereits von einer Visagistin in Beschlag genommen worden war.
„Hallo, Lynne", murmelte diese undeutlich, da ihr die Pinsel, die auf ihrem Gesicht tanzten, verboten den Mund weiter zu öffnen. „Hallo." Ich lächelte nervös und tastete in meiner Tasche nach der Liste mit den Übersetzungen. Erst als ich das dünne Papier zwischen meinen Fingerkuppen spürte, konnte ich mich ein kleines bisschen beruhigen.
Die Riesin rückte einen zweiten Stuhl heran und wies mich an, dort Platz zu nehmen. Zu meinem Erstaunen begann die Visagistin nun auch noch an meinem Gesicht herum zu pinseln. Sie arbeitete an mir und Jenna gleichzeitig, was das Gespräch zwischen uns ziemlich seltsam gestaltete.
„Bist du soweit?", erkundigte sich die junge Regisseurin. Ich öffnete den Mund, um zu bejahen, was ich sogleich mit einer Ladung Puder in meinem Mund bezahlte. Ich hustete und Jenna kicherte. Sie musste genauso nervös sein wie ich.
„Einmal blinzeln für Ja, zweimal für Nein." Die Visagistin quickte entsetzt auf. „Um Himmelswillen nicht doch! Ich versuche Ihnen beiden wunderschön betonte Augen zu schminken und Ihnen fällt nichts Besseres ein als zu blinzeln?" Ich warf Jenna einen Seitenblick zu und musste feststellen, dass es auch ihr Probleme bereitete nicht loszuprusten. Glücklicherweise konnten wir uns aber beide noch halten und so verbrachten wir den Rest der Tortur schweigend.
Wie es sich gehörte, bedankte ich mich am Ende höflich bei der Visagistin, doch diese kniff mir nur mütterlich in die Wange, um dann (begleitet von einem erneuten Schrei) gleich wieder ein bisschen Puder auf die Stelle aufzutragen.
„Weshalb musste ich eigentlich geschminkt werden?", flüsterte ich Jenna zu, damit die Visagistin nichts hörte. „Damit du auf den Aufnahmen nicht glänzt", antwortete Jenna vergnügt, als wäre es das Normalste der Welt. „Aufnahmen?" Misstrauisch runzelte ich die Stirn. „Natürlich. Wie sollen wir das Interview sonst aufzeichnen?"
Oh. Aufnahmen. Aufzeichnungen. Meine Blamage als Filmmaterial für immer und ewig für die Nachwelt ersichtlich. Oh. Ich konnte spüren, wie meine Haut zu glühen begann und wie ein Hase, der nur noch wenige Sekunden zu leben hatte, bevor er von einem rasenden Auto überrollt würde, blickte ich hektisch nach allen Seiten, um einen Ausweg auszumachen. Vergebens.
„Ach, und wegen unserem Spanisch", setzte Jenna an. „Du wirst die Fragen stellen, die du übersetzt hast, während ich daneben sitze, den Interviewern zulächle und auf ihre Antworten nicke, als hätte ich alles kapiert. Ich habe gestern noch jemanden aufgegabelt, der nach dem Interview die Antworten auf Englisch übersetzt."
Erleichterung machte sich in mir breit. Nur Vorlesen – ja, das sollte ich hinkriegen. Und dank dem weiten Internet wusste ich auch ungefähr, wie ich die Sätze auszusprechen hatte. Zum Glück hatte sich jemand auf dieser Welt die Mühe gemacht, unglaublich viele spanische Wörter vorzulesen und diese dann für solche Spanisch-Analphabeten wie mich, die von Aussprache nichts verstanden, ins Internet zu stellen.
Beim ersten Interview hatte meine Nervosität noch verrückt gespielt, aber mittlerweile hatte ich den Dreh raus. Ich stellte eine Frage und starrte dann mein Gegenüber an, bis ich das Ende der Antwort erahnen konnte. Dann stellte ich die nächste Frage.
„¿Desde cuándo vive usted en esta isla?" Die Frau trug einen pfirsichroten Ohrring, welcher bei jedem ihrer Kopfbewegungen mitschwang, wie ein Segelschiff, das in den Wellen schwankte. Die Wirkung war regelrecht hypnotisierend.
„¿Esá contenta con su vida?" Ich durfte nicht vergessen, mit Jay dem Tierarzt einen Besuch abzustatten. Mutter würde mich bestimmt nicht hinfahren, aber wenn ich Dad bat, würde er mich sicher begleiten. Auch wenn er in der Praxis bestimmt tausend Mal würde niesen müssen.
„¿Qué cambiaría en su vida?" Mir graute vor dem Tag, an dem ich Jays Besitzer ausfindig machte. Der kleine Kerl hatte sich einen Platz in meinem Herz ergattert und wenn ich könnte, würde ich ihn nicht zurückgeben. Nie, nie wieder. Vielleicht sollte ich einfach behaupten, er wäre abgehauen und ihn dann heimlich bei mir wohnen lassen.
„¿Cómo se un día normal en su vida?" Ich hätte noch ewig so weitermachen können. Ich stellte eine Frage, sinnierte über mich, das Leben und sonst noch allerlei und stellte erneut eine Frage. Doch irgendwann – es musste bereits am späten Nachmittag sein – hatte auch der letzte Interviewgast die zehn Fragen beantwortet.
Ein Assistent brachte Jenna die Nachricht, dass der Übersetzer mit den Aufzeichnungen von vor der Mittagspause durch war und sie sich die Antworten nun durchlesen könne. „Kommst du mit?", wollte sie wissen. „Gerne!" Ein Blick auf Jennas Armbanduhr verriet mir, dass mir noch eine knappe Stunde blieb. Mutter würde erst um Sechs vorfahren.
Ich wünschte, sie hätte mich schon um fünf Uhr abgeholt. Denn obwohl ich mir vor einer Sekunde nichts sehnlicher erhofft hatte, als das, was mich erwartete, wusste ich in der nächsten Sekunde, dass es mir noch mehr schaden würde, es wieder zu verlieren.