Elijah's POV
Wir sind schon seit fünf Stunden im Krankenhaus. Die Ärzte haben sie mir vor fünf Stunden entrissen und seitdem durfte ich sie nicht mehr sehen. Verdammte kacke, ich bin ihr Ehemann. Ich sollte zu ihr dürfen wann und wo ich will. Ich habe schon 12 Mal versucht einfach durch die Türen dieser verdammten Intensivstation zu kommen, aber bei jedem Versuch werde ich davon abgehalten. Natürlich könnten sie mich normalerweise nicht hier draußen halten, aber mir wurde klar, dass ich die Ärzte nur aufhalten würde und somit Vivian und unserem Baby nicht helfe. Dieser Arzt ist mir trotzdem nicht ganz geheuer. Er hat meine Vivian so merkwürdig angeschaut, als er sie gesehen hat. Der Gedanke daran, dass er sie gerade anfassen und vielleicht sogar nackt sehen kann macht mich verrückt. Nein, nicht vielleicht. Ganz sicher sieht er sie nackt. Ihre wunderschöne Vagina auf alle Fälle. Das ist mir gerade aber egal, Hauptsache er kann Vivian und unserem Kind helfen. Mir wurde gesagt er sei unter anderem einer der besten Gynäkologen im ganzen Land. Er ist wohl gerade erst aus dem Ausland eingeflogen. Unser Glück. Schlimmstenfalls bringe ich den Typen nachher einfach um. Was solls.
Ich sitze gerade auf dem Boden vor den Türen der Intensivstation und sehe den Ärzten und Krankenschwestern dabei zu, wie sie hektisch rein und raus rennen. Niemand will mir antworten oder von allein etwas mittteilen. Ich könnte ausrasten.
Mom hat vorhin angerufen und gefragt wo wir sind. Sie und meine Geschwister sind auf dem Weg hier her. Mein Dad und Vivians Dad sind auch gleich da. Ich hoffe wirklich, dass keiner von ihnen irgendetwas schwachsinniges sagt. Ich bin gerade auf 180 und könnte jeden Moment explodieren.
Ich will wissen wie es meiner Frau und meinem Kind geht. Ich stehe auf und gehe mal wieder den Flur auf und ab. Wann kommen die endlich da raus?
Wütend schlage ich mit der Faust gegen die Wand und hinterlasse eine Delle darin. Es ist alles meine Schuld. Ich hätte ihr nachrennen sollen an diesem Abend. Fuck. Da wollte ich einmal Rücksicht auf sie und ihre Gefühle nehmen und ihr Freiraum lassen und da passiert sowas. Was wenn sie es nicht überlebt hätte? Ich kann nicht einmal sagen, was wenn ich nicht rechtzeitig da gewesen wäre um sie dort rauszuholen. Ich war zu spät dort. Ich habe verdammte zwei Wochen gebraucht, wer weiß was sie von mir denkt und was sie über diese Bilder denkt? Was hat Tara ihr für Lügen erzählt? Ich werde ihr die Haut abschälen, darauf schwöre ich bei meinem Namen.
Aber was bringt mir das, wenn meine Vivian mir nicht verzeiht und unserem Kind etwas zugestoßen ist.
Frustriert fahre ich mir durch die Haare und ziehe an ihnen. Ich möchte bei ihr sein, sie in den Armen halten und ihr versichern, dass ich sie nie wieder loslassen werde. Ich will ihr erklären was es mit diesen Bildern auf sich hatte und mich mit ihr auf unser Kind freuen. Sie wird mir die Eier abhacken auch wenn ich ihr erkläre wieso ich das getan habe, aber das soll sie von mir aus. Hauptsache sie verzeiht mir, dann kann sie mir auch den Pimmel mit abhacken.
Gerade als ich noch einmal gegen die Wand schlagen will öffnen sich die Türen und dieser komische Arzt kommt raus. Ich laufe sofort auf ihn zu. "Wie geht es ihr? Wie geht es meiner Vivian? Und wie geht es unserem Kind?" Frage ich aufdringlich und aggressiver als beabsichtigt.
Der Arzt schaut zur Seite und atmet tief durch.
Mein Herz hört auf zu schlagen und ich habe das Gefühl, dass sich alles dreht. Meine Organe wechseln ihren Platz und haben es darauf abgesehen mich umzubringen, so fühlt es sich jedenfalls an. Ich fühle mich wie Atlas, der das Gewicht der Welt auf seinen Schultern tragen musste, nur das ich es anscheinend mit meinem Herzen tragen muss. Ich spüre nicht mehr wie es schlägt, aber es schlägt ganz bestimmt noch. Wie sollte ich in diesem Moment sonst diese Gedanken führen können? Statt meines Herzschlages spüre ich dieses unwohle Gefühl einer schweren Last in meiner Brust.
"Was ist mit ihnen?" frage ich dieses Mal so leise wie ein Flüstern. Ich versuche die dürre in meinem Hals weg zu schlucken, doch wie soll das gehen? Kein Tropfen Spucke scheint zu finden zu sein. Nicht einmal schlucken kann ich gerade, da ist ja nichts um es zu tun. Der Typ antwortet nicht und ich packe ihn ohne nachzudenken an seinem Kragen. "Ich sagte, was ist mit meiner Frau und meinem Kind?!"
Er legt seine Hände an meine Handgelenke um sich von meinem Griff zu befreien. Mit einem Blick nach unten sehe ich die blutigen Ärmel seines weißen Kittels und mir wird kotzübel. Ich lasse ihn sofort los und schaue fixiert und mit geweiteten Augen auf das Blut. "Nein" sage ich leise und gehe einen Schritt zurück. "Nein Nein Nein" Ich fahre mir in die Haare und ziehe an ihnen. "Nein" sage ich schon wieder und falle auf die Knie. Ich habe keine Kraft mehr. Ich kann nicht mehr, nicht ohne sie. Die ganze Zeit versuche ich schon stark zu sein und meine Gefühle nicht all zu sehr die Oberhand gewinnen zu lassen, aber es geht nicht mehr. Das ist alles bloß ein böser Traum. Ja, genau. Vivian würde mich niemals allein lassen. Sie ist doch viel zu stur um mich zu verlassen, ohne mir davor in den Arsch zu treten und mich leiden zu lassen.
Ich schaue auf um mich zu vergewissern, dass ich mir das Blut nicht nur eingebildet habe. Nein. Es ist noch immer dort. Sein weißer Kittel ist bis zu den Ellenbogen in Blut getränkt und hat vorne auch Spritzspuren davon. Vom Blut meiner Ehefrau. "Nein nein." Ich schüttle meinen Kopf und ziehe mir fest an den Haaren. Ich kann es nicht mehr zurück halten und fange an zu weinen. Ich will es auch gar nicht zurückhalten. Ich habe meine Frau und mein Kind verloren, ich muss nicht stark bleiben. Ich darf auch Schwäche zeigen, sie sind meinetwegen gestorben. Nur weil ich so inkompetent bin und sie nicht früher gefunden habe. Weil ich nicht von Anfang an ehrlich zu ihr war. Weil ich sie habe gehen lassen und ihr nicht nachgegangen bin.
Es ist alles meine Schuld. Das hat sie nicht verdient. Sie hat es nicht verdient, dass ich mich so in ihr Leben gedrängt und es ihr genommen habe. Sie hätte etwas besseres verdient als mich. Sie hätte das Beste verdient, dass diese hässliche verrottete Welt zu bieten hat. Sie hätte mehr als die ganze Welt verdient.
Hätte hätte...wieso hast du ihr das dann alles nicht ermöglicht du egozentrischer Wichser!!!
Schimpft meine innere Stimme mit mir. Zu recht, wenn ich anmerken darf. Ich hätte statt ihr und unserem Baby sterben sollen. Ich hätte es verdient.
Ich bin so sehr in Selbstmittleid versunken, dass ich die kleinen Hände, die sich um mein Gesicht schmiegen und versuchen mir die Tränen irgendwie wegzuwischen gar nicht bemerkt habe. Was versucht diese Person da überhaupt? Es rinnt wie bei einem Unwetter aus meinen Augen, nicht zu stoppen. Erstrecht nicht mit diesen winzigen Händen. Ich blinzle ein paar mal, um meine Sicht wiederzuerlangen. Nach einigen Versuchen erblicke ich endlich das Gesicht meiner Mutter hinter meinem Tränenschleier.
"Mom" schluchze ich wie ein kleines Kind und lasse mich in ihre Arme fallen.
Ob mein Kind sich auch so in meine Arme fallen gelassen hätte, wenn es nicht mehr weiter wüsste? Ob es sich in meinen Armen sicher gefühlt hätte? Es wäre bestimmt ein Mama-Kind geworden und ich könnte es ihm oder ihr nicht einmal verübeln. Vivian ist ein Engel. Sie ist das einzige Licht auf dieser Welt und sie ist erloschen bevor ich ihr sagen konnte wie sehr ich sie liebe. Bevor ich ihr meine Gefühle offen beichten konnte. Bevor sie unser Kind in ihren Armen halten konnte.
"Wie...wie geht es ihr?" fragt meine Mutter zittrig und umarmt mich fest. Sie wissen alle nichts von dem Baby...nichts von dem Schmerz in mir. Mein Inneres löst sich gerade auf, wie der Körper eines Vampirs der in der Sonne steht. Ich spüre wie ich mich in Staub auflöse.
"Mom sie haben mich verlassen sie sind weg." schluchze ich wie ein Baby aber das ist mir egal.
Ich spüre wie meine Mom sich versteift blicke im nächsten Moment in ihre glänzenden Augen. Ich beobachte wie die erste Träne langsam ihren Weg über ihre Wange findet und am Ende von ihrem Kinn runtertropft.
"Sie ist t-to..." meine Mom unterbricht sich selbst und schlägt sich die Hand kopfschüttelnd vor den Mund. Meine Schwester lässt sich ungläubig auch auf den Boden sacken. Ich schaue erneut hinauf zu diesem Arzt balle die Hände zu Fäusten. Ohne das ich es selbst merke springe ich auf und packe ihn wieder am Kragen. "WAS SIND SIE FÜR EIN VERFICKTER ARZT!!! WIESO KONNTEN SIE, SIE NICHT RETTEN? WOFÜR WERDEN SIE BEZAHLT?"
Meine Faust landet auf seinem Gesicht und er fliegt zu Boden. Bevor er sich bewegen kann sitze ich auf ihn und schlage ihn erneut. Ich weiß eigentlich tief in mir, dass er keine Schuld daran trägt. Ich bin der einzige Schuldige in diesem Szenario aber es ist Momentan einfach leichter jemand anderem die Schuld für alles zu geben.